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Magazin für Verrisse aller Art    Blog

Herausgegeben von Hans Dieter Eberhard

   

Lit-bloX

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Liebe Surfer,

Bloggen im Netz hat sich zu einer Unsitte, ja weltweiten Epidemie entwickelt, die nicht mehr zu bremsen ist. Trotz schweren inneren Widerständen haben wir beschlossen, ausnahmsweise einmal mit der Zeit zu gehen, und Lit-eX um einen Blog zu bereichern. Vorerst nennen wir ihn Lit-bloX.
Sie finden dort knappe bissige Kommentare, gut durchwachsenes Hintergrundgemecker, saftige Rund-, Tief- und Nachschläge, gelegentliche Erwägungen in eigener Sache und aktuelle Kurzverrisse, selten Lobgesang. Geschichten aus dem Nähkörbchen werden Sie vergeblich suchen.
Der überwältigenden Flut des Schwachsinns, der (aus welchen Medien auch immer) täglich, ja stündlich auf uns herniederkübelt, werden wir sonst nicht mehr Herr.
Lit-bloX dient dem kleinen Ärger zwischendurch, der rascher Abfuhr bedarf.
Wir wünschen einen guten Appetit!

Die Redaktion








10. Januar 2017

In der Süddeutschen beschäftigt sich einer namens Thorsten mit der Frage, ob Grunge irgendwie aus Rock oder Pop oder was auch immer entstanden sei, eine Drittel Seite braucht Thorsten, um die Frage nicht wirklich zu beantworten. Manche haben Probleme, die andere nicht haben. Warum nicht einfach das Wort mal nachschlagen. Grunge heißt Dreck, Abfall etc., damit ist das Problem doch schon gelöst.
Danke.


1. Januar 2017

Schon damals mit 16 oder 17, als das mit den Mädeln noch nicht so gut lief, haben wir dringend die Nummer auf Krankenschein gefordert, sie ward uns nicht gewährt, die AOK erhörte uns nicht. Doch nun soll sie kommen, für sogenannte Menschen in Einrichtungen. Menschen in Einrichtungen? Genauer wollen wir's lieber nicht wissen. Doch nun kommen die Grünen und fordern kühn etwas, das sie Sexualassistenz nennen, und auch da möchten wir nichts Genaues wissen, aber immerhin, es sind die Grünen, die uns endlich einen Jugendtraum erfüllen wollen. Müssen wir sie deshalb wählen?
Happy New Year!


23. August 2016

Die deutsche Filmkomödie ist seit Jahrzehnten immer die gemeinste und niederträchtigste gewesen, ebenso wie die österreichische, sagte Reger, so Irrsiegler, obwohl die österreichische sogar noch um vieles niederträchtiger und gemeiner ist als die deutsche. Wer ein Kino aufsucht, um darin eine deutsche oder österreichische Filmkomödie zu sehen, wird das Kino als Filmkomödienhasser verlassen. Die Gemeinheit der deutschen und österreichischen Filmkomödien wird nur noch von den deutschösterreichischen Gemeinschaftskomödien, wie gesagt wird, übertroffen. Die infame Niedertracht der deutschösterreichischen Gemeinschaftskomödie ist von jeher immer die weltweit allergrößte, die perfideste gewesen. Die sogenannten deutschösterreichischen Filmlustspiele sind in Wahrheit niemals etwas anderes gewesen als hirnmalmende und nierenzerfetzende Filmvernichtungstrauerspiele. Wer das Kino nach einem solchen Film verläßt, verläßt es als seelisch und geistig Schwerstversehrter, der niemals wieder ein Kino betreten wird, wo eine deutschösterreichische Filmlustspielinfamie gegeben wird,
aber eins muß ich Ihnen doch sagen, mein lieber Asbacher, sagte Reger, hatte ich bisher geglaubt, das Vernichtungswerk der deutschösterreichischen Filmvernichtungsgemeinschaft hätte schon längst den tiefstmöglichen Grad der Verblödung erreicht, gestehe ich nun zu, eines Besseren belehrt worden zu sein, seit ich vorgestern das bereits in Cannes, also der Hochburg der allgemeinen Lichtspielverdummung, aufgeführte, neuste Filmverbrechen von deutschöstereichischer Hand, den unerträglichen Zahnprothesen-und Furzkissenstumpfsinn TONI ERDMANN gesehen habe, der einen von mir bisher nicht für möglich gehaltenen Verblödungsrekord erreicht hat. Eine hinterhältigere Stumpfsinnshölle als dieses ekelhafte Machwerk, ist mir nicht denkbar, sagte Reger, das ist die Wahrheit....


18. Juni 2016

Erzählungen im Präsens sind Zumutungen erster Güte. In Kurzgeschichten läßt man sich das gefallen, in Romanen liegt grober Unfug vor, komplette Verkennung dessen, was Erzählung heißt. Nicht wenige romanschreiberseinwollende Schreiber der jüngeren Generationen aus den Leipziger, Hildesheimer und anderen Schreiberschulen schert das einen Dreck. Ein kürzlich mit dem Preis des Münchner Tukankreises hochgejodeltes Buch zeigt exemplarisch die narrativen Verheerungen, welche die Verwendung des Präsens anrichtet: Gold in den Straßen von Lilian Loke.


23. Mai 2016

Dem dichterischen Werk Jan Wagners, das in einem kunsthandwerklich brillanten Text über den Giersch, einer in der deutschen Kleingärtnerszene im höchsten Grade verhaßten Pflanze, einem rassischen Schädling, wie man in jener Szene auch sagen könnte, nicht gipfelt, sondern recht eigentlich wurzelt, ist nicht mehr hinzuzufügen als, das, was es ist: überflüssig!


9. Mai 2016

The Hateful. Der Postmodernismus, von dem Quentin Tarantino zehrt, kreiert durch die Behauptung alles ist möglich einen logischen Widerspruch, denn in einer Welt in der alles möglich ist, muß auch möglich sein, daß alles unmöglich ist. An diesem Widerspruch erstickt Quentin Tarantinos neuer Film, und zwar ab Kapitel vier, wenn plötzlich eine überflüssige Erzählerstimme aus dem Off sich meldet, um eine Rückblende zu kommentieren, der Film wird automatisch langweilig und zwar umso mehr, je mehr Blut fließt. Ein merkwürdiger Effekt.


1. April 2016

Derzeit belästigt uns die Fernsehwerbung mit Familie Schröder. Familie Schröder besteht aus einem emotional gestörten, übergriffigen Vater und zwei Söhnen, eine Mutti kommt nicht vor. Steht sie in der Küche? Wir nehmen es an. Vater Schröder ist einer dieser Pappis, die ihre Söhne Sportsfreund nennen und ihnen gern mal einen Grabbler ins Haupthaar verpassen, jene rüde Zärtlichkeitsattacke, die eine der vielen hinreichenden Gründe für Vatermord ist. Familie Schröder hat gerade eine neue Übereckcouch angeschafft. Auf dieser Couch wanzt sich Pappi Schröder seinen Söhnen an, indem er mit ihnen Computerspiele spielt. Natürlich gewinnt er und grabbelt gleich danach schon wieder dem Sohn durchs Haupthaar. Das müßte reichen, aber dann beginnt die Tagesschau.


2. März 2016

Krawatten sind überflüssig, keine Frage, denn alles, was wir Mode nennen, ist überflüssig. Zur Be- besser Verdeckung des Körpers genügt ein schmuckloses Stück Stoff, eine beliebige Kutte oder diese superschlichten Arbeitsanzüge à la Mao und Konsorten, doch die Gefahr, daß auch ein solcher Aufzug im gegebenen gesellschaftlichen Umfeld rasch zur Mode mutiert, ist groß. Kim Jong Un, mein Lieblingsdiktator, macht es vor. Von welcher Stoffqualität sein superschlichter Arbeiteranzug ist, läßt sich nicht ermitteln, Krawatte braucht es da nicht. Dafür trägt Kim diese geile Frisur, volles dunkles, leicht gewelltes und zurückgekämmtes Haupthaar, doch über den Ohren ein etwa 3-4 cm breiter ausrasierter Saum wie ein ganz persönliches Niemandsland, der sicher jeden Morgen nachgezogen wird. Das läßt sich mit keiner Krawatte toppen, und wie wir ja wissen, hat Kim Jong Un jetzt auch die Wasserstoffbombe. Wer die Wasserstoffbombe hat, kommt problemlos, immer und überall ohne Krawatte aus. Wer die Wasserstoffbombe nicht hat, sollte er wenigstens jene etwa 30 krawattetragenden Generäle mit ihren ballonartig aufgepumpten Uniformhauben um sich haben, die Kim Jong Un auch noch immer um sich hat. Wir müssen uns Kim als glücklichen Menschen vorstellen. Er hat alles, was wir nicht haben und macht damit vor, was Mode einmal leisten sollte: Unterscheidung. Jeder will ein Ich sein, unverwechselbar. Die Krawatte, lange genug Ausdruck eines stumpfsinnigen Dresscodes, könnte uns nun wieder schenken, was wir verloren glaubten, Einzigartigkeit, Exklusivität. Seien wir darum dankbar für die Krawattenlosigkeit. Ein Mann in Anzug und weißem Hemd, den Kragen aufgeknöpft, ist nicht angezogen, ihm fehlt etwas, die Krawatte, und das ist so, als wäre dieser Mann gar nicht da.


28. Februar 2016

Als München noch Residenzstadt war, wurde über Bauprojekte nicht diskutiert, der Fürst schaffte an, der Untertan baute, und von dem, was der Krieg übriggelassen hat, zehren wir noch heute. Ein Banausentempel wie der Gasteig wäre undenkbar gewesen, ein Konzertsaal im Nachtjackenviertel hinter dem Ostbahnhof auf dem Gelände einer Knödelfabrik erst recht, ganz zu schweigen von der planlosen Vernichtung urbaner Stätten, der Architekturschule, dem Josephsplatz und und und, und überhaupt, in München wird eigentlich täglich etwas vernichtet. Nun ist aber München keine Residenz mehr sondern nur noch ein Sandkasten streitsüchtiger Parteibürokraten, und das schon seit mehr als 100 Jahren. Seitdem nagt die Stadt an ihrem Ruf als Ort der Künste und des leichten Lebens mit pseudoitalienischer Kulisse. Das mit der Kunst war schon 1914 am Ende, und Adolfo bereitete später in der Osteria italiana den 2. WK vor. Pizza gab es noch keine, Kaffeelatte und Analogkäse auch nicht. Dafür gibt es jetzt Fußgängerzonen, genannt gute Stube, bitte die Puschen nicht vergessen, mit sechskantigen Betonblumenkübeln, Rauchverbot und Dauerschopping bis zum Umfallen.


21. Februar 2016

Das wirklich Schreckliche der deutschen Fernsehkriminalfilme, allen voran der sogenannte Tatort, sind nicht die speidummen Handlungen, die nuschelnden Schauspieler, die bis ins letzte ausgeweideten, unmäßig peinlichen Privataffären der sogenannten Ermittlerinnen und Ermittler, das wahrhaft Entsetzliche, ja Unerträgliche ist die sinnlos schwiemelnde, plunkernd hirnbohrende, klampfig blubbernde, bitzelnd absurde Hintergrundgeräuschkulisse, mit der jede noch so dämliche Szene unterlegt wird, dieses hundertpro überflüssige Minimalgetöse, das offenbar dem durchschnittlichen Ottonormalglotzer hingeodelt werden muß, um ihn auf keinen Fall, auch nicht für den Bruchteil einer Sekunde der Gefahr der Stille auszuliefern, die ihn möglicherweise auf sich selbst und das Elend seiner Existenz zurückwerfen könnte, das von diesen hanebüchenen Filmen schamlos gespiegelt wird.


17. Dezember 2015

Dringende Filmwarnung: Soeben erhielt das Lichtspiel Ewige Jugend den Europäischen Filmpreis. Der Täter dieses erschütternd langweiligen, um nicht zu sagen erzdämlichen Leinwandverbrechens ist der notorische Paolo Sorrentino. Bereits vor zwei Jahren wurde das europäische Filmwesen mit dem gleichen Preis für Sorrentinos nicht minder langweiliges, ja stupides und grottendumpfes Machwerk La Grande Bellezza irreversibel geschändet. Wie es zur Verleihung des sogenannten Europäischen Filmpreises kommt, ist hundertpro undurchsichtig. Hauptamtlich haben Mitglieder einer sogenannten Europäischen Filmakademie in Tateinheit mit sogenannten Kinoexperten die Flossen tief im Brei. Welche Rolle die napoletanische Mafia, die sogenannte Camorra, dabei spielen mag, wissen wir nicht, doch es fällt auf, wie oft Paolo Sorrentino, der aus Neapel stammende Großvernichter des italienischen Films auf Festivals gehandelt wird. Fellini, Rossellini, Visconti, Pasolini, Antonioni und ihr anderen alle, wo seid ihr? Daß große, lebensbegleitende Schauspieler wie Michel Caine und Harvey Keitel in diesem nervsägenden Nullmovie sich verwursten ließen, schmerzt besonders. Streifen wie diese werden von der halbamtlichen deutschen Filmkritik, allen voran der Süddeutschen Zeitung, mit Vorliebe als hinreißend surreale Tragikkomödien bezeichnet: do lex di nida...


13. Dezember 2015

Man sieht es nicht gern: mitten in syrisch-babylonischen Wüsten, bartumwallte Männer finsteren Blicks, in schwärzliche Kaftane gemummt, bewehrt mit Preßlufthämmern machen antike Reste klein. Da wendet sich der Abendländer mit Grausen. Doch wer beschreibt die Überraschung des christlich zivilisierten Okzidentalen, wenn er bei allfälliger Lektüre der Legenda aurea, die nicht weniger als den mythischen Hintergrundkosmos der westlichen Kultur überliefert, zum Beispiel auf die Geschichten des Heiligen Sebastian stößt, eines der beliebtesten Märtyrer, der pfeilgespickt auf zahllosen Gemälden vieler Epochen in Ol verewigt wurde. Vor seiner Märtyrerschaft hatte einst Sebastian, ausgerüstet mit entsprechendem Gerät, vermutlich bartumwallt und finsteren Blicks, zweihundert sogenannte Götzenbilder zerstört, antike Statuen also, mit anderen Worten: Clash of cultures war immer, und Bildersturm gehört zur Geschichte der Religionen einfach dazu. Man wundert sich, daß überhaupt noch was übriggeblieben ist.


17. August 2015

Mit dem Begriff Sichselbstneuerfindung tarnt sich postmoderne konstruktivistische Ideologie als Lebenshilfe.
Sichselbstneuerfindung suggeriert dem an sich selbst Leidenden die Möglichkeit, noch einmal neu als ein ganz Anderer zu beginnen, der er nie war, als bestünde die Lebensaufgabe nicht darin, sich überhaupt erst als der zu entdecken, der man vielleicht wirklich ist, falls man jemand ist, und nicht irgendein unbestimmtes man, sondern ein gegebenes ICH, dessen Sein unumkehrbar an die Zeit des Daseins gekettet ist. Das Ich hat seine Bahn abzuschreiten, die in ihm unausweichlich angelegt ist, die es sich vorgibt: so und nicht anders.
Zeit ist die Eigenschaft des Seins, die dem Sein Substanz gibt, nämlich die Substanz des Daseins und Soseins.

Wer dagegen glaubt, sich selbst erfinden zu können, zumal neu, hat sich schon verloren, bevor er sich überhaupt gefunden haben könnte, denn er hat gar nicht existiert. Was er möglicherweise zuvor dennoch war, ohne eigenes Zutun oder unbewußt, gab er preis, indem er es gar nicht erst wahrhatte. Einer Version des Selbst, die nicht existiert, können wir aber kein update verpassen. Andererseits kann ein Selbst sich nicht selbst erfinden, weil es schon vorher etwas sein müßte, aus dem heraus es sich erfindet, und so weiter ohne Ende.

Die Sichselbstneuerfindung schreibt dem Ich eine jederzeit beliebige Veränderbarkeit zu, die es seinem Wesen nach, übrigens schon genetisch gedacht, nicht besitzen kann. Sie hält das Ich für ein bloßes Konstrukt aus beliebigen Elementen, in erster Linie für ein soziales Konstrukt, mit anderen Worten für ein relativistisches Nichts.
Die ununterbrochen in den Medien postulierte, sogenannte Sichselbstneuerfindung offenbart also eine der seinsvergessensten Formen von Existenzlosigkeit, die in der gegenwärtigen Welt zu haben ist.


15. August 2015

Wenn eine Sprache die Bildung von Worten wie Schienenersatzverkehr, Achsschenkelbolzen, Analverkehr oder Unterwegsbahnhof erlaubt, ist alles möglich. Das Vokabular der deutschen Sprache, las ich kürzlich, umfaßt fünf bis zehn Millionen Worte. Man würde gerne wissen, wer sie gezählt hat und wie, aber egal, man könnte es auch einfacher sagen: die Semiosefähigkeit der deutschen Sprache ist praktisch unbegrenzt oder unerschöpflich, und das liegt an ihren definitiv unbegrenzten Wortneubildungsmöglichkeiten. Diese besondere Eigenschaft (gibt es irgendwo Vergleichbares im Kosmos der Sprachen?) gebiert nicht selten alptraumhafte Monster, manchmal auch gelungene, poesiehaltige Worte. Eins davon war Kindergarten. Einigen anderssprechenden Völkern (Engländer, Franzosen, Spanier, Italiener, Japaner) gefiel das Wort so gut, daß sie es als Fremdwort in den eigenen Wortbestand aufnahmen. Im Herkunftsland selbst wird es nicht mehr verwendet. Ersetzt ward es durch das aus der DDR entlehnte, schrumpfköpfige Akronym Kita. Warum nur? fragt man sich. Die Antwort ist einfach: Gärten, in denen Kinder unbeschwert vom Alltag ihrer Eltern heranwachsen könnten, wurden längst plattgemacht, denn die Wahrheit ist: Kinder stören den Alltag ihrer werktätigen Eltern, und zwar 24 Stunden lang. Darum brauchen wir keine Gärten heiterer Muße, sondern Kitas, wo das Kind von Erziehern in mühsamer Kleinarbeit dem Alltag der Eltern gleichgeschaltet wird, bis es alt genug ist, um selber Kinder in eine Kita zu stecken, damit der Kreislauf der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion nicht in ökonomisch unerwünschter Weise behindert wird.


5. August 2015

Immer noch gilt die alte Faustregel: Je besser ein Roman, desto schlechter die Verfilmung, je schlechter ein Roman, desto besser die Verfilmung. Thomas Hardy's Far From the Maddening Crowd ist ein guter, ein großartiger Roman. Trotzdem kann man sich den filmischen Visualisierungsversuch durch Thomas Vinterberg, einen grotesk überschätzten Regisseur der dänischen Dogma-Truppe, ohne weiteres ansehen, einen durch und durch konventionell gemachten Kostümfilm, verkleistert mit nervsägender Hintergrundmusi, allerdings sollte man vorher mal das Buch gelesen haben, dann beträgt die Erinnernshalbwertzeit des Films etwa zwei bis drei Stunden, man trägt also keine groben seelischen Schäden davon. Die Verfilmung macht Thomas Hardys Roman um 100 Jahre älter und wirft ihn gattungsmäßig weit hinter Jane Austen zurück. Hardys archaische Modernität, die ihn eher in eine Reihe mit Hamsun, Pontoppidan, Italo Svevo und anderen stellt, geht in dem Film vollständig baden. Also lesen, Leute, lesen, es bleibt nichts anderes übrig.


15. Juli 2015

Volkswirtschaft ist eine der dubiosesten Wissenschaften aller Zeiten, scheinmathematisch abgesicherte Astrologie. Treffen Voraussagen nicht ein, ist nicht die Theorie schuld sondern die Wirklichkeit. Einer der lauthalsigsten Ökonomen ist derzeit Paul Krugman, der einst den Nobelpreis für eine Handelstheorie erhielt, über deren Wahrheitsgehalt wenig zu ermitteln ist. Aktuell wettert er gegen Deutschland in der Griechenlandfrage, und zwar in einer Dimension von Geschichtsvergessenheit, die abenteuerlich ist, denn das Deutschland sowohl von 1919 und 1930 als auch von 1945 hat mit Griechenland so viel zu tun wie die Schlacht im Teutoburger Wald mit dem Postillon von Lonjumeau. Krugman versteht die europäischen Verhältnisse überhaupt nicht, offenbar hat er seinen Huntington nicht gelesen, der sehr treffend bemerkt hat, daß Griechenland im westlich orientierten Gefüge einen Anomalie darstellt. Einerseits gibt es den kulturellen Hintergrund der Antike, andererseits den orthodox geprägten neugriechischen Staat, der tendenziell zur östlichen Hemisphäre gehört. Dieses, seit etwa 200 Jahren vorhandene Hellas, ist als Staat von Anfang an gescheitert. Dies kam nun aufs schmerzlichste ans Licht durch die Totgeburt des Eurosystems. Innerhalb dieses Systems ist Griechenland nicht zu retten. Alle wissen das, doch niemand der beteiligten Acteure hat den Mut, die Konsequenzen zu ziehen, zumal noch ein anderer Riß durch Europa geht, nämlich der Nord-Süd-Riß, personalisiert durch die Hütchenspieler Renzi und Hollande, deren Länder von griechischen Verhältnissen angeblich nicht allzu weit entfernt sind.
Inzwischen ist es peinlich geworden, zur Aussichtslosigkeit der europäischen Misere überhaupt irgendetwas von sich zu geben, und wir werden das von nun an auch gewiß nicht wieder tun, denn es wird alles so weitergehen wie bisher.


15. Mai 2015

Christian Gerhaher sang neulich die Winterreise in der Bayerischen Nationaloper vor restlos ausverkauftem Haus, begleitet vom Pianisten Gerold Huber, vor himmelblauem Hintergrund im Frack.
Gerhaher ist derzeit der gehypeteste Bariton seit Kaiser Nero und Fischer-Dieskau. Gerhaher singt hundertpro total durchdacht und klinisch rein, jeder Ton wird dreimal umgedreht, vermessen, abgewogen, glanzpoliert, die musikalischen Ausdrucksmittel aufs raffinierteste austariert, dynamische Abstufungen, Tempi, Ritardandi, Rubati, alles immer im Höchstmaß delikat und sortenrein, alles immer natürlich aufgerahmt mit dem Text in Einklang, mit einem Wort: technisch perfekter hätten spezialisierte Roboter das auch nicht hingekriegt.
Doch eins fehlt, und ich wage kaum es zu benennen: die Emotion. Aber wie ist das möglich? Bei Schuberts Winterreise, einer todessüchtigen Musik von abgründigstem Schmerz und fahler Verzweiflung, beruhend auf Gedichten des hochgradig schwermütigen Dichters Wilhelm Müller, bleibt doch sonst kein Auge trocken?
Die Antwort liegt auf der Hand: Die sterile, radikal keimfreie Makellosigkeit der Gerhaherschen Darbietung erstickt jeden Versuch einer Hingabe, eines inneren Angerührtseins, sie erzeugt die arktische Kälte eines Hörens hinter Glas.
Diesem Liederzyklus die Emotion restlos ausgetrieben zu haben, ist daher die eigentliche und sensationelle Leistung des Duos Huber und Gerhaher. Belastend kommt hinzu, daß die location Nationaltheater für einen Schubertabend so geeignet ist wie das Hofbräuhaus für ein Treffen der anonymen Alkoholiker, aber der Name Gerhaher würde derzeit auch die Allianzarena füllen, man kann es also den Veranstaltern kaum ankreiden, wenn sie so gut wie alles versuchen, um maximale Gewinne abzugreifen.


23. Januar 2015

Meinungsfreiheit ist nicht heilig. Meinungsfreiheit, gemeint ist Meinungsäußerungsfreiheit, ist ein Teil jener Freiheiten (Presse-, Rede-, Versammlungs-, Religionsfreiheit etc.), die uns eine gesellschaftliche Vereinbarung, genannt Demokratie, zugesteht, einräumt, verspricht, schenkt, garantiert, und was sonst noch, und diese Freiheit ist nicht absolut, weil es absolute Freiheit in einer Gesellschaft nicht geben kann, sondern nur in Bezug auf eine gegebene Situation, und nicht geben darf, denn die praktische konkrete Freiheit des Einzelnen endet da, wo die praktische konkrete Freiheit der Anderen beginnt, ein alter Hut. Freiheiten in Anspruch zu nehmen, ist tagtägliche Arbeit, ein unentwegtes Austarieren, juristisch, kommunikativ, ethisch, gesellschaftlich, philosophisch, literarisch, wie auch immer, in der extrem quälenden Mühseligkeit des demokratischen Vorgangs. Diese konkrete Freiheit wurde erobert im Kampf gegen historische Widerstände, Diktaturen, Feudalismen, totalitäre Systeme, dahinter wollen wir nicht zurück, aber die Feinde der Meinungsfreiheit sind nicht totzukriegen. Doch diese Freiheit, über die wir verfügen, verlangt Verantwortung, das sogenannte selbstkritische Bewußtsein.

Welche Rolle spielt Satire dabei? Satire ist künstlerisch und literarisch maskierte Aggression, im besten Fall mit Witz und Ironie, eine legitime geistige Waffe der Machtlosen im Kampf gegen die Macht einer Obrigkeit, die ihre Legitimation mißbraucht. Was Satire sonst noch sein könnte, sei dahingestellt, ein Wert an sich ist sie nicht.
In einer idealen freien Gesellschaft, die es nicht gibt, wäre Satire sinnlos. In der real existierenden pluralistischen Gesellschaft der westlichen Welt gibt es jede Menge Mißbrauch von Rechten und Befugnissen auf allen Ebenen, reichlich Futter für Satire, deren Verantwortung darin bestehen kann, die von der Verfassung verbriefte Freiheit zu verteidigen, indem sie Mißbrauch, politisches Fehlverhalten, Dummheit im öffentlichen Raum usw. sichtbar und lächerlich macht.

Doch Satiriker müssen erkennen, wann sie den Bogen überspannen, und sie überspannen ihn, wenn sie sich gegen Minderheiten wenden, die zu den Schwachen und Schwächsten einer Gesellschaft gehören. Jene kleine französische, jetzt weltweit bekannte Karikaturzeitschrift bediente jahrelang, ohne mit der Wimper zu zucken, unterm Deckmäntelchen von Religionskritik, viele der seit Jahren geläufigen rassistischen Ressentiments einer Mehrheit gegen gesellschaftliche Minderheiten. Solche Ressentiments predigt in Frankreich seit Jahren lautstark der Front national, in Deutschland derzeit u.a. eine sogenannten Pegida-Bewegung.
Diese Form von Satire, sofern man sie noch so nennen möchte, hat ihren ursprünglichen Sinn verfehlt, indem sie sich auf die Seite der Mächtigen schlug, ohne es vielleicht selber zu merken, oder sagen wir, auf die Seite gesellschaftlich dominanter Gruppen quer durch alle Stände, denn hinter jenen, die laut und öffentlich ihren Haß und ihre Xenophobie hinausposaunen, steht gewöhnlich, und in diesem Fall ohne Zweifel, eine unüberschaubar große schweigende Mehrheit, und niemand weiß genau, wie verbreitet Fremdenfeindlichkeit in Europa wirklich ist.

Die, wie ich meine, entartete Satire jenes französischen Blättchens widmete sich, wie schon gesagt, mit besonderer Hingabe der Religions- und Glaubenskritik, speziell gegen Islam und Christentum. Ob und in welchem Maß sie auch das Judentum aufs Korn nahm, läßt sich ohne intime Kenntnis des Magazins schwer ermitteln. Zwar ist der Judaismus bei weitem die älteste der drei großen monotheistischen Religionen und könnte demnach in gleicher Weise Zielscheibe der Satirezeitschrift sein, offenbar hält sich aber die vielgerühmte uneingeschränkte Respektlosigkeit gegenüber allem und jedem hier stark zurück, den Vorwurf des Antisemitismus mag man sich wohl nicht gerne einhandeln. Antiislamismus macht deutlich mehr Spaß, denn die Angehörigen dieser Religion sind leicht erregbar und gehen jederzeit sofort an die Decke, mit anderen Worten, sie sind dankbare Opfer im Gegensatz zum lethargisch-resignativen Durchschnittsjuden, der Kummer gewohnt ist. Natürlich wissen die Macher des Satireblattes, daß Antisemitismus auch in Frankreich auf eine lange ungebrochene Tradition zurückblickt, nicht viel anders als im Rest der Welt, doch offen zur Schau getragen wird er heute, zumindest in westlichen Sphären, gesellschaftlich auch dort ungern gesehen.
Dabei würde die jüdische Orthodoxie nicht wenig Material für Satire liefern, oder etwa nicht? Oder hat sich hier doch ein kleines Denkverbot eingeschlichen?
In der Presse, soweit ich sehen kann, ist die Frage, ob die lustigen Pariser Religionskritiker sich auch dem Judaismus widmen, und wenn ja, wie, und wenn nicht, warum, praktisch ausgeklammert worden. (Nur eine Berliner Zeitung hat ein eindeutig antisemitisches Titelblatt veröffentlicht, das sich als Fälschung entpuppte.)

Darf nun Satire wirklich alles? Ich beziehe mich hier ausdrücklich nicht auf den gebetsmühlenhaft zitierten Tucholsky, von dem auch jener eklige Schnack vom Baumelnlassen der Seele stammt, und schlage vor, ihn, den Urgroßvater des Gutmenschentums, in aller Ruhe zu den Akten zu legen.
Erinnern wir uns lieber an die karikaturhaft verzerrten Diffamierungen von Juden in den Publikationen der Nazis. Müssen wir fragen, ob das etwa Satire war, Satire von oben?
Dazu zitiere ich aus der Bildergeschichte Plisch und Plum von Wilhelm Busch: Kurz die Hose, lang der Rock, krumm die Nase und der Stock, Augen schwarz und Seele grau. Hut nach hinten, Miene schlau - so ist Schmulchen Schievelbeiner. (Schöner ist doch unsereiner.)
Das war einst Satire aus der Mitte einer Gesellschaft, in der Antisemitismus einer harmloseren Form weit und alles andere als latent verbreitet und kaum hinterfragt war, er gehörte durchaus zum guten Ton. Ich zitiere dies (eigentlich schätze ich Wilhelm Busch), um auf andere Weise noch einmal zu vermitteln, daß Satire einen gesellschaftlichen und zeitlichen Ort hat, um den sie nicht herumkommt, wie auch ihr Gegenstand selbst, und daran könnte sie messen, was sie tun, und was sie lieber lassen sollte.

Der Islam gehört ohne Frage nicht zu Europa. Das Gegenteil zu behaupten ist eine geschichtsvergessene Dummheit, ein unklarer, überflüssiger, anbiedernder, vermutlich sogar unerwünschter Satz, der vielleicht einer Erregung des Augenblicks geschuldet wurde.
Die Muslime aber, die den unerträglichen Verhältnissen ihrer Heimat entfliehen, um hier zu leben und zu arbeiten, gehören durchaus zu Europa, und warum auch nicht? Doch die Gesellschaft, die sie aufnimmt, hat eine Verantwortung diesen Menschen gegenüber, denn nicht zuletzt nimmt sie sie auf, um von deren Arbeitskraft zu profitieren. Doch die soziale Lage der Muslime in Europa ist schlecht, in Frankreich ist sie miserabel und beschämend, man muß nur einmal, beim nächsten Besuch in Paris (Hauptstadt der Liebe) statt im Louvre dem Kunstgenuß zu frönen, sich hinaus in die Banlieus wagen, dann sieht man an der bloßen Architektur, daß Menschen so nicht leben sollten.
Den durchschnittlichen Europäer schert dies wenig. Der durchschnittliche Europäer gesteht der Satire die volle uneingeschränkte Meinungsfreiheit zu und gebärdet sich gleichzeitig islamophob und rassistisch, indem er sich mit jenem Satireblatt solidarisiert, dessen Karikaturen islamophob und rassistisch sind, und von einer Verantwortung will er nichts hören. Der Prophet Mohammed mit Schweinskopf? Das müssen sie aushalten, wenn sie bei uns leben wollen, sagen die aufgeklärten Klugmenschen des Abendlandes, die plötzlich nichts mehr davon wissen wollen, daß es einen Unterschied zwischen Meinung und plumper Beschimpfung gibt, reagieren aber hochempfindlich, wenn irgendwo ein Wort wie Neger fällt.

Moral und Meinung, das ist ein undurchsichtiges Gemenge von Widersprüchen, doch diese Widersprüche gehören zur gesellschaftlichen Arbeit, die der praktische Gebrauch der Freiheit von seinen Nutznießern verlangt. Demonstrationen und Antidemonstrationen sind hilflos und unproduktiv, sind nichts weiter als Kundgebung von bekannten Gesinnungen und morgen schon vergessen. Sie haben keine Folgen, weil sie nicht mehr sind als selbstbezüglicher, um nicht zu sagen autorerotischer Ausdruck privaten Unbehagens ohne politische Strategie, ohne Fundament, ohne Mandat, ohne Geist, man randaliert für oder gegen etwas, daraus resultiert keine Tat und keine Entscheidung. Das flammt auf und verlischt, Karneval der Demokratie, jede Meinung gebiert ihre Hooligans.

Dabei geht es nicht um Terror, Terror folgt einer eigenen Logik, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Voltaire sagte, ich stimme mit deiner Meinung nicht überein, aber für dein Recht sie zu sagen, lasse ich mich in Stücke schlagen.
Ein mutiges Wort in harten Zeiten, als Meinungsfreiheit noch keinen Pfifferling wert war. Gilt es noch heute so uneingeschränkt und hochmoralisch, wie es klingt? Kann jede Meinung das Recht beanspruchen, öffentlich geäußert zu werden? Würde ich mich für das Recht, solche Meinungen zu äußern, in Stücke schlagen lassen?
Gibt es Meinungen, die kein Recht auf öffentliche Äußerung beanspruchen können, die man verbieten sollte?
Gibt es. Die Holocaustleugnung ist z.B. verboten, ein klarer Straftatbestand. Aber warum eigentlich? Die Meinung, der Holocaust habe nicht stattgefunden, ist zwar falsch, aber auch falsche Meinungen sind Meinungen. Wahrscheinlich sind in der Welt weitaus mehr falsche Meinungen in Umlauf als richtige. Ich darf ungestraft behaupten, die Erde sei eine Scheibe und keine Kugel, und ich darf behaupten, der Mensch sei eine Schöpfung Gottes, keinesfalls aber ein Abkömmling der Evolution, die es gar nicht gegeben habe, und so weiter.

Wir haben begriffen. In puncto Meinungsfreiheit messen wir mit zweierlei Maß, denn auch Meinungen schweben nicht in luftleeren Räumen, sondern haben einen gesellschaftlichen Kontext. Das Recht auf Meinungsfreiheit wird durch Verbote bestimmter Meinungen nicht beschädigt. Es gibt extreme Meinungen, die in Wahrheit das Recht auf Meinungsfreiheit beseitigen wollen. Solche Meinungen sind mit Demokratie nicht vereinbar.


19. Januar 2015

Die offene Gesellschaft bleibt immer ein Risiko. Gegen Terrorismus scheint sie hilflos, denn Terrorismus läßt sich auf Freiheitsdiskurse nicht ein, er bekämpft sie, um Freiheit zu beseitigen. Terrorismus stellt die offene Gesellschaft akut in Frage, und gegen religiös verbrämten Terror gibt es überhaupt kein anderes Mittel als den Gegenschlag der staatlich legitimierten Gewalt. Aber ist dieses Mittel mit den Werten einer offenen Gesellschaft wirklich ohne weiteres vereinbar? Die offene Gesellschaft scheint sich chronisch in einem unlösbaren Dilemma zu befinden. Um sich zu schützen, muß sie sich partiell und passager beschränken. Dazu muß sie den Mut und die Selbstgewißheit zu einem unideologischen Pragmatismus aufbringen. Terrorismus rechtfertigt einen Notstand. Die Verfügung über den Notstand ist eine Machtfrage, nur wer Macht hat, kann entscheiden. Die offene Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf Macht zu verzichten. Rechte können vorübergehend suspendiert werden. Man muß abwägen, und die Abwägung muß konkret sein ohne moralische Vorbehalte.

In der säkularen Gesellschaft kann Religionskritik sich selbstkritisch zurücknehmen, gegenüber einer nichtsäkularen Gesellschaft ist Kritik wirkungslos. Islamische Gesellschaften sind geschlossene Gesellschaften, von Säkularisierung weit entfernt. Einen arabischen Frühling hat es nie gegeben.
Der Islamismus ist gegen jede Form von Kritik primär resistent, er ist dogmatisch, diskursunfähig und verhält sich paranoid, wehrt sich aggressiv nach innen und außen, darin besteht seine Pathologie.
Die offene Gesellschaft und die islamische Gesellschaft sind einander vollständig fremde Welten. Anders lautende öffentliche Bekenntnisse wirken anbiedernd.

Aber was soll man?
Der Verzicht auf Satire, die eine diffamierende Wirkung auf verstörte islamische Gemüter mutmaßlich haben könnte, muß keine Kapitulation vor dem Terror sein. Man kann einen solchen Verzicht als Maßnahme der praktischen Vernunft begreifen, bedingt durch die Einsicht, daß gegen Wahnsinn nur Mittel des Zwanges wirken. Grundrechtspathos führt nicht weiter. Es geht um einen taktischen Rückzug, der das Wesen der offenen Gesellschaft nicht beschädigen würde. Die offene Gesellschaft, wenn sie wirklich das ist, wofür wir sie halten, kann einen gesetzlich fundierten Konsens darüber herstellen, für einen begrenzten Zeitraum auf mutmaßliche Provokation zu verzichten und gleichzeitig in der Bekämpfung des Terrors fortzufahren. In der Klugheit ihres Handelns könnte sich die Überlegenheit der offenen Gesellschaft erweisen, sofern ihre Repräsentanten sich der Notwendigkeit, die Verfügungsgewalt über den Notstand zu behalten, bewußt bleiben.


17. Januar 2015

Je suis moi. Die allermeisten Meinungen sind völlig wertlos, obskures Geschwätz im großen Weltgetöse, dennoch gilt uns Meinungsfreiheit als hohes Gut, aber sie endet da, wo Beleidigung anfängt, üble Nachrede, Volksverhetzung und was es sonst noch so gibt, das ist Routine, Alltagspraxis im demokratischen Umgang.
Wer auf sich hält, sollte Meinungen also, wenn's irgend geht, bei sich behalten, äußern nur mit Bedacht und mit größtem Respekt vor den Empfindlichkeiten der Anderen, und bitte leise, bitte äußerste Vorsicht mit Ironie und Satire, und vor allem: höchstes Bewußtsein für Stil.
Hohn und Spott der gröbsten Art über Religion auszugießen ist ein billiges Vergnügen geworden, preiswert und ohne jedes Risiko. Die Christen haben sich ein säkulares Polster angelacht, das federt vieles ab, nur die Juden tragen ein dickeres Fell, sofern sie nicht orthodox sind, sie haben Schlimmeres erlebt als minderwertige Karikaturen unterhalb jeder Gürtellinie.
Und doch gibt es Menschen, deren Glaube an Gott höher ist als alle Vernunft. Die Welt ist ihnen weniger wichtig als das Verhältnis zu Ihm, denn der Aufenthalt in dieser Welt ist passager.
Der gemeine Klugmensch westlicher Sphären hat für religiöse Gefühle keinen Draht, allenfalls jenes herablassende Lächeln einer angemaßten Überlegenheit, er verachtet jeden Glauben und fühlt sich eins mit dem Zeitgeist. Solche Klugmenschen sind jetzt die öffentlichen Aufklärer, die Experten für alles, die Witzbolde und Bescheidwisser, und die wahren Totengräber dieses einmal aus Orient und Antike aufgestiegenen, einmal grandiosen Abendlandes, das manchmal noch als kalter Pup ferner Vergangenheiten nachhallt.
Im Weltreich der Klugmenschen ist der Islam noch nicht angekommen, sein Magma ist noch heiß, seine Angehörigen sind kränkbar und verletzlich geblieben, doch wie die meisten Menschen greifen sie nicht bei jeder Gelegenheit zur Kalaschnikow, sie dulden, bleiben unter sich, grenzen sich ab. Das ist allemal besser als falsche Gemeinschaft.


3. Januar 2015

Thomas Piquetty ist einer jener französischen Überflieger, die durch den formellen Automatismus einer École normale superieur in höhere Ämter gepumpt werden, um früh in geistiger Erstarrung zu enden. Nicht ganz zu Unrecht behauptet er, daß Kapitalakkumulation in den Händen weniger die Ökonomie lähmen und die Demokratie gefährden kann. In einem Interview warf nun Piquetty Deutschland kürzlich vor, jenen Schuldenerlaß vergessen zu haben, den ihm die Siegermächte nach dem 2. WK gewährt hatten, der zweifellos zur wirtschaftlichen Wiederbelebung der BRD beigetragen hatte. Doch dies geschah vor 70 Jahren unter Umständen, die mit der heutigen Lage nicht vergleichbar sind. Offensichtlich hat aber das berühmte deutsche Wirtschaftswunder die Demokratie nicht nur gestärkt und befestigt sondern überhaupt erst möglich und dauerhaft gemacht. Man muß nicht einmal 30 Jahre weiter zurückdenken, als die Siegermächte, in Sonderheit Frankreich, eine Wiederbelebung der deutschen Ökonomie durch das Versailler Diktat von Anfang an unmöglich gemacht, und damit zugleich die Hoffnung auf eine Demokratie in Deutschland beseitigt hatten. Die Folgen sind bekannt. Doch handelt es sich dabei nicht um historische Vergeßlichkeit sondern um pure Ideologie, die nicht wahrhaben will, daß Demokratie ohne Kapitalismus undenkbar ist.
Bei jungen Politologen wird zur Zeit gerne und nicht ganz ohne Ironie die Meinung gehandelt, die USA seien keine Demokratie mehr, weil es unmöglich sei, dort ein höheres politisches Amt innezuhaben, ohne Millionär zu sein. So wahr dies sein mag, so sehr camoufliert sich hier ein antikapitalistischer Idealismus, der seinem Wesen nach unpolitisch und antidemokratisch ist und in der Praxis scheitern muß.


11. November 2014

Achtung, Achtung!!!! Dringende Filmwarnung:
War schon Inception lausiger Mumpitz, legt Christoper Nolan mit Interstellar noch einen drauf. Weltraumstuß und Quantenquark von der abgedroschensten Sorte. Schonungslos dümmliches Kalauern von Wurmlöchern, Raumzeitkrümmungen, 5. Dimension, Relativität und Gravitation, rundum abgedröhnt durch das kriminelle Getöse des Kinokrachmachers Hans Zimmer.
Einstein rotiert im Grab und Perry Rhodan lacht sich krumm.


9. November 2014

Pastor Schorlemmer gehört zu jenen protestantischen Männern Gottes, die den Ausstieg aus der evangelisch-lutherischen Kirche leichtmachen. Auch gehört er zu jener Liga von Sonderlingen (Günter Grass, wie konnte es anders sein, war mit von der Partie), die 1989 die Wiedervereinigung ablehnten. Die DDR solle als eine Art autonome Republik zunächst weiterbestehen, predigte er damals, damit ihre Errungenschaften im Sumpf des Kapitalismus nicht verlorengingen, denn Pastor Schorlemmer ist auch ein Apostel des dritten Weges, dessen frohe Botschaft lautet: der Sozialismus sei seinem Wesen nach gut, man müsse ihm nur ein menschlich Antlitz aufdrücken, und das sei halt in der DDR leider noch nicht so recht gelungen. Pastor Schorlemmer hat sich in der DDR trotzdem pudelwohl gefühlt, dank klerikalem Schutzraum. Zwar sei in der DDR massenhaft schweres Unrecht begangen worden, wie Pastor Schorlemmer durchaus zugesteht, doch ein Unrechtsstaat war die DDR nicht, findet er. Wahrscheinlich muß man Theologe sein, um mit logischen Widersprüchen derart locker klarzukommen, aber irgendwie versteht man auch, daß Pastor Schorlemmer ungern 40 Jahre falsch gelebt haben möchte, doch das kann ihm keiner abnehmen. Wir nennen es Schicksal.
Pastor Schorlemmer (Jahrgang 1944) gehörte auch zu jenen Möchtegern-68ern in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ), die (komplementär zum 68er-Klamauk im Westen) in ihren Wohnküchen am Prenzlauer Berg mit Gedichten und Klampfen ein bißchen Opposition probten (unter Stasi-Aufsicht, versteht sich, gern erinnern wir an Sascha Anderson), und natürlich wirft Pastor Schorlemmer seinen Volksgenossen im Arbeiter- und Bauernparadies vor, sie hätten in Wahrheit nicht die Freiheit sondern nur die DM herbeigesehnt, und da fragt man sich, wie ein lutherischer Seelenhirte soviel Geringschätzung, ja Verachtung für seine Schäfchen aufbringen kann, war doch das materielle Elend hinterm antifaschistischen Schutzwall mit Händen zu greifen. Armut macht unfrei, das könnte sogar ein protestantischer Prediger wissen, den aufrechten Gang lernt man dabei nicht.

Gern räumen wir ein, daß ein idealer Staat voll utopisch ist, wir wissen es seit der Antike, vom Gottesstaat mal abgesehen. Notwendig geschieht denn auch in jedem Rechtsstaat in gewissem Maße Unrecht, in einem Unrechtsstaat dagegen in gewissem Maße Recht. Offenbar handelt es sich um eine quantitative Frage. Wieviel Unrecht muß ein Staat begehen, um zu Recht ein Unrechtsstaat genannt zu werden? könnte die wenig produktive Frage lauten, die vermutlich nicht viel mehr als exegetische Eiertänze stimulieren würde. Fragen wir doch lieber, was ein Rechtsstaat sei, ohne uns in zirkuläre Definitionen zu verstricken, dann ergibt sich das Gegenteil von selbst, und Herrn Pastor Schorlemmer möchten wir hiermit höflichst bitten, in DDR-Fragen künftig endlich mal die Klappe zu halten.


19. Oktober 2013

Bischof von Limburg klingt wie Hauptmann von Köpenik. Der Mann hat schon jetzt fast dreimillionen Einträge bei Google nach gerade mal vier Wochen Vorgang und einen Wikipedia-Artikel so lang wie der von Nietzsche. Sieht aber gar nicht aus wie ein richtiger Bischof, kein pompöses Leibgewölbe, kein onkelhaft ergriffenes Doppelkinn, keine Seelsorgermiene, vielmehr koboldhaft bübisches Geschau, hintersinnig kokettes Grinsen, Franz-Peter Tebartz-van Elst, blanke Egomanie, könnte man denken, dieser Name mit langem Abgang, natürlich konservativ bis ins Mark, und das in Limburg an der Lahn mit dem berühmten siebentürmigen Dom, der einst in den besseren Zeiten den 1000-Mark-Schein zierte, die Leibstandarte des Deutschland-wir-sind-wieder-wer.
Die Hysterie der Medien ist wie immer grenzenlos, keiner weiß mehr, und schon gar nicht, was wahr ist, aber was ist Wahrheit, in Gottes Namen? Nur die Bildzeitung weiß Bescheid: Protz-Bischof, und natürlich Bild am Montag: Deutsche Kleriker fliegen erster Klasse, während Cholera in den Slums von Bombay, aber nein, man sagt jetzt Mumbai.
Einst gab es Kardinäle, die im Bordell der Schlag traf, und dann jetzt ein Papst, der vor laufender Kamera römischen Knastbrüdern die Füße wäscht, und wer weiß, was noch alles kommen wird an fabelhafter Bescheidenheit und gefälliger Erniedrigung, ist das noch Demut Marke Assisi, oder schon Eitelkeit und Hoffart wie eh und je? Wie bescheiden will dieser Papst eigentlich noch tun, wo ist die Grenze? Nachtruhe auf Nagelbrettern, statt Frühstück Flagellation?
Der Kirche ist ja nie etwas Menschliches fremd gewesen, lesen Sie Gregorovius. Eigentlich müßten die Menschen das lieben, dieses Menschelnde unter den Soutanen, aber sie lieben es nicht, wie sie sich selbst nicht lieben, außer Don Camillo.
Der Bischof von Limburg hat Schwein gehabt, weil in Berlin dann endlich das mit den Koalitionen kam, da war er erstmal raus aus den Schlagzeilen und mußte sich nicht gleich vom Limburger Domfelsen in die Lahn stürzen, was seine geliebten Schäflein sicher gern gesehen hätten. Doch nicht einmal das hätte ihm geholfen, Höllenfahrt erster Klasse, das geht überhaupt nicht. Jetzt ist er per Holzklasse nach Rom und genießt den köstlich milden Oktober in der Weltstadt des kirchlichen Prunks, barocker geht's nimmer. Den Päpsten war nie was zu teuer, das Beste, Größte, Schönste war immer gerade gut genug, davon zehren wir heute, aber es soll nicht mehr sein.
Was ist das denn nur, diese unchristliche Haßflut, aus welchen Abgründen welcher Blockwartseelen quillt das auf, diese Gier nach öffentlicher Verdammung, nach moralischem Totschlag, dieses Denunzieren, dieses öffentliche Vierteilen, Aufs-Rad-flechten? Eine neue Inquisition geht um, und die Medien sind begeistert mit von der Partie, nein, sie heizen erst richtig an, Guillotinen werden geölt, ein Haberfeldtreiben jagt das nächste, Existenzen vernichten, das macht Laune, Wahrheit spielt keine Rolle, Hauptsache Köpfe rollen, und immer maximale kreischend sittliche Dauerempörung, Pogromstimmung hessischer Hausfrauen vorm Domportal.
Und was wird Seine Heiligkeit dazu sagen?
Wir können's kaum erwarten.


7. Oktober 2013

Warum alljährlich unmittelbar nach dem Münchner Oktoberfest die Frankfurter Buchmesse stattfinden muß, wissen wir nicht, die Literaturbeilagen in den Bildungsblättern vermitteln uns jedoch eine klare Botschaft: wir können uns ganz entspannt zurücklehnen, und wieder voll die Klassiker genießen. Die erwähnten Postillen pflegen in der üblichen Weise die von uns schon oft gerügte Gefälligkeitsrezension. Als Prototypen dieser Gattung möchten wir die Besprechung eines neuen Romans von Dagmar Leupold hervorheben, die Kristina Maidt-Zinke verfaßt hat. Wir zitieren: Wie schon bei früheren Büchern Dagmar Leupolds hat man den Eindruck, die geistreich formulierende Essayistin sei der Erzählerin stets um ein paar Schritte voraus. Gleichwohl ist ihr ein liebenswerter kleiner Roman gelungen, voll sensibler Alltagsbeobachtungen, anrührend und dezent abgründig, leise und doch mit langem Nachhall. Das ist ungefähr der Sprachduktus, den wir von Weinverkostungen kennen. Hinterhältiger kann man ein Buch nicht fertigmachen. Danke, Frau Maidt-Zinke.

Ach übrigens, in Hannover wurde jetzt das Zigeunerschnitzel in Balkanschnitzel umgetauft. Wir finden das hochgradig politisch unkorrekt. Der Balkan wurde schon immer als rückständige Enklave zentralasiatischer Verhältnisse geschmäht und seine Bewohner entsprechend diskriminiert. Zudem kommt ein nicht gerade kleiner Teil jener früher als Zigeuner bezeichneten Menschen just aus jenen Landstrichen. In Hannover ist man da natürlich weit von.


23. September 2013

In einem Pekinger Museum, so berichtete die Süddeutsche, habe man kürzlich eine Holocaust- Ausstellung eröffnet. Die chinesischen Besucher seien erschüttert, ja entsetzt gewesen. Das verwundert uns etwas, denn eigentlich müßte der Chinese seit Mao und der Kulturrevolution doch ziemlich abgebrüht sein.


3. September 2013

Das Residenztheater München, geleitet von dem Theatervernichter Martin Kušej, prahlt derzeit mit folgender Ansage:
Realität ist für diejenigen, die ihre Träume nicht aushalten.
Wir erlauben uns, diesen Spruch für ebenso knackdämlich wie anmaßend, diskriminierend und elitär zu halten.
Menschen werden hier in zwei Gruppen eingeteilt: zum einen die große Hammelherde der stumpfsinnigen, unempfindsamen, rohen Dumpfbacken, die sich der Realität stellen und in den Wonnen der Gewöhnlichkeit des Alltags baden, zum anderen die Feinsinnigen, Sensiblen, Intelligenten, Gebildeten, die sich für die Wirklichkeit zu schade sind und ihre Träume für etwas Besseres, Wichtigeres und Wertvolleres halten, als die Welt draußen zu bieten hat.
Wir möchten diesen, aus den Feuchtgebieten der gegenwärtig stark gefragten Ratgeberphilosophie samt Veganismus, Pazifismus, Moralismus, Feminismus und und und stammenden Eso-Schnack gerne mal umformen wie folgt:
Träume sind für diejenigen, die der Realität nicht standhalten,
und das gilt ganz besonders dann, wenn wir Wirklichkeit für einen Zustand halten, der durch Mangel an Alkohol entsteht.
Prösterchen!


2. August 2013

Wie man lesen konnte, hat die Neuinszenierung des Rings zum 200. Jubiläum des Meisters in Bayreuth durch Frank Castorf heftigste Proteste ausgelöst. Nun ist aber Castorf einer der bekanntesten Veterane der Theatervernichtung seit den 70-er Jahren, der besonders gerne als Profibanause auftritt, um das bourgeoise Publikum das Fürchten zu lehren, indem er hehrste Kulturgüter als Tranquilizer einer entmenschten kapitalistischen Gesellschaft entlarvt. Dieses Konzept wird seit über 40 Jahren durchgezogen und inzwischen von vielen Proselyten bis zum Gähnen nachgeäfft. Die Buhrufer bei den Bayreuther Festspielen scheinen davon nichts geahnt zu haben. Hatten sie etwa gehofft, Castorf würde sie für diesmal im heiligen Wahnfried gnädig verschonen? So naiv kann man nicht sein. Wer Tausende Euros für seine Opernkarten hinblättert und weiß, daß ein Herr Castorf inszeniert, der muß auch wissen, was ihn erwartet. Man muß ja da nicht hingehen, in Deutschland werden zur Zeit an die 15 brauchbare vollständige Ring-Aufführungen geboten. Wo im Universum gibt es das sonst noch? Diese besondere magische Stimmung auf dem Hügel in brütender Augusthitze wird so natürlich nur dort in der oberfränkischen Kleinstadt geboten, aber in eine analoge Verfassung kann man sich mit ein paar Schinkenhägern auch in Dortmund problemlos hineintrinken. Oder ist es so, daß man in Bayreuth die masochistische Erregung geradezu sucht, um dabeigewesen zu sein? Auch der Buhrufer hat ja seinen Enthusiasmus, und jede negative Emotion ist allemal besser als gar keine. Für Castorfs Konzept wäre das nicht gerade glücklich, denn so hätte er dem verachteten Publikum etwas geboten, was er gerade nicht bieten wollte, sagen wir mal, er hätte Leidenschaft für die Kunst entfesselt, die er doch eigentlich zur Schnecke machen will, oder etwas Ähnliches. Dann hätte er sich den Arschtritt diesmal selber verpaßt; ohne es zu bemerken, versteht sich, denn dicht neben dem ganzen kritischen Anspruchsgerödel wohnt ja auch noch die Eitelkeit des hochdotierten Bürgerschrecks, die blind macht. Die Buhs genoß Castorf wie die Sänger die Bravi.
Die Oper ist ohnehin kein günstiges Pflaster für Theaterpädagogik. Wer will, hält sich einfach an der Musik fest und läßt sich vom Bühnenaktionismus nicht weiter beirren. Der bleibt am Ende immer hysteroide störende Makulatur. Der entartende Eingriff in die Musik blieb den Regisseuren bis jetzt noch verwehrt.
Die bildungsbürgerliche Gesellschaft braucht wohl clowneske Gestalten, die ihr gelegentlich den Spiegel vorhalten, wie der Narr dem König. Beide sind nur zwei mögliche Exponenten innerhalb eines Systems mit unendlich vielen Varianten.


9. Juli 2013

MÜNCHEN, JOSEPHSPLATZ: Bezirksausschuß

Ein ebenso unerquickliches wie befremdliches, ja ekliges Erlebnis: der Besuch einer Bezirks-Ausschuß-Sitzung des 3. Münchner Bezirks Maxvorstadt. Die Sitzung findet im Dürckheimpalais, Türkenstraße 4 statt. Im sogenannten früheren Salon, der jetzt so aussieht wie der Josephsplatz in drei Jahren sitzt an einem Resopaltischkarree der Ausschuß: Damen und Herren in tiefer Apathie, somnolent vor sich hin dämmernd oder entschlußlos in Leitzordnern blätternd. Ich bin eine Viertelstunde zu spät. Worum geht es? Um Parkplätze, aber es gibt keine. Darum wird ja auch im Bereich der Maßmannstraße jetzt eine Tiefgarage gebaut. Der Vorsitzende, ein Dr. Holl, bläht sich: Da sehen Sie mal, Freunde des Josephsplatzes, es geht doch. Ja, ja, nicken die Ausschußköpfe, genau, es geht. Einige schauen nach hinten, wo die Josephsplätzler sitzen. Der Vorsitzende Dr. Holl trägt die verbitterte Selbstherrlichkeit eines Lokalpolitikers, der auf den Hinterbänken klebenblieb, routiniert zur Schau, herbergsvaterhafter Bezirksautokrat, madige Geringschätzung gegen jede ihm fremde Meinung, besonders wenn sie von Frauen geäußert wird. Zwei Damen treten auf, die ein offenbar monströses Bauprojekt im Bereich der Tierklinik kritisch darstellen. Der Vorsitzende des Ausschusses verweist auf etwas Formelles, das mit der Sache nichts zu tun hat. Darin ist er unschlagbar. Ferner kanzelt er die Damen mit einigen hingeschnarrten Bemerkungen ab, auch darin unschlagbar: Informieren Sie sich besser, Frau Doktor. Ein klarer Arschtritt, dieses Frau Doktor. Die übrigen Angehörigen des Ausschusses sagen nichts, denn sie haben nichts zu sagen, verharren in sich gesunken. Man wäre jetzt eigentlich viel lieber schon im Biergarten, allen voran Dr. Holl. Gönnnerhaft zitiert er einen ungebetenen Bittsteller der Josephsplätzler aus den hinteren Reihen zu sich nach vorn. Der trägt devot, allzu devot sein Anliegen vor wie ein Schüler, der an die Tafel gerufen ward, brav, darf sich wieder setzen. Eine Dame fängt wüst an zu schimpfen, die Josephsplätzler stimmen ein. Dr. Holl verharrt unberührt. Der Ausschuß gähnt. Die Josephslätzler verlassen geschlossen sauer den Saal, sammeln sich vor dem Eingang zum Palazzo Dürckheim auf der Straße. Empörung verpufft. Zwei Damen von den Grünen nutzen die Unterbrechung für eine Zigarettenlänge. Der Ausschuß ist politisch paritätisch besetzt. Die Grünen stehen ganz auf seiten der SPD. Opportunismus ist machbar, Herr Nachbar.


22. April 2013

In seinem Roman Alte Meister bombardiert Thomas Bernhard, ganz wie es seine Art ist, mit einer seitenlangen Schimpfkanonade das Wiener öffentliche Toilettenwesen als das allerschmutzigste in ganz Europa, nicht einmal im unteren Balkan finde man derart ekelerregende und hygienisch unzumutbare Abtritte.
Vermutlich ist jedoch Thomas Bernhard niemals in der Verlegenheit gewesen, sein Wasser im Untergeschoß des Münchner Marienplatzes in der dortigen Bedürfnisanstalt abschlagen zu müssen.
Öffentliche Aborte wurden in München einst traditionell und bodenständig Pißorte genannt, denn genau das waren sie. Als aber die Stadtväter sich anschickten, die sogenannte Weltstadt mit Herz für die olympischen Spiele 1972 aufzubrezeln, glaubte man, eine Bezeichnung wie Pißort der Jugend der Welt nicht zumuten zu können. Weltmännisch taufte man sie in WC um. Im Untergeschoß des Marienplatzes wurde damals eine brandneue Hightech-Anlage mit Edelstahlpinkelrinnen und lichtschrankengesteuerter Bewässerung errichtet.
Kein Jahr brauchte es, bis die noble Örtlichkeit sich in einen klassisch bajuwarischen Pißort zurückverwandelt hatte, sprich eine der übelsten Kloaken weltweit, und das ist sie bis heute geblieben. Wer dort, von imperativem Blasendruck getrieben, seine Notdurft verrichten muß, betritt eine von konzentrierten Harnschwaden und pestilenzartigem Uringestank erfüllte Räumlichkeit. Wer noch atmen kann, flüchtet nach der Entleerung tränenden Auges so schnell wie möglich, in dem stolzen Gefühl, ein unwiederholbares Abenteuer überstanden zu haben, doch der Geruch wird ihm noch Monate danach aus allen Poren quellen.
Inzwischen muß das Untergeschoß am Marienplatz vollständig und für viele Millionen renoviert werden, denn eine grundsätzliche Reinigung und Entwesung dieser irreversibel kontaminierten Ausscheidungsstätte wäre selbst bei dem oberflächlich ausgeprägten Hygienebewußtsein der hiesigen Stadtverwaltung nicht mehr möglich gewesen. Wir gehen jedoch jede Wette ein, daß nach Fertigstellung der Umbauarbeiten in vielen vielen Jahren auch der neue Pißort in Kürze wieder der alte sein wird.


6. April 2013

MÜNCHEN, JOSEPHSPLATZ: Reaktionen

Die rüde Nacht-und-Nebelaktion des Baureferats wurde von der Münchner Tagespresse heute einhellig kritisiert, anscheinend haben die Redakteure die Argumente der Tiefgaragengegner weitgehend verstanden. Auch der Einsatz eines Kampfhundes stieß bei den Zeitungen auf wenig Empathie und wurde besonders von der AZ scharf gegeißelt (danke, Thomas Gautier). Über die Rasse des bereits gestern entfernten, 78 kg wiegenden Tieres besteht noch keine Einigkeit, ein Schoßhund war er sicher nicht. Inzwischen wurden Schäferhunde als Ersatz angekündigt, auch sie alles andere als Schoßhunde, doch dem deutschen Gemüt möglicherweise vertrauter. In der Ukraine würde man derartige Methoden wohl für normal halten, für Münchner Verhältnisse sind sie noch stark gewöhnungsbedürftig.

Natürlich fragt man sich, ob das Baureferat, vertreten durch den Hauptabteilungsleiter Wulf, aus eigener Machtvollkommenheit gehandelt hat, oder ob der Einsatzbefehl nicht von höherer Stelle kam. Manche vermuten den beim Münchner Publikum unbegreiflich beliebten OB-Darsteller Ude als Hauptakteur, soll er doch laut Süddeutscher Zeitung geäußert haben: Öfter als dieses Vorhaben geprüft worden sei, könne man eine Sache nicht prüfen, die Mehrheit der Anwohner wolle nach wie vor die Tiefgarage, mit Ausnahme vielleicht der unmittelbar Betroffenen am Josephsplatz.
Eine derart widersprüchliche Aussage macht dann doch irgendwie fassungslos. Sind die Bewohner des Josephsplatzes nun Anwohner oder unmittelbar Betroffene? Betroffen von was? Für wen soll die Garage denn gebaut werden? Wer ist im Sinne der Ude'schen Aussage überhaupt Anwohner? Empfindet Herr Ude die Tiefgarage insgeheim vielleicht auch als Zumutung und darf es bloß nicht offen sagen?
Die Genossen würden das bestimmt wenig amüsant finden, aber zum Glück wohnt Herr Ude ja nicht am Josephsplatz.

Abgesehen davon ist die angebliche Mehrheit der Befürworter eine heftig schweigende. Nur gelegentlich erscheint ein zorniger, meist mittelalter Herr auf dem Josephsplatz und fordert lautstark seinen ganz persönlichen Tiefgaragenplatz, auf den er seit über 30 Jahren warte. Dann verschwindet er wieder, und niemand kennt ihn.
Ein demokratisches Meinungsbild wurde nie erstellt, auch eine valide Bedarfsanalyse gibt es nicht, oder sie wird (widerrechtlich?) unter Verschluß gehalten. Dagegen gibt es über 2000 real existierende Unterschriften gegen die Garage, doch darüber setzt sich Herr Ude spielend hinweg. Eigentlich ist er ja noch im Urlaub.
Hoffentlich läßt ihn sein Gespür für Mehrheiten bei der nächsten Wahl nicht auch wieder im Stich.

Wie es nun weitergeht, würde man gerne wissen. Die Ahorne dürfen als Lebensraum des Kleibers nicht vor Oktober gefällt werden, wichtiger ist aber, daß sie überhaupt nicht gefällt werden. Noch wichtiger ist, daß der gesamte Bauplan modernen innerstädtischen Verkehrskonzepten angepaßt, im Klartext also, verworfen wird, denn eine Tiefgarage am Josephsplatz wird nicht gebraucht.

Im Augenblick sieht es jedoch so aus, als würde hier ein Machtkampf ums Prinzip gegen den erklärten Bürgerwillen ausgetragen. Die Exponenten der Stadtpolitik werden um des Prestiges willen vermutlich nicht imstande sein, die grundsätzliche Fehlerhaftigkeit ihres Projektes einzugestehen und entsprechend zu handeln, obwohl es jetzt noch nicht zu spät wäre.
Die bereits angerichteten Schäden sind schlimm genug.


5. April 2013

MÜNCHEN, JOSEPHSPLATZ: Kampfhunde im Einsatz für Tiefgarage

Mit paramilitärischen Mitteln hat heute das Münchner Baureferat den Josephsplatz besetzt, um das umstrittene Tiefgaragenprojekt mit brachialer Gewalt durchzudrücken. Der bis jetzt erfolgreiche Protest der Anwohner, organisiert im Verein Freunde des Josephsplatzes, ging den Vertretern der Stadt offenbar schwer auf die Nerven. Gegen 5:30 erschien eine halbe Hundertschaft von Arbeitern des Referates in orangefarbenen Warnjacken und errichtete einen über 2 m hohen Bauzaun um den gesamten Platz. Der Zaun wurde nicht unter Strom gesetzt. Der freie Kinderspielplatz und der Bürgertreffpunkt wurden devastiert und beiseite geräumt.
Innerhalb einer halben Stunde war der Josephsplatz handstreichartig in ein provisorisches Kasernengelände umgewidmet, Betreten verboten. Die Aktion war, wie es schien, manövermäßig vorgeplant und einstudiert. Anschließend rückte eine Einheit uniformierter Wachmänner der Sicherheitsfirma Securitas an. Ob sie unter den langen Parkajacken Waffen trügen, wurde weder bejaht noch verneint. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Die Wachmänner führten einen gelblichen-weißen Kampfhund mit sich, der auf der Wiese von der Leine gelassen wurde. Bei Wohlverhalten sei das Tier friedlich, behaupteten die Wachmänner. Am frühen Nachmittag wurde innerhalb der Umzäunung ein Wohncontainer samt Pieselhäuschen für das Sicherheitspersonal abgestellt. Offenbar richtet man sich auf einen längeren Belagerungszustand ein. Durch die Straßen rund um den Josephsplatz patroulliert laufend Polizei in Uniform und Zivil, als stünde ein bewaffneter Angriff schwerstkrimineller Banden aus dem nahen und fernen Osten unmittelbar bevor.

Welche rechtliche Grundlage diese martialischen Maßnahmen des Baureferates haben, ist völlig unklar. Zwar wurde ein Eilantrag gegen die Baugenehmigung gestern gerichtlich abgewiesen, doch bedeutet dies in keiner Weise, daß der Bau nun unmittelbar beginnen bzw. fortgesetzt werden könne. Insbesondere die Fällung des alten Baumbestandes bedürfte im mindesten Fall einer Sondergenehmigung, die unter anderem ein ornithologisches Gutachten voraussetzt, denn noch nistet auf einem der Ahorne ein Kleiber, dessen Habitat aus naturschützerischen Gründen nicht angetastet werden darf.

Auch aus anderen Gründen ist die Situation formaljuristisch alles andere als abgeklärt, insbesondere scheint die Baugenehmigung bestimmten formellen Ansprüchen nicht zu genügen. Zudem besteht eine schriftliche Übereinkunft zwischen dem Baureferat und der Anwohnerschaft des Josephsplatzes, die einen Baustop und einen Aufschub der Baumfällung bis zur Abklärung aller juristischen Fragen zusichert. Diese Übereinkunft wurde von seiten des Baureferates ohne Vorwarnung nun gebrochen.

Ein Verantwortlicher oder Zuständiger für diese Aktionen war im Rathaus nicht aufzutreiben. Die Stadtväter waren im Urlaub oder sonstwo.
Abgesehen von der juristischen Problematik muß sich jeder Bürger fragen, wieso ein bislang friedlicher, rechtsstaatlich korrekter Protest mit derart drastischen und anscheinend willkürlichen Mitteln unterbunden werden soll. Eine demokratische Legitimation des Vorgehens ist nicht zu erkennen.
Wie es aussieht, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.


31. März 2013

Leider müssen wir schon wieder Frau Pfarrerin Petra Bahr, Kulturbeauftragte der evangelischen Kirche in Deutschland, Trost zusprechen. Einerseits verstehen wir sie ja. Seit Wochen dominiert ein frisch gebackener Papst der katholischen Kirche rund um die Uhr sämtliche Medien weltweit und punktet mit maximaler Deutungshoheit über alle relevanten christlichen Items. Der neugewählte Pontifex steht nicht nur in der Nachfolge Petri, unbekümmert tritt er auch noch in die Fußstapfen Franz von Assisis, eines der charismatischsten Heiligen der Kirchengeschichte. Ob er dabei rote Schuhe trägt oder nicht, scheint nebensächlich, doch es wird lebhaft diskutiert, und die österliche Fußwaschung von Insassen eines römischen Gefängnisses, das kann keiner toppen. Dagegen hat die evangelische Kirche einfach nichts zu melden, und die sogenannte Ökumene ist Seiner Heiligkeit nicht mal eine Fußnote wert. So etwas stimmt den Durchschnittsprotestanten naturgemäß unfroh, kein Wunder also, wenn Frau Bahr jetzt den Rückzug in die Unsichtbarkeit verkündet, auch wenn's nach saurer Traubenpolitik klingt (Süddeutsche Zeitung 30. März 2013). Leider ist sie nicht ganz unschuldig an der mangelnden Medienpräsenz ihrer Konfession, hat sie doch erst kürzlich eines der seltenen spektakulären Ereignisse der evangelischen Kirchengeschichte, Luthers Anschlag der 95 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg, ins Reich der Legende verwiesen (siehe auch 31.Oktober 2012). Auch das Angebot theologisch astreiner Gottesdienste, fern von politisch korrektem Jargon, bietet keinen echten Ersatz für rote Schuhe und liturgisches Brimborium, zumal Frau Bahr dem typischen Politikersprech allzu gerne selber frönt, schreibt sie doch in ihrem kurzen Artikel mindestens dreimal von Christinnen und Christen, am Ende gar von Repräsentantinnen und Repräsentanten. Solch angepaßte linguistische Torheit nervt den kritischen Lutheraner beträchtlich, zeigt sie doch, wie hilflos der Protestantismus dem Zeitgeist in Wahrheit am Hals hängt. Vielleicht sollte Frau Bahr ihren Begriff von Repräsentanz noch einmal grundsätzlich überdenken, bevor sie in der selbstgewählten Unsichtbarkeit verschwindet. Frau Margot Käßmann, Landesbischöfin a. D., könnte in Sachen öffentliche Sichtbarkeit sicher manch nützlichen Beitrag liefern, sofern die Damen einander wohlgesonnen sind. Auch rote Schuhe würden schon helfen.


29. November 2012

Wie schön könnte die Welt sein, wenn nicht tagtäglich in den Blättern, die keineswegs die Welt bedeuten, der Name Tschäpe breitgetreten würde. Die Dame tut uns inzwischen herzlich leid, sie hat vollkommen recht, wenn sie die Klappe halten will. Hoffentlich läßt sie nicht doch noch bequatschen.

Ekelhaft auch das Gelaber über die Alterskohorten. Einerseits wird über Altersarmut gewinselt, andererseits läßt man im Fernsehen kreuzfidele 100-jährige paradieren. In der SZ ist die Rede von 80-jährigen Hindernisläufern und einer nie dagewesenen Rentnerzufriedenheit. Ja, was denn nun? Die Sache ist klar: hinter jedem 100-jährigen, der noch das Horst-Wessel-Lied aufsagen kann, liegen 1000 röchelnde Schwerstpflegefälle darnieder, hinter jedem 80-jährigen Hindernisläufer wanken 10000 greise Rollatorschieber, Inkontinente, Herzinsuffiziente, Schlaganfällige und Hochdemente. Deren Anblick ist nicht schick und nervt ganz besonders zur Weihnachtszeit. Altwerden ist kein Spaß, Altwerden ist das letzte und zwar buchstäblich, und je länger es dauert desto schlimmer.


23. November 2012

Kunst hat mit Phantasie nichts zu tun, weder noch, denn Phantasie kann jeder haben, muß nur die Synapsen gut fetten. Die meisten verlieren das, Folge des Alterns und Erwachsenwerdens. Phantasie kommt aus trüben Schichten, vegetativ, ist ständig da, das bildhafte Denken, wie sonst? Zu nichts zu gebrauchen, wenn nicht in Form gebracht, das ist Aufgabe des Geistes, und des traumgeborenen Ichs, das um sich selbst kreist, hier oder nie, phylogenetisch vereinsamt. Ohne Form ist Phantasie bloß ein Erbrechen, oder exkrementelle Protopoesie. Dem Deutschen, der gern im Tiefen mulmt, ist Form seit jeher Teufelswerk, Kunst ein Grunzen, ein Aufstoßen. Phantasie ist zerebrale Flatulenz.


15. November 2012

Tom Hanks, einst ein guter Schauspieler, trat kürzlich in einer deutschen Fernsehklamotte auf, Wetten daß, Einer wird gewinnen, keine Ahnung, egal. Hanks kommentierte die Sendung wie folgt: Wer in Amerika so eine Show bringt, wird sofort gefeuert. Danke, Mr. Hanks, wir sind ganz bei Ihnen.
Heute lief, ich vermute EU-weit, die postmoderne Eso-Sülze Cloud-atlas an, Kennwort: alles hängt zusammen.
Mr. Hanks, Sie sind gefeuert.


31. Oktober 2012

Eine sehr theologische Dame im Käßmann-Look, Frau Petra Bahr, hat uns heute in der SZ belehrt, warum es den Reformationstag gar nicht gibt, und die Protestanten ihn trotzdem feiern sollten.
Das hätte es nicht gebraucht, Frau Bahr, dem Protestantismus helfen auch Sie nicht mehr auf die Strümpfe.
Luther hat also gar keine 95 Thesen ans Tor der Schloßkirche zu Wittenberg genagelt? Wahrscheinlich hat er auf der Wartburg auch kein Tintenfaß gegen den Teufel geworfen?
Sie, verehrte Frau Bahr, halten solche Geschichten für Mythen, ich halte sie bestenfalls für Legenden, aber der Mensch braucht Legenden, der religiöse mehr als jeder andere, sie müssen nur gut erzählt sein. Und woher wollen Sie das alles eigentlich wissen, Sie und Ihre Entmythologisierungshistoriker, auf die Sie sich berufen, und wie beweist man denn bitte, daß etwas Nicht geschehen ist?
Das geht nämlich gar nicht. Hat Kaiser Konstantin auf der Milvischen Brücke vielleicht keine Vision gehabt usw.? Halten Sie Religion etwa für ein Produkt der Vernunft? Daran krankt ja die evangelische Kirche seit je, sie mag nicht wahrhaben, daß Glauben irrational ist. Das ist doch gerade das Schöne daran: credo quia absurdum.
Die Katholiken wissen das ganz genau, darum können Sie sich Ihre Ökumene abschminken, die kommt nie, und die will auch keiner. Tut mir leid, liebe Frau Bahr, Sie geben sich sicher echt Mühe, aber Sie fahren auf dem falschen Dampfer, denn gegen die autoaggressive Selbstzerrüttung des Protestantismus kommen Sie nicht an, diese gierige Bereitschaft, sich dem gerade herrschenden Zeitgeist in die Arme zu werfen, die eigenen Gründungsmythen zu verachten, Rituale zu verweltlichen, den Sinn des Heiligen zu vergessen.
Habe ich was übersehen? Egal, das reicht schon. Übrigens braucht Ihre Kirche auch keine Marseillaise, sie braucht Motetten: Fürchte dich nicht, der Geist hilft deiner Schwachheit auf.


28. September 2012

Jene Politiker, die jetzt hauptamtlich die Europäische Union zerrütten, werden in letzter Zeit gern Akteure genannt. Acteur bedeutet unter anderem Schauspieler, das Spektrum reicht vom Charakterdarsteller bis zum Schmierenkomödianten.
Einmal dürfen Sie raten, zu welcher Gattung wir jene Politiker zählen.
Erster Preis: ein Candlelight Dinner unterm Rettungsschirm mit Partner, wahlweise ein Crash-Kurs an der Notenpresse bei Mario Draghi in der EZB.


12. September 2012

Derzeit wird viel über einen Bestseller gequasselt, der den Titel DIGITALE DEMENZ trägt. Autor ist ein Psychiater namens Manfred Spitzer, der sicher reiche Erfahrung mit Demenz hat. Wir werden dieses Buch schon deshalb nicht lesen, weil der Titel doppeldeutig ist. Gemeint ist, wie wir den Rezensionen entnehmen, der übermäßige Umgang mit digitalen Systemen, sprich Computern und Internet, mache den User notwendig dement. Wir finden diese Behauptung selbst schon ziemlich dement, um nicht zu sagen debil, doch könnte der Titel auch insinuieren, hier gehe es um die Probleme von Menschen, die digitalen Systemen gegenüber sich wie Demente verhielten und daher professionelle Hilfe benötigten, zum Beispiel von Manfred Spitzer und seinen Helfershelfern.
Offenbar ist dieser Doppelsinn bisher niemandem aufgefallen, sollte er doch ausreichen, das Buch ungelesen dahinzukicken, wo es hingehört.


11. September 2012

Aus Taubenscheiße Schokolade herzustellen, ist chemisch betrachtet kein großes Problem. Doch man tut es nicht, und zwar weil was nicht stimmt?
Richtig: die Energiebilanz. Allein das Einsammeln des Rohstoffs und so weiter, und bis jetzt geht es mit Kakao noch wesentlich leichter.
Auch Äthanol als Zusatz zum sogenannten BIOkraftstoff könnte rein chemisch betrachtet aus Taubenscheiße hergestellt werden, doch man tut es nicht, und zwar weil was nicht stimmt?
Richtig: die Energiebilanz. Hinzu kommt, daß die Ressource Taubenscheiße trotz immenser Vertaubung vieler Städte den Bedarf der BIOkraftstoffproduzierenden Industrie vermutlich nicht decken würde. Da greift man lieber zu Lebensmitteln, besonders gern zu Getreide.
Stimmt denn hier die Energiebilanz?
Leider wissen wir das nicht genau, weil man uns bis jetzt keine entsprechende Berechnungen vorgelegt hat, aber wir sind doch nicht blöd. Getreide baut sich nicht von alleine an, es erntet sich nicht selber, und es wandelt sich auch nicht aus eigener Kraft in Alkohol um. Wir vermuten daher, daß die Energiebilanz miserabel ist, darum haben wir bisher nicht einen Milliliter der sogenannten E10-Brühe getankt, die es übrigens nur in Deutschland, dem Zentrum des vorauseilenden Gehorsams, gibt, und werden es auch nicht tun.

Viel schlimmer bleibt aber eins: Die Verarbeitung von Lebensmitteln zu Treibstoffen für Autos ist und bleibt ein unfaßbar perverser Skandal, eine groteske Entartung jedweder Resthumanität, sofern vorhanden.
Schert euch zum Teufel, BIOroßtäuscher!!!


10. September 2012

Heribert Prantl, der bekannte Rächer der Enterbten, jongliert unbefugt mit dem Begriff des Verfassungspatriotismus (SZ vom Wochenende). Dieser, vermutlich von Habermas et al einst auf die Tapete geschmierte Begriff, sollte als Ersatz für den verbrauchten nationalen Patriotismus herhalten, der längst in Bierverschiß geraten war, irgendeine Orientierung braucht schließlich jeder, sogar der wurzellose Linksintellektuelle. Funktioniert hat es leider gar nicht. Eine Verfassung puscht einfach keine großen Emotionen. Grundgesetz vor, noch ein Tor, das rockt kein Stück, und jetzt, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung erst recht nicht.
Deutschland erwache, das ist wieder im Kommen.

Zwischen Lokalpatriotismus und Weltbügertum gibt es jede Menge Varianten, aber da weiß man wenigstens, woran man ist. Verfassungspatriotismus, das klingt irgendwie nach endogener Depression und sexueller Deviation, um nicht zu sagen, nach Verwaltungsfetischismus mit Burn-out.
Ich liebe mein Land, okay, das kommt mal vor, und wir wissen ja, was Gustav Heinemann dazu gesagt hat, aber ich liebe meine Verfassung? Geht das? Muß ich dann auch das Bürgerliche Gesetzbuch und das Kreisverwaltungsreferat lieben, Verkehrsampeln, Autobahnauffahrten, Wertstoffhöfe, Bahnhofsklos?
Was würde Freud sagen, oder Krafft-Ebing?


9. September 2012

In die Diskussion um die Verleihung des Adorno-Preise an Judith Butler möchten wir nicht einsteigen, doch wir nutzen die Gelegenheit, um eine Grundsatzerklärung zur Israelfrage abzugeben.

Vortrag: Die Palästinenserfrage ist ein Teilaspekt der Israelfrage. Sie verdeutlicht idealtypisch die Störungen im Verhältnis der arabischen und islamischen Welt zum Staat Israel.

1) Solange von seiten der arabischen und islamischen Welt das Existenzrecht des Staates Israel in Frage gestellt wird, kann es keine produktive Diskussion über eine palästinensische Autonomie geben.
2) Solange terroristische Organisationen, PLO, Al-Fatah, Intifada, Hamas, Hisbullah oder wie sie in der Zukunft noch heißen werden, aktiv sind, kann es keine Diskussion geben.
3) Solange in arabischen und islamischen Köpfen Antisemitismus ein integraler Bestandteil der dortigen Weltsichten ist, kann es keine Diskussion geben.
Merk Dir das bitte mal, arabisch-islamische Welt.

Nachtrag: Leider gibt es im Staat Israel keine strikte Trennung zwischen Religion und Staat. Der Staat versteht sich zwar als säkular, aber das Problem des ultraorthodoxen Judentums (jahadut charedit), das immer aggressiver auftritt, erschwert die Diskussion nachhaltig. Wahrscheinlich wird dieses Problem von offizieller Seite bei der israelischen Selbstdarstellung verharmlost, denn die Orthodoxie kann der jüdischen Sache nur schaden.
Da besteht Handlungsbedarf, Israel.


8. September 2012

Die Frage nach einem vereinten Europa mit diesem Wahnsinnswust an Problemen, denen niemand gewachsen ist, einschließlich der Eurokrise, wurde nun all'italiana von Signor Mario Draghi elegant gelöst:
Die EZB übernimmt.
Das Leben geht also doch weiter, wir dürfen uns wieder der Maniküre widmen, dem nächsten Urlaub und dem Fußball, Bier steht im Eisschrank. All das immense Gebrabbel über unterschiedliche Kulturen, nationalstaatliche Souveränitäten, demokratische Legitimationen, Rettungsduschen und, und, und, ist komplett überflüssig.
Europäische Politik ist einfach nur Geldpolitik und sonst gar nichts. Das kann doch nicht so schwer sein, Deutsche Bundesregierung, mach dir nicht in die Hosen, die Bank wird es richten. 100 pro.
Grazie mille signor Draghi


6. September 2012

Impotente Väter, aufgepaßt!
Die Süddeutsche Zeitung erfrischte uns heute mit der Meldung, der Testosteron-Spiegel sinke deutlich ab, wenn sich im elterlichen Bett ein Säugling aufhalte. Wir sind für diese Warnung wenig dankbar, kommt sie doch einer Binsenwahrheit gleich. Mein Testosteron-Spiegel sinkt schon bedrohlich ab, wenn ich ein Kleinkind nur aus der Ferne sehe. Ansonsten geht es um Biologie. Warum sich abmühen, wenn das Kind schon da ist, und noch dazu in nächster Nähe? Mutter Natur ist zufrieden, und die Kindsmutter ist nicht mehr interessiert. Falls doch, wird das Testosteron wieder steigen, verlaßt Euch drauf. Man nennt das Enzyminduktion. Falls es doch nicht klappt, denkt immer daran: das wichtigste Sexualorgan ist und bleibt der Kopf. Da könnt Ihr Testosteron hinten und vorne einfahren, es wird nichts nützen, wenn der Kopf nicht mitzieht. Natürlich gibt es Typen ohne Kopf, die sogenannten Normalos, bei denen geht immer was, dafür geht bei denen sonst nicht viel.
Und so wollt Ihr doch nicht sein, oder?
....
Na bitte.


24. August 2012

Ich mag Lana del Rey. Die meisten Frauen, die ich kenne (statistisch nicht repräsentativ!), mögen Lana del Rey nicht, sie können nur nicht genau sagen, warum. Aber ich weiß es. Lana del Rey präsentiert ziemlich forciert eine Weiblichkeit, die in den letzten 30 Jahren des Geschlechterkampfes gesellschaftlich denunziert und diffamiert wurde, mit dem Ziel einer vollständigen Eradikation. Die meisten Frauen, die ich kenne (statistisch nicht repräsentativ!) haben daher den Weg einer schleichenden Selbstvirilisierung eingeschlagen, um in den Karriereschlachten männliche Positionen zu besetzen. (Eines der unerquicklichsten Beispiele ist zur Zeit Minister Ursula von der Leyen).
Lana del Rey kümmert sich einen Dreck um so etwas, das ärgert die meisten Frauen, die ich kenne, und darum mag ich Lana del Rey.


4. August 2012

Läßt der Europhantast Marc Beise in seinem, mit Verlaub, schmalzigen Artikel über den Niedergang des Euro, SZ vom Wochenende, tiefere Einsichten durchblicken? Kommt mir nicht so vor. Wir haben eigentlich nur zwei Items mitgenommen:
1) Volkswirtschaft ist keine Wissenschaft.
2) Eine europäische politische Union ist eine Wahnidee.
Das wußten wir auch schon vorher. Leider hat uns keiner gefragt.
Siehe auch: Europa.


15. Juli 2012

Der auch als Schriftsteller dilettierende Physiker Ralf Bönt äußerte kürzlich in der SZ Inkompetentes zum gegenwärtigen Medienbrüller Beschneidung. Sie sei eine sexuelle Enteignung allerersten Ranges, man schneide die männliche Empfindlichkeit ab, Geschlechtsverkehr sei dadurch schmerzhaft, Orgasmen schwierig, Erektionen labil und was nicht noch, wettert Bönt.
Seit den 90-er Jahren gibt es eine, moglicherweise politischer Korrektheit zu verdankende und besonders in den USA aktive Bewegung gegen die männliche Beschneidung mit deutlichen feministisch-ideologischen Impulsen. Mit Hilfe statistischer Erhebungen versuchen die Vertreter dieser Bewegung zu beweisen, daß die Beschneidung der Vorhaut weiblicher Sexualität in vielfacher Form abträglich sei. Die Validität dieser Erhebungen ist fragwürdig: die Studien sind nicht randomisiert, die befragten Frauen stammen gewöhnlich aus einem Anti-Beschneidungsmilieu, die Fragen selbst beziehen sich in unkritischer Weise ausschließlich auf die Mechanik des Geschlechtsaktes, man scheut sich nicht, die Ergebnisse einschlägiger Versuche und Beobachtungen an Ratten, Mäusen und Makaken als Belege einzubeziehen.
Auf derartige Studien beruft sich auch Ralf Bönt.
Entsprechende Fachliteratur teilen wir auf Anfrage gerne mit, doch interessiert uns eigentlich nur das Ausmaß der Verstiegenheiten, zu dem ideologische Verwirrung im Zweifelsfall führen kann.
Leider haben nun auch Vertreter der jüdischen Glaubensgemeinschaft den Bogen merklich überspannt. Reflexartig mußte wieder einmal der Holocaust herhalten, um das Kölner Beschneidungsurteil zu kritisieren. Warum immer gleich die allerschwersten Kaliber, hochwürdige Herren Rabbiner? Geht's vielleicht nicht auch mal eine Nummer kleiner? Das deutsche schlechte Gewissen ist gegenüber allem Jüdischen noch immer empfindlich und leicht erpreßbar, das muß nicht unbedingt in jedem Fall genutzt werden, und vielleicht sollte man nicht übersehen, daß in der Beschneidungsfrage eine völlig ungewohnte Einmütigkeit und Gleichheit der Interessen zwischen Juden und Muslimen herrscht, das war ja noch nie da.
Soll man sich darüber nun freuen oder nur wundern?
Welche Aussicht auf eine gesetzliche Sonderregelung hätte die Angelegenheit wohl gehabt, wenn sie nur die Muslime allein beträfe, oder darf man so eine Frage vielleicht gar nicht stellen?
Das nur am Rande.


2. Juli 2012

Nun ist Hermann Hesse schon 50 Jahre tot, ich trauere ihm nicht nach und bin noch immer nicht bei ihm angekommen, oder er nicht bei mir, obwohl eine gewisse Bruderschaft im Geist nicht zu leugnen ist: dieses für sich sein wollen, niemandem angehören, die Wirklichkeit geringschätzen. Aber es wurde nichts daraus. Das Glasperlenspiel: langweilig, Narziß und Goldmund: langweilig und kitschig, die Gedichte: kitschig und redundant, und ich ahne: wer vor der Vollendung des 19. Lebensjahres Siddharta nicht gelesen hat, braucht gar nicht mehr damit anzufangen, ach, all die Kinder, die beim ersten Bartflaum durch Vietnam und Laos und Cambodja taumeln, Siddharta und Lonely Planet im Gepäck, und das Objekt ihrer Sehnsucht nicht finden. Unterm Rad ging noch durch, Internatsgeschichten mag ich halt, doch höre ich hier schon einen unglaubwürdig halbhohen Ton, eine madige Selbstgefälligkeit, man spürt den Egozentrismus dieses Leidenden, der an eine Art von Eitelkeit herankommt. Ganz und gar unerträglich, wenn Hesse-Texte zu Lebens- und Altersweisheitsbüchern haschiert werden. Jetzt will ich noch einmal Demian und Steppenwolf als Hörbuch versuchen, aber dann ist Schluß.


8. Juni 2012

Hallo Pressevertreter,
hiermit teilen wir Euch mit, daß wir ab sofort auf den Begriff Schleckerfrauen liebend gern verzichten würden. Wir finden es schlimm genug, wenn jemand allen Ernstes Schlecker heißt. Frauen sind uns schon in vielen merkwürdigen Rollen begegnet, Trümmerfrauen, Hausfrauen, Ehefrauen, Quotenfrauen und vieles mehr, das macht ja vielleicht den schillernden Reiz der Weiblichkeit gerade aus, doch Schleckerfrauen, die nun in hellen Haufen marodierend durch die Medien unseres Vaterlandes stromern, kannten wir bisher noch nicht, und wir möchten ihnen nicht mal im dunkeln in die Arme laufen, geschweige denn von ihnen im Seniorenheim gepflegt werden, noch ihnen die Obhut unserer Kinder anvertrauen. Wir sind wir an Kontakten jedweder Form mit ihnen vollkommen desinteressiert. Sollten trotzdem Schleckerfrauen im öffentlichen Raum noch einmal auftauchen, wird sofort zurückgeschossen.
Mit ergebenen Grüßen,
Euer Ed van Schleck


12. Mai 2012

Wer über Neonazis und Rechtsradikalismus schreiben möchte, sollte das dann auch tun und nur das. Doch mindestens täglich einmal lesen wir in den Postillen des Qualitätsjournalismus etwas von rechtem Gedankengut, rechten Gruppierungen und was nicht noch. Rechtes Gedankengut, so finden wir, das kann doch nichts Falsches sein. Und rechts gehört ins demokratische Spektrum, oder etwa nicht? Oder sitzen die C-Parteien etwa nicht auf der rechten Bank?
Der Fall dürfte klar sein, Zeitungsschreiber. Wenn ihr Neofaschismus meint, dann schreibt bitte auch Neofaschismus, so schwer ist das nicht, und wenn ihr rechtsradikal meint, dann schreibt rechtsradikal. Verstanden? Gut.
Und noch was zum Thema: Alt- und Neofaschismus und Rechtsradikalismus gibt es in der BRD, seit es sie gibt. Erst waren es die noch ziemlich jungen alten Kämpfer (Akte Odessa etc.), dann trat 1964 die NPD auf den Plan. Ein paar Jahre später sprach einmal Adolf von Thadden, der damalige Anführer der Partei, in München auf dem Auer Dult Platz hinter Plexiglasschutz. Er wurde niedergebrüllt, ich war dabei. Ein paarmal gewann die NPD Sitze in Landesparlamenten, wo die Abgeordneten dann regelmäßig nichts mehr von sich hören ließen. Normalerweise kommt die Partei bundesweit nicht über zwei bis drei Prozent aller Stimmen. Mit zwei bis drei Prozent Neofaschismus hat also die Gesellschaft zu rechnen, die muß sie verkraften, und zwar mit allen Mitteln des sogenannten Rechtsstaats, sie muß ja auch manches andere Unerfreuliche verkraften, dazu fällt bestimmt jedem was Nettes ein.


11. Mai 2012

Eben den Roman Tschick von Wolfgang Herrndorf gelesen. War da was? Ganz am Anfang des Buchs fielen mir zwei Seiten Zitate aus Gefälligkeitsrezensionen auf (glauben Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben), davon am peinlichsten Felicitas von Lovenberg, ein Name, der zuverlässig für Dumpfsinn bürgt. Der Held heißt Maik, also DDR, spricht eine bemüht nervige Jugendsprache. Einerseits flüssig lesbar, andererseits überflüssig, durchaus sentimental, ohne Biß. Weg.
Aber diese kleinhäusige untere Mittelmäßigkeit ohne jeden weiteren Anspruch als das eigene auswechselbare Dasein schmerzt denn doch, und wie jung muß man sich eigentlich machen, um so etwas ernstlich gut zu finden? Unter den Lobern finde ich sogar den Namen des von mir geschätzten Gustav Seibt (SZ), den ich wegen seiner Allwissenheit oft bewundert habe, wie ist das möglich? Warum lese ich, wenn ich genauso gut nicht lesen könnte?


10. Mai 2012

Eine in letzter Zeit überstrapazierte Redeweise lautet verallgemeinert: A gehört zu B. In der normalen Sprache drücken wir auf diese Weise etwa folgendes aus: A ist unverzichtbarer oder auch unveräußerlicher Bestandteil von B, so daß B ohne A unvollständig oder fragmentiert, d.h. einer wesentlichen Eigenschaft beraubt wäre.
Betrachten wir nun die Aussage Der Islam gehört zu Deutschland mit diesem Rüstzeug, so ergibt sich etwa folgendes Bedeutungsfeld: Der Islam ist integraler Bestandteil Deutschlands, ohne ihn würde Deutschland ein wesentlicher Teil seiner Kultur fehlen.
Diese Aussage ist offenkundig falsch.
Richtig wäre folgende Aussage: In Deutschland leben seit einigen Jahren mehrere Millionen Menschen, die der islamischen Religion angehören. Diesem Satz könnte noch hinzugefügt werden, daß die Ausübung dieser Religion durch das Grundrecht der Religionsfreiheit geschützt wird, aber das ist nicht weniger als selbstverständlich, und das gilt für alle anderen Religionen, die in Deutschland praktiziert werden.
Die gehört-zu-Aussage der selbsternannten Islamfreunde ist dagegen unnötig und überflüssig, möglicherweise sogar unerwünscht. Sie ist nicht minder ideologisch als die gehört-nicht-zu-Aussage der Islamfeinde.
Wir müssen den Islam nicht lieben, um ihn zu tolerieren, und wir haben keinen Anlaß, ihn zu hassen. Allerdings erwarten wir, daß er seinerseits das Christentum (übrigens auch das Judentum nebenbei) toleriert, auch wenn er es nicht liebt.
Kriminalität, die im Namen oder unter dem Deckmantel einer Religion verübt wird, ist eine ganz andere Angelegenheit, die von den zuständigen Stellen bearbeitet werden muß.

Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung dagegen empfehlen wir, einfach mal den Schaum vom Mund zu wischen und sich ein kühles Helles einzuschenken, vielleicht sieht er dann einmal klarer.


4. Mai 2012

Der Fall des blinden Chinesen Chen Guangcheng offenbart eine unglaubliche, ja skandalöse Naivität der US-amerikanischen Behörden gegenüber den Verhältnissen in China. Der Mann war schon sicher in der Botschaft, da schickt man ihn wieder fort, als ob dort die Gefängnisse nicht voll wären von Bürgerrechtlern und Dissidenten: wir erinnern stellvertretend an den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, wir erinnern auch an die Bücher von Liao Yiwu (Für ein Lied und hundert Lieder), Ma Jian (Peking Koma) und andere. In China existieren keine Menschenrechte, und wenn gedroht wird, man werde Chens Frau zu Tode prügeln, wie zu lesen war, dann ist diese Drohung ernstzunehmen. Doch die Amerikaner nehmen China nur als ökonomischen Faktor ernst, die angeblichen Werte der westlichen Welt interessieren einen Dreck. Man wird Chen nicht ausreisen lassen, schon jetzt ist sein Name aus den westlichen Medien verschwunden, schon bald wird er selbst verschwunden sein.


3. Mai 2012

Nochmal kurz zum Sport, wenn's recht ist. Woher kommt diese seltsame Neigung, sportliche Großwettkämpfe in, milde gesprochen, demokratisch unterentwickelten Ländern abzuhalten? Olympiade in China, Eurofußball in der Ukraine, Eishockey in Weißrußland. Die Erklärung ist einfach und altbekannt:
Sport selber ist nicht nur demokratisch unterentwickelt sondern seinem Wesen nach oligarchisch, totalitär und faschistisch. Im Sport herrschen ausschließlich das Recht und die Macht des Stärkeren, es gelten uneingeschränkt das Führerprinzip und ein enthemmter Tribalismus. Nur der Sieg zählt, die Regeln sind einfach, es gibt keine Kompromisse, Gefangene werden nicht gemacht, wer Schwächen zeigt, ist raus, und der Zweck heiligt die Mittel.
Mens sana in corpore sano.
In den archaischen Formen des sportlichen Wettkampfs manifestiert sich ein primitiver Sozialdarwinismus als Metapher. Damit stillt der Sport die tiefe Sehnsucht der Massen nach einer eindimensionalen und überschaubaren Welt, in der alles und jeder seinen Platz hat, nach Identifikation und Gemeinschaft im großen Ganzen, und die kannibalische Gier nach dem Endsieg über die bösen Feinde dieser Welt.

Das ist weder neu noch originell und schon tausendmal gesagt worden, doch die Sportfunktionäre wollen offiziell davon nichts wissen, und belästigen uns immer wieder mit ihrem ebenso naiven wie pathetisch verlogenen Geschwuchtel von einer angeblich völkerverbindenden und demokratiefördernden Auswirkung internationaler Sportevente, und wie man unterm Wutgeheul des Stadions einem so traurig zurückgebliebenen Land wie zum Beispiel der Ukraine ein Podium verschaffen könne, auf dem es der Welt in anderem Licht sich präsentieren könne. Gleichzeitig beteuern und beschwören sie unerschütterter Miene, Sport sei unpolitisch und bemerken nicht den krassen Widerspruch, in dem sie da heillos verstrickt sind. Sie und ihr Denken, sofern sie denken, stammen eben aus der Welt des Sports, in der es scheinbar keine Widersprüche gibt, also aus einer Welt, die es gar nicht gibt.

Mich beutelt dann eine unbändige Verzweiflung, wenn ich immer wieder sehe und höre, wie unter anderem bronzierte Gesichter von Erfolgsmänätschern und früheren Torschützenkönigen über die wahren Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts sich hinwegsetzen, als wäre dieses Jahrhundert ein Fußballstadion ohne Zeit und Raum. Wie man doch hilflos dasteht und dem Unsinn ins Gesicht zu sehen hat. Aber ich komme aus dem 20. Jahrhundert, und ich kenne die Welt besser als solche und ähnliche Antichambreure des Globalismus.

Übrigens geht es nicht um Julija Timoschenko. Sie steht nur stellvertretend für den Rest ihrer inhaftierten ehemaligen Regierung, an die zwanzig sollen es sein, und für offenkundige Rechtlosigkeit in diesem postsozialistischen Duodezland. Gäbe es hierzulande für schlechte oder falsche Politik Gefängnisstrafen, man müßte dringend neue Knäste bauen, und die wären jederzeit überfüllt.


28. April 2012

Plötzlich nun doch schweres Geschütz gegen die Ukraine. Das ist einerseits gut so, andererseits merkwürdig. Vergleicht man die Stimmen mit jenen bei der Olympiade in Peking vor zwei Jahren, so fällt doch ein deutlicher Unterschied auf: China wurde hemmungslos bejubelt, als stünde der Einzug der Demokratie vor der Tür. Aber die Ukraine ist eben nicht China, ihr Pech. Gegen die Ukraine wettern, ist viel leichter und tut niemandem weh, denn die Ukraine, sagen wir's doch, wie es ist, brauchen wir eigentlich nicht, die nervt bloß.
Wirtschaftlich hat sie nichts zu bieten, da muß man auch keine Rücksicht nehmen. Das politische Personal dort tritt durch die Bank tölpelhaft auf, die Kriminalität, inklusive Drogenumschlag und Prostitution, ist hoch, der kulturelle Output niedrig, da kann auch eine Fußballmeisterschaft nichts reißen. Die Olympiade in der gelben Diktatur war eine satte Propagandaschlacht für China. Gebracht hat sie nichts, weil das, was vorher schon klar war, hinterher genauso klar war, nur die westlichen Jubilanten von damals sind in der Versenkung verschwunden. Jubilanten für die Ukraine kommen aus der Versenkung gar nicht erst heraus, sie heißen zum Beispiel Michel Platini und sind so unbedarft wie die Ukraine selbst.


25. April 2012

Was eigentlich gesagt werden müßte aber nicht gesagt wird: Kürzlich hat, wie universumweit bekannt ist, wieder einmal der poetische Schließmuskel des Herrn Günter Grass versagt. Nachdem der Shitstorm der öffentlich-rechtlichen Erregung sich gelegt hat und dem Zephir üblicher Nichtigkeiten wieder Platz gemacht hat, lesen wir viel über die Mißhandlungen, die man im ukrainischen Knast von Charkiw der ehemaligen Regentin Julia Timoschenko, vermutlich auf Anweisung des nun herrschenden Altnomenklaturisten Janukowitsch, angedeihen läßt. Die Location Ukraine dürfte Frontkämpfern des WK II noch ein, wenn auch unerfreulicher, Begriff sein, dem europäischen Fußballbürger wird sie in einigen Wochen zwischen Grill und Glotze zumindest ein virtueller werden.
Einige Exponenten der EU haben jetzt erste lammzahme Protestle, einem Wattepusten gleich, unter sich gelassen, was aber eigentlich gesagt werden müßte, sagt keiner, denn Herr Grass hat seine Munition ja schon verschossen:

BOYKOTT DER FUSSBALLEUROPAMEISTERSCHAFT!!! INTERNATIONALE ISOLATION DER UKRAINE!!! WEG MIT JANUKOWITSCH!!!

17. März 2012

Mein Kampf wird wieder aufgelegt. Großes Geplärr. Warum?
Wer je, weil er z.B. Geschichte studiert hat, dieses Machwerk lesen mußte, und sei es nur in Auszügen, weiß, daß die Lektüre dieses schauderhaft langweiligen Jumbopamphlets im Stil eines entfesselten Stammtischbürgers (jetzt Wutbürger), nichts weiter ist als eine grauenhafte Qual, und das war es auch schon damals. Kaum jemand hatte es gelesen, und auch jetzt wird es niemand lesen, der sich einen Rest Selbstachtung bewahrt hat. Der Nationalsozialismus verdankte seine Wirkungsmacht anderen, komplexeren Mechanismen, ganz sicher nicht diesem Druckerzeugnis. Die Ehre eines verbotenen Buchs sollte man der peinlichen Schrift nicht auch noch erweisen.

Geschichte wiederholt sich nicht, merkt euch das endlich mal. Vorhergesagtes Unheil tritt nie ein, siehe Vogelgrippe. Das nächste Schreckliche wird uns wieder unvorbereitet treffen oder gar nicht, denn das ist das Wesen des Schrecklichen, und eben das ist das schreckliche daran.


13. März 2012

In der ZEIT hat Ulrich Greiner, alterprobter Recke der Lit-Kritik, einen Roman der uns bis jetzt unbekannten Autorin Anna Katharina Hahn, Am schwarzen Berg, dermaßen zur Schnecke gemacht, daß wir schon dachten, die Dame nimmt sich jetzt einen Strick. Heute in der Lit-Beilage der SZ jubelt uns Ina Hartwig just von diesem Roman in den allerhöchsten Tönen etwas vor.
Ja was nun? Wem sollen wir glauben? Sind die etwa nicht objektiv? Wie kann das sein? Müssen wir die Schote jetzt lesen, um uns selbst ein Urteil zu bilden?
Müßten wir vielleicht, tun wir aber nicht, wir wissen auch so wer recht hat, nämlich Ulrich Greiner. Er zitiert einfach ein paar Textstücke, und das reicht dann schon, während Ina Hartwig sich an einer Art Inhaltsangabe abarbeitet. Inhalt ist aber Schall und Rauch, wenn die Sprache nicht stimmt.


5. März 2012

Gegen Joachim Gauck wird derzeit eine üble Rufmord- und Vernichtungskampagne in der taz und anderen Postillen lanciert, in denen Alt-, Spät- und Nachachtundsechziger ihren sklerosierten Dogmen und Denkgewohnheiten Zucker geben. Der Haß nimmt beinahe islamistische Dimensionen an, wenn es um das Tabu der Singularität des sogenannten Holocaust geht. Das Ätzen und Geifern ist auch darum so unversöhnlich, weil Herr Gauck diesen Leuten intellektuell nicht nur gewachsen sondern haushoch überlegen ist. Das hat keiner gerne. Da hilft am Ende wohl nur noch eine Fatwa gegen Herrn Gauck.
Wir möchten daher Gustav Seibt danken der in der SZ Gaucks Rolle als Bürgerrechtler klargestellt hat. Ebenso danken wir Götz Aly der sich in der ZEIT zur Frage des Holocaust kompetent geäußert hat.
Leider wissen wir auch, daß es nichts nützen wird.


3. März 2012

Hilmar Klute von der SZ möchten wir für seinen Artikel über Gesinnungshuberei herzlich danken. Hätte etwas schärfer sein können, aber immerhin, und vor allem hat er das Wort kokosnußdumm erfunden, bezieht sich auf ein Vorwort von Elfriede Jelinek. Kokosnußdumm erinnert zwar an den Film Die Ritter der Kokosnuß, den schlechtesten Film aller Zeiten, hat nur den Nachteil, es ist etwas zu lang. Wir kennen strunzdumm, steindumm, strohdumm, lauter einsilbige adverbielle Erweiterungen, die der Dummheit auf die Sprünge helfen. Kokosnußdumm erinnert aber auch an dumme Nuß, das paßt dann wieder ganz gut, vor allem in Hinblick auf Elfriede Jelinek, die sich im gesamten Feminismus- und Gesinnungsbereich als eine der schlimmsten Nervensägen aller Zeiten aufführt.


27. Februar 2012

Andreas Zielcke, ein Exponent des Qualitätsjournalismus belehrt uns über den neuen Präsidentschaftskandidaten: Seiner Freiheitsidee als subjektiver Kraft der Selbstbehauptung fehle der Anschluß an die politische Realität, sie ermangle jeglicher konkretisierender institutioneller Substanz, sei religiös-existenzialistisch angelegt, liefere keine angemessenen ökonomischen und politischen Entfaltungsoptionen etc. und hey okay hallo hi.

Der intellektuell sich gebärdende, begriffliche Dampf, der hier aufgewirbelt wird, ist geeignet, den Blick zu vernebeln. Versucht man, aus derart wolkiger und vor allem eitler Phrasenhuberei, um nicht zu sagen Bullshit, statt Entfaltungsoptionen einen konkreten Gedanken zu filtern, so ergibt sich rasch die simple These, Freiheit müsse bürokratisch eingeschränkt werden, wenn Realpolitik dies erforderlich mache. Freiheitsrechte sind geltendes Recht, aber das Nähere regelt ein Bundesgesetz und in manchen Fällen so nachhaltig, bis von der Freiheit nichts mehr übrig ist.
Freiheit hat derzeit eine elend schlechte Presse, jedenfalls im Westen, der seit fast 70 Jahren Freiheit in vollen Zügen genießt, ohne es zu merken, denn mit der Freiheit die man hat, ist es wie mit der Gesundheit: man vermißt sie erst, wenn sie fehlt.

Veganismus, Rauchverbote, Frauenbewegung, Völkermordleugnung, Behindertensex, Schwulenemanzipation, Tierschutz, Islamistische Korrektheit, Intersexualismus, Sprachregelungen, Ökologie und was es sonst an Irrwegen im Dickicht der modernen Orientierungslosigkeit noch alles so gibt, haben kritisches Denken seit langem weichgehämmert. In diesem Sumpf der Tabus ist das Vertrauen ins Augenscheinliche längst perdu. Derzeit ist Gleichheit wieder schwer im Kommen, und sie verträgt sich mit Freiheit traditionell schlecht, auch wenn sie sich als Chancengleichheit und/oder soziale Gerechtigkeit maskiert. Niemand weiß genau, was das sein soll, auch der Philosoph-für-alle-Philosoph David Precht weiß es nicht, er tut nur so, aber sieht unheimlich gut aus, der Junge, da könnte man glatt neidisch werden.
Freiheit erleidet in der gesellschaftlichen Praxis notwendig Beschneidungen. Über abstrakte Freiheitsbegriffe zu räsonieren ist unfruchtbar, die Sehnsucht danach ist ein eminent deutsches Gefühl, dem wir uns an Lagerfeuern manchmal gerne hingeben, doch auch Lagerfeuer sind jetzt nur noch Grillfeuer einer pauschalen Verblödung.


2. Februar 2012

Die Durchwurstung der geschundenen deutschen Sprache mit Unsäglichkeiten ist nicht aufzuhalten, wir wissen es, doch schweigen können wir nicht. Seit einigen Jahren hat das von Haus aus harmlose Verb aufstellen eine schaurig erfolgreiche Karriere im Verblödungsjargon des Managerschnacks hingelegt.
Da kann es z.B. heißen: die Entwicklungsabteilungsabteilung für unser neues Schindludermodell ist hervorragend aufgestellt, was in Wahrheit heißen soll: in dieser Abteilung arbeiten fähige Leute, die in der Lage sind, aus dem neuen Schindludermodell einen großen Erfolg zu machen.

Seither ist jeder, der irgend etwas einfach gut kann, gut aufgestellt.
Warum übrigens nicht durchgesponst, aufgebrunzt, hingeschnatzt, abgesuppt, aufgekackt, oder was? Das wissen wir leider auch nicht.

Reinhard Brembeck ist der am besten aufgestellte Karnevalist der Musikberichterstattung in der SZ seit Joachim Kaiser und hat jetzt folgendes von sich gegeben: der Tenor Jonas Kaufmann, schreibt Brembeck, sei auf der Karriereleiter schon sehr viel weiter als Lars Florian Vogt, (Zitat) zumal er vom Repertoire her viel breiter aufgestellt ist als der Kollege (Zitatende).
Da würgt's einen, gella?
Wenn der Bankfuzzy Ackermann in der letzten Vorstandssitzung etwas gesagt hätte wie z.B.: zumal ich von der Knete her viel breiter aufgestellt bin als meine Durchschnittskollegen, hätten wir den Kopf geschüttelt und ein Bier nachgeschenkt, aber so wie der Brembeck, also bitte, Herrschaften, das geht gar nicht, und zwar überhaupt nicht, und das muß endlich aufhören.

Wir fordern Herrn Brembeck und alle anderen, die derart beinblöde Formulierungen gerade noch auf der Zunge hatten, daher auf, erstens ihre linguistischen Plug-ins durch gezielte logopädische Behandlung deaktivieren zu lassen, zweitens beim Weltkulturerbebüro der UNESCO ein Bittgesuch zur Weiterverwendung der deutschen Sprache zu stellen, das jährlich erneuert werden muß, sonst droht ein Gang nach Canossa, der sich gewaschen hat.
Das wär's auch schon für heute.


31. Januar 2012

Wer das letzte Foto Frau Sarkozys (einst bekannt als Carla Bruni) gesehen hat, empfand vielleicht ein flüchtiges Gefühl uncharmanter Häme, denn wo ist sie hin, die klampfende Elfe von einst mit ihrem hingehauchten quelqu'un m'a dit? Nun ist sie von ihrer Wolke herniedergestiegen und eine der unseren geworden, eine pausbäckige Matrone grinst uns erdnah an. Haben wir damals in der Verzückung nicht richtig hingeschaut, oder will uns das Bild etwas sagen, das wir schon lange wissen:
Es hat keinen Sinn, erwachsen zu werden, und alt schon gar nicht.

Leider zeigt sich Anna Netrebko in kaum besserer Verfassung. Die russische Schönheit verwandelte sich in eine stämmige sibirische Traktoristin. Rolando Villazón tut uns jetzt schon leid. Hoffentlich ist es nur der Winterspeck unseres Mißvergnügens, der im Sommer geschmolzen sein wird. Muß denn Schönheit immer so flüchtig sein?


29. Januar 2012

Die Süddeutsche Zeitung hat sich wieder einmal rührend eines Tabuthemas angenommen: Behindertensex. Das war dringend nötig, wir konnten es kaum noch erwarten. Zwischen 7 bis 9 Millionen Behinderte soll es in Deutschland geben, eine fast unglaubliche Zahl, das wäre ja im Durchschnitt jeder zehnte. Aber egal, hier ist die Rede schließlich nicht von Behinderten sondern von Menschen mit Behinderung. Das ist erstens politisch korrekter und schließt zweitens körperliche Andersartigkeiten ein, die vielleicht weniger schwer sind als zum Beispiel eine Querschnittslähmug.
Sex auf Krankenschein haben wir uns schon immer gewünscht (leider zieht die AOK nicht mit), dennoch müssen wir den Artikel als politisch hochgradig unkorrekt und frauenfeindlich brandmarken, denn hier ist ausschließlich von den Bedürfnissen behinderter Männer die Rede, die im Puff Entspannung suchen.

Schamlos unverhohlen wird hier wieder einmal den Frauen die klassische Mutti- und Krankenschwesternrolle in ihrer niedrigsten Form zugedacht, deren einziger Zweck es ist, selbstlos dem bedürftigen Manne Erleichterung zu verschaffen.
War das nicht ein längst überwundenes Schema?
Empört euch, Frauen!
Vor allem aber: gibt es etwa keine behinderten Frauen, die nicht auch gerne mal wieder Sex hätten, und wie wird das Problem denn bitte da behandelt? Das würden wir doch unbedingt wissen wollen, und was ist mit behinderten Homosexuellen, und was es sonst noch alles gibt? Da besteht noch jede Menge Aufklärungsbedarf, Süddeutsche!


17. Januar 2012

Verschwendung: Das Remake von Verblendung ist etwas besser als die schwedische Verfilmung (Nils Arden Oplev), weil Daniel Craig der um Längen bessere Mikael Blomquist ist als Michael Nyqvist. Die übrigen Darsteller sind sich ebenbürtig, abgesehen von Robin Wright, die eine glaubwürdige Erika Berger bietet, im Gegensatz zu der unfaßbar drögen Lena Endre im Schwedenmovie. Roomey Mara und Noomi Rapace sind vom gleichen Kaliber, die Unterschiede sind kärglich, nur um ihretwillen lohnt sich der Film. David Finchers Schnitte sind übertrieben krass. Lisbeth Salander bleibt die einzig interessante Figur. Hat man das Buch gelesen und die Filme gesehen, bleibt es dabei, daß der skandinavische Kriminalroman in seiner Gesamtheit nichts taugt, und Stieg Larsson sein unfähigster Vertreter ist.


9. Januar 2012

Deutschland geht's wirklich prima. Seit Wochen gibt's kein anderes Thema als die Tölpeleien eines Präsidenten, der von Anfang an zweite Wahl war. Das Amt werde beschädigt, wird gedröhnt, besonders lauthals wie üblich von Heribert Prantl, dem Prinz Eisenherz der Menschenrechte. Kann man ein Amt beschädigen? Wie geht das? Geht natürlich gar nicht. Das Amt bleibt, was es ist, egal, wie sich sein Inhaber aufführt.


7. Dezember 2011

Hört endlich auf mit dem Eurogequatsche, es gibt Wichtigeres., z.B. die drei Violincellokonzerte von Carl Philip Emanuel Bach (Wq. 170-172). Die sind meiner Meinung nach nicht original für Cello geschrieben, auch wenn das Gegenteil behauptet wird. Eine neu herausgekommene Aufnahme mit Truls Mark und den Violons du Roy läßt ein bemerkenswert fades Cello hören, das sich von dem völlig uninspirierten Orchester kaum abhebt, kein Vergleich zu der Aufnahme der Version für Flöte (Wq. 22, 166 und 168) mit Eckart Haupt und dem Kammerorchester Carl Philip Emanuel Bach unter Hartmut Haenchen aus dem Jahr 1986 (Band IV einer Gesamtaufnahme von CPEs Werken, vermutlich das beste, was die DDR kurz vor ihrem Verschwinden noch herausgebracht hat). Also laßt Euch nicht verscheißern!


17. November 2011

In einem Interview mit der SZ sagte der ältere erfolgreiche Romanschriftsteller Wilhelm Genanzino kürzlich folgendes:
Ein älterer erfolgloser Schriftsteller ist das fürchterlichste, was es gibt.
Wir ergänzen:
Ein älterer hängengebliebener 68-er ist das zweitfürchterlichste, was es gibt.


14. November 2011

Einem Schreiber des Süddeutschen Zeitung gelang kürzlich eine recht treffliche Metapher: Berlusconi liegt auf dem politischen Sterbebett, schrieb er. Das kann man lassen, und es stimmt auch, aber Vorsicht: ein Sterbebett muß noch lange kein Totenbett sein, und selbst wenn jener sogenannte Cavaliere auf dem Totenbett läge, gälte die alte Regel: Totgesagte leben länger, und das gilt ganz besonders für diesen Herrn, sah er doch schon lange so aus, als sei er dem Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaut entsprungen.
War er nicht schon seit Jahren sein eigener Wiedergänger?

Wir wagen daher eine Prognose: Berlusconi kommt zurück, und zwar kommt er zurück, weil die Italiener ihn wieder wählen werden, und zwar einfach deshalb, weil sie keine Wahl haben werden. Es gibt nämlich keine Alternative zu Berlusconi, denn Berlusconi ist Italien. Er ist nicht das Italien deutscher Nostalgiker, sei es jener, die in Cattolica auf dem Teutonengrill schmoren, sei es jener, die in der Sixtinischen Kapelle Erweckungserlebnisse haben; es ist das Italien der kleinen und großen alltäglichen Gaunerei (fregatura, imbroglio ecc), die in diesem Land überlebensnotwendig ist, um sich vor dem Zugriff einer totalitären Bürokratie zu schützen. Wer in Italien Berlusconi wählt, wählt sich selbst, und das ist immer noch das beste, wahrscheinlich das einzige, das man dort noch wählen kann.

Ein wenig sind wir gerührt, wenn nun das andere Italien einmal mehr wiederbelebt werden soll, das seit langem nur noch vegetiert, jenes Italien des Signor Mario Monti, und wenn La Repubblica ergriffen beschreibt, wie dieser würdige untadelige Herr, nur mit einem bescheidenen Rollkoffer bewaffnet, per Linienflug in Rom ankommt und seine Frau am Bahnhof Termini abholt, ohne von den Menschen erkannt zu werden, während der Großparvenu Berlusconi sich mit imperialer Eskorte durch die ewige Stadt zum Palazzo Grazioli brettern läßt, wo schon die feschen Muschis auf ihn warten. (Auch dieses Italien eines uferlosen Hedonismus wurde stets bewundert.)

Aber die italienische Misere ist ein Strukturproblem, wie all die anderen Miseren auch (übrigens auch die deutsche), das löst keiner, das wird immer so bleiben. Alle wissen das, aber niemand wagt, es auszusprechen, und wer behauptet, es nicht zu wissen, ist nicht von dieser Welt.
Ob nun der Euro gerettet wird, oder die europäische Gemeinschaft, die keiner will, und die es auch gar nicht wirklich gibt, und nie geben wird (höchstens als Hirnblähung hoffnungsloser Spätromantiker), ob Schuldenberge abgetragen oder aufgehäuft werden, oder was auch immer, eines könnten wir vom Cavaliere lernen: ein gemeinsam geträllertes Liedchen kann Wunder vollbringen: meno male che Silvio c'è. Wenn uns in Europa etwas verbindet, dann ist es die Musik, deren Sprache versteht jeder.
Wo man singt, da laßt euch nieder.
Silvio weiß das.


11. November 2011

Neuerdings reißt es ein, daß Politiker sich ohne Schlips der Öffentlichkeit stellen (Vorbild Ahmadinejad). Für die meisten von Ihnen hat das fatale Folgen, denn die Schlipslosigkeit nimmt ihnen die letzte Krücke des Seins, man könnte auch sagen, den letzten Rest eines Scheins von Würde.
Holger Pfahls dagegen, ein notorischer Betrüger und Steuerhinterzieher, trägt immer Krawatte. Sie steht ihm gut, auch wenn er nun vier oder fünf Jahre in den Knast muß. Wenn er dereinst durch die Gefängnistore in die Freiheit schreitet, wird er sicher auch Krawatte tragen, und es wird so sein, als wäre nichts gewesen.
Herr Wowereit, der sogenannte regierende Bürgermeister von Berlin, leistete sich neulich einen Auftritt ohne Krawatte, wobei er unter dem Hemd ein Collegeburschi-T-Shirt anhatte und über dem Hemd eine Strickjacke etwa mittelblauer Färbung, darüber das anthrazitene Sakko. Zusammen mit seinen persönlichkeitsspezifischen Gesichtszügen (schläfrig-dröge Zufriedenheit oder zufrieden-dröge Schläfrigkeit?) sah er so aus wie unser Nachbar, wenn er mit der Zeitung unterm Arm gerade das Etagenklo verläßt, und die olfaktorischen Rückstände seiner Entleerungstätigkeit durchaus nicht ungenüßlich noch eine Weile durchs Treppenhaus hinter sich herwehen läßt.
Soviel Stilvergessenheit kann nur noch nach den Gesetzen der Scharia geahndet werden. Es muß in diesem Fall nicht unbedingt eine Steinigung sein, aber 30 Stockschläge auf die nackten Fußsohlen kämen sicher gut an. Herr Wowereit ist bekanntlich bekennender Homo (und das ist gut so), gehört also zu jener Menschengruppe, der man einen besonders verfeinerten Geschmack und hohe ästhetische Sensibilität nachsagt. Offenbar ist er aus der Art geschlagen.


28. Oktober 2011

Der staatlich geprüfte Bürgerschreck Frank Castorf hat uns nie sonderlich interessiert. Er ist jetzt der oberste Berlusconi des immer noch grassierenden Regietheaters, und bleibt einer der peinlichsten Exponenten dieser Gattung, aber das gilt in solchen Kreisen als Lob. Nun hat er in der SZ ein Interview gegeben und unser Vorurteil, unsere gefühlte Aversion rundum bestätigt. Doch merkwürdig, die anarcho-infantile Zerstörungswut, die ihn treibt, dieser exorbitante Haß auf die Spießerwelt, spüren wir das alles bei uns selber nicht auch?
Was könnte in diesem Zusammenhang die Destruktion des bürgerlichen Theaters bewirken? Nichts natürlich. Sie ist eine Dummheit, die Mode ward, und derart tritt sich das kaputtmachende Kind selber in den Hintern, wenn es Bewunderer findet.
Modischsein ist das, was Kastorf am meisten fürchtet, und genau das ist er geworden, enfant terrible im Öffentlichen Dienst. In der DDR konnte er sich noch mit Verweisen schmücken, im Westen räumt er Preise ab.

Man sieht es sehr deutlich bei den Proselyten. Bei ihnen vervielfacht sich das, diese Verkrampfungen des Modernseinwollens, des Künstlerseinwollens, des Provozierenwollens, die ganze Eitelkeit des Sei-du-selbst, Sei-anders, Schwimm-gegen-den-Strom, der fatale Irrtum der Originalität und des Individualismus. (Ich-sein-wollen ist bei den meisten ja an sich schon eine Unverschämtheit.) Derart sind heute die Empfehlungen der Mode- und Outdoorbranche, die machen den Konsumenten willig. Ein- oder zweimal mag es interessant sein, dann vorhersehbar und langweilig, und Langweiligsein war schon immer das schlimmste im Unterhaltungsgewerbe. Zur Standardausrüstung des Regietheaters gehören heute SS-Stiefel, Gestapo-Mäntel, dicke Dildos, Hektoliter künstlicher Ausscheidungsprodukte und Blut, viel Blut. Die zuliefernde Industrie hat das sicher enorm beflügelt, aber wer hat Angst vorm bösen Wolf?
Was ist nun der Unterschied? Der Unterschied ist das Intelligenzgefälle. Theater ist u.a. Camouflage, aber Wut, die sich nicht zu camouflieren versteht, ist leider nicht intelligent, dafür laut, und je lauter desto debiler. In den 70-er Jahren war das alles noch nicht so klar, da war man unter Umständen auch mal betroffen. Jetzt nimmer.

Wer geht überhaupt noch ins Theater? Ein kleines residuales Häuflein Bildungsbürger und ein abendfüllendes Heer von Rezensenten, die alle jubeln, wenn Castorf kommt, die Buhrufe der Opabande gehören als Hintergrundgebrummel dazu, und Menschen, die alles tun, nur um auf einer Bühne stehen zu dürfen, wird es immer geben. Castorf ist Mode, er liegt nicht nur im Trend, er ist der Trend, er tut, was man von ihm erwartet, enttäuscht nie. Brav.
Theater ist eine inzestuöse Veranstaltung geworden, die um ihrer selbst willen sich am Leben hält, und zu repräsentativen Zwecken an den Trögen der Kulturbürokratie gemästet wird. Subversiv kann es nicht sein, weil niemand Anstoß nimmt. Gebraucht wird es schon lange nicht mehr. Weg damit.


12. Oktober 2011

STEVE JOBS - DER MANN, DER DIE ZUKUNFT ERFAND (Der Spiegel)
DIE WELT VERLIERT EINEN VISIONÄR - STEVE JOBS (ARD)

Geht's noch?

Kommt runter, Leute, es reicht. Steve Jobs war nicht Jesus, er war kein Messias, er war auch kein Leonardo da Vinci, aber er war ein starker Typ, der jede Menge coole Ideen hatte, und er war hartnäckig und clever genug, um seine Ideen in die Tat umzusetzen. Als Mac-User der ersten Stunde hätten wir am meisten Grund, seinen Tod zu bedauern. Aus der Marke Apple hat er das gemacht, was sie heute ist: wunderbare Übereinstimmung von Ästhetik und Funktion. Das ist ihm vor allem deshalb gelungen, weil er eins nicht hatte: VISIONEN.

Visionen soll heute nämlich jeder haben, zum Glück bleiben die meisten folgenlos. Schon 16-jährige Hauptschulabgänger müssen beim Bewerbungsgespräch ums Praktikum an der Lidlkasse mindestens zwei bis drei hieb- und stichfeste Visionen vorweisen, sonst können sie gleich wieder nach Hause gehen.
Hier zeichnet sich inzwischen eine ernste Gefährdung der Volksgesundheit ab. Es besteht Handlungsbedarf.

Das epidemische Vorkommen von Visionen aller Schweregraden, auch VISIONIEREN oder VISIONISMUS genannt, hat - neuesten Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge - die Häufigkeit des Burn-out-Syndroms mittlerweile signifikant überrundet:

Das Leiden in seiner hartnäckigsten, selten jedoch letalen Form wird als DAUERVISIONISMUS oder auch VISIONSPRIAPISMUS bezeichnet. Der VISIONSPRIAPISMUS befällt in erster Linie das politische Personal jeglicher Couleur und aller Länder, insbesondere der westlichen Hemisphäre, gerne auch Künstler und andere Personen des Kreativbereichs, häufig sind Theaterregisseure betroffen.

Der MANIFESTE VISIONSPRIAPISMUS mit Übergängen in den MALIGNEN DEMENZVISIONISMUS, nach früherer Nomenklatur auch PERSEVERIERENDE VISIONSDEMENZ genannt, kann zwar vorübergehend durch intrazerebrale Dauerinfusionen mit unserem neu entwickelten, von der Food And Drug Administration (FDA) auch in den USA bereits zugelassenen Visionsverhütungsmittel VISIONEX® gelindert werden, eine dauerhafte Heilung ist jedoch noch nicht zu erwarten, und die leider sehr hochpreisige Behandlung erfordert zudem stationäre Aufnahme in einer hierfür spezialisierten Einrichtung.

Wir bedauern zutiefst, VISIONEX® nicht bereits an einigen der bekanntesten MALIGNEN VISIONÄRE der Weltgeschichte (Hitler, Stalin, Mao Tse Tung, Pol Pot et al.) erprobt haben zu können. Diese Herren hat ein gnädiges Schicksal voreilig von weltlicher Qual erlöst.

Bei der historischen Analyse des VISIONISMUS bis in die Gegenwart fällt auf, daß nahezu ausschließlich Angehörige männlichen Genders befallen werden, eine Assoziation der Erkrankung an das Y-Chromosom ist daher nicht auszuschließen. Zwar wurde auch bei Frauen gelegentlich die Symptomatik eines Visionismus beschrieben (Cleopatra, Hildegard von Bingen, Claudia Roth), möglicherweise handelte es sich dabei aber um Erscheinungen eines PSEUDOVISIONISMUS, der sich nicht selten aufgrund massiven gesellschaftlichen Gruppendrucks entwickeln kann.

Eine hochgradig toxische Variante des Pseudovisionismus ist der Merkelsche KRYPTOVISIONISMUS, der maulwurfartig den Euro-Raum unterhöhlt und vom klassischen ANDROMORPHEN VISIONSPRIAPISMUS nicht zuverlässig abgegrenzt werden kann.

Leider sind die therapeutischen Möglichkeiten bis jetzt stark limitiert. VISIONEX® ist nicht unbegrenzt verfügbar und keineswegs nebenwirkungsfrei, führt es doch in einigen Fällen zu irreversibler kritischer Rationalität. Die Wiedereingliederung ins politische Gewerbe ist dann unter keinen Umständen mehr möglich.


2. Oktober 2011

In der Neuen Zürcher Zeitung erschien am 1. Oktober ein längerer Artikel über den Umgang mit Geschichte in der Volksrepublik China (Das organisisierte Vergessen von Matthias Messmer), über die dortige Aufarbeitung der Vergangenheit und die Bewertung historischer Schuld. In China gibt es dergleichen nicht.
Geschichtliche Wahrheit wird von der herrschenden Partei diktiert, irgendeine Neigung, Geschichte kritisch aufzuarbeiten wie das in Deutschland nach dem Dritten Reich geschah, wäre dort undenkbar.

Wenn nun Roland Jahn, neuer Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, 47 ehemalige Stasi-Angehörige versetzen lassen will, erhebt sich ein Sturm der Entrüstung. 20 Jahre nach der DDR, so der Tenor, sei Versöhnung angesagt (Peter-Michael Diestel, ehemaliger DDR-Innenminister, jetzt CDU), und vielleicht gilt ja für diese 47 der Spruch: Die schärfsten Kritiker der Molche waren früher selber solche, aber das wissen wir nicht, und es geht hier auch gar nicht um Versöhnung sondern um Aufklärung.

20 Jahre sind für die Aufarbeitung einer Diktatur ein kurzer Zeitraum, auch die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen kam erst nach etwa 20 Jahren richtig in die Gänge. 47 ehemalige Stasi-Leute sind dem gegenüber vielleicht eher marginal, aber die Tendenz, das Geschehene unter den Gebetsteppich kehren zu wollen, wird dadurch umso sichtbarer.

In der Wochenzeitung DIE ZEIT erschien an diesem Wochenende eine Lobeshymne auf Deutschland (Das gelobte Land), und die hier in mehr als 60 Jahren unermüdlich erarbeitete Diskussionskultur über die Nazi-Vergangenheit wurde ausdrücklich und zu Recht als ein wesentliches Merkmal der neuen Freiheit und zivilisatorischen Reife dieses Land dargestellt.

Mit anderen Worten: Geschichte hört nicht einfach auf, sie holt uns immer wieder ein, Schlußstriche werden nicht gezogen, schon gar nicht per Appell.
Das aggressive Interview, das Franziska Augstein mit oder besser gegen Herrn Jahn in der SZ geführt hat, war daher völlig fehl am Platz. Die Solidarität mit den Opfern, auf die Herr Jahn sich beruft, gilt für alle Opfer politischer Gewalt, unabhängig von Parteiinteressen. Offenbar fehlt aber nicht wenigen Vertretern der alten westlichen Welt und deren Medien, Frau Augstein eingeschlossen, jegliche Sensibilität dafür, was es bedeutet, Opfer einer Diktatur gewesen zu sein. Herr Jahn dagegen hat seinen Standpunkt unbeirrt und souverän vertreten.


29. September 2011

Ein Professor der uns normalerweise verhaßten Finanzwissenschaften, Stefan Homburg, sprach uns heute in der Süddeutschen aus dem Herzen: Der Euro wird zusammenbrechen.
Wir können es kaum erwarten. Herr Homburg sieht eine Inflation mit anschließender Währungsreform kommen, bei der naturgemäß unser Erspartes in den Sand gesetzt wird. Darauf freuen wir uns und haben schon mit der Flucht in die Sachwerte begonnen. Der einzelne Bürger könne nicht viel machen, sagt Herr Homburg und empfiehlt die Hinwendung zum Buddhismus.
Wird gemacht, danke, Herr Professor Homburg.
Om mani padme hum.


28. September 2011

Die Tracht hatte einst den Sinn, Zugehörigkeit zu zeigen, zur Familie, zum Stamm, zur ländlichen Gemeinschaft, und sie bedeutete Abgrenzung, Sonderung von den Anderen. (Das ist kein bayerisches Phänomen sondern ein Merkmal früher Kulturen.) Einiges davon hat überlebt in Form von Dresscodes, Uniformen, Abzeichen, Vereinsritualen.
Die alljährliche Kollektivmaskerade des urbanen Mittelstandsproletariats in München zur Zeit des Oktoberfestes zeigt jedoch nur die Zugehörigkeit zu nichts (schon gar nicht zu sich selbst) außer zur Anonymität der Masse. Wo aber keine Zugehörigkeit ist, da ist Abgrenzung kein Thema. Das einzige Thema der Tracht ist ihre eminente Sinnlosigkeit. Darum ist der Anblick massenhafter Trachtengänger so absurd ridikül.


26. September 2011

Die Süddeutsche Zeitung lancierte heute eine hochnotwichtige Botschaft: die Linkspartei, vulgo Die Linken, will sich wieder einmal neu erfinden (wie seit Jahrhunderten die FDP).
Sich neu erfinden ist von jenen 5 Millionen Dummschnacks, die tagaus tagein die öffentliche Rede verqualstern, einer der stupidesten. Jeder, der mal zu tief ins Klo gegriffen hat, erfindet sich jetzt neu, und - schlimmer noch - er verkündet es ungebeten von FAZ bis Facebook wie die Offenbarung des Johannes. Im Boomzeitalter der multiplen Persönlichkeiten ist das aber eigentlich nichts Besonderes.
Der Linkspartei möchten wir dagegen zurufen: bleib du, Linkspartei, bleib, wie du bist, bleib die alte, nämlich der 7. oder 8. Teebeutelaufguß der SED. Das wäre dann wenigstens einmal ehrlich, glaubhaft und von Dauer. Darum rufen wir dir auch noch folgendes zu: sei, Linkspartei, sei du selbst, denn dieses Sei-du-selbst ist ja eine prima Antwort auf die Sichselbstneuerfindung, ist es doch fast genauso dämlich wie jene. Wir sind aber sicher: du wirst es nicht schaffen.
100 Pro.


25. September 2011

Letzte Woche in Lech am Arlberg beim heurigen 15. Philosophicum trafen sich namhafte deutschsprachige Berufsdenker, um über das längst zu Tode gedroschene Thema Glück (Motto: Die Jagd nach dem Glück) den Delegierten ihr Nachgedachtes aufzutischen. Glück ist zur Zeit das angesagteste Thema, selbst in der Volkshochschule Gütersloh wird die Frage Was ist Glück? in Philosophiekursen (Abenteuer Philosophie) bis zum Umfallen bevölkerungsnah durchgeömmelt. Trotz Aristoteles und Eudaimonia ist jene Frage jedoch überhaupt keine Frage, zumindest keine philosophische, allenfalls ein Knackpunkt im Bereich Lebenshilfe, denn die Frage Was ist Glück? ist doch, ohne daß sie ausdrücklich gestellt worden wäre, längst beantwortet:

Glücklich ist, wer vergißt. (siehe dazu auch Johann Strauss: Die Fledermaus, oder war's vielleicht doch Franz Lehár: Die lustige Witwe? Ach, schaut doch einfach selber nach.)

Mit anderen Worten: Glück ist Demenz.

Bitte keine weiteren Fragen.


17. September 2011

Filmwarnung: eine neue, sogenannte F-i-l-m-k-o-m-ö-d-i-e aus Italien (Gianni und die Frauen - Gianni e le donne), kann zu paroxysmalen Depressionen führen. Fragen Sie nicht ihren Arzt oder Apotheker, fragen Sie mich: Dieser Film ist fundamental schlecht, schlechter geht's nicht, aber es handelt sich nicht um jene Art von Schlechtsein, die irgendwie schon wieder gut ist, so daß der Schwachsinn als Trash noch eben durchgehen könnte, dieser Film ist einfach nur schlecht, und zwar in jeder Hinsicht, und er ist so schlecht, daß mir kein passendes Attribut einfallen will (und das wirklich was heißen): sono rimasto senza parole. Nur eins sagte mir dieser Film:
Das italienische Kino ist nicht mehr existent!! Hier an Namen wie Fellini, Visconti, Pasolini, Antonioni und viele andere zu denken, käme Leichenfledderei gleich.
Gianni und die Frauen (vulgo: Silvio e le donne) spiegelt den Zustand eines Landes wider, das von seinen politischen Anführern nicht nur wirtschaftlich sondern vor allem kulturell irreversibel zugrundegerichtet wurde!!!


6. September 2011

Die Medien kommen einfach nicht weg von jener rindsdämlichen Rettungsschirmmetapher, obwohl neben Dusche und Badewanne inzwischen auch die Hängematte angeboten wird, in der Griechenland sich nun räkeln darf. Mindestens jeder zweite sogenannte Volkswirt redet von einem Dominoeffekt, falls Griechenland pleite geht, obwohl es schon pleite ist. Soll heißen, wenn Griechenland umfällt, fallen andere mit. Klingt irgendwie plausibel, ist es aber nicht, denn wenn das Pleiteland in der Euroclique bleibt und weiter durchgepäppelt wird, könnte das einen Anti-Dominoeffekt bewirken, soll heißen, jeder kann prassen, wie er will, keine Sorge, Deutschland, der Retter, ist nah.
Andererseits, ist Griechenland eigentlich so wichtig? Warum die Aufregung über dieses kleine, ökonomisch unbedeutende Land, das schon immer über seine Verhältnisse gelebt hat? Gesundschrumpfen wäre doch auch eine schöne Option. Das absurde Wachstumsdauergetöse der Volkswirte, diesen Totengräbern eines menschenwürdigen Daseins, ist doch schon lange nicht mehr auszuhalten. Sich davon endlich zu befreien, wäre Fortschritt, Fortschritt durch Rückschritt, und kaum ein Land ist dazu prädestinierter als Griechenland.


5. September 2011

Hiermit fordern wir dringend ein sofortiges Publikationsverbot für Margot Käßmann. Nach der berühmten sogenannten Trunkenheitsfahrt in Hannover, die sie Bischofsstab und Mitra kostete, haben Msgra. Margot als freiberufliche Seelenmasseuse erst so richtig aufgedreht. Kein Thema zu dem die ruhelose Geistliche nicht augenblicks eine garantiert linientreue, atom- und genfreie Erbauungsschrift abliefern würde, allezeit den Odem des Herrn im Nacken.
Wir sind von diesen protestantisch-korrekten Pamphleten inzwischen restlos bedient. Die enorm hohe Anpassungsbereitschaft des evangelisch-lutherischen Klerus an den jeweils herrschenden Zeitgeist ist uns schon immer gewaltig auf den Geist gegangen, stand doch diese Kirche, von spärlichsten Ausnahmen abgesehen, jederzeit auf der richtigen Seite. Zudem hat Frau Käßmanns Verhalten den vatikanischen Kongregationen gegen weibliches Priestertum sicher schwer Auftrieb gegeben. Da sieht man, was herauskommt, wenn Frauen geweihte Ämter innehaben, wird es heißen.
Die fromme Dame zum Schweigen zu bringen, wird allerdings keine leichte Aufgabe sein, das wissen wir. Vielleicht eilt nun in der Not Papa Benedetto zu Hilfe. In Kürze erwarten wir ja Seine Heiligkeit zum Heimaturlaub in der Reichshauptstadt. Wie wäre es da mit einer spontanen Seligsprechung Margot Käßmanns zu Lebzeiten? Das wäre nicht nur ein geschickter Schachzug in Richtung Ökumene, sondern würde der exbischöflichen Plaudertasche zumindest vorübergehend mal die Sprache verschlagen. Wirksamer wäre sicher die Internierung in einem Kloster mit Schweigegelübde. Weitere Anregungen und Vorschläge nehmen wir dankend entgegen.

PS Nachzudenken wäre am Rande noch über den Begriff Trunkenheitsfahrt. Das klingt einerseits nach Himmelfahrt und Entrücktsein, anderseits aber so, als wäre man gerne dabei gewesen, sogar in Hannover, da braucht man einfach ein paar Promille mehr. War bestimmt eine Pfundsgaudi, aber je mehr eine Sache Spaß macht, desto mehr ist sie auch verboten. Selber schuld, wer sich erwischen läßt.


10. August 2011

Als William Penn im 17. Jahrhundert eine europäische Idee entwickelte, war er viel zu früh dran, als Graf Coudenhove-Calergie 1924 sein paneuropäisches Manifest veröffentlichte, war die Zeit zwar reif, aber erst nach 1945 war der europäische Boden blutgetränkt genug. Die Notwendigkeit eines Staatenbundes, der künftig Kriege verhindern könnte, war nun offensichtlich. Auch war die Waffentechnik inzwischen so weit entwickelt, daß jeder neue Krieg in Europa Selbstmord gewesen wäre. Die europäische Gemeinschaft war am Anfang ein Gebot der Vernunft aus purer Not. Abgefahrene Visionen konnte man sich in der schweren Zeit nicht leisten. Dazu kam die Teilung in eine erste und zweite Welt, die 40 Jahre lang eine merkwürdige Stabilität erzeugte. Man erkannte sie erst im Nachhinein, nun trauert man ihr nach.
Seit 1989 gibt es diesen politischen Hintergrund nicht mehr, der Gedanke eines vereinten Europas ist zu einer schizoid-halluzinatorischen Wahnidee degeneriert. Das supranationale Behördenkonglomerat in Brüssel hat sich zu einem unkontrollierbar wuchernden, totalitären Machtmonster tumorartig aufgebläht, gegen das kein demokratisches Kraut mehr gewachsen ist. Eine neue Form von Diktatur oder Oligarchie entwickelt sich da gerade, und ihr auffälligstes Merkmal ist Anonymität, oder besser Pseudonymität, denn wir wissen nicht, ob jene Gestalten, die sich im Fernsehen gelegentlich zwei oder drei zerhackte Sätze abnudeln, leibhaftige menschliche Wesen sind, angemietete Schmierenkomödianten oder Hybride aus dem Cyberspace. Wir wissen nicht einmal, welche Rolle unsere eigenen Politiker, die sogenannten Volksvertreter, deren tatsächliche Existenz wir immer noch geneigt sind, für wahrscheinlich zu halten, in diesem unüberschaubaren Gewaltapparat spielen. Sind sie wirklich mehr als jederzeit austauschbare Statisten, die vor keiner Peinlichkeit des öffentlichen Auftritts zurückschrecken?

Wie kommt es, daß so viele Menschen, die nur die entrückten Sphären des Fernsehens und des Internets kennen, noch immer an Wirklichkeit zu glauben scheinen?


7. August 2011

Rezension kann so einfach sein. Vor mir liegt ein Inserat aus der SZ, das ein neues Buch bewirbt: Die Herrlichkeit des Lebens eines Autors namens Michael Kumpfmüller. Die schönste Liebesgeschichte des Herbstes schreibt dazu Felicitas von Lovenberg von der FAZ, also von den Höhen des Qualitätsjournalismus herunter. Tragisch-schöner Liebesroman ergänzt Oliver Jungen, ebenfalls FAZ. Während wir noch rätseln, was tragisch-schön wohl heißen könnte, versichert Sibylle Peine vom Stern: ein stiller und sehr feinfühliger Roman. Dieter Hildebrandt (wir wußten gar nicht, daß er noch unter uns weilt) von der Wochenzeitung Die Zeit bleibt verhalten: Die mutige Empathie ... ist beeindruckend. Schwingt hier leise Kritik mit? Nein, denn, so Elke Heidenreich von Die Welt: ein bewegend schöner, leiser Roman, und, so Knut Cordsen (BR) ein Buch voller Zurückhaltung und Demut. Nur Volker Weidermann (FAS), der klebrigste aller Schleimbeutel aus dem Rezensentengewerbe muß gleich wieder dröhnen: eine unglaublich zarte, schöne, poetische Liebesgeschichte.
Das Buch handelt vom Todeskampf Kafkas, erfährt man noch, also von etwas, das uns überhaupt nichts angeht. Rechts auf der Anzeige sieht man das Cover mit einem ostseeartigen, menschenarmen Strand, nur ein schwärzlicht Männlein sitzt einsam und verkrümmt im Sand nahe der Brandung. Seid rundum ergriffen, sagt uns das Bild.
Links aus dem Bild grinst Autor Kumpfmüller uns in die Fresse, als hätte er gerade eine Proktoskopie hinter sich gebracht.
Müssen wir dieses Buch nun auch noch lesen?


6. August 2011

Die englischen Plünderer haben genau das Richtige getan, keine abgedroschene politische Theorie, keine falschen Utopien, keine pathologischen Visionen. Sie haben nicht lange herumgequatscht, sie haben sich das genommen, was ihnen vorenthalten wird, was mehr sollten sie wollen? Was mehr gibt es überhaupt noch zu wollen? Leider erlahmte der Vandalismus viel zu rasch.
Längst ist alles gesagt. Mr Cameron hat es richtig erkannt: ein Riß geht durch die Gesellschaft, und zwar nicht nur durch die englische, und dieser Riß ist nicht heilbar. Wir wundern uns, daß es andernorts so ruhig bleibt. Sind die Menschen etwa zufrieden, glauben sie, in einer sozial und auch sonst gerechten Gesellschaft zu leben, die ihnen genau das gibt, was sie verdienen, oder sind sie nur besoffen? Die 68-er wären längst auf der Straße.


2. August 2011

Wenn zwanghafte Sexualität zum Volkssport geworden ist, dann ist Asexualität ein emanzipatorischer Akt. Daß sie als normale Verhaltensmöglichkeit überhaupt wahrgenommen wird, und nicht als Pathologie, glauben wir Volkmar Siguschs Studien verdanken zu dürfen, dessen ziemlich überdrehten 68-er-Stil wir sonst nicht übermäßig schätzen.

Über Charlotte Roche haben wir uns schon erschöpfend geäußert, und wir fügen dem naturgemäß nichts hinzu, denn immer noch ist YouPorn die bessere und billigere Alternative, so schnell wie möglich jedwede Lust zu verlieren.


29. Juli 2011

Wir fürchten Scheußliches. Einmal gab es einen Philosemitismus. Er war Reflex auf das Grauenvolle, das geschah, eine verständliche, wenn auch infantile Reaktion. Dann sah man, daß eine solche Haltung das gleiche Ressentiment begründete wie den Antisemitismus, nur mit anderem Vorzeichen, es hatte sich nur verkleidet, scheinbar unkenntlich gemacht.
Nun gibt es einen Philoislamismus. Man fragt sich, wieso und warum? Er scheint ein Reflex auf den Antiislamismus zu sein, der verschiedene Ursachen oder Gründe hat. Da ist die dumpfe Fremdenfeindlichkeit, die es in jeder Gesellschaft gibt, sei sie offen oder geschlossen. Verwunderlich nur, wie groß die Fremdenfeindlichkeit auch in einer so offenen Gesellschaft wie der hiesigen sein kann, aber das hat vor allem etwas mit Bildung, sozialer Stellung etc. zu tun, jedenfalls ist Fremdenfeindlichkeit eine durch und durch bescheuerte Einstellung, oder wie man das nennen soll.
Einige Merkmale des Islam sind jedoch nicht zu übersehen und müssen kritisiert werden, z.B. die Tendenz zum Terrorismus, die Festigkeit der Stammesgesellschaften, die Intoleranz gegen andere Religionen, die Macht der Theokratien, die unverständliche Haltung gegenüber Frauen, die Anwendung der Scharia. Das Faktische spielt in der Debatte leider kaum eine Rolle, weil im Hintergrund immer das Ideologische grummelt.
Die linken Philoislamisten müssen vor allem ihr latentes Ressentiment verstecken, darum wird jede Kritik am Islam als Fremdenfeindlichkeit und Antiislamismus sofort verdonnert. Wir sind die besseren Menschen, sagen diese Menschenfreunde, und die anderen sind die Bösen. Leider hat die Debatte mit einer rationalen Diskussion überhaupt nichts zu tun, darum nehmen wir an ihr auch nicht teil. Übersehen können wir sie allerdings nicht.


23. Juli 2011

Wir lechzen nach Zusammenbruch. Die abendländische westliche Kultur ist am Ende. Am Ende sein bedeutet natürlich kein Verschwinden, bis zum Verschwinden wird es noch sehr lange dauern, ganz verschwinden Kulturen ja nie; selbst wenn sie tief unter der Erde liegen, sind sie immer noch da, und wir graben sie aus. Aber so weit ist es noch nicht, und genau das bedauern wir. Wir sehnen uns nach Neuanfang, und wir wissen, daß wir ihn nicht erleben werden, denn die erstaunlichste Fähigkeit, die unsere Kultur noch hat trotz allem, ist jene, Münchhausen gleich am eigenen Zopf sich selbst immer wieder aus dem Sumpf zu ziehen.
Genau damit muß endlich Schluß sein, und der Zusammenbruch muß ein totaler sein. Kein jämmerlicher Bankrott irgendwelcher südlicher Gaunerstaaten, kein singulärer Einsturz irgendwelcher Wolkenkratzer, kein lokaler Tsunami, keine begrenzte Kernschmelze, nein, keine dieser kümmerlichen Kleinkatastrophen, an denen das Fernsehen sich mästet, und danach geht das Leben dann doch wieder weiter.
ALLES MUSS WEG, ALLES MUSS RAUS!
Lesen Sie Cormac MacCarthy: The Road. So könnte es sein.
Natürlich müssen wir dann selber auch dran glauben. Aber das macht nichts, denn wir sind überflüssig, ebenso wie die Welt, die wir geschaffen haben.


20. Juli 2011

Eine der überflüssigsten und dümmsten Veranstaltungen aller Zeiten war die sogenannte Loveparade. Letztes Jahr hat es dort eine furchtbare Panik gegeben, und dabei sind leider ein paar Teilnehmer zu Tode gekommen. Rein menschlich, also ohne Blick auf das Gesellschaftliche betrachtet, ist das schrecklich, und wir bedauern das. Ihrer wird dieser Tage gedacht, es soll ein Denkmal geben, und man sucht immer noch nach einem Verantwortlichen. Das ist womöglich noch dümmer als die Veranstaltung selber, denn die Verantwortung tragen die Teilnehmer allein. In der verwalteten Welt, der diese Jugendlichen für ein paar Stunden entrücken wollten, ist Selbstverantwortung aber nicht mehr vorgesehen. Das Prinzip Versicherung hat sie abgeschafft. Ein Oberbürgermeister mag sich nicht entschuldigen. Er hat recht, denn wofür eigentlich? Eine solche Entschuldigung wäre nichts als peinlich geworden, glaubhaftes Mitgefühl hätte gereicht. Die SZ, die bei Bedarf vor keiner Peinlichkeit zurückschreckt, widmet nun der Sache einen ihrer weinerlichen Stimmungsberichte auf Seite drei. So schafft sie die Quadratur des Kreises, indem sie die Dummheit noch potenziert. Eigentlich unglaublich.


21. Mai 2011

Nun hätten wir gerne auch einmal etwas über Griechenland gesagt, denn Griechenland ist viel weniger ein Land als ein Mythos, z.B. Brutstätte der europäischen Idee und der Demokratie, einschließlich des Schönen, Wahren, Guten.
Anfang der 60-er Jahre sattelten wir kurz nach dem Abitur unsere Räder, um in jenen arkadischen Gefilden zu wandeln, die wir von Homer, Thukydides, Platon, Aischylos und anderen so gut zu kennen glaubten. Unsere idealistisch aufgeheizte Naivität bewahrte uns vor grober Enttäuschung, und das Land war damals vom Tourismus noch kaum besudelt.
Fünfzehn Jahre später war alles anders: Die eulenäugige Athene war erblindet, die Samariaschlucht war überfüllt, die Ägäis war eine Müllkippe, und das Orakel von Delphi längst verstummt. Wir reisten nie wieder hin.
Jetzt ist Griechenland am Ende, Griechenland ist abgebrannt, und wir finden das richtig so, ja wir finden es gut. Ein Land wie Griechenland könnte niemals ein Erfolgsland werden, ein ökonomisches Überraschungsei, ein Industriekonzentrat, ein Wohlstandsmonster, ein Fortschrittskrüppel, es ist schon viel zu weit in diese Richtung gerudert worden, von Börsenoligarchen, Filzokraten und Euromagnaten.

Die Wahrheit ist: Griechenland hat es nie gegeben.
Es gab die Achaier, die dorische Welt, Sparta, Athen, Theben, Korinth, Ephesos und den Olymp, dann 1000 Jahre Byzanz, dann wurde es überrollt, dann an die 400 Jahre Fremdherrschaft, dann einen geborgten Nationalismus, den Anfang aller Übel.
Faule Eier waren bereits Alexis Sorbas, Tsatsiki und Vicky Leandros.
Geblieben sind Schafzüchter, Olivenbauern, geharzter Wein, das griechische Alphabet und ein fataler Hang, das Leben zu genießen.
Könnte das nicht genügen?
Es könnte.


16. Mai 2011

Lars von Trier, dessen Filme wir nicht sonderlich schätzen, ward aus Cannes gefeuert, weil er öffentlich gesagt haben soll, er sei Nazi und verehre Hitler.
Ja, das geht gar nicht.
Trotzdem fragen wir mal kurz nach, was wohl passiert wäre, hätte Herr von Trier gesagt, er sei Kommunist und verehre Stalin.
Was glauben Sie wohl?

Herr Strauss-Kahn, eine ganz große Nummer in der Welt- und Finanzpolitik, wird unter hochnotpeinlichen Umständen aus einem New Yorker Luxushotel in Handschellen abgeführt, weil er versucht haben soll, ein Zimmermädchen dunkler Hautfarbe zu vergewaltigen.
Der Fall ist in jeder Hinsicht kaum zu glauben. Kann es sein, daß eine derart hochgestellte Persönlichkeit derart geil und dumm zugleich ist?
Geilheit geht in Ordnung, aber Dummheit?
Trotzdem fragen wir mal kurz nach, was wohl die französische Polizei unternommen hätte, wenn Herr Strauss-Kahn sich das Zimmermädchen in einem Luxushotel in Paris vorgenommen hätte.
O là là, oder comme ci comme ça, oder was?

Wir lernen daraus nichts Neues, außer: das Gleiche ist nicht immer das Gleiche und schon gar nicht Dasselbe.
Aber auch das ist nicht neu.

Neu ist vielleicht, daß die zunehmende Berlusconisierung des Abendlandes immer grellere Formen annimmt. Da schauen wir Bürger draußen im Lande, die sich bieder monogam durch ein libidogestörtes Dasein fretten, ziemlich blöd aus der Wäsche. Aber vielleicht wollen wir einfach nicht verstehen, daß Menschen, die an der vordersten Front des politischen Mauschelns mitmauscheln, etwas mehr physische Entspannung benötigen als wir Otto Normalos.

Ach, und noch etwas: die Würde des Menschen sei durch die rüde Behandlung Strauss-Kahns von seiten der New Yorker Polizei mit Füßen getreten worden, schreibt sogar die NZZ. Ähnliches, wie kann es anders sein, gibt in der SZ Heribert Prantl, Tarzan der Menschenrechte, von sich.
Wir möchten kurz nachfragen, wie es um die Menschenwürde jenes afroamerikanischen Zimmermädels nun bestellt ist?
Und da fällt uns auch gleich noch Herr Zumwinkel ein, der seinerzeit auf ähnlich schmähliche Weise vor den Augen der Welt polizeilich abgeführt wurde wie Dominique Strauss-Kahn. Prantl fand das damals gut, aber vielleicht war das ja berechtigt, weil Steuerhinterziehung ein viel viel schlimmeres Vergehen als Vergewaltigung ist?
Oder doch nicht?

Falls es wirklich stimmen sollte, was Herrn Strauss-Kahn vorgeworfen wird, dann sind wir übrigens bitter enttäuscht, denn sich derart einer Frau bemächtigen zu wollen, ist das noch jener weltberühmte französische Charme, um den wir dieses Volk immer so sehr beneidet haben, jene höfische Eleganz der Umgarnung, vor der jedes weibliche Wesen, und sei es nur ein Zimmermädchen, garantiert in die Knie ging?
Ganz Paris träumt von der Liebe, hieß es dereinst, denn dort ist sie ja zu Haus, aber Liebe, was war das gleich:
Ganz Paris träumt nur vom Ficken?
Paris ist eben auch nur noch Innsbruck oder Dortmund.
Oder irren wir uns?

Strauss-Kahn, das ist doch bitte überhaupt kein französischer Name, das ist rundum deutsch. Ein Deutscher im Franzmann-Gewand ist dieser Herr, Abkömmling jenes zivilisationsunfähigen Volkes, das seiner Triebe noch niemals Herr war und Intelligenz am liebsten durch Gewalt ersetzt.
Noch Fragen?


9. Mai 2011

Von Wirtschaft verstehe ich nichts, umso mehr von Metaphern. Darum fordere ich dringend, die Idiotenmetapher eines sogenannten Rettungsschirms endgültig zu entsorgen. Wenn ein Staat pleite geht, kommt weniges erwünschter über ihn als jener warme Regen der Milliarden, die nun die EU-Staaten über Griechenland, Irland, Portugal und die anderen Habenichtse und Faulpelze freigiebig ausschütten. Ein Schirm wäre da ein kontraproduktives Werkzeug. Wir empfehlen deshalb, wenn es schon eine Metapher sein soll, das Bild der Dusche, einer Rettungsdusche, aus der die prallen Euros satt auf die geschorenen Häupter der Schuldner prasseln. Das muß ein schönes Gefühl sein. Schon Dagobert Duck hat das gewußt.


6. April 2011

Der EU-Musterknabe aus der Runde ehemals kommunistischer Länder, Slowenien, hat kürzlich eine neue 2-€-Münze herausgegeben, die nun europaweit im Umlauf ist. Die Münze ziert das Konterfei Franc Rozmans, genannt Stane.
Münzhändler und Numismatiker aller Länder jubeln.
Wer aber war Franc Rozman?

Franc Rozman war ein Slowene, 1911 in ärmlichen Verhältnissen geboren, der als Partisanenführer im ehemaligen Jugoslawien zuletzt den Rang eines Generalleutnants einnahm. Zuvor hatte er im spanischen Bürgerkrieg gekämpft, nachdem ein Versuch, am Widerstand in Afrika teilzunehmen, gescheitert war, man wies ihn schon an der italienischen Grenze zurück. Aus Spanien zurückgekehrt war er an der Organisation des antifaschistischen Kampfes in seinem Lande maßgeblich beteiligt. 1944 starb er, angeblich durch einen Unfall bei der Erprobung einer neuen Mörserkanone. Heute wird er wie viele seiner Genossen als Held verehrt. Zahlreiche Schulen und Straßen in Slowenien sind nach ihnen benannt, an Denkmälern und Feiertagen fehlt es nicht.

Soweit die brüchige Oberfläche der glanzlackierten Fakten.
Partisanenkämpfer genießen nicht nur in Slowenien den Rang sakrosankter Ikonen, (siehe Frankreich, Italien et al). Für den Reliquiengebrauch werden die Einzelheiten ihres heroischen Treibens sorgfältig retuschiert, Kritik ist Tabu.
Was waren das für Leute, die da mitwirkten? Freiheitskämpfer, Abenteurer, Idealisten, Kreuzzügler, Weltverbesserer, Menschheitsbeglücker?
An erster Stelle war skrupellose kriminelle Energie gefragt, denn die Quelle der Motivation war die totalitäre Ideologie der kommunistischen Heilslehre, die höher war als alle Vernunft.

Von solcher Art war Franc Rozman, genannt Stane. Durch die Abschlachtung und Beraubung ländlicher Zivilbevölkerung hat er sich vornehmlich ausgezeichnet. Wo er auftrat, hinterließ er eine Blutspur. Man könnte auch von Kriegsverbrechen sprechen.
Freilich war Stane kein Einzelfall. In abgelegenen Karsthöhlen findet man noch heute Massengräber mit ungezählten Opfern vieler solcher Heldentaten. An einer Aufklärung der näheren Umstände und Hintergründe ist kaum jemand wirklich interessiert.
Wird man demnächst auch andere Persönlichkeiten jenes glorreichen Widerstandes auf unseren Münzen portraitieren?
Legenden sind nicht totzukriegen.

Darum empfinden wir es nun als Widerspruch, wenn das Abbild eines Kriegsverbrechers zur Erinnerung an dessen 100. Geburtstag auf einem internationalen Zahlungsmittel prangt, das bald auch in unseren Geldbörsen auftauchen wird.
Gibt es in Slowenien vielleicht nicht mehr genügend unbescholtene Persönlichkeiten, die einer solchen Ehre würdig wären, oder nehmen wir es etwa wieder zu genau?

[Informationen zum vorliegenden Fall entnahmen wir insbesondere der in Ljubljana erscheinenden Zeitung Družina sowie Mitteilungen der Slowenischen Demokratischen Partei im Internet.]


1. April 2011

Unsere in den langen schweren Jahre des Feminismus sorgfältig gereifte Misogynie erfuhr kürzlich neuen Anschub durch eine in der SZ kolportierte Bemerkung einer Dame, deren Namen ich vergessen habe (angeblich Nachfolgerin unserer alten Lieblingsfeindin Alice Schwarzer). Männer und Frauen, so ließ die Dame wissen, seien mit Ausnahme der Fortpflanzungsorgane biologisch vollständig gleich, alles andere sei gesellschaftliche Prägung.

Falls jene Dame eine weiterführende Lehranstalt besucht haben sollte, das Fach Biologie hat sie konsequent gemieden, besitzt doch ihre durch Gender studies erworbene Meinung zu den Geschlechterdifferenzen, den Vorzug, durch nichts belegbar zu sein, es sei denn durch den Konsens einer Meinungsgleichheit (sagen wir im Sinne einer Abstimmung), und was durch nichts belegbar ist, ist auch durch nichts widerlegbar. (Denken muß eben nicht immer kompliziert sein.)

Wir möchten uns auf das Glatteis dieser Diskussion nicht weiter hinausbegeben, wir wollen nur darauf hinweisen, daß die Biologie eines Organismus, Mann oder Frau, um ein vielfaches komplexer ist, als rein geistes- oder sozialwissenschaftlich Vorgebildete sich vorzustellen vermögen.
Fortpflanzungsorgane als ein von der übrigen Anatomie und Physiologie eines Organismus isoliertes System zu betrachten, ist daher in gröbster Weise unzulässig und simplifizierend. Die der Arterhaltung dienenden physiologischen Vorgänge, deren neurohormonale Regulation und alles, was dazugehört, sind immer untrennbar in das Ganze des Organismus eingebunden, und daraus u.a. resultiert die seelischkörperliche Unterschiedlichkeit der Geschlechter, die sich auch gesellschaftlich widerspiegeln mag.
Ohne Übereinstimmung in diese grundsätzlichen biologischen Tatsachen ist alles Gerede über Frauen- und Männerfragen noch bedeutungsloser als es schon immer war, weil die Redenden sonst nicht wissen, wovon ihre Worte und Sätze handeln.

Die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter hat aber mit biologischen Fragen überhaupt nichts zu tun, sie muß unabhängig davon behandelt werden. Weder das Frausein noch das Mannsein stellt einen besonderen Wert dar, allein das Menschsein als solches zählt. (Behauptungen, wie z.B. Frauen seien sprachbegabter als Männer, hätten in diesem Zusammenhang natürlich gar keinen Sinn, abgesehen davon, daß sie diskriminierend sind.)
Würde man sich darauf einmal verständigen, könnte vielleicht eine rationale Politik beginnen, die jene Ungleichheiten abschafft, die objektiv vorhanden sind, man wird sich aber nicht verständigen.


26. März 2011

Zuviel Einigkeit macht mißtrauisch. Die hysterisch aufgeblasene Atomfeindschaft, die sich jetzt wieder triumphierend zu Wort meldet, wird auf dem Rücken der leidenden Japaner ausgetragen, aber die deutschen Atomfeinde zeigen keine Dankbarkeit. Sind sie zynisch?
Rationale Diskussionen sind zur Zeit nicht möglich. Vielleicht schlägt man mich nun tot, wenn ich sage: die Gewinnung elektrischer Energie aus der Kernspaltung ist eine der genialsten Erfindungen der Naturwissenschaft, neben den Erkenntnissen der Genetik und der Erfindung des Computers, des Automobils und ein paar anderer Sachen. Das läßt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.
Auch die Atomfeinde leben in einer technisch-industriell zivilisierten Welt, der sie nicht entkommen, es gibt kein Zurück, gab es nie, es sei denn die finale Apokalypse. Seit jeher träumen Menschen von der Rückkehr in den Wald und in die Höhle, am meisten in Deutschland, wo es am allerwenigsten davon gibt. Man sehnt sich ins Glück der Lichtung, auf seine Positronenemissionstomographie will man nicht verzichten. Man zerfließt vor Mitleid, wenn Fohlen mit dem Brandzeichen markiert werden, und implantiert ihnen elektronische Chips. Man verteufelt die Chemie, aber Cipralex muß sein. Man will ins Paradies zurück, aber bitte nicht ohne Handy.
Man genießt Technik, aber man darf sie nicht sehen.
Zivilisationshaß, Technikhaß, Atomhaß etc, all das gibt es nur im Wohlstand, denn nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm. Nur im Luxus westlicher Zivilisation kann man sich die grüne Scheinwelt leisten, aber auch hier naturgemäß nur die Besserverdienenden. Die urbane Mittelklasse tafelt bio, der Mob mampft Separatorfleisch.
Der wahre Gau wäre das Leben ohne Elektrizität. Keiner weiß mehr, wie das ging. Nukleare Energie wäre immer noch die intelligenteste Lösung. Darf man das noch sagen, darf man es wenigstens erwägen?
Sieht nicht so aus.

PS Übrigens gäbe es noch ein zweitintelligente Lösung der Energiefrage: das radikale Energiesparen. Davon ist immer mal wieder die Rede, bloß, wer soll das durchsetzen? Der Vatikan, der Weltsicherheitsrat, die Vereinigten Emirate? Auf Freiwilligkeit kann man sich da nicht verlassen. Das muß reglementiert und überwacht werden. Mit wachsweicher Demokratie ist also nichts zu reißen. Da muß Diktatur her, am besten eine Diktatur des Guten, die vor satten Strafen nicht zurückschreckt, z.B.: 1000 € für jede überflüssige Kilowattstunde.
Will das jemand?
???
Hab ich mir gedacht.


23. März 2011

Das Leben, emphatisch so genannt, ist ein Abstractum, denn das wissen wir ja: Leben ist überall, und derart als Maßstab einer ästhetischen Kritik hergenommen ist es eine Dummheit, da geben wir Thomas Steinfeld (SZ 23III2011) sofort recht.
Es gibt jedoch ein Leben als Concretum, und es kann ein beschädigtes sein, ein glückliches, unglückliches, erfülltes, unerfülltes und vieles andere, und als solches mißt es sich nicht an einem abstrakten Begriff, das Leben lebt, sondern an den gegebenen Daseinsmöglichkeiten eines Ichs, das seine Bahn abzuschreiten hat, wie Benn gerne sagt.
Was nun Literatur betrifft, die Leben abbildet, geht es nicht so sehr darum, was sie abbildet sondern wie sie es tut. Das ist ein recht abgedroschenes Thema, denn auf irgendeine Weise gibt jedes Buch dem Leser zu verstehen, wie es gelesen sein will. Ein ereignisstrotzender Abenteuerroman kann ebenso Schund sein wie tiefschürfende Balkonbetrachtungen ohne jedes äußere Geschehen; beide können aber auch großartige Literatur sein, und dazwischen sind zahllose Varianten.
Das so sehr betonte Leben als solches ist gar kein literarisches Thema sondern ein soziopsychologisches, auch wenn es ein literarisches werden kann. Es gibt aber ein breites Mittelfeld mangelhafter Literatur, die uns spüren läßt, daß ein Autor mit seinem Thema nicht fertig wurde, ästhetisch unentschieden oder hilflos blieb, nicht das rechte Maß fand zwischen Form und Inhalt, also mehr wollte, als er konnte, von Eitelkeiten getrieben wurde, und vielleicht überhaupt etwas wollte, das sich in die gewählte Form nicht oder nur schlecht fügte, eine Literatur, die für etwas Anderes, Außerliterarisches steht, die kompensiert (z.B. Hegemann, Tellkamp).
Ich wähle mit Bedacht diese Beispiele, weil sie zeigen, wie hier das Rezensionswesen auf ästhetische Kategorien weitgehend verzichtete, und sich auf Inhaltliches berief. Dies gilt sehr für Tellkamp, während bei Hegemann ein weitgehend substanzloses Räsonieren auffällt, das für einen Mangel an Inhalt spricht, für Erfahrungslosigkeit, aber nicht etwa in dem Sinne, daß der Autor alles selbst erfahren haben müsse, worüber er schreibt (wenn das die Forderung wäre, gäbe es keine Literatur), sondern in dem Sinne, daß der Autor die Sprache finden müsse, für das, was durch ihn hindurchgeht.
Nun ist diese Emphase des Lebens tatsächlich eine gesellschaftliche Krankheit, die auch die Literatur erfaßt, aber es wäre schöner gewesen wenn Herr Steinfeld konkreter geworden wäre und sich auf jene Literaturkritik beschränkt hätte, die wir seit langem ebenfalls als gesellschaftliche Krankheit erleben. Born to be wild ist ein Werbeslogan des Outdoortourismus, wir wußten es längst, ansonsten bedarf es einer manifesten Bewußtseinsspaltung, siehe z.B. Fight Club, um das Leben noch zu leben, denn On the Road ist entweder nur noch sentimentale Reminiszenz, oder die Zeit nach der Apokalypse, wenn es die Literatur nicht mehr gibt.
Herr Steinfeld rennt gern offene Türen ein, das wiederum ist eine Krankheit des Journalismus.
Übrigens ließe sich getrost Leben durch Welt ersetzen: denn wie Leben überall ist, ist es auch Welt. In den Rezensionen liest man ja oft etwas von fehlender Welthaltigkeit, aber auch die Fifth Avenue kann eine Sackgasse sein.


4. März 2011

Albert Schweitzer beklagt in seiner Autobiographie den Verlust des Idealismus der Jugend bei den Erwachsenen und sieht deshalb keinen Sinn in der Reifung zum Erwachsenen.
Irgendwann ward er selbst eine Art Ideal, besser Idol. Generationen wollten so werden wie er. Lambarene.
Einen Sinn im Reifwerden und Erwachsensein sehen wir auch nicht, aber ist Jugend die Alternative? Ist Jugendlichsein immer mit Idealismus verbunden? Was für ein Idealismus ist das, der besonders der Jugend zukäme? Muß man den Idealismus der Jugend schätzen, z.B. den sogenannten Glauben an das Gute im Menschen, die Verbesserbarkeit der Welt und andere Globalien? Ist Idealismus überhaupt schätzenswert? Wie nah steht Idealismus dem Fanatismus? Führt der Verlust eines solchen Idealismus notwendig in das Stadium einer miesepetrigen Altersresignation wie offenbar in der familiären Umgebung Albert Schweitzers?
Natürlich nicht.
Das Gute im Menschen, was war das doch gleich? Kann mich nicht erinnern, je sowas geglaubt zu haben, weil ich nie wußte, was es sein soll, außer vielleicht ein Wort zum Sonntag. Eher glaubte ich an das Schöne, und vielleicht an die Freiheit und an Wahrheit als Subjektivität, aber viel eher glaube ich an das Schlechte im Menschen, ohne das ein Gutes gar nicht zu denken wäre.
Wieso überhaupt Glaube? Menschen sind zu allem fähig, das wissen wir doch. Wenden wir uns in Fragen der Moral lieber an Nietzsche.


3. März 2011

Wahrheit ist Subjektivität (Knut Hamsun). Da ist ein Mißverhältnis zwischen dem, was ich bin, und dem, was die Welt ist. Mein Subjektives, das ich war, mochte in die Welt, in der ich war, nicht passen, aber mein Subjektives war das Wahre, und die Welt das Falsche: die bestehende Ordnung und die Prosa der Wirklichkeit (Hegel). Das ist mir geblieben.


18. Februar 2011

Bei der Lektüre des Buchs Macht und Mißbrauch von Wilhelm Schötteler kann's einen nur schaudern. Hat man's nicht immer gewußt? Man hat, aber daß es so schlimm ist, dann doch wieder nicht. Wir sind dankbar für diese Buch. Widerstand und Zivilcourage gehören zum schwersten, und wir fragen uns, wie dieser Mann es ausgehalten hat, sich als bayerischer Ministerialrat jahrzehntelang dermaßen beuteln zu lassen, ohne in der Psychose zu enden. Die Politikermuschpoke ist uns nun noch zuwidriger geworden, obwohl das eigentlich kaum möglich ist.
Aber der Makel, den Schlötterer zeigt, ist fundamental. Es gibt einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Macht und Recht, den auch das demokratische System nicht auflösen kann, auch kein noch so loyales Beamtentum, dann nämlich, wenn die Macht keine Skrupel kennt. Gegen skrupellose politische Macht ist das Recht hilflos, ein Nichts. Der Rechtsstaat ist daher immer abhängig von der Bereitschaft der Mächtigen, ihn überhaupt anzuerkennen. Demokratie garantiert ihn nicht, Monarchie schließt ihn nicht aus. Der preußische Staat war ein Rechtsstaat, das Kaiserreich war ein Rechtsstaat, aber sie waren keine Demokratien, und es gibt viele Staaten, die irgendwie demokratisch ausschauen, aber alles andere als Rechtsstaaten sind, gerne in Lateinamerika.
Hätte ich zwischen einem Rechtsstaat mit aristokratischen Elementen und einer Demokratie à la Italien zu wählen, na was wohl?
Demokratie schützt vor Mißbrauch nicht, diese Lehre darf man dem Buch ganz unmittelbar entnehmen. Ohnmacht schmerzt. Ist Demokratie Zufall? Mal sehen wie's weitergeht. Vermutlich wird sich nichts ändern.


12. Februar 2011

Wenn's um die Volksgesundheit geht, kennt man in Deutschland keine Verwandten. Das Rauchen wurde brutal verboten, jetzt sind Spielautomaten in Kneipen an der Reihe. Solche Automaten hätten ein hohes Suchtpotential, gruselt sich die Drogenbeauftragte aller Länder, Mechthild Dyckmans von der FDP.
Das mag wohl sein, aber in diesen Kneipen geschieht noch ganz was Anderes, werte Frau Dyckmans: hemmungslos wird dort Alkohol ausgeschenkt und zwar in jeglicher nur denkbaren Darreichungsform und Menge. Alkohol, so glauben wir zu wissen, fördert die Trunksucht ganz enorm, ein bekanntlich weit verbreitetes Leiden mit garantierter Todesfolge. Allein in der BRD sterben jährlich mehr als 18.000 Menschen allein an Leberzirrhose, viele andere alkoholbedingte Krankheiten mal nicht mitgerechnet.
Zum Vergleich: am Konsum verbotener Drogen, Heroin, Kokain etc. sterben derzeit ca. 1400 Personen pro Jahr.
Das gibt doch irgendwie zu denken, finden sie nicht, Frau Dyckmans?
Wir schlagen daher vor, den Konsum suchtfördernder Substanzen endlich grundsätzlich zu verbieten. Spielautomaten kommen uns da irgendwie wie ein Nebenschauplatz vor, auf dem man sich als FDP-Politiker vielleicht noch profilieren kann. Machen wir doch lieber gleich Nägel mit Köpfen: eine generelle Prohibition muß her (entsprechende EU-Kommissionen arbeiten sicher längst daran), überwacht von Spezialeinheiten der Nato, bewehrt mit drakonischen Strafen, denn der Mensch im allgemeinen neigt, unmündig wie er nun einmal ist, zur Selbstgefährdung, ohne die Hilfe staatlicher Institutionen kommt er einfach nicht zu Potte.
Vielleicht sollte man überhaupt gleich alles verbieten, was irgendwie Spaß macht, das gilt insbesondere für das Leben in seiner Gesamtheit.
So geht es doch einfach nicht weiter.
Seien Sie kreativ, Frau Dyckmans!


24. Januar 2011

Gute Werbung ist so schauderhaft selten geworden. Da leistet ausgerechnet das deutsche Handwerk neuerdings Vortreffliches. Schon im letzten Jahr erquickte es uns mit folgender Ansage:
Am Anfang war Himmel und Erde. Den Rest haben wir gemacht.
Das kann man nicht toppen, dachten wir schon, da wird uns heuer folgendes serviert:
Das Handwerk - offizieller Partner der Evolution.
Wie wär's mal hiermit:
Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, wir haben sie verändert.
Weiter so, deutsches Handwerk!


8. Januar 2011

Hiermit erteilen wir allen, die unkritisch weiterhin die Buchstabenfolge k-i-t-a verwenden, 10-jähriges Schreib- und Sprechverbot. Das gleiche gilt für jene die immer k-i-t-z sagen, wenn sie ihre Brut meinen, weil (oder obwohl?) sie kids nicht aussprechen können, solche also, die ihre k-i-t-z-e in die k-i-t-a stecken.
Wir hassen Akronyme wie jedweden anderen Modeschnack, also alles, was unsere kommunikativen Möglichkeiten nicht erweitert sondern einengt. Dagegen lieben wir die deutsche Sprache, wenn sie ganz bei sich selbst bleibt, unter anderem im Kindergarten.
Bei sich selbst bleiben, ist das nicht auch so ein Modeschnack?
Möglich, aber das können wir jetzt nicht ändern.


7. Januar 2011

Neuerdings will man uns wieder Frankreich als Heimstätte des kritischen und allzeit revolutionsbereiten Citoyens und des Gauloise (liberté toujours) rauchenden Großintelligenzlers unterjubeln, natürlich im Gegensatz zum dumpf schwitzenden Wutbürger deutscher Façon. Ein Winter der Pamphlete ist ausgebrochen. Ein anonymes Schreiberkollektiv propagiert in Der kommende Aufstand Opas Kommunismus à la Cambodja, doch ist das Pamphlet so schweinsmiserabel übersetzt, daß man sich nicht groß fürchten muß, aber wahrscheinlich ist der französische Text nicht wesentlich besser, es wird dann wohl wieder bei den üblichen Autoverbrennungen in den Banlieus bleiben.
Stéphane Hessel, der große alte Mann der Résistance, dagegen fordert uns auf, uns zu empören: Empört euch.
Und zwar wogegen?
Eigentlich gegen alles. Das ist sicher irgendwie rundum gut und nett gemeint, aber überflüssig, denn wir empören uns auch so, und zwar täglich, wir sind sozusagen dauerempört, aber am meisten empören wir uns hier und heute dagegen, daß wir uns jetzt auf Befehl auch noch zusätzlich empören sollen.
Lieber Herr Hessel, wir empören uns, wann es uns paßt und zwar gegen das, was uns paßt. Im übrigen ist Empörung kein besonderer Wert an sich, dazu ist sie viel zu leicht zu haben, es reicht, beim Frühstück eine Zeitung aufzuschlagen.
So sehr wir Sie schätzen, Herr Hessel, Ihre Appelle benötigen wir nicht, und schon gar nicht den versöhnlich-milden Onkelton Ihrer Aus- und Einlassungen. Vielleicht sollten Sie sich nun doch einmal zur Ruhe setzen, Sie haben sich abgerackert, Sie haben sich wirklich Mühe gegeben, aber die Welt ist keinen Schlag besser geworden, sondern immer schlechter. Danke.


5. November 2010

Theater hat nur dann eine Berechtigung oder einen Sinn, wenn es Immaginationsräume öffnet, die der Text vorgibt. Dem dient die Inszenierung. Die Gestaltungsmöglichkeit solcher Räume ist variabel, aber begrenzt, alles andere ist Kappes. Die erste Tugend des Regisseurs lautet daher: Zähmen Sie Ihre Eitelkeit, Damen und Herren. Behalten Sie Ihre privaten Meinungen zurück, belästigen Sie uns nicht mit Ihren Weltanschauungen, zügeln Sie die Stimme Ihres Ichs, mißtrauen Sie Ihren Einfällen zutiefst, unterlassen Sie jede Art von Aktualisierung, und vor allem: bitte keine Phantasie. Wir haben selber genug Phantasie, und wir sind geistig voll auf der Höhe, mehr als genug, um zu erkennen, was uns ein Stück, aus welcher Epoche auch immer, heute noch sagen könnte oder auch nicht.
Das gemeinschaftbildende dionysisch-sakrale Erlebnis der Tragödie ist in der verwalteten Welt nicht mehr zu haben.
Niemand möchte feuerspeiende Drachen und waffenklirrende Ritter auf der Bühne sehen. Aber wenn im 2. Akt des Fliegenden Holländers statt einer Spinnstube ein Fitnessraum mit Trainingsrädern auf die Bühne gebracht wird, war das dann eine intelligente Idee? Hat sie uns ein tieferes Verständnis des Werks geschenkt, eine neue Sichtweise?
Hat sie nicht. Sie hat uns kurz belustigt, dann haben wir darüber hinweggesehen und uns weiter der Musik hingegeben. Mehr war nicht. Eine Dummheit, die ein beschwipster Regisseur mit seinem Gefolge während der Proben oder abends in der Kneipe irgendwo beim Bier ausgeheckt hat, und die Mechanismen der Selbstkritik haben dann mal wieder versagt.
Regie kann so einfach sein. Manche Opern sind überhaupt nicht inszenierbar, man sollte sie konzertant aufführen. La Sonnambula von Bellini z.B. geht auf der Bühne gar nicht. Konzertant, z.B. mit Edita Gruberová, ist sie großartig, vollkommener musikalischer Kulinarismus ohne jeden weiteren Anspruch, und mehr soll es doch nicht sein. Wir wollen uns hingeben und genießen, wir wollen schwelgen und nicht belehrt werden, wir wollen uns berauschen und nicht indoktrinieren lassen. Wir wollen hingerissen sein, begeistert, erschüttert, beglückt, ergriffen, wir wollen lachen und weinen, und wir wollen jubeln. Sonst lohnt sich der ganze teure Aufwand nicht, und irgendeine besondere Weisheit, die wir nicht irgendwo schon mal gehört hätten, hat keine einzige Oper weltweit zu bieten.
Nur, man sollte die Texte kennen, und das gilt ganz besonders für Wagner. Aber verwenden Sie niemals Opernführer. Opernführer machen schwer Verständliches vollends unverständlich. Opernführer sind die Pest. Die extreme Absonderlichkeit der meisten Operntexte (der die Unaufführbarkeit der Werke geschuldet wird), allen voran die Wagnerschen, macht zwar wenig Freude, aber die Lektüre zahlt sich aus, wenn man im Theater hockt und endlich mitbekommt, was die Leute auf der Bühne sich mitteilen. Die Kenntnis des Textes steigert dann die musikalische Empfänglichkeit enorm, genauer gesagt, den Rausch, den wir als Einziges wollen und suchen. Dieser ohne Musik absurd verquere Text bekommt durch die Musik plötzlich Sinn.
Die Musik stand in der Oper immer an erster Stelle, also ist alles, was die Musik stört, zu vermeiden. Also entweder konzertant oder inszenatorischer Minimalismus. Die abstrakten Lichtinszenierung der 50-er Jahre in Bayreuth haben da Maßstäbe gesetzt, die nie wieder erreicht wurden. Irgendwann wurde es dann doch wieder veristisch, also dumm, nein, strunzdumm.

Im Sprechtheater wirken die Eitelkeiten der Regisseure weitaus verheerender als in der Oper, da gibt es ja keine Musik, die den Text ersetzen oder den Schwachsinn der Regie vergessen lassen könnte. Im Schauspiel sind wir dem Regieunsinn von Anfang an gnadenlos ausgesetzt. Theater als moralische Anstalt, nein danke. Da gibt es dann nur Vermeidung und Flucht. Verlassen Sie das Theater mitten in der Szene, aber bleiben sie cool! Schimpfen Sie nicht, schlagen sie keine Türen, verschwinden Sie stillschweigend, täuschen Sie einen Herzinfarkt vor! Geben sie Ihr Abo zurück! Stehen Sie über den Dingen!


2. November 2010

Der Film Das weiße Band beeindruckt unmittelbar durch die makellose, ja absolutistische Ästhetik des Schwarzweißfilms, die hier in lange nicht mehr erlebter Weise ontologisch wird. Leider wurde der Film durch die Interpretation führender Rezensenten des Qualitätsjournalismus unerträglich herunterbanalisiert, indem ihm die billigste aller möglichen Deutungen hingerieben wurde: Haneke habe, so der durchgehende Tenor, das Heranwachsen der Tätergeneration des 3. Reiches darstellen wollen. Diese Behauptung grenzt an üble Nachrede. Hätte Haneke wirklich das gemeint, sollte man den Film kommentarlos in der Versenkung verschwinden lassen.
Wir möchten versuchen, die Dinge zurechtzurücken. Die zeitlichen Bezüge des Geschehens bleiben zunächst im Unklaren, bis ungefähr im letzten Drittel der Erzähler aus dem Off miteilt, daß ein Krieg in naher Zukunft zu erwarten sei unter Hinweis auf die Ereignisse in Sarajewo. Auch wenn man das ahnen konnte, gibt der Film sonst keine Hinweise auf historische Hintergründe, nicht einmal auf die Zeit des Geschehens, auch vierziger und frühe fünfziger Jahre wären möglich. Wir befinden uns in einem Dorf, vermutlich im östlichen Norddeutschland gelegen, mit archaisch anmutender Sozialstruktur und altmodischer Erntetechnik. Weltliche Autoritätsperson ist ein Baron, der eher selten in Erscheinung tritt, denn der wahre Herr des Dorfes ist der Pfarrer. Beim Erntedankfest beginnt das Schmausen und Feiern nicht nach der Ansprache des Barons sondern erst nach den Worten der geistlichen Macht. Der Pfarrer und die Kinder sind die Hauptpersonen des Films, er als Vertreter Gottes auf Erden, sie als Gottes Geschöpfe, die unter der Fuchtel des Stellvertreters für die Zwecke der Welt brauchbar gemacht werden müssen.
Darum geht es, um die Macht des Pfarrers und deren Wirkung auf die Kinder und die Konflikte, die daraus entstehen, unabhängig von irgendeinem Zeitgeschehen, und das ist subtil gemacht. Vom Klischee weicht der Lehrer und Off-Erzähler ab, hier ein unbedarfter Simpel, während der Arzt als menschliches Schwein zu grobschlächtig erscheint.
Schauen Sie sich den Film doch einfach nochmal an, dann reden wir weiter.


23. Oktober 2010

Leider müssen wir nun doch mal ganz kurz zu einem Thema unseren Senf dazugeben, zu dem wir eigentlich lieber geschwiegen hätten, aber der geschichtsvergessene Bockmist der hier von allerhöchsten Stellen präsentiert wird, ist einfach unerträglich.
Es gibt also:
1) eine christlich-jüdische Kultur
2) der Islam gehört zu Deutschlandund
3) das Christentum gehört zur Türkei.
(Ach übrigens: die Mafia gehört zu Italien, die Frau ins Bett und der Arsch auf den Eimer etc. etc. etc.):

ad 1) Eine christlich-jüdische Kultur hat es nie gegeben. In den christlichen Sphären waren die Juden samt ihrer Kultur jahrhundertelang verhaßt und verfolgt. Wer weiß ob es nicht immer noch so ist, auf subtilere Weise versteht sich?
ad 2) Der Islam hat nie zu Deutschland gehört, auch nicht zu Frankreich, Spanien, Holland oder England, sein der Türkei geschuldeter europäischer Einflußbereich endet in Bosnien.
ad 3) In der Türkei gibt es, wie auch in Syrien, Ägypten und vielen anderen islamisch dominierten Ländern, christliche Minderheiten, aber sie gehören nicht dazu. Zu den dortigen Kulturen tragen sie nichts bei, sie sind verhaßt und werden verfolgt.

Frau Bundespräsidentin Wulff tritt nun in der Türkei mit einem Kopftuch auf. Wir sind gespannt, wie weit der Politfasching noch getrieben wird und freuen uns schon auf die nächsten Staatsbesuche der bundesdeutschen Herrschergattin: in Afghanistan bitte in der Burka.
Ja, wir leben in lustigen Zeiten.


3. Oktober 2010

Selten waren Demonstration und Widerstand berechtigter, ja notwendiger als jetzt gegen das Projekt Stuttgart 21, denn selten war ein Bauvorhaben sinnloser, unerwünschter und überflüssiger als jenes. Eine gewissenlose Clique machtbesessener Lokalpolitiker und Konzernleiter will sich hier ein Denkmal für alle Ewigkeit setzen.
Deutschland ist ein vom Krieg zerstörtes Land, dessen Städte verblaßte Schatten ehemaliger Schönheit und Größe sind. Was der Krieg an Verwüstung nicht ganz schaffte, weil er zu früh abgeblasen wurde, vollstreckte die Inhumanität einer sogenannten modernen Architektur, die den Rest der Städte in menschenfeindliche Unorte verwandelt hat, vom kranken Größenwahn der Stahl- und Glaskolosse bis hin zum Mief der Fußgängerzonen mit der geistlosen Sechseckigkeit ihrer Betonblumenkübel.
Doch immer noch halten sich da und dort inselartig Reste der Tradition wie z.B. der alte Stuttgarter Bahnhof. Hier endlich radikal abzuräumen, ist das oberste Ziel des bundesdeutschen Urbanismus. Stuttgart ist ihm noch nicht häßlich genug.
Wer in seinem Vorgarten eine verlauste Thuje fällen möchte, braucht 1000 Genehmigungen irgendwelcher Kreisverwaltungsreferate. Wer in einem Schloßgarten 284 prächtige uralte Bäume niedermetzeln möchte, muß nur ein idiotisches milliardenschweres Großvorhaben präsentieren, das zum Bismarckturm der Fortschrittsgläubigkeit hochgejodelt wird, und die oberste Leitung des Staates jodelt besinnungslos mit.
Möge sie die Strafe des Erysichthon samt allen Qualen des Tantalos treffen!
Es ist wie üblich zum Erbrechen.
Darum, macht weiter Leute! Die Schlacht gegen Stuttgart 21 muß bis zum bitteren Ende ausgefochten werden und zwar mit allen Mitteln (sofern sie rechtsstaatlich legitimiert sind, versteht sich)!


29. September 2010

Fundierte anatomische Kenntnisse sind unabdingbare Grundlage jedweder ärztlichen Tätigkeit. Diese Kenntnisse erwirbt man ausschließlich durch subtile Präparation menschlicher Leichen. Am Lebenden erwirbt man sie nicht, am Lebenden ist es zu spät.
Anatomie ist eine uralte, man könnte sagen: menschheitsbegleitende Wissenschaft, denn seit jeher wollen die Menschen wissen, wie es im Inneren aussieht. (Der Erfolg eines Herrn von Hagen beweist es unter anderem.) Menschliche Körper jeglicher Herkunft wurden bei Nacht und Nebel, in Kellern, Palästen und Theatern aufgeschnitten, zergliedert und bis in die letzten Details studiert, Kriegstote, Hingerichtete, unbekannte Obdachlose unter Brücken, natürlich Gestorbene kulturabhängig, im Notfall Vivisektion, gelegentlich Körper von Menschen, die sich freiwillig der Anatomie vermacht hatten. Die Spende des eigenen Leibes für die Wissenschaft ist ein junges Phänomen, vorübergehend hat es fast zum Aussterben der praktischen Anatomie geführt. Seit die Bestattungskosten ins Aschgraue gestiegen sind, zieht das Angebot wieder an.
Die Sektionstätigkeit wird begleitet und vertieft durch anatomische Lehrbücher und Atlanten. Solche Bücher gibt es en masse, und eines der besten ist der Atlas der topographischen Anatomie von Eduard Pernkopf.
Nach Meinung politischer Sittenwächter ist der Pernkopfsche Atlas jedoch nicht mehr tragbar. Pernkopf war strammer Nazi der ersten Stunde, in Kriegszeiten sogar Rektor der Wiener Universität, und viele der Leichen, an denen er seine Studien getrieben hat, waren Hinrichtungsopfer (Kriminelle, Systemfeinde, Juden etc).
Dennoch ist der Atlas hervorragend, geradezu ein Kunstwerk, vermutlich das beste, was es auf diesem Gebiet gibt.
Was nun? Liegt hier ein moralisches Dilemma vor? Dürfen wir diesen Atlas jetzt nicht mehr benutzen? Müssen wir etwa mit Hilfe einer selektiven Gehirnwäsche, das, was wir aus ihm gelernt haben, wieder vergessen? Müßte man den Atlas nicht überhaupt verbieten?
Andreas Vesalius, der Begründer der modernen Anatomie, mußte seine Studienobjekte nachts vom Galgen stehlen, das Aufschneiden menschlicher Leichname hatte die Kirche verboten, die Anatomie der Zeit war Affenanatomie.
Anatomie war also schon immer politisch unkorrekt, und da gibt es nur eins:
Nicht nur die Werke Pernkopfs sollten verboten werden sondern die Anatomie überhaupt. Weg damit. Anatomie ist faschistisch und obszön, und sie nützt ohnehin nicht viel, neue Erkenntnisse hat sie schon längst nicht mehr zu bieten, wir kennen den Körper besser als uns selbst, und die meisten Ärzte kommen ohne detailliertes anatomisches Wissen bestens über die Runden, wenn sie die Fallstricke der GOÄ beherrschen und regelmäßig die Apothekenrundschau lesen.


25. August 2010

Soweit man dem medialen Geifer trauen darf, sind im Fall Sarrazin offenbar alle einer Meinung, dennoch gilt: auch wenn alle einer Meinung sind, können alle sich irren.
Zum Inhalt der Kontroverse möchten wir uns nicht äußern, dazu wurde schon überreichlich Dünnpfiff abgesetzt, der sogar das Sommerloch überquellen läßt. Es geht uns wie so oft um Formen des Rufmords und der öffentlichen Scheinheiligkeit, zumal an der Hexenjagd diesmal sogar ein Bundespräsident und eine Kanzlerin aktiv sich beteiligen. Kaum jemand hat das inkriminierte Buch gelesen, aber alle reden davon, ein paar Reizwörter genügen, um Pogromstimmung zu schüren. Gerade die Lauthalsigkeit der Bessermenschen, traditionsgemäß der SPD zugehörig, in diesem Fall jedoch aus allen Rohren von Rot bis Schwarz, macht uns mißtrauisch. Der Mann spricht, wie es scheint, unverblümt Wahrheiten aus, die ins ideologische Konzept nicht passen wollen, noch dazu unter grober Verletzung aller Denkverbote und sprachlichen Dresscodes, wir vermuten jedoch, daß auch die Mehrheit der Bessermenschen ebenso wie die schweigende Mehrheit des Volkes das gleiche denkt wie Herr Sarrazin und vielleicht in noch gröberen Worten, denn je lauter das Geschrei desto schmerzhafter die Wahrheit. (Dabei wollen die Parteien doch so gerne Stimme des Volkes sein, oder etwa nicht?)
Darum muß gerade dieser Herr jetzt endlich weg vom Fenster, nicht weil er etwas Falsches gesagt hat, sondern offenbar etwas Richtiges, und zwar unbelehrbar immer wieder, und vor der Wahrheit haben alle Angst, gerade die Parteien, aber die Parteien haben immer recht, auch wenn sie falsch liegen.
Seid mündig, ihr Bürger draußen im Lande, bildet euch eure Meinung, das ist würdig und recht, nur darf sie nicht vom Kurs abweichen.
Kommt einem irgendwie bekannt vor.


22. August 2010

Die mediale Kondolationsorgie zum Tode Christoph Schlingensiefs offenbart eine erstaunliche Potenzierung pathetischer Heuchelei und einer neuen Lust zur Heiligenverehrung, wie sie uns seit Lourdes nicht mehr untergekommen ist.
Er hat mit seiner Krankheit Unfassbares geleistet, mußten wir etwa in der Wochenzeitung DIE ZEIT lesen. Was soll denn das bitte heißen? Er hat die Krankheit ausgeschlachtet bis um letzten, zum Beispiel?
Oder auch dies: Würdeloser kann man mit dem eigenen Sterben nicht mehr umgehen? Das wäre definitiv auch eine Leistung. Oder hört man gar eine gewisse Erleichterung heraus, daß nun die Qual endlich vorbei ist? Man kann nun ein paar Gänge zurückschalten und zur Tagesordnung übergehen, es war ja kaum noch auszuhalten am Ende.
Über die Schlingensiefschen Theaterleistungen enthalten wir uns hier jeglichen Urteils. Ausschließlich um die marktschreierische Verwurstung des Geschehens ist uns zu tun, die der Betroffene hauptamtlich inszenierte. Man verstand seine Verzweiflung nur zu gut, aber hatte er derart nicht seine eigenen kritischen Ansprüche preisgegeben?
Man tut sich eben in den Medien traditionell schwer mit Krankheit, ganz besonders als Manager derselben. Theater ist das eine, Krankheit das andere. Krankheit ist lästig und peinlich, unverschämt wirklich und fleischlich banal, aber ohne Zweifel ist Krebs eine besonders scheußliche Krankheit.
Der scheußlichste aller Krebse ist jedoch der Prominentenkrebs. Wir bitten daher alle Krebskranken, die noch im Öffentlichen Dienst stehen, dringend, uns nicht länger mit ihren Krebsanekdoten zu behelligen. Wir haben die Nase voll davon, und ganz besonders hoffen wir (und zwar ausschließlich um unserer selbst willen), daß Hape Kerkeling, Thomas Gottschalk und Dieter Bohlen vom Krebs verschont bleiben mögen.


21. August 2010

Die Kleiderordnung der letzten Jahre hat den Körper endgültig prekarisiert. Dabei geht es uns nicht um den Speckmädeltyp, der seine drallen Magenwülste weltweit zu Markte trägt, der alternde Mensch interessiert uns, und unter ihm weniger die Frau über vierzig, die uns allerorten mit ihrer entgleisten Figur die Illusionen raubt, sondern der Mann, der seiner geborgten Würde für immer entsagt hat. Ich und mein Bauch, ich und mein Unterhemd, ich und meine Baseballkappe, ich und meine Dackelwaden. Wir vermuten, daß Frauen die Kleiderordnung entworfen haben. Männe ist nun wahrhaftig zum globalen Müllherunterträger domestiziert worden.


12. Mai 2010

Das gegenwärtige Keifen um den Islam geht ins Leere, wenn von Religionsfreiheit salbadert wird, denn die steht überhaupt nicht zur Debatte, außer bei Studienräten, die über Nathan den Weisen nicht hinausgekommen sind. Wie plötzlich der Islam in Schutz genommen wird, riecht nach sozialdemokratischem Bierthekenmief, wo nach dem sechsten, siebten Pils immer alle gut freund sind. Wo Religionsfreiheit herrscht (und hier herrscht sie), ist auch Religionskritik frei. Nicht wenige lehnen jede Art von Religion ab, denn sie meinen, dem Prinzip Religion wohne grundsätzlich die Tendenz zur Radikalität und zur Orthodoxie inne, den monotheistischen mehr als allen anderen, und wer wollte das bezweifeln nach so vielen Jahrhunderten absurdester Religionskriege.


17. Februar 2010

Schon wieder hat sich einer unserer Lieblingsfeinde, Heribert Prantl von der SZ, nervsägend zu Wort gemeldet. Wir kennen Herrn Dr. Prantl ja schon lange als heldenhaften Verteidiger der Grund- und Menschenrechte. Kaum versucht der Staat, z.B. das Abhören von Telefonen zum Zweck der Verbrechensbekämpfung ein klein bißchen legitimer zu machen, steht Gevatter Prantl schäumend auf der Matte und schwallt vom Ende der Demokratie und der Verfassung sowie dem unumkehrbaren Absacken in einen totalitären Bürokratismus, gern gespickt mit bildungshuberischen Zitaten aus der Gymnasialzeit. Und recht hat er, denn auch wir möchten unsere private Sphäre als Menschenrecht geschützt wissen und zwar ohne Einschränkung à la das Nähere regelt ein Bundesgesetz.
Zur Sphäre schützenswerter Persönlichkeitsrechte zählen wir unter anderen unsere Vermögensverhältnisse. Wir möchten nicht gerne, daß sie in aller Öffentlichkeit breitgetreten werden. Nun geschah es dieser Tage, daß wieder einmal illegal erworbene Bankdaten möglicher Steuerhinterzieher staatlichen Stellen zum Kauf feilgeboten wurden. Wie illegal Steuerhinterziehung auch sei, die Art und Weise, wie der Deal abläuft, ist ebenfalls illegal und verletzt das Persönlichkeitsrecht. Darum schert sich Herr Prantl in diesem Fall einen feuchten Hühnerdreck. Das finden wir irgendwie merkwürdig, denn entweder gibt es ein Persönlichkeitsrecht, oder es gibt es nicht, und wenn ja, gilt es auch für mutmaßliche Straftäter. Offenbar hat aber der sogenannte Staat gar keine anderen Möglichkeiten mehr, Steuerhinterziehern auf die Schliche zu kommen als mit der obskuren Hilfe lausiger Datendiebe und Denunzianten mit Blockwartmentalität. Etwas ist da doch oberfaul. Datendiebe sind eigentlich nicht viel besser als Hühnerdiebe, es geht bloß um mehr oder weniger Geld, kurz die Sache ist erbärmlich. Der erste Dieb ist immer der Staat selbst, der seine Bürger hemmungslos beraubt mit Hilfe einer Steuergesetzgebung, die kein Mensch ernsthaft verstehen kann. Werden von den repatriierten Geldern nun wieder überflüssige Autobahnen gebaut, oder genehmigt man sich eine fette Diätenerhöhung? Kein Wunder, daß so viele versuchen, sich diesen Eingriffen in ihr Privates zu entziehen, und nun macht sich der Stehler Staat freudig auch noch zum Hehler, um die ihm vermeintlich zustehenden Gelder hinterrücks doch noch einzutreiben. Ohne Frage sind viele dieser Fälle, gemessen an dem Summen, um die es geht, monströs, dennoch wird das Persönlichkeitsrecht in großem Stil hier einfach übergangen. Es existiert plötzlich nicht mal mehr als Problem, und Herr Prantl applaudiert als Anwalt des Hehlers mit unverhohlener Genugtuung. Sollten wir hier von einer klammheimlichen Variante des Neidhammelsozialismus sprechen?
Sie glauben, hier die vox populi zu vernehmen?
Sie könnten recht haben.


23. Januar 2010

In Die Schlafwandler denkt Hermann Broch sehr ausführlich über das Verhältnis des Ichs zu seiner Kleidung und der außerhalb ihrer liegenden Welt nach, eingeschlossen den Unterschied zwischen Uniform und Zivil, und die panischen Komplikationen, die entstehen, wenn ein Paar sich anschickt, aus seiner Kleidung sich zu lösen, um Nacktheit zum Zweck einer körperlichen Vereinigung herzustellen.
Betrachtet man die heutigen Entartungen des Körperkultes, die auf eine Permanenz des Nacktseins zielen oder zumindest die Möglichkeit einer solchen Permanenz zu versprechen scheinen, und sei es nur virtuell, so verwundert es nicht, daß Kleidung ihren tieferen Sinn verloren hat, zumindest als etwas, das in einem bestimmten Bezug zum Ich sich verhält. Darum sind die Moden so uninspiriert und beliebig geworden, so erniedrigend häßlich, die Scheußlichkeit von Farben und Formen so abstoßend allgegenwärtig. Diese Unmode fordert dringend dazu auf, sich ihrer jederzeit und an jedem Ort zu entledigen, so rasch und einfach es nur gehe.


12. Januar 2010

Lustig und irgendwie auch merkwürdig, wie sehr sich doch die Süddeutsche Zeitung um das Schicksal der SED-Nachfolgepartei, die sogenannten Linken, sorgt. Seitenweise widmet sie ihr und ihren gefallenen Oberhäuptern mitfühlende Berichte und Analysen. Fasziniert bewundert man in der SZ ganz besonders die abgehalfterte Politmumie Oskar, und wie sie es nun seit bald zehn Jahren schafft, sich immer wieder selbst zu exhumieren. Diese ungewöhnliche Außenseiterleistung wird sicher dereinst als Fußnote in die Geschichte eingehen. Die trüben Tassen, die in diesen abseitigen Gefilden sonst noch so herumdoltern, lehren nur eins:
von links kommt nix mehr.
Ach übrigens: von rechts auch nicht.
Seien wir ausgewogen!


2. Januar 2010

Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat in ihrer ersten Nummer des neuen Jahrzehnts doch noch einmal wieder seit langem eine gute Idee gehabt:
Wir entrümpeln das letzte Jahrzehnt.

Da stimmen wir bei den meisten Dingen freudig zu. Stefan George würden wir zwar gerne noch behalten (wir geben Günter Grass und Hape Kerkeling dafür und legen noch einen Sloterdijk drauf), aber z.B. die Halloisierung des allgemeinen Begrüßungswesens, scheußlich das, und das gilt nicht nur für E-mails. Dann aber bitte auch gleich die Okäh- und Hä-Girlies mit ihren Speckrollen gleich mit. Und selbstverständlich latte macchiato, bloß weg damit!
Einiges wurde leider vergessen, das möchten wir hier dringend nachholen. Wir denken unter anderem an Van-der-Leyen-Väter, ausgebrannte Studienräte und Spätgebärende ebenso wie an die Onkologie, soziale Gerechtigkeit, das eklige Akronym Kita, an Arschhosen und Kastratenmäntel, an Balkontelefonismus, extra lange haltbare Milch, Friedhofsjogger, das Regietheater und gehörlose Popmusikhörer im öffentlichen Raum, und dann, ganz ganz wichtig: Anti Aging, und nicht zu vergessen: China, weg mit China, nichts wie weg!
Wie wärs übrigens mal mit Goethe und Schiller?

Vor allem aber denken wir an die Postmoderne. Die gehört zwar schon sehr lange weg, aber sie ist immer noch da, ganz besonders in den Redaktionsstuben des Qualitätsjournalismus. Dort wird sie von Angehörigen der 60-er Jahrgänge vertreten, also von nicht mehr besonders jungen und noch nicht richtig alten Menschen, die keine Ahnung haben, wovon sie sprechen, wenn sie von Postmoderne sprechen, weil sie eine richtige Moderne gar nicht kennen und nie erlebt haben. Das ist keine persönliche Schuld, versteht sich, das ist einfach das grausame Pech der späten Geburt.
Wenn diese Damen und Herren in den kommenden zehn Jahren doch bitte einfach mal die Klappe halten könnten, das wäre großartig, wäre das. Da nun das Redaktionsteam der Wochenzeitung DIE ZEIT (übrigens gehört auch das Wort Team dringend weg), da nun also die Redaktion der Wochenzeitung DIE ZEIT zu einem übergroßen Anteil aus Angehörigen jener Jahrgänge besteht, fordern wir als wichtigsten Teil der Entsorgungsaktion hiermit:

Weg mit der Wochenzeitung DIE ZEIT!




28. Dezember 2009

In China wurde heuer rechtzeitig zum Fest Liu Xiaobo wegen freier Meinungsäußerung zu 11 Jahren Knast verurteilt. Die Chinesen haben eben noch ein sehr naturwüchsig unverdorbenes Gefühl dafür, was eine freie Meinung wirklich wert ist.
Bei uns ist sie gar nichts wert, jeder darf jederzeit alles laut und offen sagen oder schreiben, was er denkt, keiner kümmert sich darum, niemand nimmt Anstoß, niemand interessiert sich.

Es sei denn.
Es sei denn, man sei rechtsradikal. Kürzlich marschierten in München 150 Neonazis auf, um ihre Meinung frei zu äußern. Prompt waren 3000 Gegendemonstranten zur Stelle, um sie daran zu hindern. Welcher Art war diese zwanzigfache Übermacht? Waren es gewaltbereite Kapuzis, denen jeder Anlaß zum Prügeln recht ist? Etwa 300 waren solche, wie es hieß, aber die sind sowieso immer dabei. Die anderen waren rechtgesonnene salonlinke Biedersäcke der neuen Bürgerlichkeit von staatstragender Eminenz.
Da halfen nur noch die Bullenschweine, die den Rechtsstaat gegen dessen Vertreter verteidigen mußten, damit jene 150 mit der falschen Gesinnung ihre Meinung menschenrechtsgemäß und grundgesetzkonform äußern konnten. Zwar wurden sie nicht gehört, aber stark beachtet.
Wer also in diesem Land beachtet werden möchte, sollte nach Möglichkeit eine falsche Gesinnung haben, Neonazi geht immer.
Das ist doch alles ziemlich merkwürdig, oder?


5. Dezember 2009

Thomas Meinecke, den wir längst im Augustinum wähnten, hat kürzlich in einem Interview (Münchner Merkur 24. November 2009) auf die Frage, wie München sein Schaffen beeinflußt habe, folgendes geantwortet: Ich dachte 1977: Ich zieh jetzt nach München von Punk nach Disko. Weil München Glamour besaß, der aber auch subversiv war. Hamburg ist weltoffen aber eine Gesellschaft, die nicht produktiv mit Widersprüchen umgeht. München kann das, was vielleicht an der katholischen Grammatik der Stadt liegt.
Wir hätte gerne gewußt, welche Droge man benötigt, um derart kapitalen Quark abzusondern, ferner, von welchem Schaffen hier die Rede sein soll, aber wahrscheinlich werden wir es nie erfahren, auch nicht, wie die katholische Grammatik geht.


21. Oktober 2009

Jener derzeit prominenten Modediskussion um das sogenannte Neuro-Enhancement wohnt die gleiche heuchlerische Doppelmoral und Verlogenheit inne wie der Kriminalisierung des Drogengebrauchs. In der alkoholisierten Gesellschaft wird das Komasaufen (nicht nur Jugendliche betreiben es) einerseits beklagt andererseits gefördert. Wer schwer bekümmelt in der Gosse liegt, gilt als Kranker und wird von den staatlichen Rettungsdiensten in den öffentlich finanzierten Heilstätten wiederhergestellt, wer ein paar Grämmchen Koks mit sich führt, verliert die bürgerlichen Ehrenrechte. Schon immer haben Menschen Drogen verwendet, sei es um ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern oder ihr Verhältnis zur Wirklichkeit zu verschönern, und Milch war dabei allemal weniger wirksam als Alkaloide.
Was zum Geier sollte daran illegitim sein?


14. Oktober 2009

Daß Fernsehen verdummt, weiß heute jedes Kind. Daß auch die Produkte des Qualitätsjournalismus zur Verdummung führen können, war bis jetzt nur wenigen bewußt. In der Süddeutschen Zeitung hat nun Constanze von Bullion (uraltem Rittergeschlecht entstammend) die Meinung geäußert, man müsse die Linke (Nachfolgepartei der SED) unbedingt am Regierungsgeschäft beteiligen, um sie einerseits kontrollieren, andererseits demokratisch disziplinieren zu können.
Dieser Gedanke erinnert fatal an die Frau des Alkoholikers, die mit dem Gatten mittrinkt. Sie tut es in der naiven Hoffnung, die Trinkmenge zu reduzieren, um den Gatten von seiner Sucht abzubringen, und wird auf diese Weise selbst zur Säuferin.
Prost, Frau von Bullion!


6. Oktober 2009

Nicht täglich, liebe Freunde, gelingen Rednern im öffentlichen Raum Sätze, die der Beachtung wert wären. Nun meldet sich der Onkologe Dr. Kappauf aus Starnberg zu Wort:

Das Problem der Sterblichkeit, hat er verkündet, kann man nicht wegtherapieren.

Wir sind verdattert. Wer hätte das gedacht? Wie kam er nur darauf?
Aus dem Hades hören wir anhaltendes Kichern von Epikur bis Cioran: a ganz a ausgeschlafenes Bürschchen dieser Kappauf. Aber Philosophie muß eben, genau wie Medizin, nicht immer unverständlich sein, und es gibt Dinge, die gesagt werden müssen, egal wie, wo, wann und von wem. (Auf eine Stellungnahme der kassenärztlichen Vereinigungen aller Länder können wir ausnahmsweise verzichten.)
Dr. Kappauf hat uns exemplarisch gezeigt, welche Formen des Poblemlösungsverhaltens in der gegenwärtigen Welt die angesagtesten sind, denn seinen Satz verstehen wir als Summe eines Therapeutenlebens, an dessen nahem Ende er nun resigniert steht. Er hat es versucht, er wollte die Sterblichkeit wegtherapieren, hat sich Mühe gegeben, aber er hat es nicht geschafft, und wir können ihm dabei nicht helfen.

Dieser Tage feiert China 60 Jahre Massenmord, Kulturvernichtung und Diktatur. In seinem Mastdarm hat sichs spulwurmgleich die Westliche Welt gemütlich gemacht und feiert mit. Wir gratulieren zum Großen Sprung!


29. August 2009

Eine 13-jährige möchte die Welt umsegeln. Eine 13-jährige läßt sich vom Gynäkologen die Schamlippen stutzen. Eine 13-jährige wird schwanger, der Befruchter ist 15. Wann kommt endlich die Penisverlängerung für 12-jährige? Tätowierung ist out, aber wer schabt jetzt mein Arschgeweih weg?
Noch Fragen?
Zum Beispiel: Geht uns das irgend etwas an?
Nicht das Geringste. Man soll sich von Scheinproblemen, die der Luxus generiert, nicht beeindrucken lassen. Das vergeht (abgesehen von der Tätowierung).


23. August 2009

Die Nächte der Perseiden sind verklungen,die Zeit der Leonidenschwärme ist um, die Hundstage bringen uns um den Verstand, und die Schatten des Wahlkampfs werden kürzer. Wieder einmal steht die Sinnfrage vor der Tür, da kommt es gerade recht, daß die Süddeutsche Zeitung uns mit einem Mann bekannt macht, wie Deutschland ihn noch nicht gesehen hat (oder doch?): Bauer Aiwanger aus Rahstorf in Niederbayern, Chef der Freien Wähler. Bauer Aiwanger hat auf jede Frage eine erdnahe Antwort.
Uns interessiert hier aber nicht die Politik sondern ausschließlich das Menschliche. Hubert Aiwanger hat noch niemals eine Kuh Helga genannt, seine Kühe tragen Nummern statt Namen. Die Zeit müsse man für die Arbeit nützen, sagt er. Er geht nicht spazieren, hört keine Musik, liest keine Romane und hat keine Bilder an der Wand. Alles, was nur dem Schmuck oder der Unterhaltung dient, ist überflüssig, sagt er, und zum Thema Ernährung verkündet er: Ich will relativ schnell essen und satt sein.
Überflüssig zu fragen, welche Botschaft Bauer Aiwanger uns zum Sachgebiet Fortpflanzung auf den Weg geben würde.
Alain Ehrenberg beschreibt Depression als eine Krankheit der Verantwortlichkeit, in der ein Gefühl der Minderwertigkeit vorherrscht. Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen. (Zitiert nach A. Rühle, SZ, 22./23.August 2009.)
Müssen wir uns Bauer Aiwanger als Depressiven vorstellen?


22. August 2009

Leider müssen wir nun auch noch zum Sport Stellung nehmen. Es geht um die Südafrikanerin Caster Semenya, der man nicht glauben will, daß sie eine Frau sei. Wenn wir ihr Bild in der Zeitung sehen, glauben wir es auch nicht. Wir sehen dort eine Person von männlichem Phänotyp. Das verwirrt, aber es beweist natürlich gar nichts. Werner Bartens, den wir sonst als launigen Medizinkritiker und halbwegs kenntnisreichen Wissenschaftsredakteur der SZ schätzen, begibt sich auf das schwierige Terrain des Hermaphroditismus und der genetischen Geschlechtsdifferenzierung. Leider vermischt er das Thema mit feministischem Gender-Schwachsinn. Es geht aber ausschließlich um Biologie.
Bei Frau Semenya könnte ein adrenogenitales Syndrom vorliegen, meint Bartens. Das ist möglich, aber was ist ein adrenogenitales Syndrom? Zunächst handelt es sich um einen angeborenen genetischen Enzymdefekt, der nicht auf den Geschlechtschromosomen lokalisiert ist, also eine Erbkrankheit. Dabei produziert die Nebennierenrinde zuwenig Cortisol und zu viele Androgene (Testosterone). Es gibt Varianten der Krankheit mit unterschiedlichen Auswirkungen. Das chromosomale Geschlecht ist normal, also entweder XX oder XY, entsprechend auch die anatomischen Gegebenheiten. Bei Knaben mit dieser Krankheit tritt die Pubertät verfrüht ein (Pubertas praecox), bei Mädchen wächst die Klitoris abnorm, Zeichen der Virilisierung treten auf, und es bildet sich eine männlich geprägte Muskulatur. Sind solche Mädchen auch noch sportlich begabt, werden sie ihren gesunden weiblichen Konkurrentinnen, die sich höchstens mit Anabolika künstlich aufpäppeln können, immer überlegen sein. Sie sind sozusagen endogen gedopt, und das finden wir dann unfair, wenn wir gegen Doping generell eingestellt sind, sei es exogen oder endogen, und Caster Semenya müßte logischerweise disqualifiziert werden. Trotzdem bliebe sie, falls sie das adrenogenitale Syndrom tatsächlich hat, genetisch und natürlich auch sozial eine Frau, leider aber als Frau mit einer angeborenen genetischen Störung. Im übrigen kann man diese Störung behandeln, heilen kann man sie nicht, sie ist Schicksal. Ein Wort wie Schicksal wird in der vom Machbarkeitswahn besessenen Welt nicht mehr gerne gehört, daran können wir nichts ändern, und es ist uns völlig wurscht.


2. August 2009

Unter dem Titel Das übertherapierte Kind regt sich im Magazin der Wochenzeitung DIE ZEIT wieder jemand gewaltig über die gegenwärtig praktizierte Kindererziehung auf. Kinder würden heute total überfordert, so der Tenor, weil sie als Projektionsflächen für überzogene Erwartungen, ehrgeizige Hoffnungen und unerfüllte Wünsche vollkommen desorientierter Eltern herhalten müßten. Ein Kind zu haben, sei heute kein Naturereignis mehr wie einst sondern ein gesellschaftspolitisches Projekt, das minutiöse Planung erfordere. Kinder, die durch unsachgemäßes Verhalten das Projekt scheitern ließen, würden automatisch als gestört und krank eingestuft und könnten nur durch therapeutische Intensivmaßnahmen vor dem irreversiblen Absacken ins Prekariat gerettet werden. Das moderne Kind werde keine Sekunde mehr sich selbst überlassen, und habe einen knallharten Arbeits- und Ausbildungsalltag zu bewältigen: Schule, Musikunterricht, Ballett, Boxen, Reiten, Fechten, Nachhilfe, Theatergruppe, Pflichtlektüre. Auch stabileren Naturen bleibe da nur noch die Flucht in Krankheit, Kriminalität und Drogensucht.
Genau! Diese heutigen Eltern sind ganz klar das hinterletzte, nämlich genau das, was Eltern schon immer waren.

Aber Moment mal. Ist es nicht gerade die Wochenzeitung DIE ZEIT gewesen, die ihren Lesern schon vor vielen Jahren, immer dicht am Busen des Fortschritts, eingebimst hat, Kinder brauchten mehr Zuwendung, Liebe, Bildung, Förderung, Chancengleichheit und was nicht noch, dürften auf keinen Fall sich selbst überlassen werden, weil sonst geistige und sittliche Verwahrlosung drohe. Auch autoritäre und karrieresüchtige Väter, denen die menschlichen Grundwerte in der Kadettenanstalt eingehämmert wurden, müßten den Hautkontakt zum Nachwuchs herstellen und der vernachlässigten Brut vor dem Gute-Nacht-Kuß Märchen vorlesen, am Wochenende gemeinsam gärtnern oder kochen und jederzeit ein tolles Vorbild sein. Zigtausend Bücher, Nachhilfelehrer und Therapeuten halfen ratlosen Eltern dabei, mit Hilfe einer Diktatur des Guten den Nachwuchs zu perfekten kleinen Leistungsmonstern hochzudrillen.
Der Appell zeigte Wirkung. Aufopfernd haben einstige Rabeneltern sich bemüht, alle Erziehungsbefehle prompt zu erfüllen, die ihr Leib- und Magenblatt und Millionen andere Ratgebern ihnen lautstark erteilten.
Verkrampfte, berührungsunwillige Väter kuschelten bis zur akuten Hautnekrose, besessene Mütter opferten ihre Identität auf den Altären des Berufs und Haushaltes, und nun, da sie alles getan haben, was ihre Wochenzeitung DIE ZEIT damals verlangt hat, da sie gerade hofften, sie hätten wenigstens einmal alles richtig gemacht, werden sie genau deswegen schon wieder in die Pfanne gehauen.
Das ist nicht nur gemein und ungerecht, das ist zum Verrücktwerden, denn jetzt liegt das Kind wieder mal im Brunnen (aus dem es in Wahrheit nie herausgekommen ist), und wieder ist es die Wochenzeitung DIE ZEIT, die es herausholen muß, indem sie das totale Umdenken fordert: Eltern, hört auf, euch um eure Kinder zu kümmern, überlaßt sie sich selbst, laßt sie spielen, laßt sie machen, was sie wollen, sie finden ihren Weg alleine, denn sie brauchen euch und die Schreckensherrschaft eurer durchgeknallten Fürsorge überhaupt nicht! Zur Umkehr habt ihr fünf bis zehn Jahre Ruhe, bis euch die Wochenzeitung DIE ZEIT an die Kandarre nehmen und euch sagen wird, was ihr dann wieder falsch gemacht haben werdet, falls es die Wochenzeitung DIE ZEIT dann überhaupt noch gibt.


1. August 2009

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt fordert die Abschaffung der Zweiklassenmedizin. Kassenpatienten müsse endlich die gleiche Behandlung zuteil werden wie Privatpatienten.
Ulla Schmidt hat wie üblich keine Ahnung. Die Wahrheit ist: Kassenpatienten sollten froh und dankbar sein, daß sie nicht wie Privatpatienten behandelt werden, sondern nur das Nötigste bekommen, denn auch das Nötigste reicht allemal aus, meistens ist es schon zuviel. Kaum ein Kassenpatient ahnt, wie viele überflüssige Untersuchungen ihm erspart bleiben, nur weil er nicht privat versichert ist, wie viele sinnlose Labortests, EKGs, Computertomogramme, wie viele riskante Therapien, die allesamt weitere überflüssige, sinnlose und riskante Untersuchungen und Therapien nach sich ziehen.
Ein durchschnittlicher Kassenpatient hat gute Aussichten, als gesunder Mensch die Praxis zu verlassen. Ein gesunder Privatpatient existiert nicht, er ist nur nicht ausreichend untersucht worden. Auch wenn er sich unverschämterweise für gesund hält, die Praxis verläßt er garantiert als Kranker. Beim Kassenpatienten tut der Arzt seine Pflicht, beim Privatpatienten sahnt er ab. Übel nehmen darf man ihm das nicht, denn er schröpft ja nicht den einzelnen Patienten sondern bloß die privaten Kassen, die mit unerschütterlicher Lammsgeduld alles zahlen, was vermeintlich gut und in jedem Fall teuer ist. Von dem, was die Pflichtkassen löhnen, könnte der Doktor sich kaum den Schnaps besorgen, den er braucht, um das Dasein eines Kassenarztes schön zu finden.
Als Kassenpatienten fordern wir daher dringend den Erhalt, ja die grundgesetzliche Zementierung der Zweiklassenmedizin, denn mit Ärzten möchten wir so wenig wie möglich zu schaffen haben. Wir wollen einfach nur gesund sein und uns freuen.


29. Juli 2009

Im Jahr der letzten Olympiade, 2008, wurden einem Bericht der NZZ folgend in China etwa 5000 Personen hingerichtet. Das würde bei einem weltweitem Vollzug der Todesstrafe an 5727 Personen in diesem Jahr für China 87,3% aller durchgeführten Hinrichtungen ausmachen.


21. Juli 2009

Ein kleiner Schritt für Neil Armstrong, ein Riesenbeschiß für die Menschheit. Die Mondlandung vor 40 Jahren war zweifellos das unbedeutendste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Weder wurde der Mond physisch nutzbar gemacht, noch wurde er entmythologisiert, und darum ging es ja wohl am allerwenigsten. Wenn es überhaupt um irgend etwas ging, dann um die geistesschwache Demonstration technologischer Potenz. Kopernikus war da weiter. Das Machbare tatsächlich zu machen: ist das nur dumm oder infantil oder beides?


5. Juli 2009

Heute Exekution des Lohengrin im Münchner Nationaltheater. Lohengrin präsentiert von Wüstenrot und Ikea, das war nicht mal witzig, was schlimm genug gewesen wäre. Quälend und langweilig war es wie wie alles Dumme. Eine großartige musikalische Darbietung wurde von einer unsagbar dämlichen Regie vernichtet. Anja Harteros, Wolfgang Koch, Jonas Koch, Michaela Schuster, alle hervorragend. Wie ist so etwas möglich, fragt man sich da, wieviel Verantwortung trägt die musikalische Leitung (Kent Nagano) für die Regie (Richard Jones), läßt die sich alles bieten, findet die alles gut? Leider ist der Wagnertext von der allerhöchsten Peinlichkeit, das ist immer die Crux dieser Opern. Man sollte auf die Übertexte verzichten, lenken nur von der Musik ab. Den Mythos in Musik zu verwandeln, darin war Wagner unschlagbar, aber die Sprache der Musik bleibt ein Rätsel, darum ist sie ergreifend. Opernregie richtet nichts aus, nur einen Sinn hätte sie: Inszenierung der Musik. Vergeßt die Texte!
Daniel Kehlmann hat so recht wie selten: Regietheater ist der allerletzte Schwachsinn.


27. Juni 2009

Grenzöffnung in Ungarn vor 20 Jahren. Dagegen ist der Tod Michael Jackson eher unbedeutend. Mußte man ihn überhaupt kennen? Einen kosmetisch verstümmelten Popanz, der zu laute und zu konventionelle Musik machte und ein begnadeter Showmensch war? König des Kommerz, ja, jemand, der Musikgeschichte schrieb, nein danke.

In Berlin, so wird berichtet, findet jetzt auch ein Christopher Street Day statt mit großem Umzug und Tamtam, und dabei soll es auch einen Wagen geben, auf dem Politiker aller Parteien mitfahren, um zu singen und zu tanzen, und sich bei dieser Gelegenheit als Homos zu outen. Offenbar kommt das neuerdings beim Wähler gut an, die Diskriminierungsparameter scheinen sich gerade zu ändern: Nicht Homosexualität ist anstößig, Heterosexualität ist es. Ein neuer Rassenhaß könnte sich entwickeln. Es beginnt mit Verachtung und endet wo? Wir freuen uns auf einen neuen Opferdiskurs, denn wenn die Diskriminierten nicht mehr Minderheit sind, wird es schwierig.


12. Juni 2009

In der SZ ein Bericht der Koreanerin Soon ok Lee über die Verhältnisse in nordkoreanischen KZs. Wie immer bei solchen Schilderungen heilloses Entsetzen, das sich in nichts von dem Entsetzen unterscheidet, das uns bei Berichten aus Nazi-KZs, aus dem Gulag, aus den Killing fields in Cambodja oder den Lagern in Kuba befällt, oder wo auch immer.
Verstoße ich damit nicht gegen das Verbot, die Verbrechen der Nazis mit kommunistischen Verbrechen zu vergleichen, gar gleichzusetzen und, schlimmer noch, gegeneinander aufzurechnen, gegen die Doktrin von der Einzigartigkeit der Naziverbrechen?
Ja, ich verstoße, aber ich rechne nicht auf. Ja, ich vergleiche und dabei stelle ich fest, daß es landestypische Differenzen bei der Ausführung obrigkeitlich gelenkter Verbrechen gibt. Die deutsche Art war, wie könnte es anders sein, besonders gründlich organisiert, Bürokratie mit dem Schein von Rechtsstaatlichkeit verbrämt, und tatsächlich, wie oft gesagt wird, von industriellem Charakter, irgendwie fundamental, auf der Höhe der Zeit, könnte man sagen, wenn auch keineswegs immer und überall, und sie wurde besonders penibel dokumentiert, im Gegensatz zu allen anderen. Die russische Art wirkt desorganisiert, spontan, chaotisch, kurz russisch, aber war sie nicht ebenso geplant von den Organen und Repräsentanten des Staates und ins Werk gesetzt durch eine Kette von Befehlen an die zahllosen beteiligten Institutionen und deren Vertreter bis ins letzte Glied? In China, Cambodja, Kuba, also überall auf der Welt nicht anders, und immer waren es totalitäre Dikaturen, die ihre Feinde auf prinzipiell immer gleiche Weise auszumerzen trachteten, nur die Logistik zeigt regionale Differenzen, das ist alles.
Wenn rituell behauptet wird, die Taten der Nazis seien etwas ganz Besonders, Einmaliges, nämlich etwas einzigartig Bestialisches, ein Kulturbruch unerhörten Ranges, kommt man dann nicht umhin, darin Nationalstolz zu wittern, und zwar der widerlichsten Art, und zugleich die unausgesprochene Annahme, die Russen, Chinesen, Cambodjaner und Kubaner und wer auch immer seien eben kulturell und technologisch noch nicht so weit gewesen wie Deutschland, seien in Sachen Terror zurückgeblieben, seien darum nicht in der Lage gewesen, mit der gleichen kalten Effizienz zu morden wie die Nazideutschen, hätten Qualität durch Masse ersetzt, ihre Taten seien daher vielleicht etwas weniger verwerflich als die deutschen?
Falls man tatsächlich so etwas wittert, müßte man dann nicht an der Art und Weise, wie die Debatte oft geführt wird, zweifeln und zu einer ganz anderen Einstellung zum staatlich organisierten Massenmord finden?
Eigentlich müßte man das wohl.


10. Juni 2009

Max Frisch hat noch mühsam Romane und Theaterstücke schreiben müssen, um für sein Leben die passenden Geschichten zu erfinden oder aus der Biographie ein Spiel zu machen. Heute würde er zu Photoshop und iMovie greifen. Der Medien sei Dank für unser neues chimärisiertes, hybridisiertes, klonisiertes Dasein, und man muß das positiv sehen: Wir müssen nicht in jedem Augenblick der sein, der wir sein sollten, was furchtbar anstrengend wäre, sondern der, der wir zu sein wünschen, wann und wo und wie immer. Erfinden wir nicht Geschichten für unser Leben, erfinden wir uns ein besseres Leben für unsere Geschichten. Better life, das Internet bietet so etwas ja schon an, aber das ist nur ein schwächlicher Anfang eines totalisierbaren Gedankens, einer wunderbaren Lebensmöglichkeit. Die Truman Show, Schauspieler als Ärzte und Patienten, werden wir doch Schauspieler unser Daseins usw., also das Leben ein Spiel, in dem wir erst wirklich zu uns finden. Schiller hat einfach zu früh gelebt.
Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß sich mit den Medien auch die Geisteskrankheiten verändern. Paranoia ist heute ein Normalzustand, eine wirklichkeitsadäquate Reaktion, um mal vorläufig einen Begriff zu erfinden. Man braucht nicht unmäßig viel Phantasie, um die ständige Gegenwart von Kameras und Monitoren als Bedrohung zu erleben.
Leben als Reality-Show.


8. Juni 2009

Selten gelingen Sloterdijk im Morast des Schwachsinns Sätze, für die man andere knutschen würde, z.B. dieser: Mir scheint sogar, ich wollte mich lächerlich machen, indem ich mich als Mitglied eines Sieben-Milliarden-Volkes verstehe - obwohl mir schon die eigene Nation zuviel ist. Ich soll als Weltbürger meinen Mann stehen, selbst wenn ich meine Nachbarn kaum kenne und meine Freunde vernachlässige. Gefunden auf Seite 709. Das reicht natürlich überhaupt nicht, um vergessen zu machen, daß dieses Buch eine schwere, unfaßbar unverschämte Beleidigung kritischer Intelligenz darstellt.


2. Juni 2009

Heinz Kurras' Enttarnung als SED-Mitglied und Stasispitzel ist definitiv ein Knüller, kommt aber mehr als 40 Jahre zu spät. Heute haken wir den Fakt gelassen ab, damals hätte man die Nachricht nicht geglaubt, hätte sie für eine hinterhältige Lüge der Springer-Presse gehalten. Man hat ja auch viel später nicht glauben wollen, daß die DDR die linken Studenten der BRD, den ganzen Sumpf der K-Gruppen und die RAF unterstützt hat. Natürlich hatte Kurras keinen Auftrag für seinen Schuß auf den Studenten Benno Ohnesorg, aber er hat trotzdem das Richtige im Sinne des Zeitgeistes getan. Er hat Unruhen mitgeschürt, von denen eine Destabilisierung des Systems erhofft wurde, die Schwächung des kapitalistischen Westens zugunsten einer Ausbreitung des Sozialismus. Die Weltherrschaft mit allen Mitteln zu erringen, war das einst nicht das erklärte Ziel der kommunistischen Internationalen? War es. Heinz Kurras und sein Schuß war also im Sinne der Hegelschen Geschichtsphilosophie eine List der Vernunft, da war der Weltgeist im Spiel, und die Hegelsche Geschichtsphilosophie war immerhin die Mutter des kommunistischen Theorie. Wieso hat das niemand bemerkt?


8. Mai 2009

Journalisten sind Dünnbrettbohrer, eitel und halbgebildet. Am liebsten schreiben sie über sich selbst und ihr Medium, vor allem dann, wenn es ein Printmedium ist, dem gerade wieder der Untergang droht. Denn sie wissen, daß sie auf einem sinkenden Schiff ihr Unwesen treiben, und das verschafft ihnen Lust, es ist die köstliche Lust des Endzeitgefühls. Das Fernsehen ist für den Printjournalisten längst kein echter Feind mehr, dazu ist es zu dämlich, ganz besonders Nachrichtensendungen, deren Verblödungspotential kaum noch meßbar ist. Der wahre Feind ist jetzt das Internet, aber alles was der behäbig-konservative Printjournalist etwa ab 40 aufwärts dem Netz und seinen Emanationen vorwirft, fällt auf ihn selbst zurück, z.B. die Nichtüberprüfbarkeit von Nachrichten, die täglichen Falschmeldungen, die Latrinengerüchte, das Gezeter des Subjektivismus, der Feuilletonkitsch, das falsche Deutsch, der langweilige Stil. Noch aber ist der Durchschnittsuser, also der mitteleuropäische Biedermann mittlerer geistiger Kapazität geneigt, alles zu glauben, was in der Zeitung steht, nur weil es dort steht, weil es auf Papier real gedruckt erscheint und die Hände schwärzt. Das virtuelle Geflimmer auf dem Bildschirm dagegen macht mißtrauisch, und zwar mit Recht. Wer ins Internet geht, muß klüger sein als der kluge Kopf hinter dem Blatt, er muß kritisch sein, sonst kommt er darin um, aber wenn er das einmal gelernt hat, wird er auch die Zeitung nicht mehr blauäugig lesen. Wir sollen ja lebenslang lernen, warum sollten wir dann den Umgang mit dem Netz nicht auch noch lernen? Gegen die Zeitung kann man sich nur passiv wehren, indem man sie nicht mehr liest oder abbestellt, im Netz kann man mitmachen, das ist das Schöne daran, und davor gruseln sich viele Redakteure, denn nun besteht Gefahr, daß sie der Inkompetenz überführt werden. Um sich zu wehren haben sie den Begriff des Qualitätsjournalismus geprägt, demnächst mit Zertifikat. Eigentlich müßten sie dem Internet dankbar sein, denn es hat sie aufgewertet, zumindest vor sich selbst, in ihrer klebrigen Selbstwahrnehmung, wenn auch nur scheinbar.


25. April 2009

John Rabe hätte man schweigend übergehen können, da nun aber der Film eine Goldmedaille bekommen hat, hier eine kurze Richtigstellung: an diesem Lichtspiel stimmt nichts. Jede Szene riecht nach Studio, angereichert mit ein paar matten Computertricks, Kampfflieger schwirren Schwalben gleich durch Straßenschluchten, ein Schiff liegt am Kai, dann fährt es hinaus, wird bombardiert, sinkt wie in der Badewanne, alles Kulisse, die Sprache stimmt nicht, mal wird Siemens abgewickelt, mal ist von Gutmenschen die Rede, faulig deutschtümelndes Pathos in jedem Satz, dazu ein Quent britischer Zynismus, hinter dem sich ein waidwundes Angelsachsenherz verbirgt, ja, so mögen wir ihn, den Angelsachsen. Sind wir im China der 30-er Jahre, einer multikulturell-polyglotten Gesellschaft des verblühenden Spätkolonialismus oder doch wieder nur in Osnabrück? Hier sprechen sogar Japaner deutsch, auch wenn sie unter sich sind, schwer vermißt man ihr bellizistisches Gebell, und ein chinesisches Kind ruft: Da kommt Herr Rabe. Süß.
Vor allem aber ist der Film langweilig, ein Tagebuch wird abgespult, ohne jeden dramatischen Hintergedanken, man versteht nichts, Herr Rabe notiert etwas, dann passiert etwas, aber wann, warum, wieso, keine Ahnung, eine Anekdote nach der anderen, Frau Rabe backt Guglhupf, Herr Rabe spricht auch nach 27 Jahre Aufenthalt in Nangking kein Wort chinesisch, ein eindimensionaler Vorzeige- oder Quotennazi mit fetten Schmissen taucht plötzlich auf und verschwindet wieder, die Japaner kommen, mal sind sie hier, mal sind sie da und so weiter, diese Welt ist komplett in Ordnung, Gut und Böse sind korrekt verteilt, wir haben keine Fragen: ein Film, überflüssig wie ein Bierwärmer.


17. März 2009

Historisch betrachtet ist das Denken in Rechts-Links-Schablonen spätestens seit 1989 ein Auslaufmodell. Doch bis jetzt fehlt griffiger Ersatz. Der Talkshow-Kriminologe Christian Pfeiffer, der sich kürzlich durch die Bemerkung die Vergreisung der Gesellschaft ist letztendlich ein Gewinn für die innere Sicherheit unsterblich gemacht hat, warnt nun in einer Studie vor einem zunehmendem Rechtsextremismus der Jugend. 4,9% der 15-jährigen trinken Bier mit Rechtsradikalen, hat er recherchiert. Wir sind voll erschüttert. Läßt man sich die Äußerungen Herrn Pfeiffers einmal auf der Zunge zergehen, wird vor allem eins klar: Herr Pfeiffer hat überhaupt keine Ahnung davon, was ein Jugendlicher sein könnte. Wahrscheinlich war er selber nie einer, und wenn doch, hat er nicht mit Rechtsradikalen Bier getrunken, die gab es damals ja nicht mehr oder noch nicht wieder, wahrscheinlich hat er sowieso nie Bier getrunken, immer nur die Milch der frommen Denkungsart, aber vor allem hat er immer auf der richtigen Seite gestanden, immer sauber politisch korrekt im juste milieu strampelnd.


13. März 2009

Amokläufe gehören zu den Schrecken der menschlichen Welt. Weitaus schrecklicher als die Tat ist regelmäßig deren mediale Verarbeitung. Der ungeheuerliche, zutiefst verlogene Mitgefühlskitsch, der da zum Ausbruch kommt, einschließlich der haarsträubenden Schwachsinnskommentare sogenannter Experten (allen voran Psychiater und Psychologen) gehört vermutlich genau zu jenen Zumutungen, die solchen Tätern das Dasein unerträglich machen. Dafür üben sie Vergeltung im vorhinein.


10. März 2009

Thomas Steinfeld (Kunstscharfrichter) hat einen neuen Tiefpunkt verschmockter Rezensentenlyrik ausgelotet. Sibylle Lewitscharoffs neuer Roman sei eine gespensterkluge Erneuerung der deutschen Sprache, trötete er in der letzten Literaturbeilage der SZ. Wir kennen diesen Roman nicht, aber wir wissen nun, daß wir ihn nicht lesen müssen. Dafür zollen wir Herrn Steinfeld und mit ihm dem Rezensionswesen in seiner Gesamtheit ergebensten Dank.


14. Februar 2009

In der Süddeutschen Zeitung, unserem Lieblingssandsack, wird seit Jahren der Abriß des Palazzo Prozzi (Palast der Republik, ehemals Ostberlin) wehleidig bejammert, zuletzt von einem Herrn Moritz Holfelder, der über die Scheußlichkeit sogar ein Buch geschrieben hat. Wir würden gerne wissen, ob Herr Holfelder diesen Palast jemals leibhaftig betreten hat, z.B. um dort vor der Barriere einer der halbleeren kantinengleichen Verköstigungsanlagen (Restaurants) nicht unerheblich lange zu warten, um dann von einem vopohaften Herrn in bester Stasilaune an einen Tisch abgeführt (plaziert) zu werden, um dort z.B. ein Jagdwurststeak mit Bratensoße und Sättigungsbeilage verzehren zu dürfen. Vermutlich nicht.
So war die DDR, mattgülden schimmernde Alufassade, entzündlich verschwollen wie bei Kopfweh nach altem Nordhäuser. Nun gibt es sie nicht mehr, und es ist, als hätte es sie nie gegeben.


3. Januar 2009

Zur Verteidigung des Realismus. Dem Realismus wird vorgeworfen, die Realität abbilden zu wollen, wie sie sei. Manche mögen diese Absicht verfolgt haben. Vermutlich haben sie nicht ausreichend nachgedacht. Die Sprache, wurde behauptet, sei kein angemessenes Mittel, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. An dieser Stelle müßte man fragen, was Wirklichkeit sein soll. Wir unterlassen das und hoffen auf einen Minimalkonsens. Die Feinde des Realismus als Abbildung sogenannter Wirklichkeit wenden den Blick nach innen. Das Außen betrachten sie als Spiegel des eignen Innenraums, gerne bei Naturbetrachtungen. Das Soziale und Politische dagegen wird als niedrig und befleckend erlebt, darum ausgeklammert soweit nur möglich.


12. Oktober 2008

Politiker: Parvenus ohne Klasse, ohne Eigenschaften, ohne Stil und Form, ohne Bildung oder Kultur, geistige Duodezler, Partikularisten, Hinterweltler, Gesinnungsschlucker, Vernunftversehrte, Parteiprofosse, Meinungstrompeter, Systemgelähmte oder Nachtjackenmacchiavellis, unfähig zur Repräsentation.
Dabei wäre die Zeit gekommen, eine neue, kritische Politik zu entwerfen, die sich losmacht von alten Denkhemmungen, den Links-Rechts-Kategorien, ideologischer Regression. Ganze Herden heiliger Kühe endlich nach Indien treiben. Mehr Pragmatismus, rationale Konzepte, Sinn für das Machbare, das System Demokratie neu durchdenken, Gerechtigkeiten definieren, die nationale Komponente zuschneiden, den Zerfall der Gesellschaft.
Warum sollte nicht funktionieren zum Beispiel: Nationalstaat plus europäischer Staatenbund plus Berufsarmee plus Gentechnik plus Selbstverantwortung plus Eliten plus Sozialstaat plus Geschwindigkeitsbegrenzung plus Rechtsstaat plus Atomenergie plus humaner Staat plus Abschaffung des Ladenschlußgesetzes und des Rauchverbots und so weiter?
Raus aus den idelologischen Zwangsjacken!
Wenn allerdings alles Illusion ist, dann ist auch das Prinzip der Vernunft Illusion. Aber Vernunft ist keine ideologische Dampframme, sondern nur ein Mittel, um den Tag zu überstehen. Wenn das Machbare das Vernünftige ist, bedeutet das, jede politische Aktion muß überprüft werden, erstens, ist sie kompatibel mit dem Rechtsstaat, zweitens, ist sie kompatibel mit dem Sozialstaat, ist sie kompatibel mit dem ökonomischen Staat, ist sie kompatibel mit dem Nationalstaat und so weiter. Vernunft zwingt Ideologie raus, zwingt Humanität rein. Vernunft sollte eine Art Gefühl sein, Gefühl für das Ganze.


14. August 2008

Angst vorm Netz geht wieder um: Zeitungsschreiber fürchten um ihre Arbeitsplätze. In der Wochenzeitung DIE ZEIT mosert jetzt Herr Josef Joffe über die Huffington Post, die sich einen Dreck um journalistische Standards kümmert, frech die Möglichkeiten des Internets für sich nutzt, und dabei auch noch Kohle macht.
Unverschämt so etwas. Und vor allem: wo führt das hin?
Selbstverständlich in den Abgrund.
Der Content (Inhalt nach alter Nomenklatur) sei nicht mehr überprüfbar, durchgeknallte Kommentatoren könnten schreiben, was sie wollten, ängstigt sich Herr Joffe, kurz, Anarchie im Nachrichtenwesen sei die notwendige Folge, das Ende der Printmedien und der Demokratie gleich mit. Früher habe der professionelle Zeitungsmacher das Interessante vom Blöden getrennt, erfahren wir, jetzt gebe es nur noch Meinung, Illusion und Täuschung.
So weit so blöde.

In der naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation hat es das ja ständig gegeben: Neues kam auf, Altes verschwand. Erst war die Postkutsche dran, jetzt die Zeitung, und immer gab es die Überforderten, die nicht mitkamen. Gerade des deutschen Bildungsbürgers liebstes Meinungsblatt, die Wochenzeitung DIE ZEIT, ist naturgemäß gefährdet, spielt doch die bloße Nachricht als maßgeblicher Content bei ihr die geringere Rolle.
Wie zum Beweis seiner Ausführungen findet sich unmittelbar auf Seite eins neben Herrn Joffes Gemaule der Artikel eines Herrn Georg Blume, der hier als sinologischer Experte auftritt und nachweisen möchte, daß ein Vergleich der Olympiade in Peking 2008 mit jener in Berlin 1936 a priori nicht zulässig sei. Herr Blume kennt China und seine 1,3 Milliarden Bürgern ganz genau. Die Stimmung im Lande sei gut, frohlockt er, und das sei Ausdruck eines freien Bürgerbewußtseins. Der neue chinesische Patriotismus habe ein selbstbewußtes offenes Gesicht. Freude an westlicher Musik, eingespielt durch den Pianisten Lang Lang, markiere einen Bruch mit dem Haß der Kolonialepoche. Nichts davon sei inszeniert. Viele Chinesen nähmen der KP heute ab, daß sie sich um deren Probleme kümmere. Die Chinesen empfänden weltbürgerlicher denn je, hätten den Haß auf andere abgelegt, das würde den unzulässigen Vergleich mit Berlin 1936 widerlegen.

Wie das? fragen wir uns da.
Erstens würden wir gerne wissen, wieso ein Vergeich, der a priori unzulässig ist, noch extra widerlegt werden muß.
Zweitens - und das ist viel wichtiger - sind all die bösen Nachrichten über China, mit denen uns die Qualitäts- und Hochleistungsmedien bisher gefüttert haben, offenbar völlig falsch gewesen. Ein bißchen Zensur, ein bißchen Unterdrückung winziger Minderheiten, polizeistaatliche Methoden hie und da, Verurteilung steinalter Frauen zu Arbeits- und Umerziehungslagern, und was es sonst noch so gibt: alles nur üble westliche Propaganda, lanciert vom Dalai Lama, diesem Schakal im Mönchsgewand? Gab es vielleicht gar keine Kulturrevolution, keine Millionen Tote und keinen Mao Tse Tung? Waren das alles nur böswillige Erfindungen einer unbelehrbaren, im Geist des kalten Krieges störrisch verharrenden antikommunistischen Presse der kapitalistischen Welt?

Wir wissen es nicht, und wir können es auch gar nicht wissen, denn wir waren noch nie in China, wir sprechen kein chinesisch, und wir kennen keine Sinologen außer Herrn Georg Blume von der ZEIT, der den Chinesen aufs Maul geschaut hat. Ja, Herr Joffe hat recht, wir sind auf seriöse Periodika angewiesen, wenn wir uns als mündige Demokraten zuverlässig informieren wollen. Wenn also ein derart renommierter Fachmann wie Herr Georg Blume auf der ersten Seite der Wochenzeitung DIE ZEIT uns die Ergebnisse seiner neuesten landeskundlichen Erhebungen aus dem Reich der Mitte verkündet, müssen wir ihm einfach glauben; vor allem auch deshalb, weil Herr Georg Blume ja zum erlauchten Kreis jener professionellen Qualitätsjournalisten zählt, die allein autorisiert und fähig sind, das Interessante vom Blöden zu scheiden, um es dann dem gemeinen Mann als überprüften Content vorzuwerfen.
Leider wissen wir nicht genau, mit welchem Teil des Trennungsvorgangs wir es hier zu tun haben, dem Interessanten oder dem Blöden?
Wenn wir darüber bitte noch Aufklärung erführen, bitte.


27. Juli 2008

Peter Schneider: Rebellion und Wahn


25. Juli 2008

Martin Walser ist seit langem der Lieblingssandsack einiger anscheinend gleichgeschalteter Presseorgane geworden, die sich als politische Tugendwächter der Nation aufspielen. Können ihm nicht verzeihen, daß er, der anfangs in einem eher linksgerichteten Pool mitschwamm, seinen eigenen Weg gegangen ist und Ende der Siebziger immer noch oder schon wieder gewagt hat, auf die deutsche Teilung als ein Problem hinzuweisen, das ihm schmerzlich zu schaffen machte (siehe dazu auch Stichworte zur geistigen Situation der Zeit, herausgegeben von Jürgen Habermas in der edition suhrkamp 1979). Einer seiner besten Romane (Die Verteidigung der Kindheit) wurde vor diesem Hintergrund brutal verrissen. Trotzdem hat er die Schnauze nicht halten können.
Letzte Woche hat er wieder schwere Prügel einstecken müssen. Hatte erneut politisch-sittlich Unkorrektes von sich gegeben, diesmal zum Thema Geld. Soll angeblich Schmiergeldzahlungen à la Siemens einschließlich Steuerhinterziehung à la Zumwinkel gutgeheißen haben. Bodenlos so etwas, zumindest laut Spiegel online, ZEIT und SZ. Nur die NZZ will in dem betreffenden Interview derartiges nicht bemerkt haben. Sind die da vielleicht objektiver?
Wahrscheinlich wissen sie in der Schweiz einfach noch nicht, daß Objektivität überhaupt kein adäquates Kriterium ist, wenn es um Denunziation des Klassenfeindes geht.


21. Juli 2008

Es gibt kaum Dümmeres als Jubiläen. Aber die Medien lieben Jubiläen, auch wenn's nichts zu jubilieren gibt. Zum Beispiel 850 Jahre München. Eine Zahl ohne jeden Charme, ohne Ausstrahlung, ohne Bezug, Quersumme 13. Egal, man feiert, wegen der Null am Ende. Wie gut, daß es Nullen gibt.

Besonders beliebt ist das Jahr 1968 und vor allem den Mai dieses Jahres mit seinen studentischen Umzügen. Alle zehn Jahre werden die Leichen von damals unterm Teppich vorgekehrt und wieder durchgefleddert. Von gesellschaftlicher Umwälzung, die damals begonnen habe, ist dann die Rede. Das ist zwar Schwachsinn, aber egal, Jubiläum muß sein. Noch krasser ist das Geächze von einer sexuellen Befreiung. Kein Mensch weiß, was das sein soll, sexuelle Befreiung. Befreiung wovon, wozu? Wenn da was war, dann war es die Einführung der Pille, so um 1965. Unser Dank gilt der Pharmaindustrie.

Herr Cohn-Bendit sagte, vermutlich nicht nur in der SZ: Politisch haben wir verloren, kulturell haben wir gesiegt. Wir hätten gerne gewußt, wieviel Promille man intus haben muß, um so einen Satz von sich zu geben. Aber egal, jeder glaubt, was er will.

Jegliches Gedenken an das Jahr 1968 bleibt unvollständig ohne Erinnerung an die gewaltsame Unterdrückung des Prager Frühlings. Am 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes unter moralischem und physischem Beistand der DDR in die Tschechoslowakei ein und beendeten die absurde Fata Morgana eines menschlichen Sozialismus. Dieses Ereignis wurde von der linken Szene des Westens ignoriert oder kleingeredet. Selbstbetrug war schon immer die formidabelste Begabung sogenannter Intellektueller. Zu feiern gibt's da leider nix.


4. Juli 2008

In der SZ wird über ein Buch berichtet, in welchem ein Herr Ortheil (Autor) und ein Herr Siblewski (Lektor) über die Entstehung von Romanen etwas mitteilen. Was lernen wir daraus? Kurz gesagt: der Lektor bringt die Gehirnblähungen des Autors in marktgängige Form. Wer hätte das gedacht?


17. Juni 2008

Juli Zeh schreibt in der SZ etwas gegen Alice Schwarzer und den Feminismus. Wir finden das überflüssig, ebenso wie wir das Romanwerk von Frau Zeh überflüssig finden, aber das ist eine andere Geschichte. Wir wußten gar nicht, daß es einen Feminismus überhaupt noch gibt, anscheinend aber doch, und das ist irgendwie fast rührend. Andererseits macht es Frau Zeh sich vielleicht doch etwas zu einfach. Sie scheint zu glauben, daß sie (und ihre Generation) Alices Feminismus à la Emma überwunden hat, wenn sie nur oft genug das Wort Möse verwendet. Das ist nicht nur überflüssig sondern vor allem peinlich. Anstößig ist nicht das Wort als solches sondern jener inbrünstig dem Zeitgeist und dem Gängigen sich anbiedernde Sprachgebrauch der Frau Zeh, der ihre Texte regelmäßig entwertet. Zur geistigen Anspruchslosigkeit ihres schreiberischen Tuns paßt das natürlich prima. Also doch alles in Ordnung, oder?


28. Mai 2008

Kultur: Entsorgung eines Begriffes


5. April 2008

In der Wochenendausgabe der SZ belustigt sich Willi Winkler auf Kosten des Dalai Lama, den er zu einer Art Wellness-Apostel deklassiert. Schon immer tat sich Herr Winkler als Matador einer madigen Witzelsucht hervor, jenes abgestandenen Alltagszynismus, dekadenter Partynihilismus, der gern auf Herrenabenden gepflegt wird.


21. März 2008

Innerhalb der nivellierenden Unübersichtlichkeit der Lebenswelt kann die Eindimensionalität des Sports dem Dasein einen Fernsehabend lang Sinn schenken. Im Sport zählen ohne Einschränkung Sieg und Niederlage. Im Sport versteht jeder die Regeln, alles ist einfach. Sport ist heile Welt, darum ist er so beliebt, zumindest bei denen, die ihn nicht ausüben.

In der Diskussion um einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking wird bis zum Abwinken das Argument strapaziert, er würde nichts bringen, hätte keine Wirkung.
Unwillkürlich fragt man sich da, welche Wirkung ein Nichtboykott hätte.
1936 brachte der Nichtboykott dem Naziregime weltweite Anerkennung ein. Im Glanz jenes Festes der Völker sonnten sich die Vertreter der deutschen Schreckensherrschaft und sammelten Kraft für die geplanten Massenmorde und die Überfälle auf den Rest der Welt, die ihnen blauen Auges beflissen zujubelte. Der Nichtboykott der Spiele war ein starkes Zeichen, man kann es ohne Übertreibung so nennen.

In der Politik sind Zeichen wichtig, oft als Ersatz für Wirklichkeit. Gerade die Repräsentanten der chinesischen Diktatur legten auf Zeichen von jeher den allergrößten Wert. Olympische Spiele in ihrem Land bedeuten Anerkennung ihres Systems, Duldung ihrer Verbrechen gegen die Menschenrechte, Duldung ihrer brutalen Unterdrückung des tibetischen Volkes. Für diese Demonstration scheuen sie keine Kosten.
Ein Nichtboykott der Spiele in Peking ist daher notwendig ein starkes Zeichen. Ohne Zweifel wird es die Welt nicht verändern, aber es wird den chinesischen Machthabern sagen, daß sie richtig liegen, daß sie auch in Tibet weitermachen können wie bisher, und es würde sie wieder einmal erkennen lassen, daß die Politiker der westlichen Welt nicht bereit sind, die Grundsätze ihrer Politik ernsthaft zu verteidigen.

Leider wissen wir, daß es so ist. Die Politiker der westlichen Welt sind schwach und feige. Sie lassen alles mit sich machen, wenn's ums Geschäft geht, und die Chinesen wissen das, darum verachten sie die westliche Welt und reizen deren Unfähigkeit zur Tat aus, soweit es nur irgend geht, und es geht, wie man in Tibet sieht, noch immer nicht zu weit.
Die Spiele werden stattfinden, egal, was geschieht, das war immer so, siehe auch München 1972: the games must go on.

HIERMIT RUFEN WIR ZUM BOYKOTT DER OLYMPISCHEN SPIELE IN PEKING AUF!




12. März 2008

Was will uns ein Politiker in leitender Position (Kurt Beck, SPD) mitteilen, wenn sein erklärtes Ziel es ist, nah an den Menschen zu sein. Möchte er sich bei uns zum Abendessen einladen, um uns aufs Maul zu schauen, will er sich wie einst Harun al Raschid unerkannt unters Volk mischen, um zu hören wie man von ihm denkt? Offenbar weiß er sich fern von den Menschen, und das bereitet ihm Unbehagen. Fühlt er sich seiner Rolle nicht gewachsen? Er steht in seiner Funktion weit über den Menschen, ja er ist aus dem Menschsein herausgetreten. Dank der ihm verliehenen Befugnisse hat er Züge eines Übermenschen angenommen. Gottähnlich ragt er über uns, wir aber erkennen in dieser Rede, in diesem nah an den Menschen nur die Arroganz des Mächtigen. Früher gab es den Bürger draußen im Lande, jetzt gibt es die Menschen. Wer so redet, der soll uns nicht zu nahe kommen. (siehe dazu auch Carl Schmitt: Wer Menschheit sagt, will betrügen.)


14. Februar 2008

Das kulturpessimistische Gemaule über das Internet will nicht enden. Der Brockhaus, jenes altehrwürdige Konversationslexikon des Bildungsbürgers soll nicht mehr in Buchform erscheinen, sondern in den Niederungen des Netzes, jedermann frei zugänglich sein, finanziert durch schnöde Werbung.
Eigentlich prima, sollte man denken, aber nie war der Untergang des Abendlandes näher: Man könne nun sein Gehirn nicht mehr in den Zeitfalten des Wissens kuscheln, meckert in madiger Studienratsmanier jener erst kürzlich peinlich aufgefallene Herr Bernhard Graff in der Süddeutschen Zeitung assistiert von den Herren Kreye und Busse.
Zeitfalten des Wissens? Das ist einerseits Journalistenpoesie vom verschmocktesten, andererseits eine Metapher von Arno Schmidt, aber vielleicht sollten wir Arno Schmidt endlich mal ins Glied zurücktreten lassen, jenen epigonalen Manieristen und Großwesir der Verquasung, jetzt Lieblingsreferenz für Zeitungsschreiber, die sich mit Geistesmenschen verwechseln.
Zurück zum Brockhaus. Seien wir doch bitte einfach dankbar dafür, daß wir beim nächsten Umzug nun nicht mehr ein bis zwei Doppelzentner Lexika mitschleppen müssen. Wenn das Internet für irgend etwas gut ist, dann doch gerade für Nachschlagewerke, Enzyklopädien und Wörterbücher, und bitte gerne mit Verweisen aller Art, kurz für jene Art von Wissen, das mit Bildung noch nichts zu tun hat. Die oben erwähnten Herren sollten ihre sentimentalen Hirnfaltungen lieber glätten und das Angebot nehmen, wie es kommt. Wer die Unzuverlässigkeit von Wikipedia kennt, kann sich über das Brockhaus-Projekt nur freuen. Wer aus welchen Gründen auch immer unentschuldigt den alten Meyer von 1902 bis 1912 nicht besitzt, kann ihn jederzeit in Bibliotheken einsehen und sein Gehirn in die Falten des Wissens jener Zeit knäulen bis zur Paralyse.


25. Januar 2008

Inzwischen haben sich Vertreter eines sogenannten Qualitätsjournalismus im Internet sauber blamiert. YouTube kann ja so unbarmherzig sein. Wir möchten die Sache lieber herunterfahren. Auf der einen Seite ein ZEIT-Schreiber (Jens Jessen), der aus Opfern Täter macht, auf der anderen Seite ein FAZ-Schreiber (Frank Schirrmacher), der vom Untergang des Abendlandes brodelt. Beiden gemeinsam ist der hohe Grad an Hysterie des Besserwissens und der Rechtgläubigkeit. Das ist also jetzt jener Qualitätsjournalismus, der sich Millionen debiler Blogschreiber so turmhoch überlegen fühlt? (Siehe hierzu unsere Anmerkungen vom 5. Januar.)


6. Januar 2008

Es gibt in der Menschheitsgeschichte einen ziemlich langen Katalog ungelöster Fragen, die von den Medien immer wieder dankbar aufgegriffen werden, wenn nur der geringste Anlaß sich bietet: Wer war Shakespeare? Was will uns der Diskos von Phaistos sagen? Wann trat Homo sapiens sapiens auf die Bühne?
Die dünne Quellenlage eröffnet interessierten Laien, Dilettanten und rechthaberischen Querulanten ein weites Feld enthemmter Spekulation. Zur Zeit ist wieder Troja dran. Troja ist ein Dauerbrenner. Der Volksetymologe Raoul Schrott (mensa>tensa>tissa>Tisch) verlegt Troja jetzt nach Kilikien und ernennt Homer zu einem kastrierten Schreibtischtäter im Dienste assyrischer Verwaltungsbürokratie, falls es so etwas gegeben hat.
Ist das nun besonders originell oder einfach nur dummes Zeug, um nicht zu sagen Prahlerei? Wir neigen naturgemäß zu letzterem, aber viel wichtiger ist die Feststellung, daß derart eitle Scharlatanerie überflüssig ist, und vor allem unproduktiv. Sie trägt nichts bei, und sie hat keine Folgen, niemand hat nach ihr verlangt. Sie dient nur dem einen Zweck: sich interessant zu machen. Man sollte sie also stillschweigend, allenfalls peinlich berührt übergehen. Leider blieb es nicht aus, daß Altertumsforscher verschiedener Meinungslager sich schäumend zu Worte meldeten und dem Verursacher jener Phantastereien damit unverdiente Ehre erwiesen, indem sie Herrn Schrott zum Hackethal der Alten Geschichte erhöhten. So gesehen sind sie nicht besser als jener und diskreditieren vor allem ihr Fach.


5. Januar 2008

Das Thema Verbrechen und Strafe geht wieder um. Jugendliche Intensivtäter mit Migrationshintergrund prügeln unbescholtene Bürger in öffentlichen Verkehrsmitteln krankenhausreif. Man sollte dazu lieber die Klappe halten, aber eine kleine Anmerkung werdet ihr verschmerzen.
Verbrechen und Strafe lautet der Titel einer Neuübersetzung jenes berühmten Romans von Dostojewski, der früher Schuld und Sühne hieß. Slawisten versichern, der neue Titel sei philologisch korrekter. Das wollen wir gerne glauben, obwohl wir finden, daß Schuld und Sühne viel besser klingt, nicht so sehr nach Handschellen, Justiz und Vollzug wie Verbrechen und Strafe. Vielleicht ist aber der neue Titel zeitgemäßer, denn in der gegenwärtigen Debatte über Gewalt in U- und S-Bahn oder sonstwo spielen Begriffe wie Schuld oder Sühne überhaupt keine Rolle. Sie spielen auch sonst im kriminellen Bereich keine sichtbare Rolle mehr.

Vermutlich ist der Gedanke abhanden gekommen, daß es Schuld überhaupt gebe, Schuld als existentielle Verfassung im Sinne individueller Verantwortlichkeit. Schuld wird heute gern imaginären Instanzen zugeschoben, sei es der Gesellschaft, der Verwaltung oder dem Wetter, oder sagen wir, Instanzen, die man nicht belangen kann. Liegt hier Verdrängung vor? Verdrängung kann ja das Leben erleichtern, besonders dann, wenn anonyme bürokratische Apparate das Leben der Menschen in die Hand nehmen, wenn also Verantwortung so lange administrativ geschreddert wird, bis sie nicht mehr kenntlich ist.

Die Moral der westlichen Gesellschaft ist unter anderem christliches Erbe, das säkularisiert wurde. Ihm verdanken wir Menschenrechte, Verfassungen, Grundgesetze. Die christliche Moral wird oft als Sklavenmoral diffamiert. Aber ist nicht das Angebot der Versöhnung, der Verzeihung, der Vergebung und der Erlösung in Wahrheit Herrenmoral? Nur Könige und Präsidenten heben Todesurteile auf, gewähren Amnestie, die Stimme des Volkes kennt keine Gnade. Sie kennt nur eins: Kreuzige ihn!

Andererseits verliert der domestizierte Normalbürger ein Gefühl für das Ausmaß von Aggression, das zur Natur gehört. Aggressionsbeherrschung ist ein erwünschtes, ja notwendiges Erziehungsziel in zivilen Gesellschaften. Leider führen die entsprechenden Maßnahmen bei vielen nicht zum Ziel. Bei einigen ist das Aggressionspotential höher als beim Durchschnitt, warum auch immer, vielleicht als Folge angeborener oder erworbener zerebraler Läsion; andere, vermutlich eine Mehrheit, wachsen in zerrütteten Verhältnissen auf, in denen Gewaltakte zum Handlungsarsenal des Alltags gehören. Dazu gibt es reichlich Fachliteratur.
Festzuhalten bleibt, daß der Wunsch nach Gewalt immer anwesend ist, auch wenn er gezügelt bleibt. Woher sonst der reflexartige Schrei nach verschärften Strafmaßnahmen, nach Wiedereinführung der Todesstrafe etc. auch bei minderschweren Fällen? Es ist der Wutschrei nach Rache aus der gequälten Seele des kleinen Mannes, der die Welt nicht mehr versteht und sich nicht zu helfen weiß. Er hat Angst, und die Phantasien, die diesen Schrei gebären, kennen keine Grenzen.


24. Dezember 2007

Im Magazin der ZEIT stellen zu Weihnachten einige Mitarbeiter ihre Lieblingsbücher vor. Das ist eine eigenartige Sammlung. Man weiß nicht genau, was man davon halten soll. Steigert es wirklich den Wert eines Buches X, wenn der Redaktor Y es zu seinem Lieblingsbuch erklärt? Eine solche Erklärung oder Bekundung, die man besser Bekenntnis nennt, könnte den Wert eines Buches auch schmälern. Da berichtet ein Herr Georg Diez, dessen Namen man auch aus der FAZ und der SZ zu kennen glaubt, über seine Leseerfahrungen mit Der Fremde von Camus. Von vornherein bemüht sich Herr Diez zu versichern, daß eine Weltanschauung wie der Existenzialismus kitschig ein könnte. Kitschig kann aber zweifellos alles sein, wenn einer ein kitschanfälliges Gemüt hat. Nur der Postmodernismus kann nicht kitschig sein, weil er eigentlich nichts ist. Er vergibt lediglich Lizenzen zum Geschwätz. Wir vermuten, Herr Diez ist ein Postmodernist.


8. Dezember 2007

Wer sich ins Netz begibt, kommt darin um. In der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung beschwert sich ein Herr Bernd Graff über die Zustände im Internet, speziell wettert er gegen die Minderwertigkeit des sogenannten Web 2.0 und die digitale Demenz überhaupt. Wer würde dem nicht beipflichten? Leider benutzt Herr Graff seine berechtige Kritik auch dazu, vor dem Hintergrund solcher Erbärmlichkeiten die herkömmlichen Printmedien zum Qualitätsjournalismus zu adeln und sie zu Sprachrohren einer sogenannten Wissensgesellschaft zu befördern. Das kommt uns wie Lumpentrost vor. Wikipedia ist nichts weiter als ein besonders schlechtes Konversationslexikon, und wer sich ernsthaft zu Bildungszwecken daran orientiert, ist eigentlich nur selber schuld, und die hanebüchene Banalität sogenannter Webblogs muß man gar nicht wahrnehmen. Man muß ja auch die Bildzeitung nicht lesen.
Offenbar fühlen sich Vertreter der Printmedien vom Internet bedroht. Das ist lächerlich. Zehn Millionen Bildleser, die auf ihr tägliches Quantum Vox populi nicht verzichten wollen, beweisen es. Ebenso beweisen es einige Hunderttausend Bildungsbürger mit ihren Sonntagsblättern.

Was aber ist von jenem hochgelobten Qualitätsjournalismus zu halten, wenn einem beim Lesen der FAZ vor Langeweile die Füße abfaulen, und ein überregionales Organ wie die SZ noch nicht einmal in der Lage ist, ausländische Worte und Namen sogar aus dem Schengen-Raum orthographisch korrekt wiederzugeben? Journalismus, werter Herr, möchte man rufen, dient immer noch zuallererst der Information über das Tagesgeschehen, und da ist man schon dankbar für Meldungen, die wenigstens halbwahr sind; alles, was darüber hinausgehen möchte, ist im Rahmen eines Periodikums Populismus und hat bestenfalls kurzfristigen Unterhaltungswert. Ansonsten ist gerade Journalismus, der sich so gerne am fauligen Pathos des Begriffes Wissensgesellschaft weidet, ja sich für dessen Flüstertüte hält, schon immer die Brut- und Pflanzstätte profunden Halbwissens gewesen, kann auch nichts anderes sein, daran ändern sogenannte Wissenschaftsseiten in den führenden Blättern nicht das geringste, im Gegenteil, denkt man oft, wenn man Beiträge über Wissensgebiete liest, in denen man über eine gewisse Kompetenz zu verfügen glaubt.

Jene Initiationsrituale, denen Aspiranten auf den Beruf des öffentlichen Zeitungsschreibers sich unterziehen müssen, haben noch nie vor Torheit geschützt. Das verbal aufgeheizte Gedröhn für einen sogenannten Qualitätsjournalismus (Schirrmacher et al.) können wir daher überhaupt nicht ernstnehmen, wir kennen die Presseszene lange genug.
Man muß auch die Internetapostel nicht ernstnehmen. Manche predigten da gar von einer Immanentisierung des Eschaton, als würde die totale Vernetzung der Welt die letzten Dinge virtuell auf die Erde zurückholen. Derart apokalyptische Visionen sind nicht mehr als parareligiöse Wahnvorstellungen. Das Internet wird, sofern es nicht für Kommerz und Pornographie genutzt wird, völlig überschätzt, besonders von denen, die sich von ihm bedroht fühlen. Vor allem aber ist es schon längst nicht mehr jener Freiraum einer fröhlichen Anarchie wie vielleicht noch in den 90-er Jahren.
Längst ist es unmöglich geworden, die Fülle des Angebotes im Netz auch nur fragmentarisch wahrzunehmen. Wenn es wirklich eine Wissensgesellschaft gibt, dann ist dies eine Welt der krassen Ungleichheit, und sie befindet sich außerhalb des Netzes. Wissen besitzen nur wenige, und Wissen ist elitär. Der Besitz von Wissen, gar Bildung ist um vieles elitärer als der Besitz von Geld. Wir sehen das jetzt aufs schrillste bei russischen und chinesischen Neomillionären, die einst Latrinen schrubbten oder Popcorn verkauften und jetzt hilflos nach Sinn stochern. Dagegen kann das Netz durch die pure Masse seiner Teilnehmer nicht konkurrieren. Das Wissen bedarf weder des Netzes in seiner gegenwärtigen Form noch des Journalismus.

Die Frage ist: Warum geht einer ins Netz? Soviel Exhibitionismus war nie. Welche Bedeutung kann haben, was Milliarden Menschen unentwegt denken? Aber das ist die falsche Frage. Es geht nicht mehr um Inhalte und deren mögliche Bedeutung. Es geht um den Akt der Entblößung selbst in einer vermeintlichen Öffentlichkeit. Wie öffentlich ist die Öffentlichkeit des Netzes wirklich? Wer nimmt was wahr? Wie viele nehmen wieviel wahr? Darüber wissen wir so gut wie nichts. Vermutlich nehmen immer mehr immer weniger wahr, und das wenige bleibt selektiv und zufällig.

Aber die Entblößung hat Folgen, die jetzt sichtbar werden. Die freiwillige Selbstdarstellung liefert den Organen des Überwachungsstaates ungeahnte Mengen Material. Nie war es so leicht, Menschen aufzuspüren, intimer Informationen über sie habhaft zu werden, nie war die Privatsphäre stärker bedroht. Angesichts der Überwachungsmöglichkeiten im Cyberspace ist der Wunsch nach privater Sphäre ein romantisches Relikt, kindische, ja blinde Nostalgie. Da liegt die eigentliche Gefahr. Nie war es einfacher und effizienter, Menschen zu überwachen, und zwar in einer Totalität, von der die Hitlers und Stalins noch nicht einmal träumen konnten. Im Netz gibt es keine Anonymität. Man sollte sich also ernsthaft überlegen, ob man nicht besser aus dem Netz ausscheiden sollte.
Exhibitionismus ist das Hauptmotiv jener, die sich freiwillig im Netz durchschaubar machen. Im Netz anwesend zu sein, bedeutet, irgendwie vorhanden zu sein, auch wenn dieses Vorhandensein nur ein virtuelles ist. Virtuelles Vorhandensein gibt Träumen ein neues Gewicht, eine Scheinwirklichkeit, die Träume in der Wirklichkeit nie erreichen. Träume erfahren im Netz eine neue, der Wirklichkeit verwandte Dignität.

Aber es gibt andere, interessantere Motive. Eins davon ist das Unbehagen an der Meinungshegemonie der klassischen Printmedien, die Herr Graff indirekt meint, wenn er von den strengen Zulassungsbeschränkungen zum hohen Amt des Zeitungsschreibers spricht. Dazu antworten wir folgendes: Es gibt, sehr geehrter, lieber Herr Graff, es gibt eine Welt außerhalb des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, in der nicht nur Dilettanten, Ignoranten, Denunzianten und Querulanten ihr Wesen treiben. In dieser Welt außerhalb des Feuilletons wird mehr und kritischer gedacht als innerhalb eines solchen Feuilletons, das notwendig um sich selber kreist und geistige Inzucht betreibt im Rahmen des institutionell Geeichten.

Jene kritische Welt außerhalb des Feuilletons verfügte bis vor kurzem über kein Medium, um sich angemessen artikulieren zu können. Ein solches Medium hätte das Internet gewesen sein können, könnte es vielleicht wieder werden, wenn es nicht so sehr und so ausschließlich auf Masse setzte. Unter dem Stichwort Web 2.0 wurde eine unübersichtliche Massenhaftigkeit geschaffen, in der Einzelne untergehen müssen. Aber Web 2.0 ist vielleicht noch nicht das letzte Wort.
Immerhin gab es im Netz nicht wenige Projekte gerade in Sachen Kritik, Kunst und Kultur (wir rechnen uns selber dazu), aber die meisten davon sind eingegangen, zuletzt das Berliner Zimmer. Der Perlentaucher, eine der frühesten Websites dieser Art, ist zwar noch da, aber er wird von mindestens einem angesehenen Printmedium, wie man liest, schwer bombardiert, ja in seiner Existenz wirtschaftlich bedroht. Vordergründig geht es dabei um wettbewerbsrechtliche Fragen, in Wahrheit aber, man kann das spüren, ist Mißgunst im Hintergrund, und eine diffuse Angst vor der vermeintlichen Bedrohung durch das Netz.


15. November 2007

NEUES & MAKABRES, Malerei und Kupferstiche 2007 von Manuel Götz in der KUNSTWIPPE (Wippenhauserstraße 20, 85354 Freising) am 17./18. und 24./25. November von 14:00 bis 20:00 Uhr. VERNISSAGE Sonntag, 18. November 19:00 Uhr.


13. November 2007

MERKUR: ZEITSCHRIFT FÜR EUROPÄISCHE DEKADENZ?


12. November 2007

Daß Helmut Krausser jetzt Poetikunterweisungen an der Münchner Universität von sich gibt, haben wir am Rande wahrgenommen. Warum nicht Fritz Meier oder Klaus Schulze oder Hans Müller? Es gibt so viele, die nicht schreiben können. Es ist ja auch jetzt das Wetter viel schlechter geworden. Allerdings verstehen wir nun, warum die Geistesfächer der Münchner Universität bei den Exzellenz-Wettbewerben leer ausgegangen sind. So wird es wohl bleiben.


10. November 2007

Gerne hätten wir den Roman Westend von Martin Mosebach einem Verriß unterzogen, darauf verzichten wir nun ausdrücklich, und zwar aus politischen Gründen. Politische Gründe, wie das? Sie haben recht gelesen, politisch. So wenig wir den erwähnten Roman zu schätzen wußten, so sehr würden wir Mosebach in anderen Fragen unterstützen, hat der Mann doch blutig recht, wenn er die erschreckenden Formdefizite in der Lebenswelt unserer permissiven Spaß- und Duzdemokratie geißelt. Da wird nun eine Kampagne gegen den Herren angezettelt, wie man hört, offenbar angeführt von Sigrid Löffler. Zum konservativen Reaktionär wird Mosebach abgekanzelt und Schlimmerem. Nun gehört gerade Frau Löffler zu jenem Umfeld eines linken Spießertums, das sich seit 68 in den Schlüsselpositionen meinungsbildnerischer Medien so unangenehm bräsig eingenistet hat. Politische Korrektheit verbandelt mit aggressiven Formen des Feminismus ist in den Kreisen dieser Leute das, was anderswo corporate identity heißt. Von solchen angegriffen zu werden, hat Mosebach nicht verdient.

Gerhard Schröder, so wird berichtet, habe in China öffentlich den Besuch des Dalai Lama bei der deutschen Kanzlerin bedauert, sie habe damit chinesische Gefühle verletzt, darüber sei er nun unglücklich. Man faßt es nicht. War da nicht mal was mit Tibet? Egal. China ist derzeit die gefragteste Handelsmacht, wen kümmern da Menschenrechte und andere kleinliche Bedenken? Die chinesischen Medien waren über den unverlangten Kotau hellauf begeistert.

Bei einer Diskussion über Mißstände in deutschen Altersheimen war die Rede von einer Kultur des Wegsehens. Der groteske Mißbrauch des Begriffs Kultur gehört zwar seit langem zum Arsenal der Sprachverhunzung durch die öffentliche Rede, aber eine Kultur des Wegsehens hat es bisher noch nicht gegeben. Wer so spricht, hat jede Menge Leichen unterm Teppich. Hinter angeblich humanitären Motiven verbirgt sich Selbstbeweihräucherung und eine besonders abstoßende Art von Eitelkeit, die sich am Elend anderer parasitär mästet. Dies ist die Sprache der Funktionäre, der Vorstandsvorsitzenden, der Betriebsratspräsidenten und anderer Exponenten sozialer Gleichgültigkeit.

Dank und Anerkennung möchten wir in besonderem Maß Frau Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung) zollen. Ihre Besprechung einer kürzlich neuinszenierten Schauspiel-Exekution in den Münchner Kammerspielen erspart uns einen teuren Theaterabend. Mit ihrem unvergleichlich gellenden, ja kreischenden Lobgehudel hat uns Frau Dössel plastisch vor Augen geführt, wie es Regisseur Stefan Pucher gelungen ist, diesmal Shakespeares Sturm in volksnahes Kasperletheater zu deformieren. Das Kammerspielpublikum war wie üblich aufs beflissenste begeistert. Wir dagegen können wir uns mit dem gesparten Eintrittsgeld in Ruhe einen ansaufen.

Hier noch ein Verzweiflungsruf: Gibt es in der unermeßlichen Weite des Universums nicht wenigstens noch einen, der außer uns Astrid Lindgren, die nun schon wieder 100 Jahre alt wird, auch für eine vertrocknete schwedische Langweilerein hält, und ihr überflüssiges Produkt Pippi Langstrumpf für ein widerliches nervtötendes, unerträgliches Gör, das dringend in eine geschlossene Anstalt für schwersterziehbare Kinder gehört? SOS, bitte melden!


4. November 2007

All diese Debatten um das Ästhetische. Zum Beispiel die Frage: paßt meine Krawatte zum Präservativ, oder ist sie das Präservativ, gestatten, Kondom, jeder Zwölfjährige bedeckt heute seine ersten Erhebungen mit einem Kondom, oder: passen meine Gedanken zur Großwetterlage, ist meine psychische Verfassung kompatibel, und wenn ja, womit, ja womit denn, z.B. mit der Textsituation des Angebotes, ich meine, ist meine Anfälligkeit für Subtexte seit der letzten Trennung von einer meiner Lebensabschnittsgefährtinnen stärker geworden oder was? Geführt werden solche Debatten von jenen, die sich im Fach Kulturwissenschaft breitgemacht haben. Schon der Begriff eine Knochensäge, aber alles liebe, nette Menschen, denen die Welt über den Kopf wächst. Sagen wir, falls es eine Moderne gibt, eine solche, die Erzeugerin einer Postmoderne wäre (man sollte wirklich mit allen Kräften daran zweifeln) aber denken wir mal, es gäbe eine, so wäre das ohne jeden Zweifel jene Epoche, in der Naturwissenschaft zur Blüte kam und das Geistesmenschentum sehr alt aussehen ließ.
Komisch, als Kind las ich immer módern, wenn mir das Wort modern unterkam. War wohl klüger damals. Gut, also die Naturwissenschaften, und mit ihnen und durch sie die Industrie, die industrielle Zivilisation, die uns das Leben so unerträglich gemütlich gemacht hat, indem sie alles zerstört, was dem Geistesmenschen teuer war. Ihr Wälder alle! Dann gab es die Renegaten, die sich das Industrielle ästhetisch einverleiben wollten, die von der Sinnlichkeit der Maschine, des Automobils und der Pleuelstange schwärmten, und beim nächsten Asthmaanfall in der antizipierten Todesnähe plötzlich wieder der Kreatürlichkeit ihres Daseins gewahr wurden.
Solche Leute gibt es nicht mehr, die sich in der Künstlichkeit der Welt noch wie Kinder im Wald verlaufen konnten. Man ruft sich heute zum Frühstück die diastolischen Blutdruckwerte zu wie Lottozahlen, man weiß, was die Glocke geschlagen hat. Ich möchte nur sagen, man soll nicht vergessen, daß diese heutige Welt, durch die unsere Gedanken kreisen, sei es zugvogelartig, oder ozonlochbildend, von Menschen gemacht wurde und wird, die im Reich der Naturwissenschaft ihr Weltbild gründen. Die Leute von der ästhetischen Front hinken gut und gerne seit zweihundert Jahren den Tatsachen hinterher, wälzen sich in gemachten Betten und heben das Bein an den Pfosten der Wirklichkeit: Sekundärexistenzen.
Ich sagte es schon, man lebt eben nicht in einer Welt. Man ist ebenso Agrarökonom wie Arabist, man ist Kunstmensch und Urologe und Rezensent und Tangoexperte, man muß das, sonst fällt man auf sich selbst zurück, und das wäre nicht auszuhalten.


30. Oktober 2007

In der letzten Nummer des SPIEGEL wurden sechzehn falsche 68er aus Bremen exhumiert. Seinerzeit hatten sie einmal als Schüler am Gymnasien nachgehampelt, was ihnen die Studenten an den Universitäten des Landes vorgeturnt hatten. Erwartungsgemäß reihte sich die Mehrheit danach schell aufs stinknormalste ins graue Heer des bürgerlichen Mittelstandes ein.
Von Spiegelredaktor Cordt Schnibben nun reanimiert haben sie ein Wochenende lang in Worpswede, der Nostalgie voll, jene peinliche Vergangenheit einschließlich der universalen Gesamtsituation gesinnungsmäßig abgehechelt.
Die unfaßbar stammtischartige Bewußtlosigkeit für gesellschaftliche und geschichtliche Wirklichkeiten, die dabei zu Tage trat, war denn doch überraschend. Man hat ja nichts gegen Leute, die mal etwas ausführlicher über ihr Leben labern, wenn's nicht zu oft vorkommt, und ausreichend Bier ausgeschenkt wird, aber was dort abging, ist nur mit einem unheilbaren Spätstadium maligner Egomanie zu erklären. Da schwiemeln immer noch hehrste Ansprüche auf Veränderung der Gesellschaft, ja der Menschheit durch die Köpfe, für deren Nichterfüllung man sich großmannssüchtig verantwortlich hält. Bei Bedarf wird eine Fuhre Marxismusgerassel eingebracht, andererseits sorgt man sich um die Frage, wie und warum man ordnungsgemäß mit Messer und Gabel ißt. Das alles in diesem dösigen Ich-sach-mal-Jargon und einer exorbitanten Hilflosigkeit, auch nur einen einzigen phrasenfreien Satz abzudrücken. Wir waren stockbetroffen.
Vertraut man narzißmustheoretischen Analysen, so könnte es sich bei einigen dieser Personen um sogenannte Berufsjugendliche handeln, die nach enttäuschtem Weltverbesserungswahn eine traumatische Kränkung des vermeintlich omnipotenten Ichs erlebten. In der Folge weigerten sie sich, den Status eines Erwachsenen anzunehmen, und perseverieren heute auf dem seelischen Entwicklungsstand Siebzehnjähriger. Mit welchen Drogen sie ihre Störung behandeln, wurde nicht mitgeteilt.
Am Ende ergab sich, daß mit dem Vorabdruck über jenes Worpsweder Treffen vor allem ein Buch lanciert werden sollte, das sage und schreibe 384 Seiten hat. Wieviel Selbsthaß benötigt man, um sich diesen Text anzutun?
Selbstverständlich erscheint das Buch im Dumont Verlag, der inzwischen alles abdruckt, was irgendwie nach Pubertät mieft, und sei es Alterspubertät.


21. Oktober 2007

Gefahr und Begierde, der neue Film von Ang Lee, ist unter anderem deshalb so außergewöhnlich, weil die von manchen Kritikern inkriminierten sogenannten Sexszenen weder peinlich sind, nach Art von Jeremy-Irons-Bodenturnübungen, noch ästhetisch beleidigend wie sonst fast alles, was auf diesem Sektor heute feilgeboten wird. Der Begriff Sexszene ist daher vollkommen unpassend. In Wahrheit wird hier mit bestürzender Eindringlichkeit jenes Amalgam von Lust und Schmerz inszeniert, ohne das Liebe gar nicht zu haben ist. Dabei überwiegt Schmerz. Ang Lee zeigt uns noch einmal das alte Oxymoron des klassischen Dulcemalums, das notwendige Essenz erotischer Kunst seit Anbeginn ist.


18. Oktober 2007

Der Artikel von Bernd W. Seiler in der Süddeutschen rückt endlich die Verhältnisse in Sachen Biller zurecht, indem er das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes sachkundig aus der literaturgeschichtlichen Sicht debattiert. Dafür sind wir dankbar, man muß sich jetzt etwas weniger ärgern, und das bedeutet auch eine gewisse Rehabilitation der Geisteswissenschaften. Zumindest wenn sie sich auf den historischen Teil ihrer Tätigkeit besinnen, sind sie unverzichtbar. Ruiniert und diskreditiert werden sie durch hypertrophes Kunstgewäsch nach Art eines Ijoma Mangold, also von Leuten, die immer etwas Höheres zubuttern wollen, das sie selber nicht benennen können, und im allgemeinen nur durch Diffamierung Andersdenkender erreichen. Die besondere Fähigkeit eines fühlenden Denkens oder denkenden Fühlens, das in den Geisteswissenschaften gefragt wäre, beherrscht kaum einer.
Sehr dankenswert auch der Artikel von Andreas Zielcke. Müssen wir die Süddeutsche nun doch wieder abonnieren?
Sogar Jens Jenssen in der ZEIT schließt sich an.
Wir sind also diesmal nicht ganz alleine mit unserem Groll.
Danke, die Herren.


17. Oktober 2007

In der Neuen Zürcher Zeitung bespricht Niko Bleutge den preisgekrönten Roman Die Mittagsfrau von Julia Franck. Insbesondere rügt er die gezierte Sprache. Er spricht von einem historisierenden Stil, der sich angeblich der Redeweise der zwanziger Jahre anzunähern suche. Herrn Bleutges Monitum schließen wir uns gerne an, mit einer kleinen Einschränkung. Der Rezensent scheint zu glauben, daß die Autorin jenen gekünstelten Stil speziell für diesen Roman entwickelt habe. Das ist falsch. Julia Franck schreibt immer so (siehe dazu auch Lit-eX 6).


16. Oktober 2007

Ein neuer Intendant für die Münchner Kammerspiele wurde gekürt: laut Münchner Merkur hat Herr Johan Simson die Absicht bekundet, unter anderem auch Menschen aus der Peripherie an seine Bühne heranzuführen, die sonst von alleine nicht den Weg ins Theater finden würden. Wie dürfen wir das bitte verstehen? Wird in Zukunft Theater auch für Blinde gemacht, oder werden hier Zwangstheaterbesuche für bildungsunwillige Unterschichtler angedroht?

Die Lage am Arbeitsmarkt entspannt sich. Deutschlands Stadtgartenämter bieten jetzt jede Menge Blow-jobs an. Der Herbst ist da, die Blätter, sie fallen, der Dreck muß weggeblasen werden. Männer bis an die Zähne motorisiert mit Blasebälgen und rüsselstarken Püsterichen treiben das Laub von hier nach da.


15. Oktober 2007

Auch Ijoma Mangold trägt zum Urteil des Verfassungsgerichts im Fall Biller gegen Geist nichts Substantielles bei. Wie er es allerdings geschafft hat, auf dem engen Raum einer einzigen Kolumne der Süddeutschen Zeitung eine derartige Menge Stuß unterzubringen, fordert unsere Anerkennung heraus.
Wir zitieren der Einfachheit halber den vorletzten, umständlich verdrucksten Satz seiner Einlassung, das reicht. Herr Mangold schreibt: Wenn die Moderne angetreten ist, die Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit kollabieren zu lassen, und wenn sie ihren subversiven Stolz darein gesetzt hat, dass die Hervorbringungen des Kunstsystems durch keine Ordnung des Diskurses erfassbar sein sollen, dann konnte es dem Verfassungsgericht gar nicht gelingen, eine juristische Norm zu entwickeln, wie man der Kunst gerecht werden könnte.

Das klingt ja irgendwie voll hochgeistig, aber schauen wir doch einmal genauer hin:
Die Moderne ist also irgendwann und irgendwo angetreten, etwa wie ein Rekrut, der sich zum Dienst meldet? Und da hatte also diese zum Dienste angetretene Moderne den erklärten Willen, die Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit kollabieren zu lassen, vielleicht nach Art eines Schlachtplans mit Bombardement und Attacke? Aber die Moderne ist nicht nur angetreten, sie besitzt auch einen subversiven Stolz. Da wissen wir nun überhaupt nicht, was gemeint sein könnte. Kann Stolz subversiv sein, gibt es einen Stolz der Subversion, oder hätte es nicht genügt, einfach von subversiver Absicht zu sprechen, was ja fragwürdig genug wäre?
Dann wird gesagt, die Hervorbringungen (sperrig altertümelndes Wort) des Kunstsystems sollen durch keine Ordnung des Diskurses erfaßbar sein. Das ist offenkundig ein satter Widerspruch, einfacher gesagt: Kappes. Wenn die Kunst ein System wäre, das etwas hervorbringt (was sie selbstverständlich nicht ist), dann hätte sie auch eine diskursiv erfaßbare Ordnung, sonst könnte man nicht von einem System sprechen.
Wenn also schon die Kondition dieses verkorksten Satzes nicht stimmt, können wir die Konklusion gleich vergessen, die ohnehin falsch ist, denn das Gericht hat ja eine Art juristische Norm entwickelt, aber nicht etwa um der Kunst insgesamt gerecht zu werden, sondern lediglich um in der gegebenen Wertekollision (Kunstfreiheit versus Persönlichkeitsrecht) eine Entscheidungshilfe zu bieten.
Natürlich gibt es, nebenbei bemerkt, Bestimmungen des Fiktiven oder Fiktionalen, wahrscheinlich viel zu viele, aber ein paar sind sinnvoll; und daß solche Bestimmungen gesellschaftlichen Konventionen oder Abmachungen folgen, ist eine deutlich unterkomplexe Binsenweisheit, um mit Herrn Mangolds Worten zu reden.

Eine zum Kollaps führende Kollision zwischen Fiktion und Wirklichkeit mag da und dort ein Ziel künstlerischen Bemühens in der sogenannten Moderne gewesen sein, aber immer nur als eine Tendenz unter sehr vielen anderen Tendenzen, und sie hat nicht selten eher zum Kollaps des betreffenden Werks geführt hat und zum modernistischen Klischee seiner selbst. Gerade der erwähnte Marcel Duchamp muß wieder und wieder strammstehen, wenn von Moderne die Rede ist. Das nervt. Wahrscheinlich würde er sich dafür bedanken und zur Ölmalerei zurückkehren. Für den wirklich großen Künstler sind solche Fragen tertiärer Natur. Den großen Künstler bewegt sein Material, sein Handwerk. Nur schlechte Künstler benötigen Metatheorien.
Das, was Moderne zu nennen, wir uns angewöhnt haben, ist in Wahrheit ein hochkomplexes Universum extrem differenter Strömungen, das mit einigen unterkomplexen Bemerkungen gar nicht erfaßt werden kann.

Aber bleiben wir einen Moment doch bitte auf dem Teppich. Wer ist denn überhaupt Maxim Biller? Ein prahlender Wichtigtuer, ein ausgefuchster Angeber und feuilletonistischer Beutelschneider, als Schriftsteller Mittelmaß? All das und nicht mehr. Über jene modernistischen Impulse, Attitüden oder Intentionen, die ihm jetzt Herr Mangold und andere in die Schuhe schieben wollen, würde er selber mit gewohnter Süffisanz ätzenden Hohn ausgießen, das kann er nämlich noch am besten. Seine erzählerischen Arbeiten dagegen, die er bisher abgeliefert hat, sind im Hinblick auf Modernität konventionell. Den Roman Esra hat er leider vergeigt, weil er auf tölpelhafte, ja lächerliche Art und Weise eine Grenze überschritten hat, die ihm nun aufgezeigt wurde. Das ist Künstlerpech, mehr nicht. Die Kunstfreiheit ist dadurch nicht bedroht. Kunst war noch nie so frei wie heute.
Für den Dumont Verlag ist das absurde Unternehmen wohl nicht mehr als ein Werbegag, andernfalls wäre das aufgeblähte Engagement im Fall Biller unverständlich. Mit Literatur hat das alles nichts zu tun.

Merkwürdig, wie in letzter Zeit dieses an sich dämliche Wörtchen unterkomplex zu einem Werkzeug intellektueller Schmähung sich gemausert hat, meint man damit doch einfach unterbelichtet.


14. Oktober 2007

Offenbar verfügt Heribert Prantl in seiner Eigenschaft als juristischer Robin Hood im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung über eine Flatrate zum Geifern. Diesmal schäumt er für die Kunstfreiheit, die durch das Verbot des Maxim Billerschen Romans Esra jetzt angeblich bedroht sei. Sogar von Zensur wird gehechelt. Die Kollision der Kunstfreiheit mit dem Persönlichkeitsrecht, das ihm sonst, durchaus zurecht, das allerwichtigste war, schert Prantl auf einmal wenig, ja er setzt Persönlichkeitsrecht plötzlich in Anführungszeichen, als ob es gar nicht existierte. Da sind wir doch mehr als verblüfft.

Wie üblich läßt die Süddeutsche Zeitung dazu die unvermeidliche Schar vermeintlicher Experten auftreten:
Den einzig ernstzunehmenden Satz in diesem Zusammenhang hat Bodo Kirchhoff von sich gegeben: Man schreibt nicht ungestraft, wenn man ernsthaft schreibt.
Mit anderen Worten: Kunstfreiheit ist nicht grenzenlos, und sie ist riskant. Wenn man die täglichen Hekatomben unsäglichen Schunds betrachtet, dem Kunstfreiheit widerspruchslos gewährt wird, kann man sich der Kirchhoffschen Äußerung getrost, ja freudig anschließen. Das Persönlichkeitsrecht ist heute viel stärker bedroht als die Kunstfreiheit, und im übrigen ungleich mehr durch Medien als durch Kunst, Herr Dr. Prantl.
Juli Zeh, angeblich selber Juristin, faselt erschütternd Unbedarftes. Desgleichen Herr Mosebach. Herr Oswald (auch er Jurist?) hat nicht richtig begriffen, worum es geht, während Thomas Glavinic und Friedrich Ani völlig schimmerlos sind. Was diese Herren zum Thema beigetragen haben, entspricht voll und ganz der Qualität ihrer Werke. Wenigstens das paßt.


12. Oktober 2007

Literaturnobelpreis: Doris Lessing. Wie das? Die hatte ich doch längst vergessen, und ich habe überhaupt nichts vermißt. Hatte in den Siebzigern mal eine Freundin, die bestand auf gemeinsamer Doris-Lessing-Lektüre. Rasch kam es zum Zerwürfnis. Konnte die folternde Langeweile dieser Texte keine drei Seiten lang ertragen, war mir dabei doch, als würde ich mit einem Gehirnhauthobel barbiert.


8. Oktober 2007

Wieder Buchmesse. In den Literaturbeilagen Offenbarungen einer nahezu tobsüchtigen Unfähigkeit, erschütternder, ja tief schmerzender Langeweile. Kaum ein Kritiker weiß, wie, was, warum: Stelzengänger des allezeit Gängigen, blinde Routiniers, Bildungsposaunisten. Sehr genaue Beobachtung, Vermeidung aller Stereotype, aller Schablonen und Etiketten, aller vorgefertigten Muster, also die Bewahrung des eigenen Blicks wäre notwendige und hinreichende Bedingung für die Tätigkeit des Kritikers. Literarisches Wissen, Bildung, Kenntnisse kultureller Zusammenhänge und ähnlicher Odel behindern. Auf sie zu verzichten, das wäre die eigentliche Leistung. Man kann sie ja haben, bitte; aber bitte nicht damit herumwedeln. Stellen Sie sich dumm, Damen und Herren.

Aber was ist schon das Eigene, wer hat das überhaupt? Kritiker sind abgestumpft wie Betonwände. Sie vertrauen der eigenen Beobachtung nicht, verlassen sich auf angefressene Gelehrsamkeit, marschieren marktkonform im Meinungsgleichschritt. Sie sind Opfer ihrer eigenen gesellschaftlichen Zugehörigkeit (hat nix mit Klasse zu tun) und ihrer seelischen Vertrocknung. Üben einen Beruf aus, den sie nicht lieben. Das fühlt man ganz dick in diesen Texten. Wer liebt schon seinen Beruf? Man kann ja auch die meisten Tätigkeiten, die das Leben bietet, gar nicht lieben. Lebenslängliches Straßenbepflastern gehört ebenso dazu wie lebenslängliches Rezensionenschreiben. Es ist, als sähe einem da das Leben immer nur zu.


1. Oktober 2007

Zitat von Bertrand Russell: Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle unrecht haben. Aufgefunden in der Zeitschrift gyne, Periodikum für Frauenärzte. Danke, gyne!
Merkwürdig: da ging es um die Frage der Hormonersatztherapie im Klimakterium. Kein Wort von Literatur oder Kunst. Also auch in der Wissenschaft nur Meinungsgezänk.
Ausgesprochen nützliches Zitat, allerdings Gefahr von Mißbrauch.


23. September 2007

In dem Film Der Körper meines Feindes von Henri Verneuil gibt es am Anfang eine kleine, aber bezeichnende, ja programmatische Szene: Jean-Paul Belmondo kehrt nach siebenjähriger Haft in seine Heimatstadt zurück. Auf Bahnhof steckt er sich eine Gauloise ohne Filter in den Mund, will sie anzünden. Dann aber, ohne erkennbares Motiv, zündet er die Zigarette nicht an, sondern wirft sie in einen Abfalleimer, in den er zuvor schon die Schachtel geworfen hatte. Kurz darauf kauft er sich an einem Kiosk eine Packung Marlboro mit Filter.
Genau davon erzählt der Film, also vom Ende der französischen Kultur und des französischen Films. Das ist ergreifend, lächerlich, trivial. Ein wenig hilflos versucht Vernueil noch À boût de souffle zu zitieren. Aber nichts stimmt mehr. Frankreich wurde eine Provinz der EU: Internationale der Banlieus, Globalisierung, Fußball.


16. August 2007

Unangemessenheit des Stils, das ist eigentlich Manierismus, und das ist das, was einer wie Botho Strauss bis zum Erbrechen betreibt. Immer wieder das Triviale des Alltags, Beziehungsbanalitäten und Verwandtes, im hohen, ja höchsten Ton, im Ton der Tragödie, nahezu biblisch, prophetoid. Was er dabei gedacht haben könnte, ist nebensächlich, es geht um das Mittel. Nun ist dieses Mittel der Unangemessenheit nicht neu, Manierismus war immer. Was passiert? Gegenstand und Form zerfallen. Die Form oder der Stil bemächtigen sich des Gegenstandes nicht mehr. Entweder wird die Lächerlichkeit des Stils demaskiert, oder die Banalität des Gegenstandes ins Unerträgliche gesteigert. Stilmittel der Komödie. Im Zusammenhang einer definierten Handlung in Maßen erträglich, sonst rasch Zumutung, vor allem dann, wenn man's begriffen hat. Zuerst steht man ratlos da, ist abgeschreckt, und das beste, was vielleicht passieren könnte, wäre, diesen Schmerz des Unangemessenen zu erleben, den man immer spürt, wenn man wieder einmal erkennt, daß die Welt nicht mehr stimmt.
Aber dieser universalkritische Gedanke, daß die Welt nicht mehr stimmt, ist inzwischen so geläufig, daß er von jedem Schulkind beim Anblick einer Ölpfütze gedacht werden kann. Das ist lästig. Und was soll das schon heißen: die Welt stimmt nicht mehr? Es kann so vieles heißen. Kann auch modisches Geschwätz sein. Schon Hamlet war eine dieser Gestalten, wieso nicht auch Walter von der Vogelweide? Dessen mittelalterliche Welt war doch auch schon angekränkelt.
Die Welt löste sich ins Partikulare auf, und die Sprache, die wir zur Verfügung haben, stimmt nicht mehr, paßt nicht mehr zum Unglaublichen des Vorgangs.
Also wäre ein solcher Text ein zutiefst zersetzender Text, der es riskierte, an sich selber zu zerbrechen? Ein Hintergedanke des Interpreten? Man kann es vielleicht so lesen, aber kann man es auch so gemeint haben? Man hat ja ein Buch vor Augen gehabt, es gibt einen real existierenden Verlag, der das Buch auf den Markt brachte. Schon darin liegt eine Unstimmigkeit. Wäre der Text so radikal, wie er vorgibt, dürfte er nicht in der Welt sein, allenfalls wie einer jener schwarzen metallischen Träume, die unsere Nächte verkürzen, oder diese unstillbare Sucht nach der einzigen und wahren reinen Liebe, die heute an jedem Kiosk, auf Erotikfachmessen und von den Suchmaschinen im Internet kannibalisiert wird.


10. August 2007

Tatsächlich ist es sehr schwer geworden, über den Zustand der Welt irgend etwas zu sagen, das noch nicht gesagt wurde. Nur die Möglichkeit des Rückzugs scheint noch empfehlenswert. Am grünen Rand der Welt, das wäre es, Thomas Hardy, jenseits der Menge, da ist wenigstens eine Erinnerung an Leben vielleicht noch möglich: Far From The Maddening Crowd, oder auch: weg von der zum Wahnsinn treibenden Masse.
Wie schützt man das Innere? Was machen die Jungen, um sich zu schützen? Wenn sie durch die zerstörten Städte reiten oder durch die virtuellen Landschaften ihrer Lieblingswebgames, oder in ihren Schulklassen das Gesicht dreimal täglich verlieren, oder wo auch immer sie sich aufhalten: spüren sie da noch das Falsche, das Unangemessene, die Unstimmigkeit, die Lüge, den Schein, das Nichts?


9. August 2007

Wie findet man den angemessenen Stil für das Unangemessene? Meinem Eindruck nach sind die dargebotenen Konzepte oder Entwürfe falsch, ja wertlos (Botho Strauss muß wieder als Prototyp eines aufs äußerste Verbissenen herhalten, paßt aber: das schlichte Bild eines wutstarren Pitbulls, der sich in eine Boulette verbeißt). Die verklemmte und verbohrte Sprache, die da tumorhaft anschwillt, läßt für manchen wohl die Aura von etwas Geheimnisvollem entstehen, das nur bei höher entwickeltem Bildungsstatus faßbar wäre, aber man soll sich nicht belabern lassen, denn in Wahrheit näßt gerade durch diese Art des Sprechens die allerfeisteste Autoreneitelkeit durch. Man könnte da leicht an die Überkompensation des Impotenten denken.


27. Juli 2007

Ja, es ist schwer, die Sprache zu finden, vielleicht unmöglich. Die Methode des Unangemessenen hilft nicht weiter, auch wenn sie sich zum Hyperrealismus aufbläht. Dieses Methode des Unangemessenen führt unweigerlich in den Kitsch. Ich scheue mich daher nicht, Botho Strauss' Texte kitschig zu nennen: Geistesmenschenkitsch. Andererseits, wen stört das überhaupt, solange er sich dabei amüsiert? Und was denn anderes als Kitsch kann es überhaupt noch geben, wenn die ganze Welt sich peu à peu in ein mediales Kitschprodukt verwandelt? Und es stört vor allem dann nicht, wenn es unterhaltend ist.


26. Juli 2007

Unterhaltung ist ein rettender Gedanke. Alle hohen Geistesansprüche prallen an ihm ab. Und er rettet mich vor der Angst, ein verwesender Kulturpessimist zu werden. Betrachten wir das pausenlose Gemecker über den Zustand der Dinge doch einfach als einen Gegenstand von Unterhaltung. Gleich fühlen wir uns wohler. Den finsteren Blick des Kulturpessimisten finden wir überall, denn die Hochkultur kennt keine Gnade. Kulturpessimismus ist unabhängig von Politik. Wenn ich beim Anhören der Missa solemnis an Geschlechtsverkehr denke, bin ich vielleicht ein vaterlandsloser Geselle. Wenn ich Bert Brecht für einen Krattler halte und gelegentlich das Wort Neger ausspreche, bin ich vielleicht ein anarchokonservativer Fascho. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, den tranigen Wutgefühlen des Kulturpessimisten Nahrung zu geben, Man kann sich davor kaum retten. Darum plädiere ich für Unterhaltung als das Höhere. Aber man muß einen sehr weiten Weg gedacht haben, um dabei nicht mit einem Unterschichtkonsumenten verwechselt zu werden. Ein böses Wort, ich weiß, aber es ist so. Wer immer korrekt sein will, macht alles falsch.


18. Juni 2007

Natürlich stecken wir bis in die Haarwurzeln voller Ressentiments, aber wir sind trotzdem guter Dinge, denn unsere Frage lautet: Was haben die nicht, was wir haben? Da werden wir allemal fündig.
Ressentiment bezeichnet die Stimmungslage des Ohnmächtigen, der sich der Arroganz des Zeitgeistes überlegen weiß, aber keine Möglichkeit hat, sich dort zu artikulieren, wo er gehört wird. Hört man ihn doch einmal an aus purem Zufall, wird er verhöhnt, beschimpft und des Ressentiments bezichtigt. Eine zirkuläre Situation, nur mit dem Hammer lösbar.
Anders betrachtet: der Ressentimentgeladene ist Feind und Opfer jenes Mehrheitsrassismus, der in der demokratischen Welt den Ton angibt.
So gesehen ist Ressentiment eine kritisch-produktive, keineswegs reaktiv-zerstörende Haltung.
Der Vorwurf Ressentiment wird dann zum Totschläger in den Händen jener, die in den Medien über die unhinterfragte Meinungshegemonie verfügen.

Erinnern wir uns an Nicolas Chamfort, diesen frühen Cioran, der aus dem Ressentiment Kunst gemacht hat: Wer mit vierzig Jahren kein Menschenfeind ist, hat die Menschen nie geliebt. Sein Sarkasmus der Heiterkeit sei unser geistiges Element.


1. Juni 2007

Unangemessenheit des Stils ist ein Kitschmerkmal, andererseits ein Merkmal der Postmoderne. Man sollte also nicht zögern, die Postmoderne Kitsch zu nennen. Es würde sie nicht einmal stören. Sie versteht es sowieso nicht. Sie ist so einfach gestrickt, sie bereitet jedem Unsinn den Boden. Form und Inhalt demontieren sich gegenseitig. Unangemessenheit ist die Kunst der Müllkippe. Müll veredelt man jetzt als trash.


11. April 2007

Auch der wüsteste Gegner des Gegenwärtigen wird täglich ununterbrochen korrumpiert. Schon das Wasser, mit dem er sich das Blut seiner Feinde aus dem Gesicht wäscht, ist eine Gabe städtischer Verwaltungskunst und der Hygienebehörden, ein Ergebnis unzähliger Mehrheitsentscheide, Steuerkompromisse, Flurbereinigungen, ein Gnadenakt, geschuldet der Arbeit sehr vieler wackerer Bürger im öffentlichen Dienst, die ihren Nutzen nie bezweifelt haben. Nichts ist selbstverständlich im Gemeinwesen, und der Gedanke, das Eigene bewahren zu wollen gegen das Allgemeine, ist ein schädlicher, ein suizidaler Gedanke.
Wer Samurai sein will, muß bereit sein, sich selbst zu entleiben. Wer das Eigene bewahren will, darf nicht daran denken, sich physisch zu erhalten, er darf nicht feige sein, er muß einen unüberwindlichen überirdischen Mut besitzen, das Leben darf ihm nicht teuer sein. Uns anderen allen ist die Sozialversicherungsnummer ins Bewußtsein tätowiert, die radiert keiner weg.

Aber am Ende, wozu? Ist das Eigene überhaupt ein Wert? Warum ist es uns teuer? Was ist das Eigene, wenn es keine andere Aufgabe hat als sich selbst?
Soziales Verhalten dient der Selbsterhaltung, diese der Arterhaltung, das sind die Aufgaben des Daseins, darum dreht sich alles, das Eigene spielt keine Rolle dabei, außer als genetisches Merkmal, aber das Genetische reguliert sich am besten selbst.
Der einsame Wolf ist ein todessüchtiger Fremdling in dieser Welt. Todessüchtige Wölfe sind entweder sehr jung oder sehr alt. Biologisch betrachtet ist eben die Welt viel einfacher, als man glaubt, eine Reihe von Fragen erweist sich als überflüssig. Aber natürlich hilft uns das nicht weiter, und es hilft auch nicht weiter, wenn wir das jugendliche Irresein der Weltverweigerung einfach biologisch betrachten, z. B. hormonell induziert, oder als Idiosynkrasie. Das jugendliche Irresein ist vorhanden, und in gewissen Fällen dauert es lebenslang an, auch wenn es sich im Gang der Jahre mehr und mehr verbraucht.


21. Februar 2007

Der Genauigkeitsnotwendigkeit und die Genauigkeitsmöglichkeit des Beschreibens zellulärer Mikrowelten kann zu einer Art Sucht werden. Diese Sucht muß sich auf das Schreiben übertragen, aber was bedeutet das? Alles Wiedergeben von Wirklichkeit ist notwendigerweise Artefakt, dafür ist mikroskopische Morphologie ein gutes Beispiel. Wir bekommen eine Ahnung von einer wirklichen Wirklichkeit, aber wir können sie nicht darstellen oder zeigen, vielmehr sie zeigt sich nicht von sich aus, sie muß durch künstliche Hilfsmittel sichtbar gemacht werden. Dieses Sichtbarmachen, das ist möglicherweise der Vorgang, um den es geht. Eine seltsame Welt, der Mikrokosmos der Zellen, dabei noch Makrokosmos angesichts des Molekularen. In gewisser Eintönigkeit, immer auf gleiche oder ähnliche Weise lagern die Zellen beieinander und bilden Strukturen, Organe und das Ganze. Man sieht ihnen nicht an, daß sie in ihrer scheinbaren Banalität die Existenz beherbergen, darf ich sagen: das Sein? Es ist da, aber man sieht es nicht.

Ähnliches könnte man beim Anblick einer Mülltonne denken, oder beim Betrachten der Venus von Milo, beim Spielen einer Bachschen Fuge, bei der Tätigkeit von Menschen in Biergärten im Laufe einer lauen Sommernacht, im Schatten sogenannter ewiger Berge. Das verzweifelte Gefühl, das Brandungswellen auslösen können, die veilchenfarbene Salzflut, immer nur wogend, der selten dämliche Blick eines Kleinkindes beim Anblick eines Lichtschalters, ein Blick, der merkwürdigerweise eine Art rasender Rührung bewirken kann, die man nicht zugibt, versteht sich, das Kopulieren von Hunden auf öffentlichen Plätzen, und was es sonst noch so gibt, also buchstäblich alles, die Gesamtheit des Universums, und wenn man bedenkt, daß dies zu erfassen, nicht nur die Aufgabe des Schriftstellers ist, sondern Lebensaufgabe, bleibt nicht mehr viel als die Entleerung des Magazins einer Walther PPK in Richtung Schläfe, andererseits, rückkehrend zu den kleinen Welten der Zelle: wenn es diese merkwürdige Gleichwertigkeit der Gesamtheit aller Erscheinungen des Universums in Hinblick auf das Sein gibt, und sie sich in dieser mikroskopischen Welt jederzeit willig offenbart, dann genügen auch andere kleine Welten, um das Sein erfahrbar zu machen, und das müßte dann eigentlich ein Glückserlebnis sein, auch wenn es nur eine Millisekunde dauerte oder weniger, z.B. eine Wellblechhütte am Rande eines Großstadtdschungels mit einem gut geölten Fernseher, willigen Frauen, alten Freunden, ein paar Schalen Kartoffelchips und ausreichenden Flaschen eines höherprozentigen Getränks.
Man muß nur genau sein, genau hinsehen, genau in sich hineinhorchen, und möglichst viel verschweigen, sich nicht täuschen lassen, immer dem Gefühl des ersten Impulses nachgeben, nicht nur den Druckerscheinungen im verlängerten Mastdarm, sondern gewissen Regungen anderer Zentren.


17. Februar 2007

In jenen Diskursen, die allerorten so beuteldumm herumwabern in Sachen Epochenbegriffe, ranken sich die Fragen fast immer nur ums Ästhetische, ein rezidivierendes Dornröschensyndrom sozusagen. Zählen überhaupt ästhetische Kategorien noch, ist das nicht ein eklatant verschmiertes Klebenbleiben an den Diskursen des achtzehnten Jahrhunderts, in etwas aufgemöbelter Sprache, versteht sich.
Demokratisierung wird jetzt als postmoderne Conditio humana begriffen, jene eigentlich selbstverständliche und so ältliche Melange aus Medienwelten, Angestelltenkulturen, Bisexualitäten und Eventen. Lauter multiple Persönlichkeiten um uns herum. Montags Stallbursche, dienstags Börsenkauz und so weiter, freitags Lastenausgleich oder Mehrheitsbeschaffung, am Wochenende Bremer Freiheit, synthetische Halluzinogene, oder Videosex, und immer chronische Überernährung, tägliche Wiedergeburten, und ach ja, Sport und Sinnsuche und Tourismus an jeder Ecke.
Im Denken einer posthistoire scheint histoire erst wirklich auf, erst in der emphatischen Rede von Postmoderne erklimmt ein Begriff von Moderne das Licht des Bewußtseins, um sogleich im Strahl der ersten Illusion zurückzufallen ins Dunkel seiner Vergangenheit, diesen tiefen, tiefen Brunnen, aus dem es so pausenlos und ewig herausraunt wie hineingeraunt wird. Es ist buchstäblich zum Kotzen.


16. Februar 2007

Ich sehe keine großen Unterschiede zwischen den Werken der Jahrtausende. Ein Werk für sich ist immer ganz frisch, wenn es je frisch war. Im Vergleich fällt auf: Differenzen der Satzgestaltung, Varianten der Erzählhaltung (etwas für Sekundärliteraten), ein paar Umständlichkeiten des Ausdrucks, verschiedene Vorstellung von Sittlichkeit (historischer Wandel), alles das bedeutet nichts. Das sind Variablen von Wesensarten unter den Menschen, Moden. In der Kunst gibt es keinen Fortschritt im Sinne von Industrie oder Biologie. Vielleicht gibt es ein Weiterschreiten oder ein Umkreisen, Blickwinkelvarianten, aber keinen Fortschritt. Es gibt einige Fremdheiten, das Idiosynkratische, gelegentlich auch etwas wie Geschmack oder die freie Auswahl, Zensur oder nicht Zensur - alles Nebensache. Denn es verblüfft ja, wie das historisch Fernste so nah sein kann. Nehmen Sie die Odyssee. Oder wie das historisch Nahe so veraltet wirken kann. Nehmen Sie das Romanschaffen der heute 30- bis 40-jährigen. Vom Land sein und nicht schreiben können, das macht noch keine Literatur. Ein ereignisloses Dasein mit einigen familiären Turbulenzen, und sei's ein pädophiler Schwippschwager, daraus wächst noch kein Schicksal. Die fotosafarische Besichtigung transkulturisierter Eingeborenenreste an Urwaldrändern stiftet kein Erleben. Wer nicht in sich gezeichnet vom Stigma der Einsamkeit unverdrossen bleibt, wird narkotisiert von den Wundern der Zivilisation.


9. Februar 2007

Neulich, sozusagen nebenher, zum Einschlafen: Die geheimen Verführer oder so ähnlich eines gewissen Herrn Rolf Vollman, ein Buch über die Romane zwischen 1800 und 1930, ein an sich schlechtes Buch, weil dieser Herr Vollmann ein wirklich fürchterlich ungepamperter inkontinenter Feuilletonschwätzer ist, ein Prototyp dieser Gattung, möchte man sagen, zugleich auch des völlig schimmerlosen Geisteswissenschaftlers: von nichts eine Ahnung, aber davon bis zum Erbrechen viel.
Dennoch ist das Buch seltsam interessant und man könnte sogar denken: wichtig, weil es tatsächlich mit einer gewissen Akribie und Vollständigkeit die Romanliteratur des betreffenden Zeitraums erwähnt. Mehr als Erwähnung und kurzes schwallartiges Gelall passiert nicht. Man kann aber dort einige Hinweise auf Lesestoff finden, der ja ständig auszugehen droht, man findet Titel und Autoren, die man nicht kannte. Die Autoren und ihre Werke sind sogar alphabetisch und chronologisch geordnet. Immerhin das Alphabet steht Herrn Vollmann zu Gebot. Man kann sich also einen guten Überblick verschaffen. Eine Art Liste. Mal sehen, ob die uns bisher noch unbekannten Autoren zu recht oder zu unrecht unbekannt geblieben sind.


11. November 2006

Sinn der Übertreibung: Erst durch das grelle Licht der Übertreibung zeichnen sich die Schatten der Wahrheit ab. In der diffusen Masse des Alltäglichen leuchtet nichts auf. Es ist wie bei gleichmäßig bedecktem Himmel und dem diffus schimmernden Grau, das dann entsteht. Darin verschwinden alle Konturen. In der Tagesempirie präsentiert sich alles gleich, vom Kindsmord bis zur Staubfluse. Der Schriftsteller betätigt sich als Arrangeur solcher Beliebigkeit, indem er die Schatten wirft. Könnte man auch von Faltenwurf sprechen?


10. November 2006

In einer Buchhandlung las ich kürzlich ein paar Seiten eines Romans von Marlene Streeruwitz, die mich schon einmal mit einem Theaterstück abgestoßen hatte. Das Theaterstück hatte in einem Pissoir gespielt, was nicht der Grund meiner Ablehnung war. Das Stück war langweilig gewesen, steineklopferartig bemüht, gewollt. Ich las nun in diesem Roman (Partygirl) voll der Mißgunst, aber da war ein Tonfall in dem Buch, der mich nicht gleichgütig ließ, an dem etwas war, das mir lag, nämlich eine ungeheure Kälte des rein Faktischen, des dahin fließenden Geschehens, ohne Reflektion ohne Rechtfertigungen und Deutungen, und ich glaube, dazu benötigt man ein unbeirrtes Präteritum, weil nur das Präteritum bzw. Imperfekt den Geist der Erzählung atmet, oder?


9. November 2006

In der Autopbiographie von François Mitterand fand ich eine, in Hinblick auf Mitterands Stellung in der Vichy-Regierung höchst bemerkenswerte Äußerung: er habe gespürt - eine innere Stimme sagte ihm das - daß niemand über ihn verfügen dürfe, darum sei er auch nicht klassifizierbar gewesen. Darum sei es ihm möglich gewesen, sich überall einzuordnen.
Ich ergänze, daß jene Nicht-Klassifizierbarkeit die Entsprechung dessen ist, was ich Autonomie des Denkens nennen möchte. Dieser Autonomie folgt unmittelbar eine Autonomie des Seins. Die Fähigkeit, sich überall einzuordnen, wäre hier also nicht Ausdruck eines charakterlosen Opportunismus, sondern Ausdruck geistiger Souveränität.
Man muß allerdings bei solchen Äußerungen größte Vorsicht walten lassen. Zur Verallgemeinerung nicht geeignet, leider aber als wohlfeile Ausrede.


25. Oktober 2006

Erneut L'étranger gelesen. Verkörpert idealtypisch, was ich unter Realismus mir manchmal vorstelle: ein trockenes, in sich vollkommen logisches Erzählen, ohne Schnörkel, ohne aufdringliche Ambition. Sogar das Philosophische fügt sich ein, wirkt nicht aufgesetzt oder konstruiert. Wurde von Camus selber nie wieder erreicht. In La Peste wird viel zu viel philosophiert, das ganze Buch exemplifiziert nur eine philosophische Idee, hat mich zunehmend gelangweilt, obwohl es mit diesen verpesteten Ratten so überzeugend, so gut anfängt. In L'étranger ist alles gut und überzeugend.


10. Oktober 2006

Zugegeben, die Buchmessenzeit: das sind immer harte Tage. Da wird wieder gelobt und gespeichelt, daß sich die Balken biegen. Da spürt man kapitales Abschlaffen bei marktkonformem Routinegegröl wie habituelles Erbrechen. Wir lesen die Literaturbeilagen, und die Rezensionen klingen, wie sie seit Jahrtausenden geklungen haben. Es gibt ein paar neue Namen, die in vier Wochen vergessen sein werden, das ist alles. Das Wort- und Begriffsmaterial der Rezensenten scheint einem jederzeit abrufbaren Pool zu entstammen, vermutlich EU-genormt, kann unendlich kombiniert werden. Werden die von Brüssel gesteuert? Meinen die das wirklich, was sie da schreiben? Wissen die überhaupt, was sie da schreiben?
Der Verdacht liegt nahe, daß nicht, wenn man diese schrammelnde Beliebigkeit, diese Grinzinger Austauschbarkeit des heurigen Wortmaterials mal genauer anschaut, nämlich von ganz unten, ganz aus der hochnotpeinlichen Sicht des Lesehammels, der sich freiwillig auf die Streckbank eines dieser hyperfrischen Romane spannen läßt. Warum läßt man nicht lieber Computer schreiben, die machen das schon, besser und schneller, ist doch bloß eine Frage der Software.


27. August 2006

Jemand sagt den Satz: Ich will die Welt so sehen, wie sie ist.
Solche Sätze hören wir täglich an jeder Ecke. Vor so einem Satz graut mir. Der Satz schließt die Behauptung ein (sei es auch nur als Frage), daß die Welt in der Tat auf irgendeine Weise etwas Bestimmtes ist, und daß man sie als solche erkennen könne. Andererseits schließt der Satz auch den Zweifel an einem Sosein der Welt ein, obwohl diejenigen, die solche Sätze sprechen, den Zweifel gerade ausschließen wollen. Der Satz ist daher eine Beschwörungsformel.
Man könnte die Frage anschließen, ob derartige Überlegungen nicht auf etwas ganz anderes zielen. Wir wissen nicht, ob die Welt auf irgendeine Weise so ist, wie sie ist, und wir wissen, daß wir das wissen. Möglicherweise gibt es Menschen, die Zweifel am Sosein der Welt haben, andere nicht.
Könnte man den Zweifel durch irgendeine Maßnahme ausschließen oder in Gewißheit ummünzen?
Etwas sehen, wie es ist, dieses Problem ergib sich ganz unmittelbar in der morphologischen Diagnostik. Man darf da nichts übersehen, was vorhanden ist, und man darf in das Vorhandene nichts hineinsehen, was nicht vorhanden ist, und man muß aus dem Gesehenen die richtigen Schlüsse ziehen. Die Erkenntnis der Dinge richtet sich hier nach Schemata (siehe Platon). Wir interpretieren das Vorhandene auf eine bestimmte Weise (Kultur im weitesten Sinn) und lernen im Laufe des Lebens nichts anderes als unsere Wahrnehmungen in das System der Schemata einzufügen. Das Verblüffende ist: im Fall der Morphologie funktioniert das wirklich gut.
Dichter neigen dazu, das Gesehene in etwas anderes umzusehen, so wie man als Kind sich aus einem Haufen Blätter sich alles Mögliche, inklusive Geldbörsen, Tiere etc. herauszaubern konnte. Diese Art von Transformation heißt dann Metapher. Wie wäre das mit einem Konzept von Realismus vereinbar? Metaphern sind doch täglich Brot.






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