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Magazin für Verrisse aller Art    Archiv

Herausgegeben von Dieter Conen & Hadi Eberhard

   



AUSGABE 5



VERRISS EINER EXISTENZFORM: Iris Berben, Schauspielerin


Damit das gleich klar ist: Hier soll der Mensch Iris Berben einer Kritik unterzogen werden, nicht dessen schauspielerische Qualitäten. Drei Begebenheiten sind es, die einen bleibenden Eindruck von der Person bei mir hinterlassen haben:

Erstens ein aktuelles, ganzseitiges Interview in der Münchner Abendzeitung;

zweitens ein Auftritt der Dame in Bioleks Talkbude, der schätzungsweise einen Monat zurück liegt;

drittens eine Diskussionsrunde im TV, die vor längerer Zeit stattgefunden hat - ich weiß leider nicht mehr, um welches Thema es dabei ging -, in der ein berüchtigter Schürzenjäger und angeblicher Meisterregisseur namens Dieter Wedel mit der eisgekühlten Herablassung des Super-Machos irgendeiner Einlassung der Frau Berben entgegen trat, woraufhin diese in einem beinahe hysterischen Anfall von Rechthaberei und bettelndem Wimmerton eine, wie ich fand, gequälte Kleinmädchenseele offenbarte, die endlich einmal ernstgenommen werden wollte für das, was sie sagt und nicht nur für das, was sie nach Drehschluss immer hinhalten soll, ihren Knackarsch nämlich. Doch die Entgegnung der Frau war mir unerheblich vorgekommen, keineswegs von der Qualität, die ihren Anspruch auf Ernstgenommenwerden hätte rechtfertigen können. 'Tragisch', dachte ich damals, 'armes Luder'.

Dann, lang danach, die Talkshow: Frau Berben offenbar von vergangenen Blessuren genesen und zur selbstbewussten Dame gereift - so jedenfalls wollten mich ihr Outfit und ihre Posen glauben machen. Nun muss man, bevor man über sie herfällt, zu Gunsten der Dame festhalten, dass der sogenannte Talkmaster Alfred Biolek eine Affinität zu solchen Fragen hat, deren Beantwortung einen halbwegs zurechnungsfähigen Zuschauer nicht die Bohne interessiert. Strickmuster: 'Wie sind Sie da- und dazu gekommen?'; 'Was denken Sie zu diesem und jenem Thema?''; 'Welche Großprojekte stehen in näherer oder fernerer Zukunft bei Ihnen an?"

Solche Fragen öffnen der Schwadronierlust Tür und Tor. Selbst erlauchte Geister können der Versuchung zu hemmungsloser Selbstdarstellung unter solchen Umständen zuweilen nicht widerstehen. Für Frau Berben gar war dies schlichtweg unmöglich. Sie nahm die magarineweichen Fragen zum Anlass, sich wie ein Pfau auszuspreizen. Das ist zwar üblich in solchen Veranstaltungen, war aber in dem Maße, in dem Frau Berben es betrieb, doch erstaunlich für mich.

Der Haupteindruck, den mir ihr Auftritt vermittelte: Die Frau ist in einem Höchstmaß unoriginell. Wann immer sie den Mund aufmacht, weiß man schon, was sie sagen wird, bevor man es vernimmt. Selbst Jenny Elvers wollte mir vergleichsweise wie eine Wundertüte überraschender, unverwechselbar jennyelvershafter Wesenszüge vorkommen. Von Verona Feldbusch ganz zu schweigen.

Weiterer Eindruck: Frau Berben besitzt, entgegen ihren ständigen Beteuerungen, keinerlei Persönlichkeit. Sie verfügt allenfalls über eine Ansammlung von nicht-konsistenten Modellvorstellungen darüber, wie ein Filmstar respektive eine Frau ihres Attraktivitätsgrades zu sein hat und versucht denselben mit Leibeskräften zu entsprechen. Leider sind diese Modellvorstellungen von der Art, dass sie, selbst wenn glaubhaft in die Wirklichkeit umgesetzt, der betreffenden Person wohl nur in der lichtlosen Jenny-Elvers-Welt Respekt und Anerkennung eintragen. Mit anderen Worten: Diese Modellvorstellungen sind abgegriffen bis zur Kitschigkeit.

Selbstverständlich versichert Frau Berben auf entsprechende Fragen hin - dies entstammt dem Zeitungsinterview, ist aber, wenn ich mich recht entsinne, praktisch gleichlautend bei Bio vorgetragen worden -, dass sie in den letzten Jahren eine erhebliche Entwicklung gemacht habe. Sie habe zum Beispiel gelernt, sich zu akzeptieren(!), nicht mehr eine andere sein zu wollen oder irgendwelchen Trends hinterherzulaufen. Es fällt der denkwürdige Satz: 'Ich bin meine beste Freundin.'
Und, na klar, Frau Berben ist natürlich eine, die alles 200-prozentig machen will, ein 'positiver Workaholic'(?), der sich wohlfühlt, wenn er sich anstrengen muss. Sie ist mehr kreativ als depressiv und insgesamt sehr viel selbstsicherer geworden. Heute kann der Lewy, ihr Lebenspartner, noch so viele schöne Frauen kennen. Sie ist angeblich nicht mehr eifersüchtig, nimmt sich stattdessen ihren Stellenwert (?). Und was die Erotik angeht, da ist sie im Laufe der Jahre selbstredend auch viel unverklemmter geworden, gerade weil sie weiß, dass sie mehr zu bieten hat als einen Knackarsch. Ihr Lachen mag sie besonders an sich.

'Mädchen', möchte man da entgeistert ausrufen, 'kein halbwegs kluger und selbstsicherer Mensch, für den du ja so bitter-dringend gehalten werden möchtest, käme je auf die Idee, so von sich selbst zu sprechen. Was du da von dir gibst, ist blanke Aufschneiderei, die den hässlichen Verdacht nahe legt, dass gerade dort, wo du am lautesten tönst, deine empfindlichsten Schwächen sitzen. Kein Mensch, der selbstsicher ist, hat es nötig zu behaupten, er sei dies. Er lebt das stattdessen schlicht und einfach vor. Einer, der von sich sagt, er laufe keinem Trend nach, dem ist wohl entgangen, dass es schwer im Trend liegt, gegen den Trend zu sein. Jemand, der sich selbst als 'kreativ' bezeichnet, handelt mit größter Wahrscheinlichkeit ausschließlich auf Anweisung Dritter. Und wer sich so ausdrücklich für eifersuchtsfrei erklärt, den reißt es vermutlich bei der kleinsten Avance einer Nebenbuhlerin innerlich in tausend Stücke. Und so weiter und so fort. Mit Fug und Recht darf man also annehmen, dass Iris Berben das, was sie zu sein oder zu können vorgibt, gerade nicht ist oder kann.

Das Gegenstück zu der selbstbesessenen Dame war - wenn ich das kurz einflechten darf - am Bio-Abend der Theaterregisseur Luc Bondy. Der betrat linkisch den Saal (während die Schauspielerin im Stil der Grande Dame auf ihren High Heels hereinstolziert war) und bekam anfangs vor lauter Stottern kaum eine verständliche Antwort hin (während Frau Berben ihren Käse vom ersten Satz an im Maschinengewehrtakt und sozusagen druckreif von sich gab, als ob sie ihn vorher auswendig gelernt hätte; hatte sie bestimmt auch). Nach fünf Minuten ungefähr hatte Bondy seine Befangenheit überwunden. Dass so ein welterfahrener und erfolgreicher Mann Befangenheit überhaupt an den Tag legt, adelt ihn. Seine Hemmung entspringt ja keineswegs einem Mangel an Selbstvertrauen (gerade diesen suchte dagegen die Berben mit ihrem pompösen Auftritt zu überspielen), sondern der Befürchtung, im Narrenzirkus einer öffentlichen Talkshow die Besinnung zu verlieren und sich selbst zum Narren zu machen. Er überwand also die Befangenheit nach fünf Minuten, sprach dann flüssig und in einer von den eigenen Gedanken - nicht von SICH SELBST - begeisterten Art, dass jeder Zuschauer zum andächtigen Lauscher geworden sein muss. Der schlichte Bio allerdings war von dem sich anbahnenden Erkenntnis-Ungewitter sofort überfordert, unterbrach seinen Gast rüde, indem er sich an seine vorbereitete Seichtfragenliste klammerte und auf deren stumpfer Abarbeitung bestand. Was für ein Jammer!

Übrigens war an jenem Abend auch Harald Schmidt, der vielgerühmte, zu Gast. Diesmal gab er, dank Bondy, nur die zweitbeste Figur ab. Was ich enttäuschend und nervig fand, war die Tatsache, dass er den Late-Night-Schmidt mitgebracht hatte in die Bio-Show und nicht den privaten Harry. Man möchte seine Idole ja auch mal von der Filzpantoffelseite her kennen lernen. Aber Pustekuchen. Schmidt gab wie immer den gewerbsmäßigen Scherzkeks, als ob die Welt nur im Dauerjux zu ertragen sei. Im Kontrast zu Bondys ernsthaft-heiterer Art, hatte Schmidts Benehmen, das mich sonst regelmäßig entzückt, unversehens etwas Abgeschmacktes, Maschenhaftes an sich und war insofern dem Auftritt der Frau Berben gar nicht so schrecklich unähnlich. Freilich boxt der Herr Profi-Spaßmacher in einer anderen Gewichtsklasse. Das nur nebenbei.

Zurück zu Iris Berben. Es war schon famos, beobachten zu dürfen, wie die Schauspielerin, die schweigen musste als die Erwachsenen redeten (sie selbst fühlt sich mit ihren fünfzig Jahren noch immer unerwachsen, wie sie stolz wissen ließ) ...wie die Schauspielerin das Gerede der Herren mit ihrer Körpersprache begleitete: Witzchen lösten ein exaltiertes Strahlegebiss-Lachen aus, Boshaftigkeiten ein bewunderndes, spitzmäuliges Komplizenkeckern. Philosophisches Gedankengut begrüßte sie mit einer geradezu schmerzlichen Verständnisinnigkeit, die sagen zu wollen schien: 'Das habe ich alles schon gewusst; daher nehmt mich bitte auf in die Bruderschaft der Geistesgrößen.' Doch die beiden Herren machten bedauerlicherweise keine Anstalten dazu.

All dies Gemime war eingebettet in ein unentwegtes Ins-Licht-Rücken der Schokoladenseiten ihres Äußeren. Da wurde die Mähne mondän aus der Stirn gefegt, wurden die Beine schenkelentblößend übereinander geschlagen und Balzblicke abgeschossen, das jedes unbedarfte Männchen einen Herzkaschperl hätte kriegen müssen. Doch das forcierte Weibchengehabe hat keinen Eindruck auf Bondy und Schmidt gemacht. Malheurdicaque! Die Herren müssen gewittert haben, dass da ein durch und durch unauthentisches, zutiefst selbstunsicheres, vom eigenen Ego völlig abgeschnittenes Synthogeschöpf vor ihnen hockt, dessen Äußerungen bis ins Letzte vorhersehbar und daher in jeder Hinsicht belanglos sind: zu wohlfeilen Phrasen geronnener Zeitgeist. Jede Cosmo- oder Brigitte-Ausgabe käut ihren jungdynamischen Leserinnen dergleichen Selbstprofilierungsschmonzes bis zum Überdruss vor. Den füllen die schicken Geschöpfe begierig in ihre gutfrisierten Köpfe und wundern sich dann, dass sie im wirklichen Leben von einer Unglückseligkeit in die andere stolpern.

Nachsatz: Solche Unwahrhaftigkeitstitanen und Selbstentfremdungsmonstren vom Schlage einer Iris Berben sind es, die, in ihrem ewigen Drang nach bißl Sicherheit und Anerkennung, die Welt mit blindwütigen Aktionen verwüsten und für vernünftige Leute zur Hölle machen. Amen.


Fritz Gimpl




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