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Magazin für Verrisse aller Art
Blog
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Lit-bloX Liebe Surfer, Bloggen im Netz hat sich zu einer Unsitte, ja weltweiten Epidemie entwickelt, die nicht mehr zu bremsen ist. Trotz schweren inneren Widerständen haben wir beschlossen, ausnahmsweise einmal mit der Zeit zu gehen, und Lit-eX um einen Blog zu bereichern. Vorerst nennen wir ihn Lit-bloX. Sie finden dort knappe bissige Kommentare, gut durchwachsenes Hintergrundgemecker, saftige Rund-, Tief- und Nachschläge, gelegentliche Erwägungen in eigener Sache und aktuelle Kurzverrisse, selten Lobgesang. Geschichten aus dem Nähkörbchen werden Sie vergeblich suchen. Der überwältigenden Flut des Schwachsinns, der (aus welchen Medien auch immer) täglich, ja stündlich auf uns herniederkübelt, werden wir sonst nicht mehr Herr. Lit-bloX dient dem kleinen Ärger zwischendurch, der rascher Abfuhr bedarf. Wir wünschen einen guten Appetit! Die Redaktion 23. Januar 2010In Die Schlafwandler denkt Hermann Broch sehr ausführlich über das Verhältnis des Ichs zu seiner Kleidung und der außerhalb ihrer liegenden Welt nach, eingeschlossen den Unterschied zwischen Uniform und Zivil, und die panischen Komplikationen, die entstehen, wenn ein Paar sich anschickt, aus seiner Kleidung sich zu lösen, um Nacktheit zum Zweck einer körperlichen Vereinigung herzustellen.Betrachtet man die heutigen Entartungen des Körperkultes, die auf eine Permanenz des Nacktseins zielen oder zumindest die Möglichkeit einer solchen Permanenz zu versprechen scheinen, und sei es nur virtuell, so verwundert es nicht, daß Kleidung ihren tieferen Sinn verloren hat, zumindest als etwas, das in einem bestimmten Bezug zum Ich sich verhält. Darum sind die Moden so uninspiriert und beliebig geworden, so erniedrigend häßlich, die Scheußlichkeit von Farben und Formen so abstoßend allgegenwärtig. Diese Unmode fordert dringend dazu auf, sich ihrer jederzeit und an jedem Ort zu entledigen, so rasch und einfach es nur gehe. 12. Januar 2010Lustig und irgendwie auch merkwürdig, wie sehr sich doch die Süddeutsche Zeitung um das Schicksal der SED-Nachfolgepartei, die sogenannten Linken, sorgt. Seitenweise widmet sie ihr und ihren gefallenen Oberhäuptern mitfühlende Berichte und Analysen. Fasziniert bewundert man in der SZ ganz besonders die abgehalfterte Politmumie Oskar, und wie sie es nun seit bald zehn Jahren schafft, sich immer wieder selbst zu exhumieren. Diese ungewöhnliche Außenseiterleistung wird sicher dereinst als Fußnote in die Geschichte eingehen. Die trüben Tassen, die in diesen abseitigen Gefilden sonst noch so herumdoltern, lehren nur eins:von links kommt nix mehr. Ach übrigens: von rechts auch nicht. Seien wir ausgewogen! 2. Januar 2010Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat in ihrer ersten Nummer des neuen Jahrzehnts doch noch einmal wieder seit langem eine gute Idee gehabt:Wir entrümpeln das letzte Jahrzehnt. Da stimmen wir bei den meisten Dingen freudig zu. Stefan George würden wir zwar gerne noch behalten (wir geben Günter Grass und Hape Kerkeling dafür und legen noch einen Sloterdijk drauf), aber z.B. die Halloisierung des allgemeinen Begrüßungswesens, scheußlich das, und das gilt nicht nur für E-mails. Dann aber bitte auch gleich die Okäh- und Hä-Girlies mit ihren Speckrollen gleich mit. Und selbstverständlich latte macchiato, bloß weg damit! Einiges wurde leider vergessen, das möchten wir hier dringend nachholen. Wir denken unter anderem an Van-der-Leyen-Väter, ausgebrannte Studienräte und Spätgebärende ebenso wie an die Onkologie, soziale Gerechtigkeit, das eklige Akronym Kita, an Arschhosen und Kastratenmäntel, an Balkontelefonismus, extra lange haltbare Milch, Friedhofsjogger, das Regietheater und gehörlose Popmusikhörer im öffentlichen Raum, und dann, ganz ganz wichtig: Anti Aging, und nicht zu vergessen: China, weg mit China, nichts wie weg! Wie wärs übrigens mal mit Goethe und Schiller? Vor allem aber denken wir an die Postmoderne. Die gehört zwar schon sehr lange weg, aber sie ist immer noch da, ganz besonders in den Redaktionsstuben des Qualitätsjournalismus. Dort wird sie von Angehörigen der 60-er Jahrgänge vertreten, also von nicht mehr besonders jungen und noch nicht richtig alten Menschen, die keine Ahnung haben, wovon sie sprechen, wenn sie von Postmoderne sprechen, weil sie eine richtige Moderne gar nicht kennen und nie erlebt haben. Das ist keine persönliche Schuld, versteht sich, das ist einfach das grausame Pech der späten Geburt. Wenn diese Damen und Herren in den kommenden zehn Jahren doch bitte einfach mal die Klappe halten könnten, das wäre großartig, wäre das. Da nun das Redaktionsteam der Wochenzeitung DIE ZEIT (übrigens gehört auch das Wort Team dringend weg), da nun also die Redaktion der Wochenzeitung DIE ZEIT zu einem übergroßen Anteil aus Angehörigen jener Jahrgänge besteht, fordern wir als wichtigsten Teil der Entsorgungsaktion hiermit: Weg mit der Wochenzeitung DIE ZEIT!28. Dezember 2009In China wurde heuer rechtzeitig zum Fest Liu Xiaobo wegen freier Meinungsäußerung zu 11 Jahren Knast verurteilt. Die Chinesen haben eben noch ein sehr naturwüchsig unverdorbenes Gefühl dafür, was eine freie Meinung wirklich wert ist.Bei uns ist sie gar nichts wert, jeder darf jederzeit alles laut und offen sagen oder schreiben, was er denkt, keiner kümmert sich darum, niemand nimmt Anstoß, niemand interessiert sich. Es sei denn. Es sei denn, man sei rechtsradikal. Kürzlich marschierten in München 150 Neonazis auf, um ihre Meinung frei zu äußern. Prompt waren 3000 Gegendemonstranten zur Stelle, um sie daran zu hindern. Welcher Art war diese zwanzigfache Übermacht? Waren es gewaltbereite Kapuzis, denen jeder Anlaß zum Prügeln recht ist? Etwa 300 waren solche, wie es hieß, aber die sind sowieso immer dabei. Die anderen waren rechtgesonnene salonlinke Biedersäcke der neuen Bürgerlichkeit von staatstragender Eminenz. Da halfen nur noch die Bullenschweine, die den Rechtsstaat gegen dessen Vertreter verteidigen mußten, damit jene 150 mit der falschen Gesinnung ihre Meinung menschenrechtsgemäß und grundgesetzkonform äußern konnten. Zwar wurden sie nicht gehört, aber stark beachtet. Wer also in diesem Land beachtet werden möchte, sollte nach Möglichkeit eine falsche Gesinnung haben, Neonazi geht immer. Das ist doch alles ziemlich merkwürdig, oder? 5. Dezember 2009Thomas Meinecke, den wir längst im Augustinum wähnten, hat kürzlich in einem Interview (Münchner Merkur 24. November 2009) auf die Frage, wie München sein Schaffen beeinflußt habe, folgendes geantwortet: Ich dachte 1977: Ich zieh jetzt nach München von Punk nach Disko. Weil München Glamour besaß, der aber auch subversiv war. Hamburg ist weltoffen aber eine Gesellschaft, die nicht produktiv mit Widersprüchen umgeht. München kann das, was vielleicht an der katholischen Grammatik der Stadt liegt.Wir hätte gerne gewußt, welche Droge man benötigt, um derart kapitalen Quark abzusondern, ferner, von welchem Schaffen hier die Rede sein soll, aber wahrscheinlich werden wir es nie erfahren, auch nicht, wie die katholische Grammatik geht. 21. Oktober 2009Jener derzeit prominenten Modediskussion um das sogenannte Neuro-Enhancement wohnt die gleiche heuchlerische Doppelmoral und Verlogenheit inne wie der Kriminalisierung des Drogengebrauchs. In der alkoholisierten Gesellschaft wird das Komasaufen (nicht nur Jugendliche betreiben es) einerseits beklagt andererseits gefördert. Wer schwer bekümmelt in der Gosse liegt, gilt als Kranker und wird von den staatlichen Rettungsdiensten in den öffentlich finanzierten Heilstätten wiederhergestellt, wer ein paar Grämmchen Koks mit sich führt, verliert die bürgerlichen Ehrenrechte. Schon immer haben Menschen Drogen verwendet, sei es um ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern oder ihr Verhältnis zur Wirklichkeit zu verschönern, und Milch war dabei allemal weniger wirksam als Alkaloide.Was zum Geier sollte daran illegitim sein? 14. Oktober 2009Daß Fernsehen verdummt, weiß heute jedes Kind. Daß auch die Produkte des Qualitätsjournalismus zur Verdummung führen können, war bis jetzt nur wenigen bewußt. In der Süddeutschen Zeitung hat nun Constanze von Bullion (uraltem Rittergeschlecht entstammend) die Meinung geäußert, man müsse die Linke (Nachfolgepartei der SED) unbedingt am Regierungsgeschäft beteiligen, um sie einerseits kontrollieren, andererseits demokratisch disziplinieren zu können.Dieser Gedanke erinnert fatal an die Frau des Alkoholikers, die mit dem Gatten mittrinkt. Sie tut es in der naiven Hoffnung, die Trinkmenge zu reduzieren, um den Gatten von seiner Sucht abzubringen, und wird auf diese Weise selbst zur Säuferin. Prost, Frau von Bullion! 6. Oktober 2009Nicht täglich, liebe Freunde, gelingen Rednern im öffentlichen Raum Sätze, die der Beachtung wert wären. Nun meldet sich der Onkologe Dr. Kappauf aus Starnberg zu Wort:Das Problem der Sterblichkeit, hat er verkündet, kann man nicht wegtherapieren. Wir sind verdattert. Wer hätte das gedacht? Wie kam er nur darauf? Aus dem Hades hören wir anhaltendes Kichern von Epikur bis Cioran: a ganz a ausgeschlafenes Bürschchen dieser Kappauf. Aber Philosophie muß eben, genau wie Medizin, nicht immer unverständlich sein, und es gibt Dinge, die gesagt werden müssen, egal wie, wo, wann und von wem. (Auf eine Stellungnahme der kassenärztlichen Vereinigungen aller Länder können wir ausnahmsweise verzichten.) Dr. Kappauf hat uns exemplarisch gezeigt, welche Formen des Poblemlösungsverhaltens in der gegenwärtigen Welt die angesagtesten sind, denn seinen Satz verstehen wir als Summe eines Therapeutenlebens, an dessen nahem Ende er nun resigniert steht. Er hat es versucht, er wollte die Sterblichkeit wegtherapieren, hat sich Mühe gegeben, aber er hat es nicht geschafft, und wir können ihm dabei nicht helfen. Dieser Tage feiert China 60 Jahre Massenmord, Kulturvernichtung und Diktatur. In seinem Mastdarm hat sichs spulwurmgleich die Westliche Welt gemütlich gemacht und feiert mit. Wir gratulieren zum Großen Sprung! 29. August 2009Eine 13-jährige möchte die Welt umsegeln. Eine 13-jährige läßt sich vom Gynäkologen die Schamlippen stutzen. Eine 13-jährige wird schwanger, der Befruchter ist 15. Wann kommt endlich die Penisverlängerung für 12-jährige? Tätowierung ist out, aber wer schabt jetzt mein Arschgeweih weg?Noch Fragen? Zum Beispiel: Geht uns das irgend etwas an? Nicht das Geringste. Man soll sich von Scheinproblemen, die der Luxus generiert, nicht beeindrucken lassen. Das vergeht (abgesehen von der Tätowierung). 23. August 2009Die Nächte der Perseiden sind verklungen,die Zeit der Leonidenschwärme ist um, die Hundstage bringen uns um den Verstand, und die Schatten des Wahlkampfs werden kürzer. Wieder einmal steht die Sinnfrage vor der Tür, da kommt es gerade recht, daß die Süddeutsche Zeitung uns mit einem Mann bekannt macht, wie Deutschland ihn noch nicht gesehen hat (oder doch?): Bauer Aiwanger aus Rahstorf in Niederbayern, Chef der Freien Wähler. Bauer Aiwanger hat auf jede Frage eine erdnahe Antwort.Uns interessiert hier aber nicht die Politik sondern ausschließlich das Menschliche. Hubert Aiwanger hat noch niemals eine Kuh Helga genannt, seine Kühe tragen Nummern statt Namen. Die Zeit müsse man für die Arbeit nützen, sagt er. Er geht nicht spazieren, hört keine Musik, liest keine Romane und hat keine Bilder an der Wand. Alles, was nur dem Schmuck oder der Unterhaltung dient, ist überflüssig, sagt er, und zum Thema Ernährung verkündet er: Ich will relativ schnell essen und satt sein. Überflüssig zu fragen, welche Botschaft Bauer Aiwanger uns zum Sachgebiet Fortpflanzung auf den Weg geben würde. Alain Ehrenberg beschreibt Depression als eine Krankheit der Verantwortlichkeit, in der ein Gefühl der Minderwertigkeit vorherrscht. Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen. (Zitiert nach A. Rühle, SZ, 22./23.August 2009.) Müssen wir uns Bauer Aiwanger als Depressiven vorstellen? 22. August 2009Leider müssen wir nun auch noch zum Sport Stellung nehmen. Es geht um die Südafrikanerin Caster Semenya, der man nicht glauben will, daß sie eine Frau sei. Wenn wir ihr Bild in der Zeitung sehen, glauben wir es auch nicht. Wir sehen dort eine Person von männlichem Phänotyp. Das verwirrt, aber es beweist natürlich gar nichts. Werner Bartens, den wir sonst als launigen Medizinkritiker und halbwegs kenntnisreichen Wissenschaftsredakteur der SZ schätzen, begibt sich auf das schwierige Terrain des Hermaphroditismus und der genetischen Geschlechtsdifferenzierung. Leider vermischt er das Thema mit feministischem Gender-Schwachsinn. Es geht aber ausschließlich um Biologie.Bei Frau Semenya könnte ein adrenogenitales Syndrom vorliegen, meint Bartens. Das ist möglich, aber was ist ein adrenogenitales Syndrom? Zunächst handelt es sich um einen angeborenen genetischen Enzymdefekt, der nicht auf den Geschlechtschromosomen lokalisiert ist, also eine Erbkrankheit. Dabei produziert die Nebennierenrinde zuwenig Cortisol und zu viele Androgene (Testosterone). Es gibt Varianten der Krankheit mit unterschiedlichen Auswirkungen. Das chromosomale Geschlecht ist normal, also entweder XX oder XY, entsprechend auch die anatomischen Gegebenheiten. Bei Knaben mit dieser Krankheit tritt die Pubertät verfrüht ein (Pubertas praecox), bei Mädchen wächst die Klitoris abnorm, Zeichen der Virilisierung treten auf, und es bildet sich eine männlich geprägte Muskulatur. Sind solche Mädchen auch noch sportlich begabt, werden sie ihren gesunden weiblichen Konkurrentinnen, die sich höchstens mit Anabolika künstlich aufpäppeln können, immer überlegen sein. Sie sind sozusagen endogen gedopt, und das finden wir dann unfair, wenn wir gegen Doping generell eingestellt sind, sei es exogen oder endogen, und Caster Semenya müßte logischerweise disqualifiziert werden. Trotzdem bliebe sie, falls sie das adrenogenitale Syndrom tatsächlich hat, genetisch und natürlich auch sozial eine Frau, leider aber als Frau mit einer angeborenen genetischen Störung. Im übrigen kann man diese Störung behandeln, heilen kann man sie nicht, sie ist Schicksal. Ein Wort wie Schicksal wird in der vom Machbarkeitswahn besessenen Welt nicht mehr gerne gehört, daran können wir nichts ändern, und es ist uns völlig wurscht. 2. August 2009Unter dem Titel Das übertherapierte Kind regt sich im Magazin der Wochenzeitung DIE ZEIT wieder jemand gewaltig über die gegenwärtig praktizierte Kindererziehung auf. Kinder würden heute total überfordert, so der Tenor, weil sie als Projektionsflächen für überzogene Erwartungen, ehrgeizige Hoffnungen und unerfüllte Wünsche vollkommen desorientierter Eltern herhalten müßten. Ein Kind zu haben, sei heute kein Naturereignis mehr wie einst sondern ein gesellschaftspolitisches Projekt, das minutiöse Planung erfordere. Kinder, die durch unsachgemäßes Verhalten das Projekt scheitern ließen, würden automatisch als gestört und krank eingestuft und könnten nur durch therapeutische Intensivmaßnahmen vor dem irreversiblen Absacken ins Prekariat gerettet werden. Das moderne Kind werde keine Sekunde mehr sich selbst überlassen, und habe einen knallharten Arbeits- und Ausbildungsalltag zu bewältigen: Schule, Musikunterricht, Ballett, Boxen, Reiten, Fechten, Nachhilfe, Theatergruppe, Pflichtlektüre. Auch stabileren Naturen bleibe da nur noch die Flucht in Krankheit, Kriminalität und Drogensucht.Genau! Diese heutigen Eltern sind ganz klar das hinterletzte, nämlich genau das, was Eltern schon immer waren. Aber Moment mal. Ist es nicht gerade die Wochenzeitung DIE ZEIT gewesen, die ihren Lesern schon vor vielen Jahren, immer dicht am Busen des Fortschritts, eingebimst hat, Kinder brauchten mehr Zuwendung, Liebe, Bildung, Förderung, Chancengleichheit und was nicht noch, dürften auf keinen Fall sich selbst überlassen werden, weil sonst geistige und sittliche Verwahrlosung drohe. Auch autoritäre und karrieresüchtige Väter, denen die menschlichen Grundwerte in der Kadettenanstalt eingehämmert wurden, müßten den Hautkontakt zum Nachwuchs herstellen und der vernachlässigten Brut vor dem Gute-Nacht-Kuß Märchen vorlesen, am Wochenende gemeinsam gärtnern oder kochen und jederzeit ein tolles Vorbild sein. Zigtausend Bücher, Nachhilfelehrer und Therapeuten halfen ratlosen Eltern dabei, mit Hilfe einer Diktatur des Guten den Nachwuchs zu perfekten kleinen Leistungsmonstern hochzudrillen. Der Appell zeigte Wirkung. Aufopfernd haben einstige Rabeneltern sich bemüht, alle Erziehungsbefehle prompt zu erfüllen, die ihr Leib- und Magenblatt und Millionen andere Ratgebern ihnen lautstark erteilten. Verkrampfte, berührungsunwillige Väter kuschelten bis zur akuten Hautnekrose, besessene Mütter opferten ihre Identität auf den Altären des Berufs und Haushaltes, und nun, da sie alles getan haben, was ihre Wochenzeitung DIE ZEIT damals verlangt hat, da sie gerade hofften, sie hätten wenigstens einmal alles richtig gemacht, werden sie genau deswegen schon wieder in die Pfanne gehauen. Das ist nicht nur gemein und ungerecht, das ist zum Verrücktwerden, denn jetzt liegt das Kind wieder mal im Brunnen (aus dem es in Wahrheit nie herausgekommen ist), und wieder ist es die Wochenzeitung DIE ZEIT, die es herausholen muß, indem sie das totale Umdenken fordert: Eltern, hört auf, euch um eure Kinder zu kümmern, überlaßt sie sich selbst, laßt sie spielen, laßt sie machen, was sie wollen, sie finden ihren Weg alleine, denn sie brauchen euch und die Schreckensherrschaft eurer durchgeknallten Fürsorge überhaupt nicht! Zur Umkehr habt ihr fünf bis zehn Jahre Ruhe, bis euch die Wochenzeitung DIE ZEIT an die Kandarre nehmen und euch sagen wird, was ihr dann wieder falsch gemacht haben werdet, falls es die Wochenzeitung DIE ZEIT dann überhaupt noch gibt. 1. August 2009Gesundheitsministerin Ulla Schmidt fordert die Abschaffung der Zweiklassenmedizin. Kassenpatienten müsse endlich die gleiche Behandlung zuteil werden wie Privatpatienten.Ulla Schmidt hat wie üblich keine Ahnung. Die Wahrheit ist: Kassenpatienten sollten froh und dankbar sein, daß sie nicht wie Privatpatienten behandelt werden, sondern nur das Nötigste bekommen, denn auch das Nötigste reicht allemal aus, meistens ist es schon zuviel. Kaum ein Kassenpatient ahnt, wie viele überflüssige Untersuchungen ihm erspart bleiben, nur weil er nicht privat versichert ist, wie viele sinnlose Labortests, EKGs, Computertomogramme, wie viele riskante Therapien, die allesamt weitere überflüssige, sinnlose und riskante Untersuchungen und Therapien nach sich ziehen. Ein durchschnittlicher Kassenpatient hat gute Aussichten, als gesunder Mensch die Praxis zu verlassen. Ein gesunder Privatpatient existiert nicht, er ist nur nicht ausreichend untersucht worden. Auch wenn er sich unverschämterweise für gesund hält, die Praxis verläßt er garantiert als Kranker. Beim Kassenpatienten tut der Arzt seine Pflicht, beim Privatpatienten sahnt er ab. Übel nehmen darf man ihm das nicht, denn er schröpft ja nicht den einzelnen Patienten sondern bloß die privaten Kassen, die mit unerschütterlicher Lammsgeduld alles zahlen, was vermeintlich gut und in jedem Fall teuer ist. Von dem, was die Pflichtkassen löhnen, könnte der Doktor sich kaum den Schnaps besorgen, den er braucht, um das Dasein eines Kassenarztes schön zu finden. Als Kassenpatienten fordern wir daher dringend den Erhalt, ja die grundgesetzliche Zementierung der Zweiklassenmedizin, denn mit Ärzten möchten wir so wenig wie möglich zu schaffen haben. Wir wollen einfach nur gesund sein und uns freuen. 29. Juli 2009Im Jahr der letzten Olympiade, 2008, wurden einem Bericht der NZZ folgend in China etwa 5000 Personen hingerichtet. Das würde bei einem weltweitem Vollzug der Todesstrafe an 5727 Personen in diesem Jahr für China 87,3% aller durchgeführten Hinrichtungen ausmachen.21. Juli 2009Ein kleiner Schritt für Neil Armstrong, ein Riesenbeschiß für die Menschheit. Die Mondlandung vor 40 Jahren war zweifellos das unbedeutendste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Weder wurde der Mond physisch nutzbar gemacht, noch wurde er entmythologisiert, und darum ging es ja wohl am allerwenigsten. Wenn es überhaupt um irgend etwas ging, dann um die geistesschwache Demonstration technologischer Potenz. Kopernikus war da weiter. Das Machbare tatsächlich zu machen: ist das nur dumm oder infantil oder beides?5. Juli 2009Heute Exekution des Lohengrin im Münchner Nationaltheater. Lohengrin präsentiert von Wüstenrot und Ikea, das war nicht mal witzig, was schlimm genug gewesen wäre. Quälend und langweilig war es wie wie alles Dumme. Eine großartige musikalische Darbietung wurde von einer unsagbar dämlichen Regie vernichtet. Anja Harteros, Wolfgang Koch, Jonas Koch, Michaela Schuster, alle hervorragend. Wie ist so etwas möglich, fragt man sich da, wieviel Verantwortung trägt die musikalische Leitung (Kent Nagano) für die Regie (Richard Jones), läßt die sich alles bieten, findet die alles gut? Leider ist der Wagnertext von der allerhöchsten Peinlichkeit, das ist immer die Crux dieser Opern. Man sollte auf die Übertexte verzichten, lenken nur von der Musik ab. Den Mythos in Musik zu verwandeln, darin war Wagner unschlagbar, aber die Sprache der Musik bleibt ein Rätsel, darum ist sie ergreifend. Opernregie richtet nichts aus, nur einen Sinn hätte sie: Inszenierung der Musik. Vergeßt die Texte!Daniel Kehlmann hat so recht wie selten: Regietheater ist der allerletzte Schwachsinn. 27. Juni 2009Grenzöffnung in Ungarn vor 20 Jahren. Dagegen ist der Tod Michael Jackson eher unbedeutend. Mußte man ihn überhaupt kennen? Einen kosmetisch verstümmelten Popanz, der zu laute und zu konventionelle Musik machte und ein begnadeter Showmensch war? König des Kommerz, ja, jemand, der Musikgeschichte schrieb, nein danke.In Berlin, so wird berichtet, findet jetzt auch ein Christopher Street Day statt mit großem Umzug und Tamtam, und dabei soll es auch einen Wagen geben, auf dem Politiker aller Parteien mitfahren, um zu singen und zu tanzen, und sich bei dieser Gelegenheit als Homos zu outen. Offenbar kommt das neuerdings beim Wähler gut an, die Diskriminierungsparameter scheinen sich gerade zu ändern: Nicht Homosexualität ist anstößig, Heterosexualität ist es. Ein neuer Rassenhaß könnte sich entwickeln. Es beginnt mit Verachtung und endet wo? Wir freuen uns auf einen neuen Opferdiskurs, denn wenn die Diskriminierten nicht mehr Minderheit sind, wird es schwierig. 12. Juni 2009In der SZ ein Bericht der Koreanerin Soon ok Lee über die Verhältnisse in nordkoreanischen KZs. Wie immer bei solchen Schilderungen heilloses Entsetzen, das sich in nichts von dem Entsetzen unterscheidet, das uns bei Berichten aus Nazi-KZs, aus dem Gulag, aus den Killing fields in Cambodja oder den Lagern in Kuba befällt, oder wo auch immer.Verstoße ich damit nicht gegen das Verbot, die Verbrechen der Nazis mit kommunistischen Verbrechen zu vergleichen, gar gleichzusetzen und, schlimmer noch, gegeneinander aufzurechnen, gegen die Doktrin von der Einzigartigkeit der Naziverbrechen? Ja, ich verstoße, aber ich rechne nicht auf. Ja, ich vergleiche und dabei stelle ich fest, daß es landestypische Differenzen bei der Ausführung obrigkeitlich gelenkter Verbrechen gibt. Die deutsche Art war, wie könnte es anders sein, besonders gründlich organisiert, Bürokratie mit dem Schein von Rechtsstaatlichkeit verbrämt, und tatsächlich, wie oft gesagt wird, von industriellem Charakter, irgendwie fundamental, auf der Höhe der Zeit, könnte man sagen, wenn auch keineswegs immer und überall, und sie wurde besonders penibel dokumentiert, im Gegensatz zu allen anderen. Die russische Art wirkt desorganisiert, spontan, chaotisch, kurz russisch, aber war sie nicht ebenso geplant von den Organen und Repräsentanten des Staates und ins Werk gesetzt durch eine Kette von Befehlen an die zahllosen beteiligten Institutionen und deren Vertreter bis ins letzte Glied? In China, Cambodja, Kuba, also überall auf der Welt nicht anders, und immer waren es totalitäre Dikaturen, die ihre Feinde auf prinzipiell immer gleiche Weise auszumerzen trachteten, nur die Logistik zeigt regionale Differenzen, das ist alles. Wenn rituell behauptet wird, die Taten der Nazis seien etwas ganz Besonders, Einmaliges, nämlich etwas einzigartig Bestialisches, ein Kulturbruch unerhörten Ranges, kommt man dann nicht umhin, darin Nationalstolz zu wittern, und zwar der widerlichsten Art, und zugleich die unausgesprochene Annahme, die Russen, Chinesen, Cambodjaner und Kubaner und wer auch immer seien eben kulturell und technologisch noch nicht so weit gewesen wie Deutschland, seien in Sachen Terror zurückgeblieben, seien darum nicht in der Lage gewesen, mit der gleichen kalten Effizienz zu morden wie die Nazideutschen, hätten Qualität durch Masse ersetzt, ihre Taten seien daher vielleicht etwas weniger verwerflich als die deutschen? Falls man tatsächlich so etwas wittert, müßte man dann nicht an der Art und Weise, wie die Debatte oft geführt wird, zweifeln und zu einer ganz anderen Einstellung zum staatlich organisierten Massenmord finden? Eigentlich müßte man das wohl. 10. Juni 2009Max Frisch hat noch mühsam Romane und Theaterstücke schreiben müssen, um für sein Leben die passenden Geschichten zu erfinden oder aus der Biographie ein Spiel zu machen. Heute würde er zu Photoshop und iMovie greifen. Der Medien sei Dank für unser neues chimärisiertes, hybridisiertes, klonisiertes Dasein, und man muß das positiv sehen: Wir müssen nicht in jedem Augenblick der sein, der wir sein sollten, was furchtbar anstrengend wäre, sondern der, der wir zu sein wünschen, wann und wo und wie immer. Erfinden wir nicht Geschichten für unser Leben, erfinden wir uns ein besseres Leben für unsere Geschichten. Better life, das Internet bietet so etwas ja schon an, aber das ist nur ein schwächlicher Anfang eines totalisierbaren Gedankens, einer wunderbaren Lebensmöglichkeit. Die Truman Show, Schauspieler als Ärzte und Patienten, werden wir doch Schauspieler unser Daseins usw., also das Leben ein Spiel, in dem wir erst wirklich zu uns finden. Schiller hat einfach zu früh gelebt.Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß sich mit den Medien auch die Geisteskrankheiten verändern. Paranoia ist heute ein Normalzustand, eine wirklichkeitsadäquate Reaktion, um mal vorläufig einen Begriff zu erfinden. Man braucht nicht unmäßig viel Phantasie, um die ständige Gegenwart von Kameras und Monitoren als Bedrohung zu erleben. Leben als Reality-Show. 8. Juni 2009Selten gelingen Sloterdijk im Morast des Schwachsinns Sätze, für die man andere knutschen würde, z.B. dieser: Mir scheint sogar, ich wollte mich lächerlich machen, indem ich mich als Mitglied eines Sieben-Milliarden-Volkes verstehe - obwohl mir schon die eigene Nation zuviel ist. Ich soll als Weltbürger meinen Mann stehen, selbst wenn ich meine Nachbarn kaum kenne und meine Freunde vernachlässige. Gefunden auf Seite 709. Das reicht natürlich überhaupt nicht, um vergessen zu machen, daß dieses Buch eine schwere, unfaßbar unverschämte Beleidigung kritischer Intelligenz darstellt.2. Juni 2009Heinz Kurras' Enttarnung als SED-Mitglied und Stasispitzel ist definitiv ein Knüller, kommt aber mehr als 40 Jahre zu spät. Heute haken wir den Fakt gelassen ab, damals hätte man die Nachricht nicht geglaubt, hätte sie für eine hinterhältige Lüge der Springer-Presse gehalten. Man hat ja auch viel später nicht glauben wollen, daß die DDR die linken Studenten der BRD, den ganzen Sumpf der K-Gruppen und die RAF unterstützt hat. Natürlich hatte Kurras keinen Auftrag für seinen Schuß auf den Studenten Benno Ohnesorg, aber er hat trotzdem das Richtige im Sinne des Zeitgeistes getan. Er hat Unruhen mitgeschürt, von denen eine Destabilisierung des Systems erhofft wurde, die Schwächung des kapitalistischen Westens zugunsten einer Ausbreitung des Sozialismus. Die Weltherrschaft mit allen Mitteln zu erringen, war das einst nicht das erklärte Ziel der kommunistischen Internationalen? War es. Heinz Kurras und sein Schuß war also im Sinne der Hegelschen Geschichtsphilosophie eine List der Vernunft, da war der Weltgeist im Spiel, und die Hegelsche Geschichtsphilosophie war immerhin die Mutter des kommunistischen Theorie. Wieso hat das niemand bemerkt?8. Mai 2009Journalisten sind Dünnbrettbohrer, eitel und halbgebildet. Am liebsten schreiben sie über sich selbst und ihr Medium, vor allem dann, wenn es ein Printmedium ist, dem gerade wieder der Untergang droht. Denn sie wissen, daß sie auf einem sinkenden Schiff ihr Unwesen treiben, und das verschafft ihnen Lust, es ist die köstliche Lust des Endzeitgefühls. Das Fernsehen ist für den Printjournalisten längst kein echter Feind mehr, dazu ist es zu dämlich, ganz besonders Nachrichtensendungen, deren Verblödungspotential kaum noch meßbar ist. Der wahre Feind ist jetzt das Internet, aber alles was der behäbig-konservative Printjournalist etwa ab 40 aufwärts dem Netz und seinen Emanationen vorwirft, fällt auf ihn selbst zurück, z.B. die Nichtüberprüfbarkeit von Nachrichten, die täglichen Falschmeldungen, die Latrinengerüchte, das Gezeter des Subjektivismus, der Feuilletonkitsch, das falsche Deutsch, der langweilige Stil. Noch aber ist der Durchschnittsuser, also der mitteleuropäische Biedermann mittlerer geistiger Kapazität geneigt, alles zu glauben, was in der Zeitung steht, nur weil es dort steht, weil es auf Papier real gedruckt erscheint und die Hände schwärzt. Das virtuelle Geflimmer auf dem Bildschirm dagegen macht mißtrauisch, und zwar mit Recht. Wer ins Internet geht, muß klüger sein als der kluge Kopf hinter dem Blatt, er muß kritisch sein, sonst kommt er darin um, aber wenn er das einmal gelernt hat, wird er auch die Zeitung nicht mehr blauäugig lesen. Wir sollen ja lebenslang lernen, warum sollten wir dann den Umgang mit dem Netz nicht auch noch lernen? Gegen die Zeitung kann man sich nur passiv wehren, indem man sie nicht mehr liest oder abbestellt, im Netz kann man mitmachen, das ist das Schöne daran, und davor gruseln sich viele Redakteure, denn nun besteht Gefahr, daß sie der Inkompetenz überführt werden. Um sich zu wehren haben sie den Begriff des Qualitätsjournalismus geprägt, demnächst mit Zertifikat. Eigentlich müßten sie dem Internet dankbar sein, denn es hat sie aufgewertet, zumindest vor sich selbst, in ihrer klebrigen Selbstwahrnehmung, wenn auch nur scheinbar.25. April 2009John Rabe hätte man schweigend übergehen können, da nun aber der Film eine Goldmedaille bekommen hat, hier eine kurze Richtigstellung: an diesem Lichtspiel stimmt nichts. Jede Szene riecht nach Studio, angereichert mit ein paar matten Computertricks, Kampfflieger schwirren Schwalben gleich durch Straßenschluchten, ein Schiff liegt am Kai, dann fährt es hinaus, wird bombardiert, sinkt wie in der Badewanne, alles Kulisse, die Sprache stimmt nicht, mal wird Siemens abgewickelt, mal ist von Gutmenschen die Rede, faulig deutschtümelndes Pathos in jedem Satz, dazu ein Quent britischer Zynismus, hinter dem sich ein waidwundes Angelsachsenherz verbirgt, ja, so mögen wir ihn, den Angelsachsen. Sind wir im China der 30-er Jahre, einer multikulturell-polyglotten Gesellschaft des verblühenden Spätkolonialismus oder doch wieder nur in Osnabrück? Hier sprechen sogar Japaner deutsch, auch wenn sie unter sich sind, schwer vermißt man ihr bellizistisches Gebell, und ein chinesisches Kind ruft: Da kommt Herr Rabe. Süß.Vor allem aber ist der Film langweilig, ein Tagebuch wird abgespult, ohne jeden dramatischen Hintergedanken, man versteht nichts, Herr Rabe notiert etwas, dann passiert etwas, aber wann, warum, wieso, keine Ahnung, eine Anekdote nach der anderen, Frau Rabe backt Guglhupf, Herr Rabe spricht auch nach 27 Jahre Aufenthalt in Nangking kein Wort chinesisch, ein eindimensionaler Vorzeige- oder Quotennazi mit fetten Schmissen taucht plötzlich auf und verschwindet wieder, die Japaner kommen, mal sind sie hier, mal sind sie da und so weiter, diese Welt ist komplett in Ordnung, Gut und Böse sind korrekt verteilt, wir haben keine Fragen: ein Film, überflüssig wie ein Bierwärmer. 17. März 2009Historisch betrachtet ist das Denken in Rechts-Links-Schablonen spätestens seit 1989 ein Auslaufmodell. Doch bis jetzt fehlt griffiger Ersatz. Der Talkshow-Kriminologe Christian Pfeiffer, der sich kürzlich durch die Bemerkung die Vergreisung der Gesellschaft ist letztendlich ein Gewinn für die innere Sicherheit unsterblich gemacht hat, warnt nun in einer Studie vor einem zunehmendem Rechtsextremismus der Jugend. 4,9% der 15-jährigen trinken Bier mit Rechtsradikalen, hat er recherchiert. Wir sind voll erschüttert. Läßt man sich die Äußerungen Herrn Pfeiffers einmal auf der Zunge zergehen, wird vor allem eins klar: Herr Pfeiffer hat überhaupt keine Ahnung davon, was ein Jugendlicher sein könnte. Wahrscheinlich war er selber nie einer, und wenn doch, hat er nicht mit Rechtsradikalen Bier getrunken, die gab es damals ja nicht mehr oder noch nicht wieder, wahrscheinlich hat er sowieso nie Bier getrunken, immer nur die Milch der frommen Denkungsart, aber vor allem hat er immer auf der richtigen Seite gestanden, immer sauber politisch korrekt im juste milieu strampelnd.13. März 2009Amokläufe gehören zu den Schrecken der menschlichen Welt. Weitaus schrecklicher als die Tat ist regelmäßig deren mediale Verarbeitung. Der ungeheuerliche, zutiefst verlogene Mitgefühlskitsch, der da zum Ausbruch kommt, einschließlich der haarsträubenden Schwachsinnskommentare sogenannter Experten (allen voran Psychiater und Psychologen) gehört vermutlich genau zu jenen Zumutungen, die solchen Tätern das Dasein unerträglich machen. Dafür üben sie Vergeltung im vorhinein.10. März 2009Thomas Steinfeld (Kunstscharfrichter) hat einen neuen Tiefpunkt verschmockter Rezensentenlyrik ausgelotet. Sibylle Lewitscharoffs neuer Roman sei eine gespensterkluge Erneuerung der deutschen Sprache, trötete er in der letzten Literaturbeilage der SZ. Wir kennen diesen Roman nicht, aber wir wissen nun, daß wir ihn nicht lesen müssen. Dafür zollen wir Herrn Steinfeld und mit ihm dem Rezensionswesen in seiner Gesamtheit ergebensten Dank.14. Februar 2009In der Süddeutschen Zeitung, unserem Lieblingssandsack, wird seit Jahren der Abriß des Palazzo Prozzi (Palast der Republik, ehemals Ostberlin) wehleidig bejammert, zuletzt von einem Herrn Moritz Holfelder, der über die Scheußlichkeit sogar ein Buch geschrieben hat. Wir würden gerne wissen, ob Herr Holfelder diesen Palast jemals leibhaftig betreten hat, z.B. um dort vor der Barriere einer der halbleeren kantinengleichen Verköstigungsanlagen (Restaurants) nicht unerheblich lange zu warten, um dann von einem vopohaften Herrn in bester Stasilaune an einen Tisch abgeführt (plaziert) zu werden, um dort z.B. ein Jagdwurststeak mit Bratensoße und Sättigungsbeilage verzehren zu dürfen. Vermutlich nicht.So war die DDR, mattgülden schimmernde Alufassade, entzündlich verschwollen wie bei Kopfweh nach altem Nordhäuser. Nun gibt es sie nicht mehr, und es ist, als hätte es sie nie gegeben. 3. Januar 2009Zur Verteidigung des Realismus. Dem Realismus wird vorgeworfen, die Realität abbilden zu wollen, wie sie sei. Manche mögen diese Absicht verfolgt haben. Vermutlich haben sie nicht ausreichend nachgedacht. Die Sprache, wurde behauptet, sei kein angemessenes Mittel, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. An dieser Stelle müßte man fragen, was Wirklichkeit sein soll. Wir unterlassen das und hoffen auf einen Minimalkonsens. Die Feinde des Realismus als Abbildung sogenannter Wirklichkeit wenden den Blick nach innen. Das Außen betrachten sie als Spiegel des eignen Innenraums, gerne bei Naturbetrachtungen. Das Soziale und Politische dagegen wird als niedrig und befleckend erlebt, darum ausgeklammert soweit nur möglich.12. Oktober 2008Politiker: Parvenus ohne Klasse, ohne Eigenschaften, ohne Stil und Form, ohne Bildung oder Kultur, geistige Duodezler, Partikularisten, Hinterweltler, Gesinnungsschlucker, Vernunftversehrte, Parteiprofosse, Meinungstrompeter, Systemgelähmte oder Nachtjackenmacchiavellis, unfähig zur Repräsentation.Dabei wäre die Zeit gekommen, eine neue, kritische Politik zu entwerfen, die sich losmacht von alten Denkhemmungen, den Links-Rechts-Kategorien, ideologischer Regression. Ganze Herden heiliger Kühe endlich nach Indien treiben. Mehr Pragmatismus, rationale Konzepte, Sinn für das Machbare, das System Demokratie neu durchdenken, Gerechtigkeiten definieren, die nationale Komponente zuschneiden, den Zerfall der Gesellschaft. Warum sollte nicht funktionieren zum Beispiel: Nationalstaat plus europäischer Staatenbund plus Berufsarmee plus Gentechnik plus Selbstverantwortung plus Eliten plus Sozialstaat plus Geschwindigkeitsbegrenzung plus Rechtsstaat plus Atomenergie plus humaner Staat plus Abschaffung des Ladenschlußgesetzes und des Rauchverbots und so weiter? Raus aus den idelologischen Zwangsjacken! Wenn allerdings alles Illusion ist, dann ist auch das Prinzip der Vernunft Illusion. Aber Vernunft ist keine ideologische Dampframme, sondern nur ein Mittel, um den Tag zu überstehen. Wenn das Machbare das Vernünftige ist, bedeutet das, jede politische Aktion muß überprüft werden, erstens, ist sie kompatibel mit dem Rechtsstaat, zweitens, ist sie kompatibel mit dem Sozialstaat, ist sie kompatibel mit dem ökonomischen Staat, ist sie kompatibel mit dem Nationalstaat und so weiter. Vernunft zwingt Ideologie raus, zwingt Humanität rein. Vernunft sollte eine Art Gefühl sein, Gefühl für das Ganze. 14. August 2008Angst vorm Netz geht wieder um: Zeitungsschreiber fürchten um ihre Arbeitsplätze. In der Wochenzeitung DIE ZEIT mosert jetzt Herr Josef Joffe über die Huffington Post, die sich einen Dreck um journalistische Standards kümmert, frech die Möglichkeiten des Internets für sich nutzt, und dabei auch noch Kohle macht.Unverschämt so etwas. Und vor allem: wo führt das hin? Selbstverständlich in den Abgrund. Der Content (Inhalt nach alter Nomenklatur) sei nicht mehr überprüfbar, durchgeknallte Kommentatoren könnten schreiben, was sie wollten, ängstigt sich Herr Joffe, kurz, Anarchie im Nachrichtenwesen sei die notwendige Folge, das Ende der Printmedien und der Demokratie gleich mit. Früher habe der professionelle Zeitungsmacher das Interessante vom Blöden getrennt, erfahren wir, jetzt gebe es nur noch Meinung, Illusion und Täuschung. So weit so blöde. In der naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation hat es das ja ständig gegeben: Neues kam auf, Altes verschwand. Erst war die Postkutsche dran, jetzt die Zeitung, und immer gab es die Überforderten, die nicht mitkamen. Gerade des deutschen Bildungsbürgers liebstes Meinungsblatt, die Wochenzeitung DIE ZEIT, ist naturgemäß gefährdet, spielt doch die bloße Nachricht als maßgeblicher Content bei ihr die geringere Rolle. Wie zum Beweis seiner Ausführungen findet sich unmittelbar auf Seite eins neben Herrn Joffes Gemaule der Artikel eines Herrn Georg Blume, der hier als sinologischer Experte auftritt und nachweisen möchte, daß ein Vergleich der Olympiade in Peking 2008 mit jener in Berlin 1936 a priori nicht zulässig sei. Herr Blume kennt China und seine 1,3 Milliarden Bürgern ganz genau. Die Stimmung im Lande sei gut, frohlockt er, und das sei Ausdruck eines freien Bürgerbewußtseins. Der neue chinesische Patriotismus habe ein selbstbewußtes offenes Gesicht. Freude an westlicher Musik, eingespielt durch den Pianisten Lang Lang, markiere einen Bruch mit dem Haß der Kolonialepoche. Nichts davon sei inszeniert. Viele Chinesen nähmen der KP heute ab, daß sie sich um deren Probleme kümmere. Die Chinesen empfänden weltbürgerlicher denn je, hätten den Haß auf andere abgelegt, das würde den unzulässigen Vergleich mit Berlin 1936 widerlegen. Wie das? fragen wir uns da. Erstens würden wir gerne wissen, wieso ein Vergeich, der a priori unzulässig ist, noch extra widerlegt werden muß. Zweitens - und das ist viel wichtiger - sind all die bösen Nachrichten über China, mit denen uns die Qualitäts- und Hochleistungsmedien bisher gefüttert haben, offenbar völlig falsch gewesen. Ein bißchen Zensur, ein bißchen Unterdrückung winziger Minderheiten, polizeistaatliche Methoden hie und da, Verurteilung steinalter Frauen zu Arbeits- und Umerziehungslagern, und was es sonst noch so gibt: alles nur üble westliche Propaganda, lanciert vom Dalai Lama, diesem Schakal im Mönchsgewand? Gab es vielleicht gar keine Kulturrevolution, keine Millionen Tote und keinen Mao Tse Tung? Waren das alles nur böswillige Erfindungen einer unbelehrbaren, im Geist des kalten Krieges störrisch verharrenden antikommunistischen Presse der kapitalistischen Welt? Wir wissen es nicht, und wir können es auch gar nicht wissen, denn wir waren noch nie in China, wir sprechen kein chinesisch, und wir kennen keine Sinologen außer Herrn Georg Blume von der ZEIT, der den Chinesen aufs Maul geschaut hat. Ja, Herr Joffe hat recht, wir sind auf seriöse Periodika angewiesen, wenn wir uns als mündige Demokraten zuverlässig informieren wollen. Wenn also ein derart renommierter Fachmann wie Herr Georg Blume auf der ersten Seite der Wochenzeitung DIE ZEIT uns die Ergebnisse seiner neuesten landeskundlichen Erhebungen aus dem Reich der Mitte verkündet, müssen wir ihm einfach glauben; vor allem auch deshalb, weil Herr Georg Blume ja zum erlauchten Kreis jener professionellen Qualitätsjournalisten zählt, die allein autorisiert und fähig sind, das Interessante vom Blöden zu scheiden, um es dann dem gemeinen Mann als überprüften Content vorzuwerfen. Leider wissen wir nicht genau, mit welchem Teil des Trennungsvorgangs wir es hier zu tun haben, dem Interessanten oder dem Blöden? Wenn wir darüber bitte noch Aufklärung erführen, bitte. 27. Juli 2008Peter Schneider: Rebellion und Wahn25. Juli 2008Martin Walser ist seit langem der Lieblingssandsack einiger anscheinend gleichgeschalteter Presseorgane geworden, die sich als politische Tugendwächter der Nation aufspielen. Können ihm nicht verzeihen, daß er, der anfangs in einem eher linksgerichteten Pool mitschwamm, seinen eigenen Weg gegangen ist und Ende der Siebziger immer noch oder schon wieder gewagt hat, auf die deutsche Teilung als ein Problem hinzuweisen, das ihm schmerzlich zu schaffen machte (siehe dazu auch Stichworte zur geistigen Situation der Zeit, herausgegeben von Jürgen Habermas in der edition suhrkamp 1979). Einer seiner besten Romane (Die Verteidigung der Kindheit) wurde vor diesem Hintergrund brutal verrissen. Trotzdem hat er die Schnauze nicht halten können.Letzte Woche hat er wieder schwere Prügel einstecken müssen. Hatte erneut politisch-sittlich Unkorrektes von sich gegeben, diesmal zum Thema Geld. Soll angeblich Schmiergeldzahlungen à la Siemens einschließlich Steuerhinterziehung à la Zumwinkel gutgeheißen haben. Bodenlos so etwas, zumindest laut Spiegel online, ZEIT und SZ. Nur die NZZ will in dem betreffenden Interview derartiges nicht bemerkt haben. Sind die da vielleicht objektiver? Wahrscheinlich wissen sie in der Schweiz einfach noch nicht, daß Objektivität überhaupt kein adäquates Kriterium ist, wenn es um Denunziation des Klassenfeindes geht. 21. Juli 2008Es gibt kaum Dümmeres als Jubiläen. Aber die Medien lieben Jubiläen, auch wenn's nichts zu jubilieren gibt. Zum Beispiel 850 Jahre München. Eine Zahl ohne jeden Charme, ohne Ausstrahlung, ohne Bezug, Quersumme 13. Egal, man feiert, wegen der Null am Ende. Wie gut, daß es Nullen gibt.Besonders beliebt ist das Jahr 1968 und vor allem den Mai dieses Jahres mit seinen studentischen Umzügen. Alle zehn Jahre werden die Leichen von damals unterm Teppich vorgekehrt und wieder durchgefleddert. Von gesellschaftlicher Umwälzung, die damals begonnen habe, ist dann die Rede. Das ist zwar Schwachsinn, aber egal, Jubiläum muß sein. Noch krasser ist das Geächze von einer sexuellen Befreiung. Kein Mensch weiß, was das sein soll, sexuelle Befreiung. Befreiung wovon, wozu? Wenn da was war, dann war es die Einführung der Pille, so um 1965. Unser Dank gilt der Pharmaindustrie. Herr Cohn-Bendit sagte, vermutlich nicht nur in der SZ: Politisch haben wir verloren, kulturell haben wir gesiegt. Wir hätten gerne gewußt, wieviel Promille man intus haben muß, um so einen Satz von sich zu geben. Aber egal, jeder glaubt, was er will. Jegliches Gedenken an das Jahr 1968 bleibt unvollständig ohne Erinnerung an die gewaltsame Unterdrückung des Prager Frühlings. Am 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes unter moralischem und physischem Beistand der DDR in die Tschechoslowakei ein und beendeten die absurde Fata Morgana eines menschlichen Sozialismus. Dieses Ereignis wurde von der linken Szene des Westens ignoriert oder kleingeredet. Selbstbetrug war schon immer die formidabelste Begabung sogenannter Intellektueller. Zu feiern gibt's da leider nix. 4. Juli 2008In der SZ wird über ein Buch berichtet, in welchem ein Herr Ortheil (Autor) und ein Herr Siblewski (Lektor) über die Entstehung von Romanen etwas mitteilen. Was lernen wir daraus? Kurz gesagt: der Lektor bringt die Gehirnblähungen des Autors in marktgängige Form. Wer hätte das gedacht?17. Juni 2008Juli Zeh schreibt in der SZ etwas gegen Alice Schwarzer und den Feminismus. Wir finden das überflüssig, ebenso wie wir das Romanwerk von Frau Zeh überflüssig finden, aber das ist eine andere Geschichte. Wir wußten gar nicht, daß es einen Feminismus überhaupt noch gibt, anscheinend aber doch, und das ist irgendwie fast rührend. Andererseits macht es Frau Zeh sich vielleicht doch etwas zu einfach. Sie scheint zu glauben, daß sie (und ihre Generation) Alices Feminismus à la Emma überwunden hat, wenn sie nur oft genug das Wort Möse verwendet. Das ist nicht nur überflüssig sondern vor allem peinlich. Anstößig ist nicht das Wort als solches sondern jener inbrünstig dem Zeitgeist und dem Gängigen sich anbiedernde Sprachgebrauch der Frau Zeh, der ihre Texte regelmäßig entwertet. Zur geistigen Anspruchslosigkeit ihres schreiberischen Tuns paßt das natürlich prima. Also doch alles in Ordnung, oder?28. Mai 2008Kultur: Entsorgung eines Begriffes5. April 2008In der Wochenendausgabe der SZ belustigt sich Willi Winkler auf Kosten des Dalai Lama, den er zu einer Art Wellness-Apostel deklassiert. Schon immer tat sich Herr Winkler als Matador einer madigen Witzelsucht hervor, jenes abgestandenen Alltagszynismus, dekadenter Partynihilismus, der gern auf Herrenabenden gepflegt wird.21. März 2008Innerhalb der nivellierenden Unübersichtlichkeit der Lebenswelt kann die Eindimensionalität des Sports dem Dasein einen Fernsehabend lang Sinn schenken. Im Sport zählen ohne Einschränkung Sieg und Niederlage. Im Sport versteht jeder die Regeln, alles ist einfach. Sport ist heile Welt, darum ist er so beliebt, zumindest bei denen, die ihn nicht ausüben.In der Diskussion um einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking wird bis zum Abwinken das Argument strapaziert, er würde nichts bringen, hätte keine Wirkung. Unwillkürlich fragt man sich da, welche Wirkung ein Nichtboykott hätte. 1936 brachte der Nichtboykott dem Naziregime weltweite Anerkennung ein. Im Glanz jenes Festes der Völker sonnten sich die Vertreter der deutschen Schreckensherrschaft und sammelten Kraft für die geplanten Massenmorde und die Überfälle auf den Rest der Welt, die ihnen blauen Auges beflissen zujubelte. Der Nichtboykott der Spiele war ein starkes Zeichen, man kann es ohne Übertreibung so nennen. In der Politik sind Zeichen wichtig, oft als Ersatz für Wirklichkeit. Gerade die Repräsentanten der chinesischen Diktatur legten auf Zeichen von jeher den allergrößten Wert. Olympische Spiele in ihrem Land bedeuten Anerkennung ihres Systems, Duldung ihrer Verbrechen gegen die Menschenrechte, Duldung ihrer brutalen Unterdrückung des tibetischen Volkes. Für diese Demonstration scheuen sie keine Kosten. Ein Nichtboykott der Spiele in Peking ist daher notwendig ein starkes Zeichen. Ohne Zweifel wird es die Welt nicht verändern, aber es wird den chinesischen Machthabern sagen, daß sie richtig liegen, daß sie auch in Tibet weitermachen können wie bisher, und es würde sie wieder einmal erkennen lassen, daß die Politiker der westlichen Welt nicht bereit sind, die Grundsätze ihrer Politik ernsthaft zu verteidigen. Leider wissen wir, daß es so ist. Die Politiker der westlichen Welt sind schwach und feige. Sie lassen alles mit sich machen, wenn's ums Geschäft geht, und die Chinesen wissen das, darum verachten sie die westliche Welt und reizen deren Unfähigkeit zur Tat aus, soweit es nur irgend geht, und es geht, wie man in Tibet sieht, noch immer nicht zu weit. Die Spiele werden stattfinden, egal, was geschieht, das war immer so, siehe auch München 1972: the games must go on. HIERMIT RUFEN WIR ZUM BOYKOTT DER OLYMPISCHEN SPIELE IN PEKING AUF!12. März 2008Was will uns ein Politiker in leitender Position (Kurt Beck, SPD) mitteilen, wenn sein erklärtes Ziel es ist, nah an den Menschen zu sein. Möchte er sich bei uns zum Abendessen einladen, um uns aufs Maul zu schauen, will er sich wie einst Harun al Raschid unerkannt unters Volk mischen, um zu hören wie man von ihm denkt? Offenbar weiß er sich fern von den Menschen, und das bereitet ihm Unbehagen. Fühlt er sich seiner Rolle nicht gewachsen? Er steht in seiner Funktion weit über den Menschen, ja er ist aus dem Menschsein herausgetreten. Dank der ihm verliehenen Befugnisse hat er Züge eines Übermenschen angenommen. Gottähnlich ragt er über uns, wir aber erkennen in dieser Rede, in diesem nah an den Menschen nur die Arroganz des Mächtigen. Früher gab es den Bürger draußen im Lande, jetzt gibt es die Menschen. Wer so redet, der soll uns nicht zu nahe kommen. (siehe dazu auch Carl Schmitt: Wer Menschheit sagt, will betrügen.)14. Februar 2008Das kulturpessimistische Gemaule über das Internet will nicht enden. Der Brockhaus, jenes altehrwürdige Konversationslexikon des Bildungsbürgers soll nicht mehr in Buchform erscheinen, sondern in den Niederungen des Netzes, jedermann frei zugänglich sein, finanziert durch schnöde Werbung.Eigentlich prima, sollte man denken, aber nie war der Untergang des Abendlandes näher: Man könne nun sein Gehirn nicht mehr in den Zeitfalten des Wissens kuscheln, meckert in madiger Studienratsmanier jener erst kürzlich peinlich aufgefallene Herr Bernhard Graff in der Süddeutschen Zeitung assistiert von den Herren Kreye und Busse. Zeitfalten des Wissens? Das ist einerseits Journalistenpoesie vom verschmocktesten, andererseits eine Metapher von Arno Schmidt, aber vielleicht sollten wir Arno Schmidt endlich mal ins Glied zurücktreten lassen, jenen epigonalen Manieristen und Großwesir der Verquasung, jetzt Lieblingsreferenz für Zeitungsschreiber, die sich mit Geistesmenschen verwechseln. Zurück zum Brockhaus. Seien wir doch bitte einfach dankbar dafür, daß wir beim nächsten Umzug nun nicht mehr ein bis zwei Doppelzentner Lexika mitschleppen müssen. Wenn das Internet für irgend etwas gut ist, dann doch gerade für Nachschlagewerke, Enzyklopädien und Wörterbücher, und bitte gerne mit Verweisen aller Art, kurz für jene Art von Wissen, das mit Bildung noch nichts zu tun hat. Die oben erwähnten Herren sollten ihre sentimentalen Hirnfaltungen lieber glätten und das Angebot nehmen, wie es kommt. Wer die Unzuverlässigkeit von Wikipedia kennt, kann sich über das Brockhaus-Projekt nur freuen. Wer aus welchen Gründen auch immer unentschuldigt den alten Meyer von 1902 bis 1912 nicht besitzt, kann ihn jederzeit in Bibliotheken einsehen und sein Gehirn in die Falten des Wissens jener Zeit knäulen bis zur Paralyse. 25. Januar 2008Inzwischen haben sich Vertreter eines sogenannten Qualitätsjournalismus im Internet sauber blamiert. YouTube kann ja so unbarmherzig sein. Wir möchten die Sache lieber herunterfahren. Auf der einen Seite ein ZEIT-Schreiber (Jens Jessen), der aus Opfern Täter macht, auf der anderen Seite ein FAZ-Schreiber (Frank Schirrmacher), der vom Untergang des Abendlandes brodelt. Beiden gemeinsam ist der hohe Grad an Hysterie des Besserwissens und der Rechtgläubigkeit. Das ist also jetzt jener Qualitätsjournalismus, der sich Millionen debiler Blogschreiber so turmhoch überlegen fühlt? (Siehe hierzu unsere Anmerkungen vom 5. Januar.)6. Januar 2008Es gibt in der Menschheitsgeschichte einen ziemlich langen Katalog ungelöster Fragen, die von den Medien immer wieder dankbar aufgegriffen werden, wenn nur der geringste Anlaß sich bietet: Wer war Shakespeare? Was will uns der Diskos von Phaistos sagen? Wann trat Homo sapiens sapiens auf die Bühne?Die dünne Quellenlage eröffnet interessierten Laien, Dilettanten und rechthaberischen Querulanten ein weites Feld enthemmter Spekulation. Zur Zeit ist wieder Troja dran. Troja ist ein Dauerbrenner. Der Volksetymologe Raoul Schrott (mensa>tensa>tissa>Tisch) verlegt Troja jetzt nach Kilikien und ernennt Homer zu einem kastrierten Schreibtischtäter im Dienste assyrischer Verwaltungsbürokratie, falls es so etwas gegeben hat. Ist das nun besonders originell oder einfach nur dummes Zeug, um nicht zu sagen Prahlerei? Wir neigen naturgemäß zu letzterem, aber viel wichtiger ist die Feststellung, daß derart eitle Scharlatanerie überflüssig ist, und vor allem unproduktiv. Sie trägt nichts bei, und sie hat keine Folgen, niemand hat nach ihr verlangt. Sie dient nur dem einen Zweck: sich interessant zu machen. Man sollte sie also stillschweigend, allenfalls peinlich berührt übergehen. Leider blieb es nicht aus, daß Altertumsforscher verschiedener Meinungslager sich schäumend zu Worte meldeten und dem Verursacher jener Phantastereien damit unverdiente Ehre erwiesen, indem sie Herrn Schrott zum Hackethal der Alten Geschichte erhöhten. So gesehen sind sie nicht besser als jener und diskreditieren vor allem ihr Fach. 5. Januar 2008Das Thema Verbrechen und Strafe geht wieder um. Jugendliche Intensivtäter mit Migrationshintergrund prügeln unbescholtene Bürger in öffentlichen Verkehrsmitteln krankenhausreif. Man sollte dazu lieber die Klappe halten, aber eine kleine Anmerkung werdet ihr verschmerzen.Verbrechen und Strafe lautet der Titel einer Neuübersetzung jenes berühmten Romans von Dostojewski, der früher Schuld und Sühne hieß. Slawisten versichern, der neue Titel sei philologisch korrekter. Das wollen wir gerne glauben, obwohl wir finden, daß Schuld und Sühne viel besser klingt, nicht so sehr nach Handschellen, Justiz und Vollzug wie Verbrechen und Strafe. Vielleicht ist aber der neue Titel zeitgemäßer, denn in der gegenwärtigen Debatte über Gewalt in U- und S-Bahn oder sonstwo spielen Begriffe wie Schuld oder Sühne überhaupt keine Rolle. Sie spielen auch sonst im kriminellen Bereich keine sichtbare Rolle mehr. Vermutlich ist der Gedanke abhanden gekommen, daß es Schuld überhaupt gebe, Schuld als existentielle Verfassung im Sinne individueller Verantwortlichkeit. Schuld wird heute gern imaginären Instanzen zugeschoben, sei es der Gesellschaft, der Verwaltung oder dem Wetter, oder sagen wir, Instanzen, die man nicht belangen kann. Liegt hier Verdrängung vor? Verdrängung kann ja das Leben erleichtern, besonders dann, wenn anonyme bürokratische Apparate das Leben der Menschen in die Hand nehmen, wenn also Verantwortung so lange administrativ geschreddert wird, bis sie nicht mehr kenntlich ist. Die Moral der westlichen Gesellschaft ist unter anderem christliches Erbe, das säkularisiert wurde. Ihm verdanken wir Menschenrechte, Verfassungen, Grundgesetze. Die christliche Moral wird oft als Sklavenmoral diffamiert. Aber ist nicht das Angebot der Versöhnung, der Verzeihung, der Vergebung und der Erlösung in Wahrheit Herrenmoral? Nur Könige und Präsidenten heben Todesurteile auf, gewähren Amnestie, die Stimme des Volkes kennt keine Gnade. Sie kennt nur eins: Kreuzige ihn! Andererseits verliert der domestizierte Normalbürger ein Gefühl für das Ausmaß von Aggression, das zur Natur gehört. Aggressionsbeherrschung ist ein erwünschtes, ja notwendiges Erziehungsziel in zivilen Gesellschaften. Leider führen die entsprechenden Maßnahmen bei vielen nicht zum Ziel. Bei einigen ist das Aggressionspotential höher als beim Durchschnitt, warum auch immer, vielleicht als Folge angeborener oder erworbener zerebraler Läsion; andere, vermutlich eine Mehrheit, wachsen in zerrütteten Verhältnissen auf, in denen Gewaltakte zum Handlungsarsenal des Alltags gehören. Dazu gibt es reichlich Fachliteratur. Festzuhalten bleibt, daß der Wunsch nach Gewalt immer anwesend ist, auch wenn er gezügelt bleibt. Woher sonst der reflexartige Schrei nach verschärften Strafmaßnahmen, nach Wiedereinführung der Todesstrafe etc. auch bei minderschweren Fällen? Es ist der Wutschrei nach Rache aus der gequälten Seele des kleinen Mannes, der die Welt nicht mehr versteht und sich nicht zu helfen weiß. Er hat Angst, und die Phantasien, die diesen Schrei gebären, kennen keine Grenzen. 24. Dezember 2007Im Magazin der ZEIT stellen zu Weihnachten einige Mitarbeiter ihre Lieblingsbücher vor. Das ist eine eigenartige Sammlung. Man weiß nicht genau, was man davon halten soll. Steigert es wirklich den Wert eines Buches X, wenn der Redaktor Y es zu seinem Lieblingsbuch erklärt? Eine solche Erklärung oder Bekundung, die man besser Bekenntnis nennt, könnte den Wert eines Buches auch schmälern. Da berichtet ein Herr Georg Diez, dessen Namen man auch aus der FAZ und der SZ zu kennen glaubt, über seine Leseerfahrungen mit Der Fremde von Camus. Von vornherein bemüht sich Herr Diez zu versichern, daß eine Weltanschauung wie der Existenzialismus kitschig ein könnte. Kitschig kann aber zweifellos alles sein, wenn einer ein kitschanfälliges Gemüt hat. Nur der Postmodernismus kann nicht kitschig sein, weil er eigentlich nichts ist. Er vergibt lediglich Lizenzen zum Geschwätz. Wir vermuten, Herr Diez ist ein Postmodernist.8. Dezember 2007Wer sich ins Netz begibt, kommt darin um. In der Wochenendbeilage der Süddeutschen Zeitung beschwert sich ein Herr Bernd Graff über die Zustände im Internet, speziell wettert er gegen die Minderwertigkeit des sogenannten Web 2.0 und die digitale Demenz überhaupt. Wer würde dem nicht beipflichten? Leider benutzt Herr Graff seine berechtige Kritik auch dazu, vor dem Hintergrund solcher Erbärmlichkeiten die herkömmlichen Printmedien zum Qualitätsjournalismus zu adeln und sie zu Sprachrohren einer sogenannten Wissensgesellschaft zu befördern. Das kommt uns wie Lumpentrost vor. Wikipedia ist nichts weiter als ein besonders schlechtes Konversationslexikon, und wer sich ernsthaft zu Bildungszwecken daran orientiert, ist eigentlich nur selber schuld, und die hanebüchene Banalität sogenannter Webblogs muß man gar nicht wahrnehmen. Man muß ja auch die Bildzeitung nicht lesen.Offenbar fühlen sich Vertreter der Printmedien vom Internet bedroht. Das ist lächerlich. Zehn Millionen Bildleser, die auf ihr tägliches Quantum Vox populi nicht verzichten wollen, beweisen es. Ebenso beweisen es einige Hunderttausend Bildungsbürger mit ihren Sonntagsblättern. Was aber ist von jenem hochgelobten Qualitätsjournalismus zu halten, wenn einem beim Lesen der FAZ vor Langeweile die Füße abfaulen, und ein überregionales Organ wie die SZ noch nicht einmal in der Lage ist, ausländische Worte und Namen sogar aus dem Schengen-Raum orthographisch korrekt wiederzugeben? Journalismus, werter Herr, möchte man rufen, dient immer noch zuallererst der Information über das Tagesgeschehen, und da ist man schon dankbar für Meldungen, die wenigstens halbwahr sind; alles, was darüber hinausgehen möchte, ist im Rahmen eines Periodikums Populismus und hat bestenfalls kurzfristigen Unterhaltungswert. Ansonsten ist gerade Journalismus, der sich so gerne am fauligen Pathos des Begriffes Wissensgesellschaft weidet, ja sich für dessen Flüstertüte hält, schon immer die Brut- und Pflanzstätte profunden Halbwissens gewesen, kann auch nichts anderes sein, daran ändern sogenannte Wissenschaftsseiten in den führenden Blättern nicht das geringste, im Gegenteil, denkt man oft, wenn man Beiträge über Wissensgebiete liest, in denen man über eine gewisse Kompetenz zu verfügen glaubt. Jene Initiationsrituale, denen Aspiranten auf den Beruf des öffentlichen Zeitungsschreibers sich unterziehen müssen, haben noch nie vor Torheit geschützt. Das verbal aufgeheizte Gedröhn für einen sogenannten Qualitätsjournalismus (Schirrmacher et al.) können wir daher überhaupt nicht ernstnehmen, wir kennen die Presseszene lange genug. Man muß auch die Internetapostel nicht ernstnehmen. Manche predigten da gar von einer Immanentisierung des Eschaton, als würde die totale Vernetzung der Welt die letzten Dinge virtuell auf die Erde zurückholen. Derart apokalyptische Visionen sind nicht mehr als parareligiöse Wahnvorstellungen. Das Internet wird, sofern es nicht für Kommerz und Pornographie genutzt wird, völlig überschätzt, besonders von denen, die sich von ihm bedroht fühlen. Vor allem aber ist es schon längst nicht mehr jener Freiraum einer fröhlichen Anarchie wie vielleicht noch in den 90-er Jahren. Längst ist es unmöglich geworden, die Fülle des Angebotes im Netz auch nur fragmentarisch wahrzunehmen. Wenn es wirklich eine Wissensgesellschaft gibt, dann ist dies eine Welt der krassen Ungleichheit, und sie befindet sich außerhalb des Netzes. Wissen besitzen nur wenige, und Wissen ist elitär. Der Besitz von Wissen, gar Bildung ist um vieles elitärer als der Besitz von Geld. Wir sehen das jetzt aufs schrillste bei russischen und chinesischen Neomillionären, die einst Latrinen schrubbten oder Popcorn verkauften und jetzt hilflos nach Sinn stochern. Dagegen kann das Netz durch die pure Masse seiner Teilnehmer nicht konkurrieren. Das Wissen bedarf weder des Netzes in seiner gegenwärtigen Form noch des Journalismus. Die Frage ist: Warum geht einer ins Netz? Soviel Exhibitionismus war nie. Welche Bedeutung kann haben, was Milliarden Menschen unentwegt denken? Aber das ist die falsche Frage. Es geht nicht mehr um Inhalte und deren mögliche Bedeutung. Es geht um den Akt der Entblößung selbst in einer vermeintlichen Öffentlichkeit. Wie öffentlich ist die Öffentlichkeit des Netzes wirklich? Wer nimmt was wahr? Wie viele nehmen wieviel wahr? Darüber wissen wir so gut wie nichts. Vermutlich nehmen immer mehr immer weniger wahr, und das wenige bleibt selektiv und zufällig. Aber die Entblößung hat Folgen, die jetzt sichtbar werden. Die freiwillige Selbstdarstellung liefert den Organen des Überwachungsstaates ungeahnte Mengen Material. Nie war es so leicht, Menschen aufzuspüren, intimer Informationen über sie habhaft zu werden, nie war die Privatsphäre stärker bedroht. Angesichts der Überwachungsmöglichkeiten im Cyberspace ist der Wunsch nach privater Sphäre ein romantisches Relikt, kindische, ja blinde Nostalgie. Da liegt die eigentliche Gefahr. Nie war es einfacher und effizienter, Menschen zu überwachen, und zwar in einer Totalität, von der die Hitlers und Stalins noch nicht einmal träumen konnten. Im Netz gibt es keine Anonymität. Man sollte sich also ernsthaft überlegen, ob man nicht besser aus dem Netz ausscheiden sollte. Exhibitionismus ist das Hauptmotiv jener, die sich freiwillig im Netz durchschaubar machen. Im Netz anwesend zu sein, bedeutet, irgendwie vorhanden zu sein, auch wenn dieses Vorhandensein nur ein virtuelles ist. Virtuelles Vorhandensein gibt Träumen ein neues Gewicht, eine Scheinwirklichkeit, die Träume in der Wirklichkeit nie erreichen. Träume erfahren im Netz eine neue, der Wirklichkeit verwandte Dignität. Aber es gibt andere, interessantere Motive. Eins davon ist das Unbehagen an der Meinungshegemonie der klassischen Printmedien, die Herr Graff indirekt meint, wenn er von den strengen Zulassungsbeschränkungen zum hohen Amt des Zeitungsschreibers spricht. Dazu antworten wir folgendes: Es gibt, sehr geehrter, lieber Herr Graff, es gibt eine Welt außerhalb des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, in der nicht nur Dilettanten, Ignoranten, Denunzianten und Querulanten ihr Wesen treiben. In dieser Welt außerhalb des Feuilletons wird mehr und kritischer gedacht als innerhalb eines solchen Feuilletons, das notwendig um sich selber kreist und geistige Inzucht betreibt im Rahmen des institutionell Geeichten. Jene kritische Welt außerhalb des Feuilletons verfügte bis vor kurzem über kein Medium, um sich angemessen artikulieren zu können. Ein solches Medium hätte das Internet gewesen sein können, könnte es vielleicht wieder werden, wenn es nicht so sehr und so ausschließlich auf Masse setzte. Unter dem Stichwort Web 2.0 wurde eine unübersichtliche Massenhaftigkeit geschaffen, in der Einzelne untergehen müssen. Aber Web 2.0 ist vielleicht noch nicht das letzte Wort. Immerhin gab es im Netz nicht wenige Projekte gerade in Sachen Kritik, Kunst und Kultur (wir rechnen uns selber dazu), aber die meisten davon sind eingegangen, zuletzt das Berliner Zimmer. Der Perlentaucher, eine der frühesten Websites dieser Art, ist zwar noch da, aber er wird von mindestens einem angesehenen Printmedium, wie man liest, schwer bombardiert, ja in seiner Existenz wirtschaftlich bedroht. Vordergründig geht es dabei um wettbewerbsrechtliche Fragen, in Wahrheit aber, man kann das spüren, ist Mißgunst im Hintergrund, und eine diffuse Angst vor der vermeintlichen Bedrohung durch das Netz. 15. November 2007NEUES & MAKABRES, Malerei und Kupferstiche 2007 von Manuel Götz in der KUNSTWIPPE (Wippenhauserstraße 20, 85354 Freising) am 17./18. und 24./25. November von 14:00 bis 20:00 Uhr. VERNISSAGE Sonntag, 18. November 19:00 Uhr.13. November 2007MERKUR: ZEITSCHRIFT FÜR EUROPÄISCHE DEKADENZ?12. November 2007Daß Helmut Krausser jetzt Poetikunterweisungen an der Münchner Universität von sich gibt, haben wir am Rande wahrgenommen. Warum nicht Fritz Meier oder Klaus Schulze oder Hans Müller? Es gibt so viele, die nicht schreiben können. Es ist ja auch jetzt das Wetter viel schlechter geworden. Allerdings verstehen wir nun, warum die Geistesfächer der Münchner Universität bei den Exzellenz-Wettbewerben leer ausgegangen sind. So wird es wohl bleiben.10. November 2007Gerne hätten wir den Roman Westend von Martin Mosebach einem Verriß unterzogen, darauf verzichten wir nun ausdrücklich, und zwar aus politischen Gründen. Politische Gründe, wie das? Sie haben recht gelesen, politisch. So wenig wir den erwähnten Roman zu schätzen wußten, so sehr würden wir Mosebach in anderen Fragen unterstützen, hat der Mann doch blutig recht, wenn er die erschreckenden Formdefizite in der Lebenswelt unserer permissiven Spaß- und Duzdemokratie geißelt. Da wird nun eine Kampagne gegen den Herren angezettelt, wie man hört, offenbar angeführt von Sigrid Löffler. Zum konservativen Reaktionär wird Mosebach abgekanzelt und Schlimmerem. Nun gehört gerade Frau Löffler zu jenem Umfeld eines linken Spießertums, das sich seit 68 in den Schlüsselpositionen meinungsbildnerischer Medien so unangenehm bräsig eingenistet hat. Politische Korrektheit verbandelt mit aggressiven Formen des Feminismus ist in den Kreisen dieser Leute das, was anderswo corporate identity heißt. Von solchen angegriffen zu werden, hat Mosebach nicht verdient.Gerhard Schröder, so wird berichtet, habe in China öffentlich den Besuch des Dalai Lama bei der deutschen Kanzlerin bedauert, sie habe damit chinesische Gefühle verletzt, darüber sei er nun unglücklich. Man faßt es nicht. War da nicht mal was mit Tibet? Egal. China ist derzeit die gefragteste Handelsmacht, wen kümmern da Menschenrechte und andere kleinliche Bedenken? Die chinesischen Medien waren über den unverlangten Kotau hellauf begeistert. Bei einer Diskussion über Mißstände in deutschen Altersheimen war die Rede von einer Kultur des Wegsehens. Der groteske Mißbrauch des Begriffs Kultur gehört zwar seit langem zum Arsenal der Sprachverhunzung durch die öffentliche Rede, aber eine Kultur des Wegsehens hat es bisher noch nicht gegeben. Wer so spricht, hat jede Menge Leichen unterm Teppich. Hinter angeblich humanitären Motiven verbirgt sich Selbstbeweihräucherung und eine besonders abstoßende Art von Eitelkeit, die sich am Elend anderer parasitär mästet. Dies ist die Sprache der Funktionäre, der Vorstandsvorsitzenden, der Betriebsratspräsidenten und anderer Exponenten sozialer Gleichgültigkeit. Dank und Anerkennung möchten wir in besonderem Maß Frau Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung) zollen. Ihre Besprechung einer kürzlich neuinszenierten Schauspiel-Exekution in den Münchner Kammerspielen erspart uns einen teuren Theaterabend. Mit ihrem unvergleichlich gellenden, ja kreischenden Lobgehudel hat uns Frau Dössel plastisch vor Augen geführt, wie es Regisseur Stefan Pucher gelungen ist, diesmal Shakespeares Sturm in volksnahes Kasperletheater zu deformieren. Das Kammerspielpublikum war wie üblich aufs beflissenste begeistert. Wir dagegen können wir uns mit dem gesparten Eintrittsgeld in Ruhe einen ansaufen. Hier noch ein Verzweiflungsruf: Gibt es in der unermeßlichen Weite des Universums nicht wenigstens noch einen, der außer uns Astrid Lindgren, die nun schon wieder 100 Jahre alt wird, auch für eine vertrocknete schwedische Langweilerein hält, und ihr überflüssiges Produkt Pippi Langstrumpf für ein widerliches nervtötendes, unerträgliches Gör, das dringend in eine geschlossene Anstalt für schwersterziehbare Kinder gehört? SOS, bitte melden! 4. November 2007All diese Debatten um das Ästhetische. Zum Beispiel die Frage: paßt meine Krawatte zum Präservativ, oder ist sie das Präservativ, gestatten, Kondom, jeder Zwölfjährige bedeckt heute seine ersten Erhebungen mit einem Kondom, oder: passen meine Gedanken zur Großwetterlage, ist meine psychische Verfassung kompatibel, und wenn ja, womit, ja womit denn, z.B. mit der Textsituation des Angebotes, ich meine, ist meine Anfälligkeit für Subtexte seit der letzten Trennung von einer meiner Lebensabschnittsgefährtinnen stärker geworden oder was? Geführt werden solche Debatten von jenen, die sich im Fach Kulturwissenschaft breitgemacht haben. Schon der Begriff eine Knochensäge, aber alles liebe, nette Menschen, denen die Welt über den Kopf wächst. Sagen wir, falls es eine Moderne gibt, eine solche, die Erzeugerin einer Postmoderne wäre (man sollte wirklich mit allen Kräften daran zweifeln) aber denken wir mal, es gäbe eine, so wäre das ohne jeden Zweifel jene Epoche, in der Naturwissenschaft zur Blüte kam und das Geistesmenschentum sehr alt aussehen ließ.Komisch, als Kind las ich immer módern, wenn mir das Wort modern unterkam. War wohl klüger damals. Gut, also die Naturwissenschaften, und mit ihnen und durch sie die Industrie, die industrielle Zivilisation, die uns das Leben so unerträglich gemütlich gemacht hat, indem sie alles zerstört, was dem Geistesmenschen teuer war. Ihr Wälder alle! Dann gab es die Renegaten, die sich das Industrielle ästhetisch einverleiben wollten, die von der Sinnlichkeit der Maschine, des Automobils und der Pleuelstange schwärmten, und beim nächsten Asthmaanfall in der antizipierten Todesnähe plötzlich wieder der Kreatürlichkeit ihres Daseins gewahr wurden. Solche Leute gibt es nicht mehr, die sich in der Künstlichkeit der Welt noch wie Kinder im Wald verlaufen konnten. Man ruft sich heute zum Frühstück die diastolischen Blutdruckwerte zu wie Lottozahlen, man weiß, was die Glocke geschlagen hat. Ich möchte nur sagen, man soll nicht vergessen, daß diese heutige Welt, durch die unsere Gedanken kreisen, sei es zugvogelartig, oder ozonlochbildend, von Menschen gemacht wurde und wird, die im Reich der Naturwissenschaft ihr Weltbild gründen. Die Leute von der ästhetischen Front hinken gut und gerne seit zweihundert Jahren den Tatsachen hinterher, wälzen sich in gemachten Betten und heben das Bein an den Pfosten der Wirklichkeit: Sekundärexistenzen. Ich sagte es schon, man lebt eben nicht in einer Welt. Man ist ebenso Agrarökonom wie Arabist, man ist Kunstmensch und Urologe und Rezensent und Tangoexperte, man muß das, sonst fällt man auf sich selbst zurück, und das wäre nicht auszuhalten. 30. Oktober 2007In der letzten Nummer des SPIEGEL wurden sechzehn falsche 68er aus Bremen exhumiert. Seinerzeit hatten sie einmal als Schüler am Gymnasien nachgehampelt, was ihnen die Studenten an den Universitäten des Landes vorgeturnt hatten. Erwartungsgemäß reihte sich die Mehrheit danach schell aufs stinknormalste ins graue Heer des bürgerlichen Mittelstandes ein.Von Spiegelredaktor Cordt Schnibben nun reanimiert haben sie ein Wochenende lang in Worpswede, der Nostalgie voll, jene peinliche Vergangenheit einschließlich der universalen Gesamtsituation gesinnungsmäßig abgehechelt. Die unfaßbar stammtischartige Bewußtlosigkeit für gesellschaftliche und geschichtliche Wirklichkeiten, die dabei zu Tage trat, war denn doch überraschend. Man hat ja nichts gegen Leute, die mal etwas ausführlicher über ihr Leben labern, wenn's nicht zu oft vorkommt, und ausreichend Bier ausgeschenkt wird, aber was dort abging, ist nur mit einem unheilbaren Spätstadium maligner Egomanie zu erklären. Da schwiemeln immer noch hehrste Ansprüche auf Veränderung der Gesellschaft, ja der Menschheit durch die Köpfe, für deren Nichterfüllung man sich großmannssüchtig verantwortlich hält. Bei Bedarf wird eine Fuhre Marxismusgerassel eingebracht, andererseits sorgt man sich um die Frage, wie und warum man ordnungsgemäß mit Messer und Gabel ißt. Das alles in diesem dösigen Ich-sach-mal-Jargon und einer exorbitanten Hilflosigkeit, auch nur einen einzigen phrasenfreien Satz abzudrücken. Wir waren stockbetroffen. Vertraut man narzißmustheoretischen Analysen, so könnte es sich bei einigen dieser Personen um sogenannte Berufsjugendliche handeln, die nach enttäuschtem Weltverbesserungswahn eine traumatische Kränkung des vermeintlich omnipotenten Ichs erlebten. In der Folge weigerten sie sich, den Status eines Erwachsenen anzunehmen, und perseverieren heute auf dem seelischen Entwicklungsstand Siebzehnjähriger. Mit welchen Drogen sie ihre Störung behandeln, wurde nicht mitgeteilt. Am Ende ergab sich, daß mit dem Vorabdruck über jenes Worpsweder Treffen vor allem ein Buch lanciert werden sollte, das sage und schreibe 384 Seiten hat. Wieviel Selbsthaß benötigt man, um sich diesen Text anzutun? Selbstverständlich erscheint das Buch im Dumont Verlag, der inzwischen alles abdruckt, was irgendwie nach Pubertät mieft, und sei es Alterspubertät. 21. Oktober 2007Gefahr und Begierde, der neue Film von Ang Lee, ist unter anderem deshalb so außergewöhnlich, weil die von manchen Kritikern inkriminierten sogenannten Sexszenen weder peinlich sind, nach Art von Jeremy-Irons-Bodenturnübungen, noch ästhetisch beleidigend wie sonst fast alles, was auf diesem Sektor heute feilgeboten wird. Der Begriff Sexszene ist daher vollkommen unpassend. In Wahrheit wird hier mit bestürzender Eindringlichkeit jenes Amalgam von Lust und Schmerz inszeniert, ohne das Liebe gar nicht zu haben ist. Dabei überwiegt Schmerz. Ang Lee zeigt uns noch einmal das alte Oxymoron des klassischen Dulcemalums, das notwendige Essenz erotischer Kunst seit Anbeginn ist.18. Oktober 2007Der Artikel von Bernd W. Seiler in der Süddeutschen rückt endlich die Verhältnisse in Sachen Biller zurecht, indem er das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes sachkundig aus der literaturgeschichtlichen Sicht debattiert. Dafür sind wir dankbar, man muß sich jetzt etwas weniger ärgern, und das bedeutet auch eine gewisse Rehabilitation der Geisteswissenschaften. Zumindest wenn sie sich auf den historischen Teil ihrer Tätigkeit besinnen, sind sie unverzichtbar. Ruiniert und diskreditiert werden sie durch hypertrophes Kunstgewäsch nach Art eines Ijoma Mangold, also von Leuten, die immer etwas Höheres zubuttern wollen, das sie selber nicht benennen können, und im allgemeinen nur durch Diffamierung Andersdenkender erreichen. Die besondere Fähigkeit eines fühlenden Denkens oder denkenden Fühlens, das in den Geisteswissenschaften gefragt wäre, beherrscht kaum einer.Sehr dankenswert auch der Artikel von Andreas Zielcke. Müssen wir die Süddeutsche nun doch wieder abonnieren? Sogar Jens Jenssen in der ZEIT schließt sich an. Wir sind also diesmal nicht ganz alleine mit unserem Groll. Danke, die Herren. 17. Oktober 2007In der Neuen Zürcher Zeitung bespricht Niko Bleutge den preisgekrönten Roman Die Mittagsfrau von Julia Franck. Insbesondere rügt er die gezierte Sprache. Er spricht von einem historisierenden Stil, der sich angeblich der Redeweise der zwanziger Jahre anzunähern suche. Herrn Bleutges Monitum schließen wir uns gerne an, mit einer kleinen Einschränkung. Der Rezensent scheint zu glauben, daß die Autorin jenen gekünstelten Stil speziell für diesen Roman entwickelt habe. Das ist falsch. Julia Franck schreibt immer so (siehe dazu auch Lit-eX 6).16. Oktober 2007Ein neuer Intendant für die Münchner Kammerspiele wurde gekürt: laut Münchner Merkur hat Herr Johan Simson die Absicht bekundet, unter anderem auch Menschen aus der Peripherie an seine Bühne heranzuführen, die sonst von alleine nicht den Weg ins Theater finden würden. Wie dürfen wir das bitte verstehen? Wird in Zukunft Theater auch für Blinde gemacht, oder werden hier Zwangstheaterbesuche für bildungsunwillige Unterschichtler angedroht?Die Lage am Arbeitsmarkt entspannt sich. Deutschlands Stadtgartenämter bieten jetzt jede Menge Blow-jobs an. Der Herbst ist da, die Blätter, sie fallen, der Dreck muß weggeblasen werden. Männer bis an die Zähne motorisiert mit Blasebälgen und rüsselstarken Püsterichen treiben das Laub von hier nach da. 15. Oktober 2007Auch Ijoma Mangold trägt zum Urteil des Verfassungsgerichts im Fall Biller gegen Geist nichts Substantielles bei. Wie er es allerdings geschafft hat, auf dem engen Raum einer einzigen Kolumne der Süddeutschen Zeitung eine derartige Menge Stuß unterzubringen, fordert unsere Anerkennung heraus.Wir zitieren der Einfachheit halber den vorletzten, umständlich verdrucksten Satz seiner Einlassung, das reicht. Herr Mangold schreibt: Wenn die Moderne angetreten ist, die Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit kollabieren zu lassen, und wenn sie ihren subversiven Stolz darein gesetzt hat, dass die Hervorbringungen des Kunstsystems durch keine Ordnung des Diskurses erfassbar sein sollen, dann konnte es dem Verfassungsgericht gar nicht gelingen, eine juristische Norm zu entwickeln, wie man der Kunst gerecht werden könnte. Das klingt ja irgendwie voll hochgeistig, aber schauen wir doch einmal genauer hin: Die Moderne ist also irgendwann und irgendwo angetreten, etwa wie ein Rekrut, der sich zum Dienst meldet? Und da hatte also diese zum Dienste angetretene Moderne den erklärten Willen, die Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit kollabieren zu lassen, vielleicht nach Art eines Schlachtplans mit Bombardement und Attacke? Aber die Moderne ist nicht nur angetreten, sie besitzt auch einen subversiven Stolz. Da wissen wir nun überhaupt nicht, was gemeint sein könnte. Kann Stolz subversiv sein, gibt es einen Stolz der Subversion, oder hätte es nicht genügt, einfach von subversiver Absicht zu sprechen, was ja fragwürdig genug wäre? Dann wird gesagt, die Hervorbringungen (sperrig altertümelndes Wort) des Kunstsystems sollen durch keine Ordnung des Diskurses erfaßbar sein. Das ist offenkundig ein satter Widerspruch, einfacher gesagt: Kappes. Wenn die Kunst ein System wäre, das etwas hervorbringt (was sie selbstverständlich nicht ist), dann hätte sie auch eine diskursiv erfaßbare Ordnung, sonst könnte man nicht von einem System sprechen. Wenn also schon die Kondition dieses verkorksten Satzes nicht stimmt, können wir die Konklusion gleich vergessen, die ohnehin falsch ist, denn das Gericht hat ja eine Art juristische Norm entwickelt, aber nicht etwa um der Kunst insgesamt gerecht zu werden, sondern lediglich um in der gegebenen Wertekollision (Kunstfreiheit versus Persönlichkeitsrecht) eine Entscheidungshilfe zu bieten. Natürlich gibt es, nebenbei bemerkt, Bestimmungen des Fiktiven oder Fiktionalen, wahrscheinlich viel zu viele, aber ein paar sind sinnvoll; und daß solche Bestimmungen gesellschaftlichen Konventionen oder Abmachungen folgen, ist eine deutlich unterkomplexe Binsenweisheit, um mit Herrn Mangolds Worten zu reden. Eine zum Kollaps führende Kollision zwischen Fiktion und Wirklichkeit mag da und dort ein Ziel künstlerischen Bemühens in der sogenannten Moderne gewesen sein, aber immer nur als eine Tendenz unter sehr vielen anderen Tendenzen, und sie hat nicht selten eher zum Kollaps des betreffenden Werks geführt hat und zum modernistischen Klischee seiner selbst. Gerade der erwähnte Marcel Duchamp muß wieder und wieder strammstehen, wenn von Moderne die Rede ist. Das nervt. Wahrscheinlich würde er sich dafür bedanken und zur Ölmalerei zurückkehren. Für den wirklich großen Künstler sind solche Fragen tertiärer Natur. Den großen Künstler bewegt sein Material, sein Handwerk. Nur schlechte Künstler benötigen Metatheorien. Das, was Moderne zu nennen, wir uns angewöhnt haben, ist in Wahrheit ein hochkomplexes Universum extrem differenter Strömungen, das mit einigen unterkomplexen Bemerkungen gar nicht erfaßt werden kann. Aber bleiben wir einen Moment doch bitte auf dem Teppich. Wer ist denn überhaupt Maxim Biller? Ein prahlender Wichtigtuer, ein ausgefuchster Angeber und feuilletonistischer Beutelschneider, als Schriftsteller Mittelmaß? All das und nicht mehr. Über jene modernistischen Impulse, Attitüden oder Intentionen, die ihm jetzt Herr Mangold und andere in die Schuhe schieben wollen, würde er selber mit gewohnter Süffisanz ätzenden Hohn ausgießen, das kann er nämlich noch am besten. Seine erzählerischen Arbeiten dagegen, die er bisher abgeliefert hat, sind im Hinblick auf Modernität konventionell. Den Roman Esra hat er leider vergeigt, weil er auf tölpelhafte, ja lächerliche Art und Weise eine Grenze überschritten hat, die ihm nun aufgezeigt wurde. Das ist Künstlerpech, mehr nicht. Die Kunstfreiheit ist dadurch nicht bedroht. Kunst war noch nie so frei wie heute. Für den Dumont Verlag ist das absurde Unternehmen wohl nicht mehr als ein Werbegag, andernfalls wäre das aufgeblähte Engagement im Fall Biller unverständlich. Mit Literatur hat das alles nichts zu tun. Merkwürdig, wie in letzter Zeit dieses an sich dämliche Wörtchen unterkomplex zu einem Werkzeug intellektueller Schmähung sich gemausert hat, meint man damit doch einfach unterbelichtet. 14. Oktober 2007Offenbar verfügt Heribert Prantl in seiner Eigenschaft als juristischer Robin Hood im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung über eine Flatrate zum Geifern. Diesmal schäumt er für die Kunstfreiheit, die durch das Verbot des Maxim Billerschen Romans Esra jetzt angeblich bedroht sei. Sogar von Zensur wird gehechelt. Die Kollision der Kunstfreiheit mit dem Persönlichkeitsrecht, das ihm sonst, durchaus zurecht, das allerwichtigste war, schert Prantl auf einmal wenig, ja er setzt Persönlichkeitsrecht plötzlich in Anführungszeichen, als ob es gar nicht existierte. Da sind wir doch mehr als verblüfft.Wie üblich läßt die Süddeutsche Zeitung dazu die unvermeidliche Schar vermeintlicher Experten auftreten: Den einzig ernstzunehmenden Satz in diesem Zusammenhang hat Bodo Kirchhoff von sich gegeben: Man schreibt nicht ungestraft, wenn man ernsthaft schreibt. Mit anderen Worten: Kunstfreiheit ist nicht grenzenlos, und sie ist riskant. Wenn man die täglichen Hekatomben unsäglichen Schunds betrachtet, dem Kunstfreiheit widerspruchslos gewährt wird, kann man sich der Kirchhoffschen Äußerung getrost, ja freudig anschließen. Das Persönlichkeitsrecht ist heute viel stärker bedroht als die Kunstfreiheit, und im übrigen ungleich mehr durch Medien als durch Kunst, Herr Dr. Prantl. Juli Zeh, angeblich selber Juristin, faselt erschütternd Unbedarftes. Desgleichen Herr Mosebach. Herr Oswald (auch er Jurist?) hat nicht richtig begriffen, worum es geht, während Thomas Glavinic und Friedrich Ani völlig schimmerlos sind. Was diese Herren zum Thema beigetragen haben, entspricht voll und ganz der Qualität ihrer Werke. Wenigstens das paßt. 12. Oktober 2007Literaturnobelpreis: Doris Lessing. Wie das? Die hatte ich doch längst vergessen, und ich habe überhaupt nichts vermißt. Hatte in den Siebzigern mal eine Freundin, die bestand auf gemeinsamer Doris-Lessing-Lektüre. Rasch kam es zum Zerwürfnis. Konnte die folternde Langeweile dieser Texte keine drei Seiten lang ertragen, war mir dabei doch, als würde ich mit einem Gehirnhauthobel barbiert.8. Oktober 2007Wieder Buchmesse. In den Literaturbeilagen Offenbarungen einer nahezu tobsüchtigen Unfähigkeit, erschütternder, ja tief schmerzender Langeweile. Kaum ein Kritiker weiß, wie, was, warum: Stelzengänger des allezeit Gängigen, blinde Routiniers, Bildungsposaunisten. Sehr genaue Beobachtung, Vermeidung aller Stereotype, aller Schablonen und Etiketten, aller vorgefertigten Muster, also die Bewahrung des eigenen Blicks wäre notwendige und hinreichende Bedingung für die Tätigkeit des Kritikers. Literarisches Wissen, Bildung, Kenntnisse kultureller Zusammenhänge und ähnlicher Odel behindern. Auf sie zu verzichten, das wäre die eigentliche Leistung. Man kann sie ja haben, bitte; aber bitte nicht damit herumwedeln. Stellen Sie sich dumm, Damen und Herren.Aber was ist schon das Eigene, wer hat das überhaupt? Kritiker sind abgestumpft wie Betonwände. Sie vertrauen der eigenen Beobachtung nicht, verlassen sich auf angefressene Gelehrsamkeit, marschieren marktkonform im Meinungsgleichschritt. Sie sind Opfer ihrer eigenen gesellschaftlichen Zugehörigkeit (hat nix mit Klasse zu tun) und ihrer seelischen Vertrocknung. Üben einen Beruf aus, den sie nicht lieben. Das fühlt man ganz dick in diesen Texten. Wer liebt schon seinen Beruf? Man kann ja auch die meisten Tätigkeiten, die das Leben bietet, gar nicht lieben. Lebenslängliches Straßenbepflastern gehört ebenso dazu wie lebenslängliches Rezensionenschreiben. Es ist, als sähe einem da das Leben immer nur zu. 1. Oktober 2007Zitat von Bertrand Russell: Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle unrecht haben. Aufgefunden in der Zeitschrift gyne, Periodikum für Frauenärzte. Danke, gyne!Merkwürdig: da ging es um die Frage der Hormonersatztherapie im Klimakterium. Kein Wort von Literatur oder Kunst. Also auch in der Wissenschaft nur Meinungsgezänk. Ausgesprochen nützliches Zitat, allerdings Gefahr von Mißbrauch. 23. September 2007In dem Film Der Körper meines Feindes von Henri Verneuil gibt es am Anfang eine kleine, aber bezeichnende, ja programmatische Szene: Jean-Paul Belmondo kehrt nach siebenjähriger Haft in seine Heimatstadt zurück. Auf Bahnhof steckt er sich eine Gauloise ohne Filter in den Mund, will sie anzünden. Dann aber, ohne erkennbares Motiv, zündet er die Zigarette nicht an, sondern wirft sie in einen Abfalleimer, in den er zuvor schon die Schachtel geworfen hatte. Kurz darauf kauft er sich an einem Kiosk eine Packung Marlboro mit Filter.Genau davon erzählt der Film, also vom Ende der französischen Kultur und des französischen Films. Das ist ergreifend, lächerlich, trivial. Ein wenig hilflos versucht Vernueil noch À boût de souffle zu zitieren. Aber nichts stimmt mehr. Frankreich wurde eine Provinz der EU: Internationale der Banlieus, Globalisierung, Fußball. 16. August 2007Unangemessenheit des Stils, das ist eigentlich Manierismus, und das ist das, was einer wie Botho Strauss bis zum Erbrechen betreibt. Immer wieder das Triviale des Alltags, Beziehungsbanalitäten und Verwandtes, im hohen, ja höchsten Ton, im Ton der Tragödie, nahezu biblisch, prophetoid. Was er dabei gedacht haben könnte, ist nebensächlich, es geht um das Mittel. Nun ist dieses Mittel der Unangemessenheit nicht neu, Manierismus war immer. Was passiert? Gegenstand und Form zerfallen. Die Form oder der Stil bemächtigen sich des Gegenstandes nicht mehr. Entweder wird die Lächerlichkeit des Stils demaskiert, oder die Banalität des Gegenstandes ins Unerträgliche gesteigert. Stilmittel der Komödie. Im Zusammenhang einer definierten Handlung in Maßen erträglich, sonst rasch Zumutung, vor allem dann, wenn man's begriffen hat. Zuerst steht man ratlos da, ist abgeschreckt, und das beste, was vielleicht passieren könnte, wäre, diesen Schmerz des Unangemessenen zu erleben, den man immer spürt, wenn man wieder einmal erkennt, daß die Welt nicht mehr stimmt.Aber dieser universalkritische Gedanke, daß die Welt nicht mehr stimmt, ist inzwischen so geläufig, daß er von jedem Schulkind beim Anblick einer Ölpfütze gedacht werden kann. Das ist lästig. Und was soll das schon heißen: die Welt stimmt nicht mehr? Es kann so vieles heißen. Kann auch modisches Geschwätz sein. Schon Hamlet war eine dieser Gestalten, wieso nicht auch Walter von der Vogelweide? Dessen mittelalterliche Welt war doch auch schon angekränkelt. Die Welt löste sich ins Partikulare auf, und die Sprache, die wir zur Verfügung haben, stimmt nicht mehr, paßt nicht mehr zum Unglaublichen des Vorgangs. Also wäre ein solcher Text ein zutiefst zersetzender Text, der es riskierte, an sich selber zu zerbrechen? Ein Hintergedanke des Interpreten? Man kann es vielleicht so lesen, aber kann man es auch so gemeint haben? Man hat ja ein Buch vor Augen gehabt, es gibt einen real existierenden Verlag, der das Buch auf den Markt brachte. Schon darin liegt eine Unstimmigkeit. Wäre der Text so radikal, wie er vorgibt, dürfte er nicht in der Welt sein, allenfalls wie einer jener schwarzen metallischen Träume, die unsere Nächte verkürzen, oder diese unstillbare Sucht nach der einzigen und wahren reinen Liebe, die heute an jedem Kiosk, auf Erotikfachmessen und von den Suchmaschinen im Internet kannibalisiert wird. 10. August 2007Tatsächlich ist es sehr schwer geworden, über den Zustand der Welt irgend etwas zu sagen, das noch nicht gesagt wurde. Nur die Möglichkeit des Rückzugs scheint noch empfehlenswert. Am grünen Rand der Welt, das wäre es, Thomas Hardy, jenseits der Menge, da ist wenigstens eine Erinnerung an Leben vielleicht noch möglich: Far From The Maddening Crowd, oder auch: weg von der zum Wahnsinn treibenden Masse.Wie schützt man das Innere? Was machen die Jungen, um sich zu schützen? Wenn sie durch die zerstörten Städte reiten oder durch die virtuellen Landschaften ihrer Lieblingswebgames, oder in ihren Schulklassen das Gesicht dreimal täglich verlieren, oder wo auch immer sie sich aufhalten: spüren sie da noch das Falsche, das Unangemessene, die Unstimmigkeit, die Lüge, den Schein, das Nichts? 9. August 2007Wie findet man den angemessenen Stil für das Unangemessene? Meinem Eindruck nach sind die dargebotenen Konzepte oder Entwürfe falsch, ja wertlos (Botho Strauss muß wieder als Prototyp eines aufs äußerste Verbissenen herhalten, paßt aber: das schlichte Bild eines wutstarren Pitbulls, der sich in eine Boulette verbeißt). Die verklemmte und verbohrte Sprache, die da tumorhaft anschwillt, läßt für manchen wohl die Aura von etwas Geheimnisvollem entstehen, das nur bei höher entwickeltem Bildungsstatus faßbar wäre, aber man soll sich nicht belabern lassen, denn in Wahrheit näßt gerade durch diese Art des Sprechens die allerfeisteste Autoreneitelkeit durch. Man könnte da leicht an die Überkompensation des Impotenten denken.27. Juli 2007Ja, es ist schwer, die Sprache zu finden, vielleicht unmöglich. Die Methode des Unangemessenen hilft nicht weiter, auch wenn sie sich zum Hyperrealismus aufbläht. Dieses Methode des Unangemessenen führt unweigerlich in den Kitsch. Ich scheue mich daher nicht, Botho Strauss' Texte kitschig zu nennen: Geistesmenschenkitsch. Andererseits, wen stört das überhaupt, solange er sich dabei amüsiert? Und was denn anderes als Kitsch kann es überhaupt noch geben, wenn die ganze Welt sich peu à peu in ein mediales Kitschprodukt verwandelt? Und es stört vor allem dann nicht, wenn es unterhaltend ist.26. Juli 2007Unterhaltung ist ein rettender Gedanke. Alle hohen Geistesansprüche prallen an ihm ab. Und er rettet mich vor der Angst, ein verwesender Kulturpessimist zu werden. Betrachten wir das pausenlose Gemecker über den Zustand der Dinge doch einfach als einen Gegenstand von Unterhaltung. Gleich fühlen wir uns wohler. Den finsteren Blick des Kulturpessimisten finden wir überall, denn die Hochkultur kennt keine Gnade. Kulturpessimismus ist unabhängig von Politik. Wenn ich beim Anhören der Missa solemnis an Geschlechtsverkehr denke, bin ich vielleicht ein vaterlandsloser Geselle. Wenn ich Bert Brecht für einen Krattler halte und gelegentlich das Wort Neger ausspreche, bin ich vielleicht ein anarchokonservativer Fascho. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, den tranigen Wutgefühlen des Kulturpessimisten Nahrung zu geben, Man kann sich davor kaum retten. Darum plädiere ich für Unterhaltung als das Höhere. Aber man muß einen sehr weiten Weg gedacht haben, um dabei nicht mit einem Unterschichtkonsumenten verwechselt zu werden. Ein böses Wort, ich weiß, aber es ist so. Wer immer korrekt sein will, macht alles falsch.18. Juni 2007Natürlich stecken wir bis in die Haarwurzeln voller Ressentiments, aber wir sind trotzdem guter Dinge, denn unsere Frage lautet: Was haben die nicht, was wir haben? Da werden wir allemal fündig.Ressentiment bezeichnet die Stimmungslage des Ohnmächtigen, der sich der Arroganz des Zeitgeistes überlegen weiß, aber keine Möglichkeit hat, sich dort zu artikulieren, wo er gehört wird. Hört man ihn doch einmal an aus purem Zufall, wird er verhöhnt, beschimpft und des Ressentiments bezichtigt. Eine zirkuläre Situation, nur mit dem Hammer lösbar. Anders betrachtet: der Ressentimentgeladene ist Feind und Opfer jenes Mehrheitsrassismus, der in der demokratischen Welt den Ton angibt. So gesehen ist Ressentiment eine kritisch-produktive, keineswegs reaktiv-zerstörende Haltung. Der Vorwurf Ressentiment wird dann zum Totschläger in den Händen jener, die in den Medien über die unhinterfragte Meinungshegemonie verfügen. Erinnern wir uns an Nicolas Chamfort, diesen frühen Cioran, der aus dem Ressentiment Kunst gemacht hat: Wer mit vierzig Jahren kein Menschenfeind ist, hat die Menschen nie geliebt. Sein Sarkasmus der Heiterkeit sei unser geistiges Element. 1. Juni 2007Unangemessenheit des Stils ist ein Kitschmerkmal, andererseits ein Merkmal der Postmoderne. Man sollte also nicht zögern, die Postmoderne Kitsch zu nennen. Es würde sie nicht einmal stören. Sie versteht es sowieso nicht. Sie ist so einfach gestrickt, sie bereitet jedem Unsinn den Boden. Form und Inhalt demontieren sich gegenseitig. Unangemessenheit ist die Kunst der Müllkippe. Müll veredelt man jetzt als trash.11. April 2007Auch der wüsteste Gegner des Gegenwärtigen wird täglich ununterbrochen korrumpiert. Schon das Wasser, mit dem er sich das Blut seiner Feinde aus dem Gesicht wäscht, ist eine Gabe städtischer Verwaltungskunst und der Hygienebehörden, ein Ergebnis unzähliger Mehrheitsentscheide, Steuerkompromisse, Flurbereinigungen, ein Gnadenakt, geschuldet der Arbeit sehr vieler wackerer Bürger im öffentlichen Dienst, die ihren Nutzen nie bezweifelt haben. Nichts ist selbstverständlich im Gemeinwesen, und der Gedanke, das Eigene bewahren zu wollen gegen das Allgemeine, ist ein schädlicher, ein suizidaler Gedanke.Wer Samurai sein will, muß bereit sein, sich selbst zu entleiben. Wer das Eigene bewahren will, darf nicht daran denken, sich physisch zu erhalten, er darf nicht feige sein, er muß einen unüberwindlichen überirdischen Mut besitzen, das Leben darf ihm nicht teuer sein. Uns anderen allen ist die Sozialversicherungsnummer ins Bewußtsein tätowiert, die radiert keiner weg. Aber am Ende, wozu? Ist das Eigene überhaupt ein Wert? Warum ist es uns teuer? Was ist das Eigene, wenn es keine andere Aufgabe hat als sich selbst? Soziales Verhalten dient der Selbsterhaltung, diese der Arterhaltung, das sind die Aufgaben des Daseins, darum dreht sich alles, das Eigene spielt keine Rolle dabei, außer als genetisches Merkmal, aber das Genetische reguliert sich am besten selbst. Der einsame Wolf ist ein todessüchtiger Fremdling in dieser Welt. Todessüchtige Wölfe sind entweder sehr jung oder sehr alt. Biologisch betrachtet ist eben die Welt viel einfacher, als man glaubt, eine Reihe von Fragen erweist sich als überflüssig. Aber natürlich hilft uns das nicht weiter, und es hilft auch nicht weiter, wenn wir das jugendliche Irresein der Weltverweigerung einfach biologisch betrachten, z. B. hormonell induziert, oder als Idiosynkrasie. Das jugendliche Irresein ist vorhanden, und in gewissen Fällen dauert es lebenslang an, auch wenn es sich im Gang der Jahre mehr und mehr verbraucht. 21. Februar 2007Der Genauigkeitsnotwendigkeit und die Genauigkeitsmöglichkeit des Beschreibens zellulärer Mikrowelten kann zu einer Art Sucht werden. Diese Sucht muß sich auf das Schreiben übertragen, aber was bedeutet das? Alles Wiedergeben von Wirklichkeit ist notwendigerweise Artefakt, dafür ist mikroskopische Morphologie ein gutes Beispiel. Wir bekommen eine Ahnung von einer wirklichen Wirklichkeit, aber wir können sie nicht darstellen oder zeigen, vielmehr sie zeigt sich nicht von sich aus, sie muß durch künstliche Hilfsmittel sichtbar gemacht werden. Dieses Sichtbarmachen, das ist möglicherweise der Vorgang, um den es geht. Eine seltsame Welt, der Mikrokosmos der Zellen, dabei noch Makrokosmos angesichts des Molekularen. In gewisser Eintönigkeit, immer auf gleiche oder ähnliche Weise lagern die Zellen beieinander und bilden Strukturen, Organe und das Ganze. Man sieht ihnen nicht an, daß sie in ihrer scheinbaren Banalität die Existenz beherbergen, darf ich sagen: das Sein? Es ist da, aber man sieht es nicht.Ähnliches könnte man beim Anblick einer Mülltonne denken, oder beim Betrachten der Venus von Milo, beim Spielen einer Bachschen Fuge, bei der Tätigkeit von Menschen in Biergärten im Laufe einer lauen Sommernacht, im Schatten sogenannter ewiger Berge. Das verzweifelte Gefühl, das Brandungswellen auslösen können, die veilchenfarbene Salzflut, immer nur wogend, der selten dämliche Blick eines Kleinkindes beim Anblick eines Lichtschalters, ein Blick, der merkwürdigerweise eine Art rasender Rührung bewirken kann, die man nicht zugibt, versteht sich, das Kopulieren von Hunden auf öffentlichen Plätzen, und was es sonst noch so gibt, also buchstäblich alles, die Gesamtheit des Universums, und wenn man bedenkt, daß dies zu erfassen, nicht nur die Aufgabe des Schriftstellers ist, sondern Lebensaufgabe, bleibt nicht mehr viel als die Entleerung des Magazins einer Walther PPK in Richtung Schläfe, andererseits, rückkehrend zu den kleinen Welten der Zelle: wenn es diese merkwürdige Gleichwertigkeit der Gesamtheit aller Erscheinungen des Universums in Hinblick auf das Sein gibt, und sie sich in dieser mikroskopischen Welt jederzeit willig offenbart, dann genügen auch andere kleine Welten, um das Sein erfahrbar zu machen, und das müßte dann eigentlich ein Glückserlebnis sein, auch wenn es nur eine Millisekunde dauerte oder weniger, z.B. eine Wellblechhütte am Rande eines Großstadtdschungels mit einem gut geölten Fernseher, willigen Frauen, alten Freunden, ein paar Schalen Kartoffelchips und ausreichenden Flaschen eines höherprozentigen Getränks. Man muß nur genau sein, genau hinsehen, genau in sich hineinhorchen, und möglichst viel verschweigen, sich nicht täuschen lassen, immer dem Gefühl des ersten Impulses nachgeben, nicht nur den Druckerscheinungen im verlängerten Mastdarm, sondern gewissen Regungen anderer Zentren. 17. Februar 2007In jenen Diskursen, die allerorten so beuteldumm herumwabern in Sachen Epochenbegriffe, ranken sich die Fragen fast immer nur ums Ästhetische, ein rezidivierendes Dornröschensyndrom sozusagen. Zählen überhaupt ästhetische Kategorien noch, ist das nicht ein eklatant verschmiertes Klebenbleiben an den Diskursen des achtzehnten Jahrhunderts, in etwas aufgemöbelter Sprache, versteht sich.Demokratisierung wird jetzt als postmoderne Conditio humana begriffen, jene eigentlich selbstverständliche und so ältliche Melange aus Medienwelten, Angestelltenkulturen, Bisexualitäten und Eventen. Lauter multiple Persönlichkeiten um uns herum. Montags Stallbursche, dienstags Börsenkauz und so weiter, freitags Lastenausgleich oder Mehrheitsbeschaffung, am Wochenende Bremer Freiheit, synthetische Halluzinogene, oder Videosex, und immer chronische Überernährung, tägliche Wiedergeburten, und ach ja, Sport und Sinnsuche und Tourismus an jeder Ecke. Im Denken einer posthistoire scheint histoire erst wirklich auf, erst in der emphatischen Rede von Postmoderne erklimmt ein Begriff von Moderne das Licht des Bewußtseins, um sogleich im Strahl der ersten Illusion zurückzufallen ins Dunkel seiner Vergangenheit, diesen tiefen, tiefen Brunnen, aus dem es so pausenlos und ewig herausraunt wie hineingeraunt wird. Es ist buchstäblich zum Kotzen. 16. Februar 2007Ich sehe keine großen Unterschiede zwischen den Werken der Jahrtausende. Ein Werk für sich ist immer ganz frisch, wenn es je frisch war. Im Vergleich fällt auf: Differenzen der Satzgestaltung, Varianten der Erzählhaltung (etwas für Sekundärliteraten), ein paar Umständlichkeiten des Ausdrucks, verschiedene Vorstellung von Sittlichkeit (historischer Wandel), alles das bedeutet nichts. Das sind Variablen von Wesensarten unter den Menschen, Moden. In der Kunst gibt es keinen Fortschritt im Sinne von Industrie oder Biologie. Vielleicht gibt es ein Weiterschreiten oder ein Umkreisen, Blickwinkelvarianten, aber keinen Fortschritt. Es gibt einige Fremdheiten, das Idiosynkratische, gelegentlich auch etwas wie Geschmack oder die freie Auswahl, Zensur oder nicht Zensur - alles Nebensache. Denn es verblüfft ja, wie das historisch Fernste so nah sein kann. Nehmen Sie die Odyssee. Oder wie das historisch Nahe so veraltet wirken kann. Nehmen Sie das Romanschaffen der heute 30- bis 40-jährigen. Vom Land sein und nicht schreiben können, das macht noch keine Literatur. Ein ereignisloses Dasein mit einigen familiären Turbulenzen, und sei's ein pädophiler Schwippschwager, daraus wächst noch kein Schicksal. Die fotosafarische Besichtigung transkulturisierter Eingeborenenreste an Urwaldrändern stiftet kein Erleben. Wer nicht in sich gezeichnet vom Stigma der Einsamkeit unverdrossen bleibt, wird narkotisiert von den Wundern der Zivilisation.9. Februar 2007Neulich, sozusagen nebenher, zum Einschlafen: Die geheimen Verführer oder so ähnlich eines gewissen Herrn Rolf Vollman, ein Buch über die Romane zwischen 1800 und 1930, ein an sich schlechtes Buch, weil dieser Herr Vollmann ein wirklich fürchterlich ungepamperter inkontinenter Feuilletonschwätzer ist, ein Prototyp dieser Gattung, möchte man sagen, zugleich auch des völlig schimmerlosen Geisteswissenschaftlers: von nichts eine Ahnung, aber davon bis zum Erbrechen viel.Dennoch ist das Buch seltsam interessant und man könnte sogar denken: wichtig, weil es tatsächlich mit einer gewissen Akribie und Vollständigkeit die Romanliteratur des betreffenden Zeitraums erwähnt. Mehr als Erwähnung und kurzes schwallartiges Gelall passiert nicht. Man kann aber dort einige Hinweise auf Lesestoff finden, der ja ständig auszugehen droht, man findet Titel und Autoren, die man nicht kannte. Die Autoren und ihre Werke sind sogar alphabetisch und chronologisch geordnet. Immerhin das Alphabet steht Herrn Vollmann zu Gebot. Man kann sich also einen guten Überblick verschaffen. Eine Art Liste. Mal sehen, ob die uns bisher noch unbekannten Autoren zu recht oder zu unrecht unbekannt geblieben sind. 11. November 2006Sinn der Übertreibung: Erst durch das grelle Licht der Übertreibung zeichnen sich die Schatten der Wahrheit ab. In der diffusen Masse des Alltäglichen leuchtet nichts auf. Es ist wie bei gleichmäßig bedecktem Himmel und dem diffus schimmernden Grau, das dann entsteht. Darin verschwinden alle Konturen. In der Tagesempirie präsentiert sich alles gleich, vom Kindsmord bis zur Staubfluse. Der Schriftsteller betätigt sich als Arrangeur solcher Beliebigkeit, indem er die Schatten wirft. Könnte man auch von Faltenwurf sprechen?10. November 2006In einer Buchhandlung las ich kürzlich ein paar Seiten eines Romans von Marlene Streeruwitz, die mich schon einmal mit einem Theaterstück abgestoßen hatte. Das Theaterstück hatte in einem Pissoir gespielt, was nicht der Grund meiner Ablehnung war. Das Stück war langweilig gewesen, steineklopferartig bemüht, gewollt. Ich las nun in diesem Roman (Partygirl) voll der Mißgunst, aber da war ein Tonfall in dem Buch, der mich nicht gleichgütig ließ, an dem etwas war, das mir lag, nämlich eine ungeheure Kälte des rein Faktischen, des dahin fließenden Geschehens, ohne Reflektion ohne Rechtfertigungen und Deutungen, und ich glaube, dazu benötigt man ein unbeirrtes Präteritum, weil nur das Präteritum bzw. Imperfekt den Geist der Erzählung atmet, oder?9. November 2006In der Autopbiographie von François Mitterand fand ich eine, in Hinblick auf Mitterands Stellung in der Vichy-Regierung höchst bemerkenswerte Äußerung: er habe gespürt - eine innere Stimme sagte ihm das - daß niemand über ihn verfügen dürfe, darum sei er auch nicht klassifizierbar gewesen. Darum sei es ihm möglich gewesen, sich überall einzuordnen.Ich ergänze, daß jene Nicht-Klassifizierbarkeit die Entsprechung dessen ist, was ich Autonomie des Denkens nennen möchte. Dieser Autonomie folgt unmittelbar eine Autonomie des Seins. Die Fähigkeit, sich überall einzuordnen, wäre hier also nicht Ausdruck eines charakterlosen Opportunismus, sondern Ausdruck geistiger Souveränität. Man muß allerdings bei solchen Äußerungen größte Vorsicht walten lassen. Zur Verallgemeinerung nicht geeignet, leider aber als wohlfeile Ausrede. 25. Oktober 2006Erneut L'étranger gelesen. Verkörpert idealtypisch, was ich unter Realismus mir manchmal vorstelle: ein trockenes, in sich vollkommen logisches Erzählen, ohne Schnörkel, ohne aufdringliche Ambition. Sogar das Philosophische fügt sich ein, wirkt nicht aufgesetzt oder konstruiert. Wurde von Camus selber nie wieder erreicht. In La Peste wird viel zu viel philosophiert, das ganze Buch exemplifiziert nur eine philosophische Idee, hat mich zunehmend gelangweilt, obwohl es mit diesen verpesteten Ratten so überzeugend, so gut anfängt. In L'étranger ist alles gut und überzeugend.10. Oktober 2006Zugegeben, die Buchmessenzeit: das sind immer harte Tage. Da wird wieder gelobt und gespeichelt, daß sich die Balken biegen. Da spürt man kapitales Abschlaffen bei marktkonformem Routinegegröl wie habituelles Erbrechen. Wir lesen die Literaturbeilagen, und die Rezensionen klingen, wie sie seit Jahrtausenden geklungen haben. Es gibt ein paar neue Namen, die in vier Wochen vergessen sein werden, das ist alles. Das Wort- und Begriffsmaterial der Rezensenten scheint einem jederzeit abrufbaren Pool zu entstammen, vermutlich EU-genormt, kann unendlich kombiniert werden. Werden die von Brüssel gesteuert? Meinen die das wirklich, was sie da schreiben? Wissen die überhaupt, was sie da schreiben?Der Verdacht liegt nahe, daß nicht, wenn man diese schrammelnde Beliebigkeit, diese Grinzinger Austauschbarkeit des heurigen Wortmaterials mal genauer anschaut, nämlich von ganz unten, ganz aus der hochnotpeinlichen Sicht des Lesehammels, der sich freiwillig auf die Streckbank eines dieser hyperfrischen Romane spannen läßt. Warum läßt man nicht lieber Computer schreiben, die machen das schon, besser und schneller, ist doch bloß eine Frage der Software. 27. August 2006Jemand sagt den Satz: Ich will die Welt so sehen, wie sie ist.Solche Sätze hören wir täglich an jeder Ecke. Vor so einem Satz graut mir. Der Satz schließt die Behauptung ein (sei es auch nur als Frage), daß die Welt in der Tat auf irgendeine Weise etwas Bestimmtes ist, und daß man sie als solche erkennen könne. Andererseits schließt der Satz auch den Zweifel an einem Sosein der Welt ein, obwohl diejenigen, die solche Sätze sprechen, den Zweifel gerade ausschließen wollen. Der Satz ist daher eine Beschwörungsformel. Man könnte die Frage anschließen, ob derartige Überlegungen nicht auf etwas ganz anderes zielen. Wir wissen nicht, ob die Welt auf irgendeine Weise so ist, wie sie ist, und wir wissen, daß wir das wissen. Möglicherweise gibt es Menschen, die Zweifel am Sosein der Welt haben, andere nicht. Könnte man den Zweifel durch irgendeine Maßnahme ausschließen oder in Gewißheit ummünzen? Etwas sehen, wie es ist, dieses Problem ergib sich ganz unmittelbar in der morphologischen Diagnostik. Man darf da nichts übersehen, was vorhanden ist, und man darf in das Vorhandene nichts hineinsehen, was nicht vorhanden ist, und man muß aus dem Gesehenen die richtigen Schlüsse ziehen. Die Erkenntnis der Dinge richtet sich hier nach Schemata (siehe Platon). Wir interpretieren das Vorhandene auf eine bestimmte Weise (Kultur im weitesten Sinn) und lernen im Laufe des Lebens nichts anderes als unsere Wahrnehmungen in das System der Schemata einzufügen. Das Verblüffende ist: im Fall der Morphologie funktioniert das wirklich gut. Dichter neigen dazu, das Gesehene in etwas anderes umzusehen, so wie man als Kind sich aus einem Haufen Blätter sich alles Mögliche, inklusive Geldbörsen, Tiere etc. herauszaubern konnte. Diese Art von Transformation heißt dann Metapher. Wie wäre das mit einem Konzept von Realismus vereinbar? Metaphern sind doch täglich Brot. Lit-bloX Leserbrief schreiben
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